• matt studer

Wenn Moral so unterschiedlich schmeckt: Jonathan Haidt über konservative und progressive Ethik



Liberale spotten manchmal, dass religiös Konservative sexuell prüde sind, weil alles andere als Missionarsstellung-Sex exklusiv in einer Ehe Sünde ist. Aber Konservative können sich genau so gut über den Kampf der Liberalen um ein ausgewogenes Frühstück lustig machen - ein Frühstück, welches das moralische Anliegen für Freilandeier, Fairtrade Kaffee, Natürlichkeit und gewisse Gifte, von denen einige eine fast grössere spirituelle als biologische Gefahr darzustellen scheinen, zu berücksichtigen hat.

(Jonathan Haidt, The Righteous Mind, meine Übersetzung) [0]



Ich frage mich immer wieder, warum progressive und konservative Evangelikale sich so schwer tun, einander auch nur annähernd zu verstehen. Dies vor allem in Bezug auf die in den moralischen Topcharts platzierten sexualethischen Fragen. Eine simple Antwort ist, dass wir in so unterschiedlichen ideologischen Welten leben. Die Stories, durch die wir uns diese Welt und das Menschsein darin erklären laufen einander zuwider, selbst wenn ein paar entscheidende Gemeinsamkeiten bestehen (wie dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und daher eine Gott verliehene Würde hat). [1] Eine andere Antwort ist, dass der Hund in der Hermeneutik begraben liegt, also darin, wie wir an die Bibel herangehen und ihre Aussagen über die menschliche Sexualität interpretieren. Man könnte nach weiteren Gründen suchen. Ist es vielleicht die christliche Sozialisierung, die einen moralisch so polt, dass man intuitiv in die eine oder andere Richtung lehnt? Oder ist es generell die eigene Biographie, die Erlebnisse in der Kindheit, die uns ethisch prägen?


Mit diesem Artikel möchte ich eine ganz andere Perspektive ins Spiel bringen, die eines Moralpsychologen. [2] Jonathan Haidt unternimmt in seinem Buch The Righteous Mind: Why Good People Are Divided By Politics and Religion den Versuch zu erklären, warum an sich vernünftige Menschen auf so divergierende moralische Lösungen kommen können. Wieso ist für Konservative der Schutz des ungeborenen Lebens zentral und für Liberale das Recht der Frau auf Abtreibung so wichtig? Wieso ist soziale Gerechtigkeit das Thema für Liberale, während Konservative die freie marktwirtschaftliche Ordnung verteidigen?


Man muss nicht mit allem einverstanden sein, um von Haidt zu lernen. Als Christ sehe ich den Ursprung unserer Moralität darin, dass wir Menschen im Ebenbild Gottes geschaffen sind. Wir ticken moralisch und bilden ethische Gremien, weil unser Gott ein moralisches Wesen ist. Es lässt sich eben nicht alles evolutionär erklären, auch wenn die evolutionäre Moralpsychologie spannende Hinweise geben kann, wie moralische Vorstellungen sich einwickelt haben (könnten).


Wer oder was steuert unseren Sinn für Moralität?

Intuition ist die Hauptursache für moralische Entscheidungen.

In den grossen ethischen Entwürfen der Menschheitsgeschichte (Plato, Kant, u. a.) ging man stets davon aus, dass moralisch 'gutes' Verhalten eine Folge von gut durchdachten Überlegungen sei. Man muss nur einmal verstanden haben, was das Gute und Schöne ist, dann wird man schon dementsprechend handeln wollen. Wenn jemand das Gute noch nicht verstanden hat, muss man es ihm erst einmal vernünftig unterbreiten. Wenn dem so wäre, hätten die Philosophen ja einen Vorteil. Die Geschichte zeigt uns aber, dass unsere Philosophen nicht unbedingt die besseren Menschen waren.


Jonathan Haidt meint hier eine ganz andere Dynamik zu erkennen. Unser vernünftiges Nachdenken über Moral folge der Intuition, dem inneren Gefühl für richtig und falsch. Die Vernunft diene vor allem dazu, unsere Intuition zu rechtfertigen. In anderen Worten, der Verstand sucht nach guten Argumenten für das, was man sowieso schon glauben will!

Jeder individuell Räsonierende ist vor allem darin gut, Beweisgründe für seine bereits intuitiv gefasste Position zu finden. (S. 105) [3]

Wer beim anders denkenden (und vor allem intuitiv empfindenden) Gegenüber auf Gehör stossen will, müsste nicht nur den Verstand, sondern auch die Gefühle des Gegenübers ansprechen. Empathie wäre das richtige Stichwort: sich in die Positionen des Gegenübers zu versetzen und nachzuempfinden, wie anders sich die Welt dort drüben anfühlt. In ethischen und politischen Diskussionen ist dies naturgemäss schwierig, da man sich oftmals im Kampfmodus befindet. Argumente abwehren, Gegenargumente abfeuern und den Sieg für die eigene Mannschaft einfahren sind häufig die Ziele, die man verfolgt.


Die tiefergehende Frage, wie moralische Intuition sich beim Menschen denn formt, ist damit selbstverständlich noch nicht beantwortet. Für Haidt ist die moralische Palette sowohl natürlich gegeben als auch kulturell geprägt (was erklärt, warum sie sich je nach Kultur so stark unterscheiden kann). [4]


Unsere unterschiedlichen moralischen Intuitionen: Von WEIRD-Moralität und anderen moralischen Rezeptoren

Wer schon einmal für länger als einen Urlaub in einer nicht-westlichen Kultur war, weiss wie unterschiedlich die kulturell moralischen Herangehensweisen sein können. Als wir einmal für ein paar Monate in Brasilien arbeiteten, war es uns zunächst sehr fremd, dass 'unsere' Entscheidungen eben nicht nur uns, sondern die ganze Gruppe betreffen sollten. Und dass die Gruppe generell eine Art moralischer Hoheit über das einzelne Individuum ausübte. Kurz gesagt, wir konnten nicht einfach das tun, worauf wir gerade Lust hatten, solange es niemandem sonst schadete (nicht einmal in unserer Freizeit)!


Bei uns im Westen wird das Recht des einzelnen Individuums heilig gehalten, gemäss der ethischen Maxime von John Stuart Mill:

Der einzige Grund warum man gegen den Willen eines einzelnen Mitglieds der Gesellschaft vorgehen sollte ist, wenn dadurch Leid oder Schaden für andere verhindert wird.' (Haidt, S. 112)

Wir sehen eine Welt voll von Individuen, die sich persönlich und eigenständig entfalten wollen. Der einzelne Mensch hat das Recht darauf, sein Leben so zu gestalten wie es für ihn gut, richtig und schön ist, solange er nicht andere dabei hindert, sich zu entfalten. Alles, was die Entfaltung des Individuums hindert, ihr schadet oder sie einschränkt, gilt als de facto unmoralisch. Darum ist Fairness für uns ein so wichtiger Wert: Es sollen ja alle möglichst die gleichen Bedingungen haben, ihr Leben zu gestalten. So tickt unsere Welt, die Jonathan Haidt als WEIRD bezeicht (ein Akronym, das sich im Englischen aus den Attributen 'white, educated, industrialized, rich und democratic' formt). Er stellt fest: 'Je WEIRDer wir sind, desto mehr sehen wir das einzelne, isolierte Individuum für sich selbst stehend.' (S. 113, meine freie Übersetzung)


Das macht intuitiv sehr viel Sinn für uns, weil wir diese Denke seit Kindesalter eingelöffelt bekommen haben. Doch in einer weniger-WEIRDen Gesellschaft gehen moralische Überlegungen gewöhnlich noch in andere Richtungen als nur Fairness und dem Schutz des einzelnen Individuums. Es geht dann um Solches wie 'was braucht die Gruppe?', oder 'welche Haltungen und Taten stehen im Einklang mit einer transzendenten Ordnung?' Uns fremde Werte wie Unterordnung oder die Selbstverständlichkeit, gesellschaftlich vorgegebene Rollen auszufüllen, wirken eher kontraintuitiv für uns.


Jonathan Haidt schlägt vor, dass wir uns Moral als eine 'Zunge mit fünf verschiedenen Geschmacksrezeptoren' vorstellen sollen.

Moralität ist wie eine Cuisine: sie ist gesellschaftlich gewachsen und durch Zufälle in der Umgebung und der Geschichte der Kultur beeinflusst, aber sie ist nicht so flexibel, das alles kombinierbar oder möglich wäre. (S. 133)

Mit diesem Bild will er zum Ausdruck bringen, dass Moralität sowohl natürlich gegeben als auch kulturell geprägt ist. Zudem postuliert er, dass ähnlich wie in einer guten Küche, nicht nur ein Geschmack bedient werden sollte (stell dir vor, man würde dir nur bittere Gerichte auftischen). Ob wir selbst ein ausgewogenes oder einseitiges Mahl servieren, sollten wir am Ende dieses Artikels besser beurteilen können. Und natürlich hilft uns ein Verständnis der fünf Geschmacksrichtungen, anders schmeckende 'moralische Gerichte' besser zu estimieren.


Welches sind also diese fünf moralischen Grundgeschmacksrichtungen? [5] Der erste Begriff nennt jeweils den moralischen Hauptwert (A), während der kursive Begriff (B) die grösste Gefahr oder Kardinalsünde dieses moralischen Paradigmas wiedergibt.

  1. Care vs. harm: (A) Fürsorge und Schutz des Individuums, der persönlichen Rechte und des einzelnen Lebens - (B) Alles, was dem einzelnen Menschen schaden oder ihn in seiner Entfaltung hindern könnte.

  2. Fairness vs. cheating: (A) Gerechte Verteilung von Ressourcen, Fairness, jeder soll die gleichen Rechte und Chancen haben - (B) Sich auf Kosten anderer bereichern, das System ausnutzen, um andere zu betrügen.

  3. Loyalty vs. betrayal: (A) Zur Gruppe gehören, der Gruppe gegenüber treu sein, sich in einem grösseren Ganzen einordnen können - (B) Die Gruppe verraten.

  4. Authority vs. subversion: (A) Die Hierarchie respektieren, sich unterordnen können, damit das grössere Ganze im Gleichgewicht bleibt - (B) Die Hierarchie stürzen.

  5. Sanctity vs. degradation: (A) Verunreinigung vermeiden, Reinheitsgebote befolgen, keusch und pietätvoll leben - (B) Sich verunreinigen, gegen das Transzendente handeln.


Wähle das Menu - wie Moral ganz unterschiedlich schmecken kann

Wenn wir uns schwache und hilflose Personen, wie unsere Kinder, alte Menschen oder die Opfer eines Gewaltregimes vorstellen, triggern wir den moralischen Rezeptor von Schutz und Fürsorge. Unschuldige Opfer müssen vor Gewalt geschützt werden. Kinder brauchen Fürsorge. Unterdrückte Menschen sollen befreit werden. Haidt argumentiert, dass dieser moralische Grundwert einer der Topwerte der Liberalen darstellt. Sämtliche 'Werbungen' für Nothilfe in Hungers- oder Kriegsgebieten bedienen diesen moralischen Impuls. Denken wir an die Bilder von Flüchtenden auf dem Mittelmeer. Wer dabei nicht berührt wird, kann nur als kaltherzig gelten. Hilfe ist angebracht, selbst wenn man diese Leute gar nicht persönlich kennt. Die Protektion von sogenannten Minderheiten gehört in diese Kategorie. Wenn immer Menschen oder bestimmte Gruppen unterdrückt oder an ihrer Entfaltung gehindert werden, wird der (liberale) Ruf nach Freiheit laut.


Das zweite moralische Modul, Fairness, bedient unser Intuitionsregister für Gerechtigkeit. Kann es gerecht sein, wenn eine gut situierte Gruppe eine andere, weniger bevorteilte Gruppe ausnutzt, wenn der Zöllner sein Vermögen durch übermässig hohe Steuern vom armen Stadtbewohner eintreibt? Die heutige Diskussion über einen fairen Steuersatz (ist es gerecht, wenn Reiche prozentual weniger zahlen) spielt in dieses Modul. Wenn schon müssten doch eigentlich die Reichen mehr bezahlen, um die Armen zu subventionieren. Haidt ordnet diese gut bekannte moralische Logik dem liberalen Lager zu (man checke das 'Occupy Wallstreet Movement'). Konservative haben auch ein Verständnis für Fairness, das sich aber ganz anders ausgestaltet: 'Ich habe hart für meinen Lohn gearbeitet, also wäre es ungerecht (und käme einem Raub gleich), wenn ihr meinen Lohn nun für andere abzwacken wollt' (siehe das 'Tea Party Movement'). Fair auf dieser Seite bedeutet folglich, dass jeder proportional zu seinem Beitrag für das Gemeinwohl belohnt wird, selbst wenn das unter dem Strich bedeutet, dass nicht alle gleich viel haben werden.


Wie nationalistisch bist du? Konservative Gruppierungen ticken eher nationalistisch. Das heisst, sie spüren einen gewissen Stolz, dass sie so sind wie sie sind. Man könnte sagen sie verhalten sich intuitiv loyal, wenn es um das Wohl ihres Land geht, wogegen sie gegenüber Fremden eher zurückhaltend (im negativen Fall rassistisch) gestimmt sein können. Bei den Liberalen macht intuitiv eher ein universalistisches Grundgefühl Sinn. Jonathan Haidt meint, dass Liberale (in Amerika) häufig skeptisch gegenüber einer zu nationalistisch aufgeladenen 'wir-gegen-andere' Aussenpolitik eingestellt sind, weil sie so stark den Schutz- und Fürsorge-Rezeptor bedienen.


Was den Autoritätsgeschmack betrifft, ticken Liberale recht häufig nach dem Schema 'Autorität gleich Macht gleich Ausnutzung'. (Seite 167) Hierarchische Systeme sind aus der Mode gekommen. Menschen in Autoritätspositionen wird misstraut und unterstellt, dass sie ihre Autorität nur zu ihrem eigenen Wohl ausnutzen würden. Für Konservative sind gewisse hierarchische Strukturen gegeben und dienen dem Gemeinwohl. Natürlich gibt es solche, die ihre 'Machtposition' ausnutzen. Aber es gibt auch diejenigen, die sich für die gesamte Gruppe hingeben und so viel Gutes bewegen können. Das paradigmatische Beispiel in der christlichen Szene wäre die Struktur der Kirche: wie flach sollte sie sein? Ist es wünschenswert, dass bestimmte Menschen als 'Hirten' über andere eingesetzt sind? So wie dein Bauchgefühl dabei reagiert zeigt dir, in welche Richtung du intuitiv lehnst.


Was ist der menschliche Körper? Haidt meint, dass er vor allem für 'religiös Konservative als heiliger Tempel gilt ... nicht als Maschine, die optimiert werden will oder ein Spielplatz des persönlichen Vergnügens'. (Seite 175) Tönt das provokativ für dich? Wenn ja, führe dir vor Augen, dass (religiös) Konservative häufig so argumentieren, dass eine Sexualität ausserhalb der transzendenten (von Gott gesetzten) Grenzen den Körper entweiht und ihn für das (unreine) Vergnügen instrumentalisiert. Doch wie das Zitat eingangs dieses Artikels gezeigt hat, greifen auch Liberale auf den 'Reinheits-Rezeptor' zurück. Wie Haidt meint:

Viele Umweltschützer verunglimpfen den Industrialismus, Kapitalismus und das Automobil nicht nur der 'physischen' Verschmutzung wegen, sondern auch wegen einer stärker symbolischen Art von Verschmutzung - der Degradierung der Natur und dem ursprünglichen Menschsein, bevor alles durch den industrialistischen Kapitalismus korrumpiert wurde. (Seite 176)

Welche dieser fünf Geschmacksrichtung haben bei dir automatisch angeklungen? Wenn du dir einen Hund anschaffen würdest, müsste dieser sanft und kuschelig sein und sich dir gegenüber fast wie ein gleichwertiger Partner verhalten, oder müsste er vor allem loyal und gehorsam sein? [6] Oder, hörst du dir gerne Predigten an, die von Frieden und der Gerechtigkeit des Reich Gottes, von Sanftmut, Barmherzigkeit und Mitgefühl handeln, oder dann lieber solche, die von Gottesfurcht, Ehre oder Gehorsam reden? [7] Wenn du WEIRD bist, dann machen vor allem die ersten beiden Rezeptoren intuitiv Sinn für dich.


Fazit: Gibt es nur individuelle Freiheit oder noch etwas anderes, mehr?

Jonathan Haidt meint:

Wenn man das einzelne Individuum vor der Gesellschaft priorisiert, kann jede soziale Praxis, die die persönliche Freiheit des Einzelnen beschneidet hinterfragt werden. Und wenn das Ziel jener Praxis nicht primär ist, jemand anderen vor Schaden zu bewahren, kann sie moralisch nicht begründet werden. Dann handelt es sich lediglich um soziale Konvention. (Seite 20)

Und dann kann man diese Praxis getrost abschaffen und das Individuum befreien. Doch ist individuelle Freiheit der höchste aller Werte? Was mir dieses Buch so klar geoffenbart hat ist, wie gross der Graben zwischen - und ich beziehe mich jetzt verengt auf eine rein christliche (biblische) Ethik - progressiven und konservativen Geschmäckern ist. Ja, man möchte fast meinen, diese beiden Küchen seien nicht kombinierbar.


Zum Schluss möchte ich noch einmal die progressive (im wesentlichen deckungsgleich mit unserer WEIRD-Kultur) und die konservative Seite ihr Plädoyer anhand des Beispiels Sexualität vortragen lassen.

  • Progressiv: Der einzelne Mensch mit all seinen Freiheiten und Rechten steht im Zentrum. Er steht für sich allein und entscheidet, wie er seine Sexualität leben und seine sexuelle Identität definieren und gestalten will, solange er damit niemandem schadet. Das Credo lautet: 'Mein Körper gehört mir!' Keuschheit und Reinheit - an eine starre, traditionelle Ordnung gebunden - werden als prüde und altbacken, ja, sogar als körperfeindlich und gefährlich abgetan. Die Bibel muss von ihren Sex-feindlichen Texten befreit werden. Oder aber man hat diese Texte bis dato falsch ausgelegt und muss sie neu interpretieren. Hinzu kommt der Kampf gegen die Unterdrückung sexueller Minderheiten, die dem alten, binären (Sexualität findet zwischen Mann und Frau statt) Machtsystem zum Opfer gefallen sind (siehe dazu diesen Beitrag hier). Zelebriert wird die Vielfalt und die Befreiung aller möglichen sexuellen Identitäten.

  • Konservativ: Mein Körper gehört nicht (nur) mir, sondern Gott (Körper = Tempel) und meiner Ehefrau oder meinem Ehemann. Das heisst, es gibt Grenzen, wie ich meine Sexualität gestalte, die nicht direkt damit zu tun haben, ob mein Verhalten andere Menschen einschränkt oder verletzt (sowie, dass ich andere ausnutzen würde). Was ich im Geheimen und allein mit meinem Körper mache ist nicht nur meine Privatsache. Es ist entscheidend, dass ich gemäss der von Gott gesetzten transzendenten Ordnung handle. Andernfalls verunreinige ich mich und schade meinem Körper. Sexuelle Identität ist nicht frei definierbar, sondern klar gegeben. Freiheit liegt darin, seine Gott-gegebene Identität als Mann oder Frau anzunehmen und darin zu leben.

Es wird mittlerweile nicht mehr schwer sein, die Zutaten der progressiv-liberalen auf der einen, und die der konservativen Küche auf der anderen zu unterscheiden. Bis zu einem gewissen Grad ist es sicherlich möglich, die fremden Gerichte zu degustieren und so ein grösseres Verständnis für den anderen Geschmack zu entwickeln. Wenn dieser Beitrag in dieser Hinsicht seinen Beitrag geleistet hat, hat er sein (mein) Ziel erreicht.

Jonathan Haidt hat für mich einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion geleistet. Dies vor allem weil er uns gezeigt hat, dass bei all unseren moralischen Debatten unsere Intuition die entscheidende Rolle spielt. Und dass dies der Grund sein könnte, dass wir so häufig scheitern, unser Gegenüber mit den richtigen Argumenten zu überzeugen. Haidt könnte uns helfen realistischer zu sein, wenn es um die Frage nach christlicher Einheit, gerade bei diesen ethischen Knackpunktthemen, geht.


________________________________________________________________________________[0] Die Begriffe liberal und konservativ sind einmal mehr keine einfachen Bezeichnungen und ich verwende sie hier vor allem, weil Haidt sie in seinem Buch gegenüberstellt. Haidt bezieht sich zunächst auf die politische Orientierung (eher liberal, eher konservativ), die aber in Amerika weitere Konnotationen wie 'religiös, Werte-konservativ, traditionell' (für Konservative) und 'progressiv, pluralistisch, modern' (für Liberale) beinhaltet.

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[1] Ich habe in einem früheren Beitrag versucht, diese konservative Story zu beschreiben.

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[2] Wikipedia schreibt:

"Die Moralpsychologie ist ein Zweig der Psychologie. Sie untersucht rein deskriptiv die tatsächlichen moralischen Wertvorstellungen von Menschen, macht aber selbst keine ethischen Aussagen."

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[3] Thomas Kuhn hat bereits vor Jahren festgestellt, dass ein etabliertes Paradigma in der Wissenschaft sich meistens relativ robust gegen 'neuere, bessere Argumente' erweist, die es widerlegen würden. Selbst in der neutralen Wissenschaft geht es also nicht ganz so neutral zu und her.

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[4] Haidt definiert 'naturgegeben' zusammen mit dem Neurowissenschaftler Gary Marcus so: "Nature provides a first draft, which experience then revises ... "Built-in" does not mean unmalleable; it means "organized in advance of experience." (S. 153)

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[5] Ich gebe diese Begriffe hier im englischen Original an, weil ihr Sinn meines Erachtens so besser herauskommt.

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[6] So absurd dieses Beispiel tönen mag, Haidt und seine Kollegen haben tatsächlich eine Korrelation zwischen den eigenen moralischen Vorlieben und der Wahl des Hundes festellen können. (Siehe Seite 188)

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[7] Auch hier: 'Unitarain [liberal] preachers made greater use of Care and Fairness words, while Baptist preachers made greater use of Loyalty, Authority, and Sanctity words.'

(Seite 188)

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