Können wir die Hölle endlich abschaffen? Eine biblisch-exegetische Annäherung
- matt studer
- vor 1 Tag
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In den Himmel gehen nur die, die früh sterben. Die interessanten Leute kommen in die Hölle.
(Mark Twain)
But I here declare and call God to witness, that if the popular doctrine of Hell were true I should be ready to resign all hope, not only of a shortened, but of any immortality, if thereby I could save, not millions, but one single human soul from what fear, and superstition, and ignorance, and inveterate hate, and slavish letter-worship have dreamed and taught of Hell.
(Frederick W. Farrar)
Und wenn dein Auge dir Anstoß ⟨zur Sünde⟩ gibt, so wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, »wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt«.
(Jesus, in Markus 9,48)
Es gibt für mich als Christen wahrscheinlich zwei Gründe, warum ich über Himmel und Hölle nachdenke. Der erste und mit Abstand wichtigste Grund ist, dass das Thema in der Bibel vorkommt - und zwar nicht als Randthema. Gerade Jesus, der Sohn Gottes, hatte dazu viel zu sagen, wie wir sehen werden. Der zweite Grund ist, dass die Kirche durch die Zeiten hindurch mehrheitlich an die Hölle geglaubt hat. Natürlich gab es hier und da, vor allem aber seitdem die westliche Welt 'aufgeklärt' ist jene, die die Hölle lieber abschaffen oder dann wenigstens etwas aufhellen wollten. Die Hölle wurde in der modernen Welt von einem ewigen göttlichen Strafort im Jenseits in etwas innerweltlich Böses transformiert: Die grüne Hölle als Überlebenskampf in der menschenfeindlichen Umwelt des Dschungels. Die Hölle des Krieges oder eines politisch repressiven Systems, das Menschen in die Hölle des Gulags schickt. Oder sogar die Betonhölle als trostloser, grauer, unmenschlicher Ort, an dem kein grünes Pflänzchen wächst. Das Höllenmotiv wurde in der modernen Welt nicht überflüssig. Es wurde nur säkularisiert.
Gerade aktuell diskutiert der Theologe Martin Thoms die Hölle im Zusammenhang mit dem Thema der Allversöhnung, also der Vorstellung, dass am Ende alle Menschen gerettet werden und es gar keine Hölle braucht (oder dann nur eine, die leersteht). [1]
Ich bin Thoms dankbar, denn sein Buch gibt mir den Anstoss, über dieses Thema etwas genauer nachzudenken, als ich es in der Sonntagsschule präsentiert bekam. Nicht, dass ich sonderlich Bock darauf hätte. Die Hölle ist nicht mein Hobby und wird es auch nicht werden. So war es auch für die allermeisten Christen, selbst wenn es hier und da solche gegeben haben mag, die eine makabre Vorliebe für die Hölle entwickelten und die Hölle mit allen möglichen Details ausschmückten. Ich selbst finde es ein schweres, ja schwer-verdauliches Thema. Nichts für oberflächlichen Smalltalk oder gar etwas, worüber ich jubeln oder Lieder singen möchte. Die Vorstellung, dass da Menschen, die ich heute kenne, vielleicht in Ewigkeit ihr Dasein in der Hölle fristen müssen, graut mir (ja ich merke sogar, das meine Finger Mühe haben, diesen Satz überhaupt zu tippen). Und trotzdem ist das Thema präsent - ich kann es nicht einfach wegschieben. Und falls ich nicht zur gleichen Lösung wie Thoms komme (ich kann jetzt schon verraten, das ich es nicht tue), wiegt das Thema umso schwerer. Es geht mir mehr so wie Paulus, der mit der Tatsache ringen musste, dass sein Volk Israel Jesus Christus, den Messias verworfen hatte und damit unter dem Gericht Gottes stand. Er schrieb:
Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Denn ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. (Römer 9,1-3)
Und ich fühle mit, wenn John Frame schreibt, dass er sich diesem Thema nur 'unwillig' widmet:
If I were free to invent my own religion, I can assure you that eternal punishment would not be part of it. But I must talk about it now, because I am not free to invent my own religion; I must teach only what the Bible teaches, and the Bible certainly has a lot to say about eternal punishment. (John Frame, Systematic Theology, 1081)
Frame bringt etwas ganz Wichtiges zum Ausdruck. Er ist nicht frei, seine eigene Religion zu erfinden, weil er sich an die Offenbarung Gottes in der Bibel bindet. Hier liegt, wenn wir das in der Tiefe analysieren wollen, der entscheidende Unterschied zwischen Frame und Thoms: Als was sie die Bibel sehen und wie sie sie lesen wollen. Für Thoms ist die Bibel eine Sammlung diverser 'eschatischer' Traditionen, die sich nicht harmonisieren lassen. Thoms meint: 'Die Bibel enthält überhaupt keine einzige theologische Lehre. Sie ist eben kein Lehrbuch, sondern eine Bibliothek aus 66 Büchern, die die Wirklichkeit Gottes vielstimmig bezeugen.' (S. 73) Aus diesem Grund ist für ihn klipp und klar, dass wir in der Bibel nicht eine pfannenfertigte und einheitliche Lehre der Hölle finden werden, sondern 'unterschiedliche Traditionen', die entweder eher auf eine ewige Hölle, oder auf die Allversöhnungslehre hinweisen. Man muss auswählen, welcher Linie man folgen will.
Frame und ich dagegen sehen die Bibel als eine vielstimmige, vielschichtige Bibliothek, die jedoch, weil sie von Gottes Geist eingegeben wurde, eine grosse lehrmässige Einheit bildet. Darum massen wir uns an zu eruieren, 'was die Bibel zum Thema Hölle, Gericht und so weiter' sagt - als einheitliche Stimme, wenn auch mit verschiedenen Unter- und Obertönen.
Fairerweise muss man sagen, dass Thoms nicht einfach die Allversöhnungslinie nimmt und alle Höllentexte ausblendet. Er analysiert die Höllentexte exegetisch und kommt zum Schluss, dass die traditionelle Auslegung dieser Texte nicht hieb und stichfest ist. Das finde ich legitim. Ich möchte mir diese Texte, vor allem die Aussagen von Jesus zur Hölle, in diesem Artikel so gut es geht auch exegtisch vornehmen. Wir verschaffen uns also zunächst einmal einen Überblick über die heissen Stellen der Bibel zum Thema, legen sie aus und wägen pro und contra ab.

Die Hölle im Alten und Neuen Testament: Finden wir ein stimmiges Bild vor?
Das Neue Testament spricht nicht von Hölle. «Das Wort «Hölle» ist kein biblisches, auch wenn es auf biblische Begriffe rekurriert, die jedoch unterschiedlichen Kontexten entstammen. Die Übersetzung mit «Hölle» suggeriert ein einheitliches Bild, was es so nicht gibt.» (Martin Thoms, Es ist vollbracht oder doch nicht?, 75)
Das Alte Testament gibt noch zu wenig her, um ein klares Bild der Hölle zu skizzieren. Der wichtigste Begriff ist wohl Scheol (שְׁאוֹל), übersetzt mit 'Totenreich' oder 'Unterwelt' (z. B. Ps. 6,6; Hiob 7,9; Pred. 9,10). Damit ist ein Aufenthaltsort gemeint, an dem sich alle Toten, Gerechte wie Ungerechte sammeln. Ein Ort des Schattendaseins, der Dunkelheit und Gottesferne für diejenigen, die nicht in 'Abrahams Schoss' landen (Lukas 16,22) und nicht bei Jesus sein werden (Lukas 23,43). Obwohl es in Scheol keine klare Trennung von Himmel und Hölle gibt (alle gehen nach dem Tod in die Unterwelt), gibt es gemäss des Gleichnisses des armen Lazarus und dem reichen Mann zwei unterschiedliche Bereiche dort (Vers 26). Vielleicht ist es angebracht, in Bezug auf dieses Gleichnis in Lukas 16 von einem Zwischenort, dem Zwischenstadium zu sprechen. Dem Plätzchen wo man nach dem Tod hingeht, bis Jesus wiederkommt, um zu richten die Lebenden und die Toten. So wird das berühmte Gleichnis jedenfalls in der Kirchengeschichte häufig verstanden. Dafür spricht für mich, dass der reiche Mann Abraham bat, er solle seine Brüder warnen (Vers 27 und 28). Das muss doch heissen, dass diese Brüder noch nicht gestorben sind. Der reiche Mann erhoffte sich ja gerade, dass sie sich warnen liessen, damit sie nicht am selben schlimmen Ort (Bereich in Sheol, im Neuen Testament wird das griechische Wort Hades verwendet) landen, noch unabhängig davon, wo sie dann ihre Ewigkeit verbringen werden. [2]
Scheol ist also noch nicht die ewige Hölle. Die einzige Stelle im Alten Testament, die ein ewiges Schicksal antizipiert, ist Daniel 12,2:
Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.
Mit dem Danieltext lässt sich direkt bei Matthäus anknüpfen (Kap. 25,46):
Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
Wenn wir diese Stelle(n) so lesen, wie sie dasteht (ich bin versucht wortwörtlich zu sagen, nur dass ich dann direkt ins fundamentalistische Lager der Bibelausleger verlegt werde), ist für mich klar, dass es hier um zwei unterschiedliche Gruppen geht. Mannschaft eins erleidet eine ewige Strafe. Mannschaft zwei geht in das ewige Leben ein, um Harfe auf den Wolken zu spielen (das steht zum Glück nicht wortwörtlich so da!). Diese beiden Gruppen werden einander diametral gegenübergestellt: wir reden von zwei Schicksalen, zwei entgegengesetzten Richtungen. Was für beide gilt ist der ewige Zustand. Nun gab es hin und wieder solche, die konstatierten, dass dieses Ewig nicht für beide Gruppen gleichermassen ewig gelten könne. Die Gruppe der Gerechten gehe nämlich ins ewige Leben bei Gott - wirklich für immer und ewig, weil sie nicht gestorben sind und heute noch leben. Doch die Gruppe der Ungerechten erhalte ihre gerechte Strafe, bevor ihre Existenz dann komplett ausgelöscht würde. Also keine ewige Existenz auf der dunklen Seite der Ewigkeit, sondern eine zeitlich bedingte Strafe und dann Nichts - eine 'ewige' Konsequenz des Nichtmehrdaseins sozusagen. In theologisch nennen wir diese Position Annihilationismus, die Vorstellung, dass das Schicksal der Verlorenen nicht für ewig andauert, sondern dass sie eines Tages nicht mehr existieren werden. Mir scheint diese Lesart hier gefehlt, weil doch ewige Strafe und ewiges Leben in bei Matthäus einander diametral gegenübergestellt sind. Jedenfalls wäre das für mich die natürlichere Lesart dieses Textes. [3]
Was sagte denn Jesus sonst noch so über die Hölle?
Am letzten Tag werden alle Menschen körperlich auferstehen (= aus ihren Gräbern herauskommen) und vor das Gericht Gottes zitiert werden. (Joh 5,28-29)
Dort werden sie gerichtet, aufgrund ihrer Taten und Zugehörigkeit zum Herrn Jesus Christus. (Matthäus 7,21-23; 25,31-46)
Ihr Schicksal wird eines von zwei Möglichkeiten sein: Ewige Strafe (in der Hölle) oder ewiges Leben (bei Gott, im 'Himmel'). (Matthäus 25,46)
Die Hölle ist der Ort der Strafe Gottes, nicht das Reich des Satans, der ja dort selber bestraft wird. (Matthäus 5,22; vgl. auch Offenbarung 20,10)
Angesichts dieser erschütternden Realitität ist es angemessen, Gott zu fürchten, 'der Leib und Seele in der Hölle verderben kann'. (Matthäus 10,28)
Dies nur die Einleitung. Es gibt weitere Stellen mit Aussagen von Jesus, durch die wir uns durchbeissen müssen. Jesus ist zwar auch mein und dein Freund, aber als Freund hat er einfach auch krasse Dinge rausgehauen. Wie zum Beispiel Matthäus 5,22:
Ich aber sage euch: Jeder, der auf seinen Bruder zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu seinem Bruder sagt: ›Du Dummkopf‹, der gehört vor den Hohen Rat. Und wer zu ihm sagt: ›Du Idiot‹, der gehört ins Feuer der Hölle.
Das griechische Wort für Hölle hier ist Gehenna (γέεννα). Gehenna geht im Hebräischen auf das Tal Hinnom, südwestlich von Jerusalem gelegen zurück. Dort wurden in früheren Zeiten dem Gott Moloch Kinder geopfert (siehe z.B. 2. Könige 23,10). Der Ort hatte also eine sehr dunkle Vergangenheit. Er galt im Judentum zur Zeit Jesu denn auch als Stätte des Gerichts, des Todes und der Vernichtung (Jeremia 7,32 sowie 19,6). Wie manchmal angenommen wird, wurde diese Örtlichkeit zur Zeit Jesus auch als Müllkippe verwendet, wo man Abfälle verbrannte. Wo auch immer man landet, es ist klar, dass Gehenna im Judentum zur Zeit Jesu höllisch konnotiert wurde und nicht als Symbol einer typischen Feriendestination (Bali oder Malediven) galt. Bavinck hält fest:
Gehinnom wurde zur Bezeichnung des Ortes, an den die Unreinen und Gottlosen verwiesen wurden, um im ewigen Feuer eine Strafe zu leiden. (Herman Bavinck, Reformed Dogmatics, Vol. 4, S. 703, übersetzt von chatGPT)
Die Frage ist, was Jesus mit diesem Begriff hier macht. Jesus brauchte Gehenna auch in Markus 9,34 (vgl. ebenfalls die Verse 46-48): [4]
Wenn dich deine Hand verführt, so haue sie ab! Es ist besser für dich, dass du verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände hast und fährst in die Hölle, in das Feuer, das nie verlöscht.
Auch hier steht Gehenna im Zusammenhang mit Feuer. Das Feuer galt ja schon im Alten Testament als Symbol für Gottes Zorn und Gericht. [5] Wenn Gott richtet, ist das wie wenn er dich ins Feuer wirft, das nota bene ein Feuer ist, das nie verlischt (Jesaja 66,24; Markus 9,48). Das wunderbare Gegenbeispiel sind die Freunde Daniels, die damals von Nebukadnezzar im Feuerofen gebraten werden sollten, aber durch Gottes Gnade, durch den Engel des Herrn, der mit ihnen im Feuer war, gerettet wurden. Hier sehen wir eine Vorschattung auf Christus, der für uns durchs Feuer ging, damit wir vor dem gerechten Gericht Gottes gerettet werden. Feuer und Hölle (Gehenna) gehen also zusammen. Im gleichen Licht lese ich auch die Stelle in Matthäus 13,42:
So wird es auch am Ende der Welt sein. Die Engel werden kommen und die Bösen aussondern; sie werden sie von den Gerechten trennen und in den Feuerofen werfen, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.«
Es gibt gemäss Jesus und des Neuen Testaments diesen einen unschönen, schlimmen Ort der ewigen Zukunft, der sowohl für den Satan und seine Gefolgschaft als auch für alle, die Gott ablehnen, bestimmt ist: Die Hölle (Gehenna), bezeichnet als Feuerofen oder Feuersee.
Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! (Matthäus 25,41, vgl. Offenbarung 20,10)
Wer sagt, dass Gehenna nicht eine ewige Hölle meinen kann, weil damit das Hinnom-Tal oder die Müllkippe ausserhalb Jerusalems gemeint sei, denkt in die falsche Richtung. Gerade umgekehrt verwendet Jesus diese für alle damaligen Zuhörer bekannten Orte, um eine grössere eschatologische Realität zu verbildlichen. Jesus referenziert damit lediglich eine eschatologische Vorstellung, die im damaligen Judentum bereits etabliert war (siehe oben). Robert Yarbrough meint:
Die Gehenna ist nur ein fahles Abbild einer ungleich eindringlicheren zukünftigen Realität – ebenso wie die goldene Straße (in Offenbarung 21,21; 22,2) lediglich eine unzulängliche Beschreibung von Herrlichkeiten darstellt, die das sterbliche Fleisch nicht begreifen kann. (Robert Yarbrough, Jesus on Hell, 79-80, übersetzt von chatGPT)
Was es sonst noch zur Hölle zu sagen gäbe (und es wird nicht unbedingt besser)
Die Hölle wird häufig mit Feuer beschrieben. Gleichzeitig ist sie ein Ort der Dunkelheit. Die Bibel hat keine Mühe, diese auf der Bildebene widersprüchlichen Darstellungen nebeneinander stehen zu lassen. So sagte Jesus diesen wiederum krassen Satz:
Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. (Matthäus 25,30)
Das Bild der Dunkelheit steht dafür, dass die Hölle weit abseits des Lichts Gottes steht. Sie befindet sich ausserhalb der Stadt Gottes (Offenbarung 22,15). Diejenigen, die sich dort aufhalten, sind weit weg von der Festtafel Gottes im Himmel. Wieder Jesus:
Ja, ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen. Aber die Bürger des Reiches werden in die Finsternis hinausgeworfen, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben. (Matthäus 8,11-12)
Wenn man bedenkt, dass wir Menschen für die Gemeinschaft mit Gott geschaffen sind, ist es ein unvorstellbar hartes Los, die Ewigkeit fern von Gott zu verbringen. Paulus bringt es auf den Punkt:
Die Strafe, die diese Menschen erhalten, wird ewiges Verderben sein, sodass sie für immer vom Herrn und von seiner Macht und Herrlichkeit getrennt sind. (2. Thess. 1,9)
Mehr als von dieser lebensgebenden Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein, implizieren die Aussagen Jesu, dass man in der Hölle zudem bestraft wird. Die Aussagen von Jesus dazu sind krass, aber wir dürfen sie nicht unter den Tisch kehren:
So werden sie an ´den Ort` der ewigen Strafe gehen. (Matthäus 25,46)
[Sie werden in die] Hölle geworfen ... wo ›die Qual nicht endet [wörtlich: wo der Wurm nicht stirbt] und das Feuer nicht erlischt (Markus 9,47)
Und der Apostel Johannes singt die zweite Strophe zu diesem traurigen Lied:
Keiner von denen, die das Tier und sein Standbild anbeten und das Kennzeichen tragen, das für seinen Namen steht, wird jemals Ruhe finden, weder am Tag noch in der Nacht; der Rauch des Feuers, in dem sie Qualen leiden, wird für immer und ewig aufsteigen.« (Offenbarung 14,11)
Zum Schluss noch die schlechte Nachricht: Das ist der Ort, der ewig sein wird. Der Teufel und seine Kollegen werden dort ewig schmoren: 'Dort werden sie Tag und Nacht Qualen erleiden – für immer und ewig.' (Offenbarung 20,10) Und auch die Unerlösten werden an diesen Ort kommen (Offenbarung 20,15): 'Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens eingetragen war, wurde er ebenfalls in den Feuersee geworfen.' Das Feuer dort wird nie erschlischen (Markus 18,8; Matthäus 18,8) und der Wurm nie sterben (Markus 9,47). Ja, es wird ein Ort der ewigen Strafe sein (Matthäus 25,46). [6]

'Alle jaulenden und heulenden Höllenhunde!' - Ein unfertiges Schlusswort
Jetzt brauche ich erstmals eine Kaffeepause, oder besser Kaffe-Schnaps. Die Bibel ist echt krass und unangenehm, was die Frage nach dem Schicksal der Unerlösten angeht. Aber gleichzeitig ist es für mich unmöglich, das ganze Material, das wir gesichtet haben (und selbst das war nur ein Ausschnitt des Ganzen, haben wir doch Paulus oder Petrus sowie die Johannesoffenbarung noch nicht systematisch durchgestrählt) einfach unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als wäre das Thema gar nicht vorhanden. Jesus machte kein Nebenthema daraus. Ich komme zu diesem Schluss: Auch wenn die Bibel für die Hölle verschiedene Bilder (Feuer, Dunkelheit, Feuersee, Gehenna ... ) ins Spiel bringt, ergibt sich am Ende ein stimmiges Bild. Natürlich reden wir hier von einem Bild aus Bildern (und das sage ich, der die Bibel 'wortwörtlich' auslegt). Diese Bilder geben gerade genug her, um sich eine Vorstellung der Rahmenbedingung dort zu machen: Gottesferne, Bestrafung, auf ewig. Mehr nicht (aber auch nicht weniger). Die Details, die wir vielleicht gerne wüssten, bleiben ungeklärt: Welche Bilder hängen an den Wänden, wie geht Bestrafung konkret, kann man dort miteinander reden, gibt es Bier, spielt eine Jazzband? Es ist eben besser, wenn wir hier gar nicht in die Details gehen. Ich möchte mir zum Beispiel lieber nicht vorstellen, was mit dem Feuer impliziert wird. Der Theologe Bavinck mahnt:
Dies sollte uns genügen. Nachforschungen über den Ort und die Ausdehnung der Hölle, über die Beschaffenheit des Feuers und des Wurmes sowie über den seelischen und leiblichen Zustand der Verlorenen führen zu nichts, da die Schrift zu diesen Fragen schweigt. (Reformed Dogmatics, 713, übersetzt von chatGPT)
Soweit das stimmige Bild ... aber!
Bereits kann man sie hören, die vielen Aber! Verständlich. In diesem Beitrag habe ich mich auch des Platzes halber nur auf das Höllenteaching vor allem von Jesus fokussiert. Die Bibel ist insgesamt komplexer. Was ist mit all den Stellen, die auf eine Allversöhnung hindeuten (könnten)? Gäbe es nicht auch noch die Möglichkeit, dass diese Linie am Ende sogar plausibler wäre, wenn Gott zuletzt alle Menschen (vor der Hölle) retten würde? Je nachdem, wie man diese Stellen mit 'Alle' und 'Alles' auslegt. Wir müssen die Antworten auf diese Fragen auf den nächsten Artikel verschieben.
Ein weiteres Aber ist das von Martin Thoms. Er kehrt die Texte über die Hölle nicht unter den Teppich, legt sie aber anders auf dem Teppich aus als ich (und - das möchte ich doch noch erwähnt haben - die Mehrheit der globalen Kirche durch die Geschichte hindurch, vor allem bis zur Aufklärung und der modernen Bibelkritik). Wie unterscheidet sich Thoms Paradigma von meinem (und dem klassischen Höllenteaching der Kirche)?
Thoms geht davon aus, dass Jesus nicht über das Jenseits berichten will, sondern mit drastischer Bildsprache zur Umkehr im Hier und Jetzt aufruft.
Die Hölle beschreibt also keinen wirklichen (zukünftigen) Ort, sondern ist ein Bild, das der (pädagogischen) Warnung dient.
Die krassen Warnungen von Jesus sollen dazu dienen, dass die Zuhörer ethisch erschüttert werden und ihr Leben ändern (umkehren). Jesus warnt davor, dass wer Gottes Willen missachtet, sein Leben und das der anderen zerstört (zur Hölle macht).
Denn Bilder wie 'Feuer' meinen nicht ein endzeitliches, ewiges Höllenfeuer, sondern stehen für die zerstörerischen Konsequenzen eines falschen (höllischen) Handelns in der diesseitigen Welt. So übersetzt Thoms bspw. 'der fällt der Gehenna anheim' (in Matthäus 5,22) mit 'der richtet höllischen Schaden an'. (Thoms, S. 76-77)
Demzufolge meint 'ewig' eben auch nicht 'zeitlich für immer', sondern beschreibt qualitativ die existenzielle Tragweite des menschlich falschen (höllischen) Handelns. Eine 'ewige' Strafe erlebt der, der sein Leben grundlegend verfehlt hat, weil er nicht gemäss Gottes Anweisungen der Nächstenliebe gehandelt hat. Strafe hier bedeutet nicht, dass Gott eine Strafe verhängt, die in einer Ewigkeit in der Hölle abgesessen wird. Vielmehr ist die Strafe das Verfehlen eines 'diesseitig guten Lebens', das Gott gefallen möchte.
Der Unterschied zum klassischen Paradigma sticht klar genug hervor: Für Thoms ist die Hölle kein geografischer, realer Ort, an dem die Unerlösten ihre Ewigkeit verbringen. Sie ist eine Metapher, wenn auch eine drastische Metapher, die als Warnung dient, Hier und Heute umzukehren und gut und gottgemäss zu leben. [7]
Ich frage mich, ob eine solch metaphorische Warnung zieht. Verliert die Warnung nicht ihre Schlagkraft, wenn man eh schon weiss, dass Jesus hier nur 'in Bildern' spricht. Mehr noch: Für die Juden damals waren Begriffe wie Gehenna und Feuerofen mehr als Bilder. Jesus hätte völlig an den Juden vorbei ins Abseit kommuniziert, hätte er diese bildhaften Warnungen nicht mit einer kommenden, eschatologischen Realität assoziert.
Mal abgesehen von Thoms gäbe es auch noch diese Aber's hinsichtlich der klassischen Höllenlehre, die grössere Themen anreissen: [8]
Aber wie geht eine ewige Bestrafung mit der Liebe und Gnade Gottes zusammen?
Aber wie kann Gott gerecht sein, wenn Gerechtigkeit ewige Strafe bedeutet?
Wie können wir davon reden, dass am Ende alles gut und wunderbar wird, wenn die Hölle eine ewige Realität darstellt und diejenigen im Himmel eine Ewigkeit lang von oben in die Hölle hinabblicken und sehen können, was sich dort abspielt?
Solche und weitere Fragen möchte ich in den kommenden Monaten adressieren. Denn am Ende steckt da viel mehr drin, als die expliziten Höllentexte, die wir in diesem Beitrag angeschaut haben. Die Höllenlehre der Bibel birgt für alle ernsthaften Christen eine (gesunde!?) Herausforderung, seriös und in der Tiefe über Gott, sein Wesen und seinen Plan nachzudenken und dabei die ganze Bibel - nicht nur die Liebelingstexte mit dem guten Hirten und Freund und Helfer - zu berücksichtigen. Vielleicht offenbart uns diese Challenge, dass wir in unserer evangelikalen Bubble häufig in seichtem Wasser waten. Mal schauen ...
Damit schliessen wir diesen schweren Artikel ab. Und ich kann ehrlich bezeugen, dass ich ihn schwer fand. Ich würde viel lieber Witze über die Hölle machen. Besser ich ende mit einem Zitat von C. S. Lewis, über das sich lohnt weiter nachzudenken:
Am Ende werden nur zwei Gruppen von Menschen vor Gott stehen - jene, die zu Gott sagen: »Dein Wille geschehe«, und jene, zu denen Gott sagt: »Dein Wille geschehe«. Alle, die in der Hölle sind, haben sie sich erwählt. (Die grosse Scheidung)

[1] Martin Thoms, Es ist vollbracht! Oder doch nicht? Einwände auf die Fantasie der Allversöhnung. Zurück zum Text
[2] Die Septuaginta übersetzt Scheol mit Hades. Die Entwicklung vom AT zum NT liegt darin, dass das NT klarer zwei unterschiedliche Bereiche in Hades sieht - einer für die Gerechten und einer für die Ungerechten - wogegen Sheol im AT eher ein neutraler Sammelort für alle Toten, ohne Ausdifferenzierung in zwei Bereiche ist. Dass Jesu Lehre über die Hölle auf dem Altestamentlichen Material aufbaut, zeigt Robert W. Yarbrough in seinem Kapitel 'Jesus on Hell', im Buch Hell under Fire: Modern Scholarship Reinvents Eternal Punishment
[3] Das ist ein grosses, umstrittenes Thema. Ich gestehe, dass der Annihilationismus auch eine evangelikale Geschichte hat (mit John Stott als wohl prominentester Vertreter). Man müsste dazu eigens einen Beitrag schreiben. Zwei exegetische Schlüsselfragen sind, ob man 'ewig' mit 'zeitlich für immer' übersetzen muss, oder eben nicht. Jesus spricht ja viel vom 'ewigen Leben' und meint damit ganz klar ein 'ewiges Dasein'. Gilt gleiches nicht auch für die 'ewige Verdammnis'? Die andere Frage ist, ob man nicht bestimmte Stellen bei Paulus, wo er von der 'Zerstörung der Ungläubigen' spricht (Phil 3,19; 1. Thess 5,3; 2 Thess 1,9) dahingehend interpretieren könnte, dass Gott die Existenz dieser Ungläubigen zerstört, also annihiliert (?). Ich meinen nein, aber das wäre wie gesagt Futter für einen anderen Artikel.
[4] Siehe dazu das ganze Kapitel von Yarbrough 'Jesus on Hell'.
[5] Z. B. Ps 18,8; Jer 4,4; Deut. 32,22; Jes 66,24). Siehe Bavinck, Reformed Dogmatics, S. 703.
[6] Das Bild des Feuers wird von den Annihilationisten so verstanden, dass eine zeitliche Begrenzung der Strafe impliziert wird. Ein Feuer kann ja nur so lange verzehren, bis das Material verbrannt ist. Der Punkt ist, das die Bibel aber von einem ewigen Feuer spricht. Ein schreckliches Bild!
[7] Auch Thoms glaubt an ein Endgericht, das er jedoch 'therapeutisch' liest. Gott braucht das Gericht auf diese Art, dass alle Übeltäter zur Umkehr gelangen und sich früher oder später bussfertig an Gott wenden. Dazu in einem späteren Beitrag mehr. Trotzdem, auch wenn Thoms an das Endgericht glaubt, hat das Gericht Gottes für ihn mehrheitlich eine präsentische, gegenwärtige Note. Ich glaube auch an ein gegenwärtiges Gericht Gottes, das bereits jetzt über den Menschen hängt (Römer 1, Johannes). Jedoch glaube ich auch an das Endgericht mit seinen ewigen Folgen.
[8] Thoms bringt auch das Argument vor, dass Jesus in seinen Höllenwarnungen ja nur zu Frommen spräche und darum gar nicht diejenigen meinen könne, die nicht an ihn glauben. Dazu kann erwidert werden, dass viele der Juden, vor allem die Pharisäer, an die die Warnungen Jesu gingen, ja nicht an ihn glaubten, sondern ihn verwarfen. Darum war Paulus ja auch so verzweifelt, weil sein Israel den Messias ablehnte (vgl. oben).



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