• matt studer

Michael Foucault trifft die Queer-Theorie - Teil 1

Wie postmodernes Gedankengut den gesellschaftlichen Diskurs prägt!



Dieser Beitrag ist für alle, die gerne einen Blick hinter die Kulissen der gegenwärtigen Diskussionen im Bereich der sogenannten Identitätspolitik werfen wollen. Dazu lade ich euch für einmal ein, den Philosophenhut aufzusetzen. Wir werden nämlich einen kleinen Abstecher in die Gefilde der postmodernen Philosophie unternehmen. Mein Reiseführer ist das Buch 'Zynische Theorien: Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt - und warum das niemandem nützt', von Helen Pluckrose und James Lindsay. Die Autoren sind keine bekennenden Christen. Das heisst, sie schreiben aus einer non-dogmatischen Position über Gender- und andere Theorien. Sie wollen beschreiben und Fakten auf den Tisch legen. Vielleicht sind sie darum etwas neutralere Beobachter als Christen es wären. Als Reiseleiter ist mir folgender Punkt noch sehr am Herzen: Wir besprechen hier in erster Linie die Theorie, die hinter Gender, Queer und anderen 'Hot Potatos' liegt und nicht die zum Teil auch schmerzhaften Erfahrungen von einzelnen Menschen (lies dazu meine beiden letzten Beiträge).


Im Wohnzimmer der Postmoderne

Über die Postmoderne wurde auch in christlichen Kreisen immens viel publiziert. Müssen wir diese Geschichte wirklich erneut aufwärmen? Nur in aller Kürze, Mikrowelle genügt.


Wenn ich die postmoderne Bewegung mit einem Stichwort charakterisieren müsste, wäre es wohl dieses: skeptisch. Skeptisch, dass der Mensch einen objektiven Zugang zur Realität hat, also dass er etwas wirklich wissen kann, was mit der Realität 'da draussen' übereinstimmt. Das war nämlich die gängige Annahme der Moderne, dass man durch einen Prozess des Experimentierens und Falsifizierens zu vertretbaren Annahmen über die Realität kommen kann (die Wissenschaft baut ja auf dieser Grundlage auf). Entgegen der Postmoderne ging die Moderne von der Möglichkeit aus, dass der Mensch wirkliche Erkenntnis über diese Welt uns sein Leben in ihr gewinnen kann.


Die postmodernen Freunde stellten diesen objektiven Ansatz der Moderne grundsätzlich in Frage. Ist nicht alles, was wir zu wissen meinen davon abhängig, an welchem Ort und in welcher Zeit wir leben und wie jeder es wahrnimmt? Ist menschliche Erkenntnis nicht etwas durch und durch Subjektives? Die Autoren betiteln dies als das 'postmoderne Prinzip des Erkennens'. Im Mittelalter war es doch für alle Menschen klar, dass es einen Gott gibt, der in das Leben der Menschen involviert ist. Das entsprach halt einfach den damaligen kulturellen Vorstellungen, die man gemeinsam teilte. Wie wir wissen, treffen wir heute auf ganz andere 'kulturelle' Voraussetzungen. Gott mag es zwar geben. Aber wenn es Gott tatsächlich gäbe, hätte er trotzdem recht wenig mit meinem Leben zu tun. Welche Annahme stimmt jetzt? Postmodern gesagt eigentlich keine von beiden. Wir haben lediglich die Brillen gewechselt, mit der wir die Welt betrachten. Gestern war es eine Brille mit rosa Gläsern, die unsere Wahrnehmung der Welt so färbte, dass wir das Göttliche überall vermuteten. Heute ist es eine andere Brille mit grauen Gläsern, die uns diese Welt als gottverlassenen Ort präsentiert. Essentiell ist, dass nicht wir es sind, die die Brillen auswählen. Unsere Brille wird als unsichtbares Beiprodukt gratis mit der Geburt mitgeliefert.


Die postmodernen Freunde gaben sich mit der Feststellung, dass jegliche Erkenntnis relativ oder subjektiv ist, noch nicht zufrieden. Sie wollten zudem aufzeigen, dass alles, was in einer bestimmten Gruppe oder in der Gesellschaft allgemein zu einer bestimmten Zeit als wahr gilt, letztlich sozial konstruiert worden ist. Michel Foucault, eine der Speerspitzen der postmodernen Theoretiker, meinte dazu:

Jegliche Erkenntnis ist konstruiert. Das Interessante daran ist zu theoretisieren, warum Erkenntnis so [und nicht anders] konstruiert wurde. (The Order of Things: An Archaeology of Human Sciences)

Damit sind wir auch schon beim Hobby der Postmoderne angelangt, der Dekonstruktion. Dekonstruktion ist ganz ähnlich wie Detektiv spielen. Der Dekonstruktionist verfolgt die Spur einer bestimmten 'Wahrheit' bis zu ihren Anfängen zurück und zeigt auf, wie dieses Gedankenmuster damals entstanden ist. Auf diese Art will er den Beweis erbringen, dass diese 'Wahrheit' gar nicht schon immer vorhanden war, sondern damals von bestimmten Menschen zu einem bestimmten Zweck konstruiert wurde. Doch warum sollte jemand Wahrheit konstruieren wollen? Vielleicht weil er nicht mit Unklarheiten umgehen kann und es lieber schwarz auf weiss festgehalten hat? Das vielleicht auch. Doch vermuteten die postmodernen Freunde skeptischerweise, dass es vor allem bestimmte Elitegruppen oder Institutionen waren, die Wahrheit als wahr definierten, weil sie so (unbewusst?) ihre Machtposition legitimieren wollten. Sie gingen davon aus, dass eine Gesellschaft immer schon von einem unsichtbaren Machtgefälle systemisch durchzogen ist. Pluckrose und Lindsay reden in diesem Zusammenhang vom 'postmodernen politischen Prinzip', dem Prinzip das besagt, dass 'gesellschaftliche Wahrheit' immer an ein soziales System von Macht gebunden ist. Man spricht hier auch vom dominanten Diskurs einer Gesellschaft. Dem, was der Mainstream als 'wahr' annimmt und unbewusst alltäglich zelebriert und weiterverbreitet. Durch den dominanten Diskurs, der sich in der Gesellschaft tagtäglich ereignet, wird das soziale Machtgefüge auf eine unterschwellige Weise zementiert.


Erkenntnis und Macht, oder warum die einen profitieren und die anderen verlieren

Wir haben es bereits gesehen, 'Wahrheit' und Macht sind für die Postmodernen eng aneinander gekoppelt. Letztlich sind es die sozialen 'Eliten', die vom gesellschaftlichen Hierarchiegefüge, das durch den dominanten Diskurs ständig gefestigt wird, auf Kosten anderer profitieren. Wir reden hier von Unterdrückung. Und Unterdrückung in jeglicher Form ist den Postmodernen ein Dorn im Auge. Schliesslich sehen sie sich ja als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Doch anders als zum Beispiel im marxistischen System, haben wir es hier mit einer Verschwörung ohne wirkliche Verschwörer zu tun. Bei Marx war da die reiche Elite, die auf Kosten der armen Bevölkerung lebte. Das waren klar definierbare Fleisch-und-Blut-Menschen, die vom kapitalistischen System profitierten und dieses zu ihren Gunsten ausnutzten. Die Lösung war darum die Revolution: Die Elite muss gestürzt werden. Anders hier. Die Verschwörer lassen sich nicht so einfach ausmachen. Vielmehr ist das soziale Machtsystem selbst das Problem, wie Pluckrose und Lindsay meinen:

Gemäss der postmodernen Theorie wird Macht nicht direkt und ohne Umschweife ausgeübt. Vielmehr durchdringt Macht das ganze soziale Gefüge und wird von allen angewendet ... durch alltägliche Interaktionen, Erwartungen, soziale Konditionierung und dem gesellschaftlichen Diskurs, der ein bestimmtes Verständnis über die Welt propagiert.

In anderen Worten, wir sind alle beteiligt, weil wir alle in diesem System funktionieren. Dieses System operiert mit einer system-immanenten 'Powerdynamik', die man nicht so leicht wahrnimmt, weil man täglich damit lebt. Haben wir es hier mit einem Gespenst auf dem Dachboden zu tun? Warten wir mal noch ab. Die Frage ist, wer hier unterdrückt wird? Oder anders herum, wer ist es, der andere systemisch ausnutzt? Na, ganz einfach die weissen, heterosexuellen Männer. Wieso sind es immer wieder die weissen, hetero-sexuellen Männer, die Erfindungen machen, wissenschaftliche Studien herausgeben, Präsidenten werden und alle wichtigen Entscheidungen in der Gesellschaft treffen? Nicht unbedingt weil sie andere bewusst niederhalten wollen, sondern eher weil sie durch die gängigen Systeme automatisch privilegiert werden. Denn diese Systeme 'ticken' nun mal weiss, männlich und hetero. Und das ist das, was ungerecht ist!


Der Gerechtigkeitsimpuls der Postmoderne, oder warum Dekonstruktion so Spass macht

Die meisten der postmodernen Theoretiker hatten keine politische Agenda im Kopf (die kam später dazu, wie ich in einem Folgeartikel zeigen will). Sie hatten einfach ihren Spass daran aufzuzeigen, wie sehr unsere kulturelle Art des Miteinanders, unsere Sprache, unsere Geschichten und unsere gesellschaftlichen Institutionen und Events immer schon gefärbt sind. Wer hätte nicht Spass daran, der Lehrerin ihre Ungereimtheiten unter die Nase zu reiben, ohne dabei einen besseren Gegenvorschlag zu machen?


Hier liegt der nihilistische, aber interessanterweise gleichwohl ethische Impuls der postmodernen Dekonstruktion: Wir wollen euch zeigen, wo euer Wertesystem, euer gesellschaftliches Miteinander ungerecht vonstatten geht. Wir wollen eure Spielchen entlarven. Wir wollen demonstrieren, dass euer ganzes System bei genauerem Hinschauen wie ein Kartenhaus zusammenfallen muss. Die Postmoderne trifft schon klare Wertentscheidungen. Sie sagt, was gerecht und was ungerecht ist. Dieser ethische Impuls generiert dazu eine parallele Bewegung. Die Stimme der Unterdrückten muss priorisiert werden. Wir müssen ihnen einen prominenten Platz in unserer Gesellschaft geben. Anstatt wissenschaftliche Studien von weissen, europäischen Männern, sollten wir vermehrt Studien von farbigen, nicht-europäischen Frauen berücksichtigen. Anstatt noch länger auf patriarchalische und heterosexuelle Männer zu hören, sollten wir den Genderminoritäten den Vorrang geben. Kommt und das bekannt vor?


Und was die Postmoderne sonst noch für Möbel installiert hat

Pluckrose und Lindsay nennen vier weitere Merkmale, die mit dem Skeptizismus der Postmoderne Einzug gehalten haben und die in der gegenwärtigen Diskussion ständig mitschwingen:

  • Postmoderne Denker sind skeptisch gegenüber allen 'binären Konstruktionen', die irgendwann mal aufgestellt wurden. Da es uns Menschen sowieso entsagt bleibt, so klare Grenzen zu ziehen, warum die Grenzen nicht lieber verwischen? Hier ein paar Beispiele in diese Richtung, die von der postmodernen Theorie angestossen wurden: die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst, die Grenze zwischen Mann und Frau, die Grenze zwischen Mensch und Maschine, die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen, und sogar die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit.

  • Postmoderne Denker sind Sprachfanatiker. Sie verstehen Sprache als mächtiges Werkzeug, um Realität zu schaffen (damit sind sie gar nicht so weit weg von der Bibel). Sie wollen genau verstehen, wie Sprache funktioniert. Sie untersuchen Sprache, um zu verstehen, wie sie andere unterdrücken kann? Willkommen im Zeitalter der political correctness.

  • Postmoderne Denker sind skeptisch gegenüber allen Versuchen, die eigene Kultur oder das eigene Denken kritisch zu hinterfragen (obwohl das ja paradoxerweise genau zu ihrer Jobbeschreibung gehört!). Denn sobald jemand aufsteht und Kritik anbringt, erhebt er sich ja über die Masse und behauptet implizit, dass er es besser weiss (etwas, dass er eigentlich nicht behaupten kann, weil er genauso im System gefangen ist wie alle anderen).

  • Postmoderne Denker sind gegen das Universelle, das es für sie nicht gibt. Es gibt nicht so etwas wie 'allgemeine Rechte für alle', weil diejenigen, die dies fordern selbst zu denen gehören, die bereits Macht ausüben. Was kann man denn noch tun? Man kann sich auf einzelne Gruppen oder Kategorien und auf die Werte und Stories fokussieren, die innerhalb dieser Gruppen Bewandtnis haben.


Zum Schluss: wie wahr ist die postmoderne Theorie ... und ist die Postmoderne nicht schon längst post?

Das Problem mit der Postmoderne ist dies: sie will sich der Wahrheitsfrage entziehen. Sie möchte nicht sagen wie es wirklich sein sollte, sondern nur wie es aktuell gerade ist, oder vielleicht besser, wie es dazu gekommen ist wie es ist. Sie will nicht Rekonstruieren, sondern Dekonstruieren. Und doch schafft sie es nicht, bei einer reinen Beschreibung der Situation stehen zu bleiben. Sie sagt zuweilen präzise, wie etwas nicht sein soll. Damit trifft sie ein moralisch absolutes Urteil. Woher kann sie aber wissen, dass ihr Urteil 'wahr' ist?


Mit diesem Dilemma lässt es sich längerfristig nicht leben. Pluckrose und Lindsay meinen denn auch, dass die 'alte' postmoderne Theorie in den 80er Jahren ausgestorben sei (was mich irgendwie fragen lässt, warum sich die Kirche erst in den 90er Jahren so richtig mit dem Phänomen beschäftigte?). Was aber in einer modifizierten Form weiterlebt ist das postmoderne Skelett dieser Theorie. Nur dass dieses Theorie-Skelett heute ganz anders ummantelt wird, nämlich viel politischer, aktivistischer und mit einem radikalen und selbstbewussten Wahrheitsanspruch. Was ist hier geschehen? Dieser Frage will ich im nächsten Blog nachgehen.




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