Die Trinität vom Nikänum bis zum Nikäno-Konstantinopolitanum: Ein Beitrag vor allem für geschichtlich-theologische Nerds
- matt studer
- 23. Dez. 2025
- 18 Min. Lesezeit
Many modern readers assume that the Nicene creed was intended ... to stand as a binding and universal formula of Christian faith with a carefully chosen terminology defining the fundamental Christian account of the relationship between Father and Son. The idea that the creed would serve as a universal and precise marker of Christian faith was unlikely to have occurred to anyone at Nicaea simply because the idea that any creed might so serve was yet unheard of. (Lewis Ayres, Nicaea and its Legacy, 85)
Im letzten Beitrag habe ich das nikänische Konzil und seine Hintergründe thematisiert. So wichtig dieses Konzil und sein Bekenntnis war, es war danach alles andere als geritzt, im Sinne von 'wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute'. Im Gegenteil, anstatt dass sich das Bekenntnis auf einer breiteren Ebene in der römischen Kirche in Ost und West durchgesetzt hätte, geriet es unter Kritik und die Jahrzehnte danach waren von theologischer Polemik geprägt. Uns interessiert hier der Werdegang der orthodoxen Trinitätslehre, wie sie das nikänische Bekenntnis formulierte, bis zum nuancierteren, aber mit dem Nikänum im Einklang stehenden nikäno-konstantinopolitanischen Bekenntnis (ein Wort das nicht nur schwer auszusprechen, sondern auch nicht leicht zu tippen ist, wie ich eben gemerkt habe). Dabei möchte ich die wichtigsten Entwicklungen und Persönlichkeiten besprechen, damit wir ein Gespür kriegen, wie komplex die Situation war und wie krass der Heilige Geist die ganze Sache geleitet hat, so dass wir heute mit der globalen Kirche einstimmig bekennen können, wer unser Gott ist, obwohl da immer viel Geheimnis mitschwingt, damals wie heute.
In der Morgendämmerung des Konzils von Nikäa
Das Bekenntnis war geschrieben. Man hatte sich geeinigt. Arius wurde verurteilt, man konnte ruhig schlafen. Ende gut, alles gut. Eben noch nicht ganz. Das Bekenntnis auf Papier war das eine, die Auslegung dieses Papiers das andere. Eusebius von Cäsarea, dem wir schon im letzten Beitrag begegnet sind und der eine wichtige, gut gehörte Stimme in der Kirche damals war (siehe zum Eusebianismus im letzten Beitrag), legte das Bekenntnis etwas anders aus als unser Freund Athanasius, der sich schon auf das Ausschlafen und den Brunch danach freute. Dieses kurze Statement von Sebi offenbart die Komplexität:
Selbst gemäß seiner göttlichen Zeugung war er vor allen Zeitaltern, da er, noch bevor er tatsächlich gezeugt wurde, im Vater ungeschaffen in Potenzialität war. (Hervorhebung von mir; aus seinem Brief an seine Diözese, Ep. Caes. 16)
Also gab es für Eusebius eine Zeit, in der Jesus zwar potenziell schon da war (in der Idee oder dem Willen des Vaters), aber in Aktualität noch nicht gezeugt war. Im Gegensatz zum nikänischen Verständnis, dass der Sohn in Ewigkeit aus dem Wesen des Vaters gezeugt war. Die Eusebianer waren nicht so schnell bereit, ihren Subordinationismus, also die Idee, dass Jesus dem Vater 'essenziell' untergeordnet ist, aufzugeben. Nikäa dagegen hielt fest, dass der Sohn dem Vater in seiner Göttlichkeit in nichts nachstehe, da er wesenseins (homoousios) mit dem Vater sei. Das Bekenntnis verurteilte alle, die sagen, der Sohn hätte eine andere Wesensart oder Essenz als der Vater.
Mit ein Problem war die Begrifflichkeit, die zu krassen Missverständnissen führte: ousia (die Essenz oder das Wesen Gottes) und hypostasis (nach späterer Ausdifferenzierung die Ausprägung der Essenz Gottes in drei Personen 'Vater, Sohn und Heiliger Geist'), wurden im Nikänum noch synonym verwendet. Das war ungünstig. Denn dies schürte die Angst (u. a. der Eusebianer), das nikänische Bekenntnis sei sabellianisch. Der Sabellianismus, bereits ökumenisch verurteilt, war die Vorstellung, dass die Namen 'Vater, Sohn und Heiliger Geist' nur verschiedene Modi der einen Gottheit wären, dass die Gottheit nur aus einer Person bestehe, die je nach Situation verschiedene Rollen annehme (darum auch Modalismus genannt). Der Vergleich der Trinität mit den drei Aggregatszuständen des Wassers - in flüssiger, gefrorener oder gasförmiger Form - wäre modalistisch (sorry für alle, die bis jetzt mit dieser Erklärung gelebt haben). War Nikäa also sabellianisch?
In an attempt to emphasize the equality of the Son with the Father through eternal generation, had the creed confused the Father and the Son, as if they are the same person? (Matthew Barrett, Simply Trinity, 58)
Die Antwort lautet ganz klar Nein. Das Nikänum war nicht sabellianisch.
Nicaea distinguished between the persons when it said the Son is begotten from the Father. By contrast, Sabellianism viewed the persons as mere functions, as if what makes God Father, Son, and Spirit are the diverse forms he takes when he creates or saves humanity. (Barrett, Simply Trinity, 58)
Es hätte sich gelohnt, das Kleingedruckte zu lesen. Wie wir sehen werden, brauchte es einen sprachlichen Trick, um diese Situation zu klären: Gott ist ein Wesen, eine Essenz (mia ousia), aber drei Personen (treis hypostaseis). Doch dazu später.
Werfen wir noch Marcellus von Ankyra in den Mix, der ebenfalls in Nikäa vertreten war. Marcellus stellte sich einerseits ganz klar gegen Arius. Auf der anderen Seite trug seine Position stark monarchistische Züge, so dass er eine radikale Einheit Gottes betonte. Für ihn war Gott eine einzige Person. Der Sohn (logos) war keine 'eigenständige', ewige Person, sondern die innere Vernunft (logos endiathetos) Gottes, der erst in der Schöpfung und in Christus eine gewisse (zeitliche) Eigenständigkeit erlangte. Damit wirkte seine Theologie sabellianisch, weil Christus für ihn eine zeitliche Erscheinungsform des einzigen Gottes war und keine 'Person', seit Ewigkeit gezeugter Sohn des Vaters ist. Wir merken schon, wie weit weg wir heute von der Diskussion damals sind. Immerhin können wir sagen, dass es damals um etwas so Substanzielles wie Gott ging und nicht um die Farbe des Teppichs im Gottesdienstraum oder die politische Ausrichtung ob links oder rechts.
Nikäna in drei Punkten - damit wir den Faden nicht verlieren
Die entscheidende Frage in Nikäa war: Wer ist Jesus? Ist er ganz Gott, oder ist er göttlich aber weniger als der Vater? Und wenn er ganz Gott ist, wie kann man ihn dann vom Vater unterscheiden, ohne das monotheistische Gottesbild der Bibel (vor allem des Alten Testaments) aufzugeben?
Das Bekenntnis formulierte, dass Jesus wesensgleich mit dem Vater ist. Es war aber wahrscheinlich so, dass die meisten der anwesenden Bischöfe das „Homoousios“ noch nicht im athanasianischen/nikänischen Sinn verstanden, dass Jesus ganz und gar Gott ist und die Essenz des Vaters teilt. Viele dachten immer noch, dass Jesus in irgendeiner Form dem Vater untergeordnet sei, auch wenn er göttlich ist.
Man befürchtete, dass die absolute Gleichstellung Jesu mit dem Vater - Jesus teilt die Essenz des Vaters - zu einem Sabellianismus führen könne. Die Unterscheidung der drei Personen oder Hyposthasen der einen göttlichen Essenz war in Nikäa noch nicht ausgereift.
So viel zum nikänischen Mix in aller Kürze. Man merkt, dass das Süppchen so noch nicht fertig abgeschmeckt werden konnte. 'Gab es also eine nikänische Theologie im Jahre 325?' fragt Lewis Ayres augenzwinkernd (jedenfalls lese ich ihn so). Seine Antwort lautet:
Original Nicene theology was a fluid and diverse phenomenon, and one that kept evolving. (Nicaea and its Legacy, 99)

Athanasius als Geschichtenerzähler, Polemiker und schliesslich als das verbindende Element der verschiedenen Parteien
Das nikänische Bekenntnis verurteilte die Theologie des Arius, weil Christus für Arius ein geschaffenes (wenn auch das höchste) Wesen war, nicht auf derselben Stufe wie Gott. Arius war eine einflussreiche Figur damals, auch wenn es übertrieben wäre, von einer grösseren arianischen Bewegung zu sprechen. Die Eusebianer waren indirekte und zum Teil direkte Unterstützer von Arius, selbst wenn sie das Nikänum unterzeichneten (aber wir haben ja gesehen, wie unterschiedlich das Dokument gelesen werden konnte).
Spannend ist, was Athanasius jetzt fabrizierte. Ich meine, er hätte gute Chancen gehabt, als Redaktor einer modernen Regenbogenpresse einzusteigen. Was also war sein Werk?
Er fasste alle seine theologischen Gegner als eine kohärente Gruppe unter dem Label 'Arianer' zusammen (siehe seine Schrift Orationes ad Arianes). Das war natürlich bequem, um gegen sie zu argumentieren, weil Arius ja auf dem Konzil in Nikäa verurteilt worden war. Tatsächlich enthält dieses polemische Schreiben dann auch Kritik gegen Arius, aber auch gegen die Eusebianer und manch andere, die alle als Arianer hingestellt werden, obwohl einzelne Vertreter davon Arius' Theologie sogar explizit ablehnten (also immer aufgepasst, wer mit Labels um sich wirft, die nicht selbst gewählt wurden). Athanasius stellte mit dieser Schrift seine Kreativität und sein Talent für Polemik gleichermassen unter Beweis. In der heutigen Forschung spricht man daher auch davon, dass Athanasius den Arianismus konstruiert habe, mit dem Ziel, seine theologische Position zu schärfen und zu festigen. Möglicherweise hatte das Ganze auch politische Gründe. Denn durch diese Konstruktion einer klar definierten Häresie sollte es leichter werden, eine breitere kirchliche und pro-nikänische Front gegen die 'arianische' Position zu bündeln. [2]
Auf jeden Fall zeigt die Schrift auch, wie sich Athanasius' Trinitätstheologie entwickelte. Wir lesen zum Beispiel folgendes:
... they are two, because the Father is Father and is not also Son, and the Son is not also Father; but the nature is one ... and all that is the Father's is the Son's. (Orationes 3.3-4)
Es fällt auf, dass Athanasius hier bemüht ist zu zeigen, dass sich der Vater und der Sohn real unterscheiden (gegen den Sabellianismus), obgleich sie dieselbe Natur oder Essenz teilen. Diese Differenzierung würde im nikäno-konstantinopolitanischen Bekenntnis dann in aller Klarheit unterstrichen werden.
Die Sache lief nicht so gut für Athanasius. Er war nicht nur ein gemachter Polemiker. Als Bischof geriet sein Leitungsstil in Kritik (wobei umstritten ist, ob es sich hier um falsche Anklagen handelte). Auf jeden Fall wurde er mehrfach verbannt. Als dann 341 n. Chr. das sogenannte Einweihungsbekenntnis in Antiochien über die Bühne ging (eingeweiht wurde die Goldene Kirche), war der Einfluss des Athanasius auf einem Tiefpunkt angelangt. Das Bekenntnis war darum bemüht, eine breitere, vereinende Mitte zu finden. Man liess das homoousius ('wesensgleich') fallen und entschied sich für ähnlich dem Vater gemäß der Schrift (gr. homoiousios). Der Sohn ist zwar wirklich Gott und auch präexistent, vor aller Schöpfung, aus dem Vater (contra Arius) - aber nicht wesensgleich (was wesensähnlich meinte, blieb irgendwie schwammig). Indem man in drei Hypostasen (Vater, Sohn, Geist) unterschied, grenzte man sich auch vom Modalismus/Sabellianismus (Marcellus von Ankyra) ab. Fazit: Die Eusebianer hatten hier die Oberhand und drehten den Spiess in ihre Richtung und weg vom nikänischen Bekenntnis, das den Sohn als wesenseins mit dem Vater verstand. Man beachte, dass es sich hier um eine Vokabel handelt, die den ganzen theologischen Unterschied ausmacht:
homoousios = wesensgleich
homoiousios = wesensähnlich.
Die Situation war angespannt. Hinzu kam, dass Kaiser Konstantin das Ewige gesegnet hatte und seine drei Söhne Konstantin II., Constans und Constantius II. (nicht gerade eine sehr kreative Namensgebung wie ich finde) getrennte Reichsteile regierten und jeweils unterschiedliche theologische Allianzen hatten. Man versuchte beim Konzil in Serdica (343 n. Chr.) zusammenzurücken, was in einem absoluten Desaster endete. Die Bischöfe aus dem Osten, meistens Eusebianer, wollten nicht mit den Bischöfen aus dem Westen tagen, weil diese Athanasius und seine Position erneut anhören wollten. Athanasius war aber mittlerweile zu einer persona non grata im Osten geworden. So tagten die Bischöfe aus dem Osten in Philippopolis, während die Westkirche in Serdica tagte. Der Westen bekannte sich zu Nikäa und stellte sich hinter Athanasius. Der Osten verurteilte Athanasius und stellte sich gegen Nikäa. Das Resultat: Aus geplant einem Konzil wurden schliesslich zwei, die sich beide gegenseitig verurteilten. Die Spaltung sollte für gut zwei Jahrzehnte anhalten. Man hätte eine Soap-Opera daraus drehen können.
Zeitweise sah es so aus, als hätte der eusebianische Osten mehr Chancen. Ab 350 n. Chr. war Constantius II. Herscher über Ost und West und seine politisch-theologische Linie war anti-nikänisch. Beim Konzil zu Sirmium (351 n. Chr) wehte ein eusebianischer Wind. Auf das homoousios wird (bewusst) verzichtet. Der Sohn ist zwar 'vor aller Zeit geboren', aber in einer Weise, die seine Unterordnung (Subordination) garantiert. Doch das war erst der Anfang. Die Sache wird noch komplexer, weil in den 350er Jahren die gemässigten Eusebianer mit ihrem homoiousios gegenüber den 'radikaleren' Homoianer an Einfluss verloren, die jetzt nicht mehr von Wesensähnlichkeit, sondern nur noch von 'irgendwie-ähnlich-aber-wir-lassen-es-dem-Frieden-zuliebe-lieber-offen' sprachen. Es ist mir klar, dass es jetzt endgültig chaotisch wird mit all diesen Namen (jedoch wenn man bedenkt, wie easy gewisse Leute sämtliche Fussballclubs ihres Landes mit allen Namen der Einzelspieler benennen können, ist das hier ja noch ein Klacks). Die Homoianer setzten sich in Sirmium 357 mit diesem Verbotsvotum kurzzeitig durch:
Da viele über die Substanz (οὐσία) beunruhigt sind – das heißt, um es einfacher zu sagen, über homoousios oder homoiousios –, soll von diesen Dingen überhaupt keine Erwähnung mehr gemacht werden, sie sollen also weder gepredigt noch gelehrt werden. (Hervorhebung von mir)
Dies ging aber vielen Homoiousianern zu weit und sie formierten sich zu einem weiteren Konzil in Ankyra (358). Man wollte die Substanzsprache (gr. ousia) nicht aufgeben, wenn es darum ging über den Sohn Gottes zu sprechen. Und das war gut so.
Ich erwähne diese Begebenheit um zu zeigen, wie umstritten das nikänische Bekenntnis war. Wenn die Homoianer den Endsieg davongetragen hätten, dann hätten wir jetzt einen Gott mit einem Sohn, der nicht wirklich Gott ist und müssten alle unsere Songtexte anpassen. Aber in den 50er Jahren des vierten Jahrhunderts waren die Homoianer die Homeboys oder Homoi-boys. Das war im Osten. Der Westen dagegen versuchte seine eigenen Brötchen zu backen. Selbstverständlich mischte sich auch Athanasius wieder ein und schrieb De decretis Nicaenae synodi (ca. 350-351 n. Chr.), wo er direkt mit dem nikänischen Bekenntnis interagierte. In dieser Schrift demonstriert Athanasius, dass das nikänische homoousios kein philosophischer Zusatz, sondern die einzig angemessene Schutzformel für den biblischen Glauben an den wahren Sohn Gottes ist.
Denn sie [die Väter in Nikäa] schrieben homoousios nicht ohne Grund, sondern weil die Arianer die aus der Schrift gesprochenen Worte verdrehten, bewahrten sie notwendig den Sinn der Schrift durch diesen Ausdruck. (Athanasius, De decretis, 20)
Athanasius legte noch einen obendrauf und schrieb 356 bis 357 De synodis, einer der strategisch wirkungsvollsten Texte im gesamten trinitarischen Streit – nicht weil er per se dogmatisch Neues formulierte, sondern weil er die Fronten zwischen Ost und West neu ordnete und dadurch die spätere pro-nikänische Einigung vorbereitete. Athanasius kann also auch anders und wechselte die Rolle vom Polemiker zum Brückenbauer.
Als Athanasius De synodis verfasste, war die Lage dramatisch. [3] Der Westen war pro-nikänisch, mit Ausnahmen, die wie immer die Regel bestätigen. Homoousios wird zu einem festen Marker der Orthodoxie. Im Osten gab es eusebianische Gruppen mit ihrem wesensähnlich, Homoiousianer genannt, plus noch die anderen Burschenschaften wie die Homoianer oder neu die Heterousianer, die den Sohn gar als wesensungleich sahen. Der Westen hält alle Homoiousianer fälschlicherweise für Arianer. Der Osten verdächtigt den pro-nikänischen Westen des Sabellianismus und Modalismus, was ja auch nicht stimmte. Viele Missverständnisse also. Hinzu kamen (kirchen-)politische Dynamiken. Da
schien bei Athanasius der Groschen zu fallen: Solange Ost und West sich gegenseitig dämonisieren, wird sich Nikäa nie etablieren. Daher die Schrift De synodis, die übrigens schon im Tonfall kaum mehr polemisch ist.
GLOSSAR über die Fussballmannschaften (kurz zur Auffrischung):
Arianer: Der Sohn ist ein Geschöpf, nicht Gott.
Sabellianismus/Modalismus: Der Sohn ist eine Erscheinungsform der einen Gottheit, aber keine zu unterscheidende Person.
Homoousianer: Der Sohn ist wahrer Gott, vom Vater in Ewigkeit und aus seiner Essenz gezeugt. Der Sohn ist wesensgleich, teilt die gleiche Essenz wie der Vater.
Homoiousianer: Der Sohn ist wesensähnlich, nicht wesensgleich, aber definitiv kein Geschöpf.
Homoianer: Der Sohn ist Gott irgendwie ähnlich.
Heterousianer: Der Sohn ist wesensungleich. Er teilt die Essenz des Vaters nicht.
Athanasius stellte zunächst einmal fest, dass die Homoiousianer keine Arianer, sondern orthodoxen Glaubens sind. Wenn er sie nun als Verbündete ansah, hatte er schon mal eine im Osten grosse und respektierte Partei auf seiner Seite und im gleichen Zug die radikalen Anti-Nikäner (Homoianer, Heterousianer) isoliert. Athanasius betonte also das gemeinsame Ziel der Homoousianer und Homoiousianer: Dass Jesus Christus wahrer Sohn von oder aus Gott ist und kein Geschöpf. Die Anti-Nikäner aller Couleur behaupteten auf die eine oder andere Weise gerade das Gegenteil, dass der Sohn ein Geschöpf sei und also auf der Seite der Schöpfung stehe. Athanasius hält dest, dass die Heterousianer die eigentliche Häresie vertreten und nicht das Homoiousios das Problem ist.
Denn dies ist die eigentliche und wahre Gottlosigkeit der Arianer: den Sohn zu den Geschöpfen zu rechnen und zu sagen, er sei aus dem Nichtseienden geworden. (De synodis, 45)
Weiter führte Athanasius aus, dass der Konflikt zwischen homoousios und homoiousios nicht den Inhalt, sondern die Wortwahl betreffe. Dabei erläuterte er erneut das ABC des homoousios und verteidigte es gegen östliche Missverständnisse:
Das Wort bedeute nicht, dass Vater und Sohn „eine Person“ sind (Sabellianismus).
Es bedeute aber die gleiche göttliche Natur und gleichzeitig wahre Sohnschaft (der Sohn ist eine zu unterscheidende 'Person' der göttlichen Essenz).
Damit entschärfte Athanasius die größte Sorge: die Angst vor einem Modalismus. Und er
macht homoousios theologisch akzeptabel für gemäßigte Ostkirchler. Das also war der Coup des grossen Theologen. Inwiefern Athanasius den weiteren Verlauf der Diskussion bis zum Nikäno-Konstantinopolitanum tatsächlich geprägt hat, ist wissenschaftlich nicht klar. Trotz allem würde ich Athanasius ins Dreamteam wählen, müsste ich denn eine pro-nikänische Mannschaft zusammentrommeln.

Die Kappadokier und das nikäno-konstantinopolitanische Bekenntnis
Wir kommen in die Schlussrunde der Trinitätsfrage. Natürlich war nach dem Nikäno-Konstantinopolitanum nicht alles glasklar. Ich meine trotzdem, dass der Beitrag der kappadokischen Kirchenväter und das Nikäno-Konstantinopolitanum fundamental für das Verständis der Kirche waren und die nikänische (biblische!) Lehre der Trinität für die Zeit danach bis heute etablierte. Wir schauen uns nun noch zwei Theologen und einen Politiker an. Basilius von Cäsarea, Gregor von Nazianz und Kaiser Theodosius. Basilius und Gregor sind Teil der kappadokischen 'Trinität', wobei wir den Dritten, Gregor von Nyssa hier nur am Rande erwähnen können. Es scheint mir klar, dass die Väter aus Kappadokien keine neue Trinitätsformel erschufen, sondern konsequent auf der pro-nikänischen Linie weiterfuhren und die in Nikäa anskizzierte Lehre weiterentwickelten. Mit diesem Statement wird auch klar, dass ich kein Fan von Harnack's berüchtigter Hellenisierungsthese bin, also seiner Behauptung, die Kappadokier hätten die christliche Trinitätslehre unter Rückgriff auf griechische Metaphysik in etwas ganz Neues verkehrt.
Basilius (329 n. Chr. geboren) wird erst in den 60er Jahren des vierten Jahrhunderts im Trinitätsstreit aktiv. Basilius selbst versteht seine Trintitätslehre in Kontinuität zu Nikäa:
Since, therefore, the Father is light without beginning, and the Son is begotten light, yet one is light and the other is light, they [the fathers of Nicaea] rightly declared them homoousios. (Letter 52)
Wo dachte Basil weiter? Basilius war in eine Kontroverse mit Eunomius verwickelt, einem sogenannten Anomöer. Diese Gruppe postulierte, dass Vater und Sohn ganz und gar wesensverschieden seien (gr. anomoios, also ungleich). [4] In dieser Kontroverse findet sich Basils Unterscheidung zwischen dem einem Gott, seiner Natur oder Essenz (ousia) und den drei unterscheidbaren Personen oder Hypostasen. Für Basilius meint hypostasis die ganz konkrete Existenzweise des einen göttlichen Wesens - Vater, Sohn und Geist. Das war ein Meilenstein, wenn wir uns daran erinnern, dass hypostasis in Nikäa identisch mit ousia (Essenz) verwendet wurde, was zu vielen Missverständnissen führte. In seinem Brief 38 unterscheidet Basilius in ousia, das gemeinsame Wesen oder die Essenz Gottes und hypostasis, das einzelne, konkrete, personale Sein der Gottheit. Lewis Ayres meint:
Basil appears to have been the first to defend the distinction [between the persons] extensively and to describe the distinct persons as simply sharing an ontological status. (Nicaea and its Legacy, S. 204)
Wenn Basil die Hypostasen unterschied, sprach er von unterschiedlichen Eigenschaften (gr. idiomata oder manchmal idiotetes) der drei Personen. Er schrieb:
Particularities (idiotetes), being added onto the substance (ousia) like marks or forms, distinguish what is common by means of individual characteristics, but they do not cut [or break through] the identity in nature of the substance. For instance, deity is common, fatherhood and sonship are individualities (idiomata) ... (Contra Eunomium 2.28)
Das klingt gescheit, bringt aber ganz simpel gesagt zum Ausdruck, dass die Hypostasen in ihrer persönlichen Identität unterschieden sind - der Vater ist ungezeugt, der Sohn ist gezeugt, der Heilige Geist ist hervorgehend (aus dem Vater hervorgehend) - obwohl sie alle drei die göttliche Essenz teilen und also eins sind. 1 plus 1 plus 1 = eins = logisch.
Basil legte auch den Grund für das Verständnis der 'untrennbaren Wirkweise' der drei Personen der Trinität, später als opera Trinitatis ad extra indivisa sunt bezeichnet (auf Deutsch: 'Die äusseren Werke der Trinität sind untrennbar'). Wenn immer eine 'Person' der Trinität in der Heilsgeschichte wirkt, sind die anderen beiden 'Personen' beteiligt. So bei der Schöpfung, wo es heisst, dass der Vater die Welt durch den Sohn geschaffen hat (z. B. Hebr. 1,2). Für Basil stand aber auch der Heilige Geist, der damals über den Wassern schwebte (Genesis 1,2) nicht abseits, sondern war aktiv am Werk der Schöpfung beteiligt. Der Heilige Geist war es, der das Geschaffene belebte, ordnete und vollendete. [5]
Basil legte den Grundstein für die kappadokische Trinitätslehre. Der Sabellianismus wird vermieden: Es gibt eine klare Unterscheidung der drei Personen/Hypostasen in Vater, Sohn und Heiliger Geist mit ihren je eigenen Eigenschaften oder Merkmalen: ungezeugt, gezeugt, hervorgehend. Gleichzeitig wird der Arianismus abgewehrt. Alle drei Personen teilen die göttliche Essenz (was nicht heisst, dass diese Essenz durch drei geteilt wird, sondern dass Vater, Sohn und Geist gleichermassen die göttliche Essenz besitzen!).
Neben Basil spielte Gregor von Nazianz (ca. 329–390) eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Konzepts der Perichorese in der Trinitätstheologie. Gregors Perichoresis beschreibt die gegenseitige Durchdringung von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die drei Personen wohnen einander inne und sind untrennbar gegenwärtig, jedoch ohne sich zu vermischen: Der Vater ist ungezeugt, der Sohn gezeugt, der Heilige Geist hervorgehend. Diese Personen sind nicht zuerst 'für sich', bis sie verbunden werden. Sie sind, indem sie aufeinander bezogen sind (seit Ewigkeit). Gott ist ein Leben in ewiger Beziehung. Dabei ersetzt Beziehung bei Gregor nicht die Essenz Gottes, so dass Gott am Ende drei Götter wäre (Tritheismus). Alle drei Personen teilen die eine göttliche Essenz. In seinen Worten:
Die Gottheit ist eine in der Dreiheit und die Dreiheit ist eine in der Gottheit; unterschieden sind sie durch die Beziehungen, nicht getrennt durch die Natur. (Oratio 31 (Theologische Rede V), 14)
Gregor von Nyssa schliesslich vollendete die kappadokische Trinitätslehre, indem er sie systematisch ausformulierte, so dass auch die Akademiker zufrieden wären. Wir müssten Gregor von Nyssa einen eigenen Beitrag widmen, um ihm gerecht zu werden.
Die Kappadokier, obwohl zentrale Stimmen, hatten damals bestimmt nicht das Monopol auf Orthodoxie (obwohl die drei in meiner Mannschaft wohl im zentralen Mittelfeld gespielt hätten, Gregor von Nyssa vielleicht als Innenverteidiger). Die pro-nikänische Theologie spross an verschiedenen Stellen gleichzeitig auf, ohne dass man davon reden kann, dass eine Einzelperson alles beeinflusste. Ein poetisches Beispiel ist Ephrem der Syrer, der hier das Einssein von Vater und Sohn, sowie ihre Unterschiedlichkeit auf seine eigene Art zum Ausdruck bringt:
Mixed with Him [the Father] and divided from Him, He is in His bosom and on his right hand. If he were not mingled with him, His beloved would not be in his bosom. If he were separated from Him he would not sit at His right hand. (zitiert in Ayres, S. 234-235)
GLOSSAR der kappadokischen, pro-nikänischen Theologie:
Eine Essenz oder Natur Gottes - Es gibt nur einen Gott! Obwohl die Kappadokier mehr als vorher zwischen den göttlichen Personen zu unterscheiden beginnen, ist für sie klar: Es gibt nur einen Gott. Die göttliche Essenz ist eins: Der Vater ist Gott, Jesus ist Gott und der Heilige Geist ist Gott. Gregor von Nyssa schrieb: "The Only-Begotten is in the Father, and so, from His nature (essence)." (zitiert in Barrett, Simply Trinity, S. 61) Natürlich sagte Athanasius schon dasselbe: "The Son is ever the proper offspring of the Father's essence." (auch in Barrett, S. 61) [6]
Der Heilige Geist wird ausführlicher behandelt als noch in Nikäa. Vor allem Basilius, aber auch die beiden Gregors widmeten sich dem Thema Heiliger Geist, so dass man im Nikäno-Konstantinopolitanum schliesslich bekannte, dass der Heilige Geist genauso wie der Vater und der Sohn verherrlicht und angebetet werden soll (siehe unten).
Die Unterscheidung in drei Hypostasen oder Personen (ich bin mir bewusst, dass 'Person', gr. prosopon, noch nicht der geläufige Begriff war, obwohl er auch schon bei den Kappadokiern vorkam): Vater, Sohn und Heiliger Geist teilen eine Essenz, sind aber drei unterscheidbare Existenzformen (eben Hypostasen) der göttlichen Essenz. Unterschieden werden sie in ihren Relationen zueinander: Der Vater zeugt, der Sohn ist gezeugt, der Heilige Geist geht hervor.
Die untrennbare Wirkweise der einen Gottheit: Wenn Gott handelt, handelt er als ein Gott. Wenn die Bibel sagt, dass eine göttliche Person etwas tut, sind die anderen beiden Personen daran beteiligt. Die Kappadokier konnten das nur sagen, weil sie fest davon ausgingen, dass Gott eine einzige Essenz, einen ungeteilten Willen, eine kohärente Kraft hatte, aus der er handelte - dass also Gott nicht aus drei Personen mit unterschiedlichen Personenzentren mit ihrem je eigenen Willen besteht (was wieder einem Tritheismus gleichkäme). Gleichzeitig kann man den drei Personen gemäss der Bibel drei unterschiedliche 'Aufgabenbereiche' zuschreiben: Vom Vater geht alles Wirken aus, aber er wirkt durch sein Wort, den Sohn. Und im Heiligen Geist wird dieses Wirken gegenwärtig, wirskam und vollendet. So verstanden die Kappadokier das gesamte Wirken Gottes in Schöpfung und Erlösung.
Zum Schluss kommen wir noch zu einem Politiker, Kaiser Theodosius, dem damaligen Herrscher über das Ostreich. Er berief das Konzil in Konstaninopel 381 n. Chr. ein, das als das Nikäno-Konstantinopolitanum in die Geschichte einging und nach Nikäa als das zweite ökumenische Konzil gilt. Wie Konstantin früher hatte Theodosius ein orthodoxes Gespür für die theologische Diskussion. Bereits im Edikt von Thessaloniki ein Jahr zuvor legte Theodosius klar fest, dass der nikänische Glaube zur Reichsnorm erhoben werden solle. Durch das nikäno-konstantinopolitanische Konzil wollte Theodosius durch eine Einheit des Glaubens zur Einheit des Reiches beitragen. Auch wenn uns die Haare zu Berge stehen, wenn wir uns ausmalen, dass ein Kaiser den richtigen Glauben politisch definiert und dann auch durchsetzt, haben wir mit dem Nikäno-Konstantinopolitanum (und den Abhandlungen und Erklärungen der kappadokischen Väter) eine ausgereifte Formulierung über das Wesen Gottes, die als Fundament über unser Denken, Reden, Beten und Singen über Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist bis heute ein wichtiger Grundstein geblieben ist.
Das Bekenntnis lautet so:
Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herabgekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Und an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten.
Und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
PS: Ich gratuliere allen, die bis zum Schluss durchgehalten habe. Meldet euch bei mir auf ein Bier als Belohnung!

[2] Vgl. dazu die neuere Forschung von Lewis Ayres und Rowan Williams (klassisch auch R.P.C. Hanson).
[3] Athanasius bezieht sich in dieser Schrift auf die Synoden in Rimini und Seleucia, die auch in diesen Tagen stattfanden und die Ähnliches zutage brachten wie die Synoden davor. Darum blieben sie hier unerwähnt.
[4] Die Anomöer sind eigentlich fast identisch zu den Heterousianern zu sehen.
[5] Vgl. Basils De Spiritu Sancto.
[6] Später auch Augustinus: "In eternal generation the Father bestows being on the Son without any beginning in time, without any changeableness of nature." (zitiert in Barrett, S. 61) Das Thema hier ist die ewige Zeugung des Sohnes durch den Vater von seiner Essenz, wie das nikänische Bekenntnis festhielt. Die ewige Zeugung von der Essenz des Vaters garantiert, dass Jesus ganz Gott ist, mit Haut und Haar. Die ewige Zeugung des Sohnes bedeutet auch nicht, dass der Vater seine Essenz aufteilt, so dass er einen Teil für sich behält und den anderen Teil seinem Sohn weitergibt. Gerade für Athanasius aber auch für die kappadokischen Väter war die simplicitas Dei, also die Idee, dass Gott nicht aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist, massgebend. Athanasius schrieb: "God, being without parts, is Father of the Son without partition or passion, for there is neither effluence of the Immaterial, nor influx from without, as among men; and being uncompounded in nature, He is Father of One Only Son." (zitiert in Barrett, S. 55) Wenn wir von der Zeugung des Sohnes reden, müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht unsere menschliche Situation direkt auf Gott projiezieren.



Kommentare