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Allversöhnung als Alternative zur Hölle?

  • matt studer
  • vor 1 Tag
  • 18 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden


No matter how many eons it takes, he [God] will not rest until all of creation, including Satan, is reconciled to him, until there is no creature who cannot return his look of love with a joyful response of love ... I cannot believe that God wants punishment to go on interminably any more than does a loving parent. The entire purpose of loving punishment is to teach, and it lasts only as long as is needed for the lesson. And the lesson is always love.

(Madeleine L'Engle, The Irrational Season)


Denn es ist notwendig, dass das Böse eines Tages vollständig aus dem Sein verschwindet; denn da Gott alles ist in allem, kann nichts Böses mehr übrigbleiben. So wird dann jedes vernunftbegabte Wesen, nachdem es durch Läuterung gereinigt wurde, zur ursprünglichen Gnade zurückgeführt werden.

(Gregor von Nyssa)



Im letzten Beitrag habe ich über die Hölle referiert. Meine These war, dass wir die Hölle nicht einfach wegradieren können, so gerne wir das vielleicht tun würden. Jesus hat definitiv zu viel darüber gesprochen. Die Bibel als Ganze porträtiert das Ende dieser Welt so, dass wir von einem doppelten Ausgang - Himmel und Hölle - ausgehen müssen. In diesem Blogbeitrag möchte ich nun die Alternative zur Hölle thematisieren - die Lehre der Allversöhnung (gr. apokatastasis). Das griechische Wort bedeutet Wiederherstellung aller Dinge, Rückführung in einen ursprünglichen Zustand. Letztlich meinen wir mit Allversöhnung, dass am Ende alle Menschen, vielleicht sogar Satan und die gefallenen Engel mit Gott versöhnt sein werden, so dass niemand in der Hölle schmoren muss.


Ich kann die Motivation, warum man eine Allversöhnungslehre vertreten mag eigentlich gut nachvollziehen. Da ist einerseits der Blick auf meine Mitmenschen: Es ist irgendwie grausam, mir vorzustellen, dass vielleicht gerade meine besten Freunde oder Menschen aus meiner Familie, die mir im Leben so nahe stehen, für immer verloren gehen könnten. Andererseits - und hier liegt das Schwergewicht - wirft die Höllenlehre Fragen über Gott auf: Wie ist das mit Gottes Liebe? Wie lassen sich Liebe und eine ewige Strafe gescheit kombinieren? Viele Allversöhner setzen hier an (z. B. Rob Bell's Buch mit dem treffenden Titel Love wins - die Liebe gewinnt!).


Das Thema ist wieder einmal schön komplex und beinhaltet mindestens diese Fragen:

  • Das biblische Gesamtbild: Zeigt die biblische Story in ihrer Gesamtheit in Richtung Allversöhnung oder in Richtung doppelter Ausgang, also der Vorstellung, dass es am Ende zwei Gruppen geben wird: Die Gruppe derer, die gerettet werden und in der neuen Schöpfung (oder im Himmel) ihr zu Hause finden; und die Gruppe jener, die verloren gehen und die Hölle bevölkern werden?

  • Die biblischen Einzeltexte: Dazu gehören die Texte über die Hölle, die ich im letzten Beitrag vertieft betrachtet habe und all die Texte, die eine Allversöhnung implizieren könnten. Die grosse Frage hier: Wie legen wir diese Texte aus und wie integrieren wir sie in das biblische Gesamtbild? Wie lesen wir die Allversöhnungstexten mit den Höllentexten zusammen?

  • Die Kirchengeschichte: War die Allversöhnung in unserer christlichen Geschichte zeitweise eine valide Option oder nicht? Wie gehen wir mit dem Zeugnis der Kirche über die Zeit um? Hier stellen wir uns die Frage, wie die Kirche mit dem Gesamtbild (Punkt 1) und den Einzeltexten (Punkt 2) verfahren ist.

  • Darüber hinaus kommen abstraktere (systematischere) Fragen dazu: Wer und wie ist Gott? Wie denken wir Gottes Liebe in Bezug auf sein Gericht? Viele Universalisten wie Rob Bell argumentieren auf dieser Ebene und wollen das Problem hier lösen.


Wir haben hier Material genug für einen langen Latte Macchiato, den du dir an der Stelle holen könntest. Als Erstes möchte ich kurz auf die Kirchengeschichte eingehen, bevor ich mich dann etwas ausgiebiger den einschlägigen Stellen und dem biblischen Gesamtbild widmen will.



Die Allversöhnung als valide Option in der Kirchengeschichte? [1]

Der berühmt-berüchtigste Kandidat der Allversöhnung war und bleibt wohl Origenes. Nach Origenes sind alle vernunftbegabten Wesen gut geschaffen und frei, sich für gut (Gott) oder böse zu entscheiden. Wer sich im Leben für das Böse entschieden hat, kann auch nach dem Tod noch durch Disziplin und Läuterung wieder zu Gott zurückgeführt werden. Denn Gottes Strafe ist heilend, keine ewige Verdammnis. Selbst die 'Qualen der Hölle' dienen der Möglichkeit zur Umkehr und der endgültigen Wiederherstellung aller Seelen. Für Origenes ist es also denkbar, dass ein Mensch die Schrecken der Hölle durchläuft, aber nicht um sich dort häuslich einzurichten, sondern um gereinigt und zur Umkehr bewegt zu werden. Dies könnte selbst für eine satanische Rockband gelten.


Wir müssen uns bewusst sein, dass Origenes' Gesamtbild zum Teil eher platonisch als biblisch ausgestaltet war. Das heisst, er verstand die Story der Menschheit nicht als eine sich progressiv zeitlich entfaltende Geschichte, die auf das Ende hin zuläuft - das Ende der Welt, wenn Jesus zurückkommen und richten wird, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Strafe. Origenes dachte eher zyklisch: Die Seele existiert ewig, wird in einem menschlichen Körper materialisiert, bis sie wieder in das immaterielle Reich zu Gott zurückkehrt und der Kreis sich schliesst. Richard Bauckham stellt fest:

Origenes’ Entwurf entspricht einem platonischen Muster, das die Welt als Teil eines großen Kreislaufs versteht: der Hervorgang aller Dinge aus Gott und die Rückkehr aller Dinge zu Gott (1 Kor 15,28 war für Origenes – wie überhaupt für alle Universalisten – ein entscheidender Text). Der Universalismus wird dadurch erreicht, dass sowohl dieses irdische Leben als auch die Hölle lediglich als Etappen im langen Aufstieg der Seele zu Gott verstanden werden, während die christliche Mehrheitsorthodoxie dieses Leben stets als entscheidend für das Schicksal des Menschen betrachtet hat und die Hölle als das endgültige Los der Gottlosen.

Nun stellt sich bei Origenes die entscheidende Frage, ob seine Lehre der Allversöhnung von der Kirche damals, beim fünften ökumensichen Konzil in Konstantinopel (553 n. Chr.) tatsächlich verurteilt wurde? Wir können nicht definitiv sicher sein, meint Bauckham:

Origenes’ Universalismus war Teil des Lehrkomplexes, der unter der Bezeichnung „Origenismus“ bekannt wurde und im Osten zu langwierigen Kontroversen führte. Ein Konzil in Konstantinopel verurteilte im Jahr 543 eine Liste origenistischer Irrtümer, darunter auch die Apokatastasis; ob diese Verurteilung jedoch vom Fünften Ökumenischen Konzil (553) bestätigt wurde, scheint zweifelhaft zu sein.

Für eine kirchliche Verurteilung der origenischen Allversöhnungslehre spricht dieser Satz im Text des Konzils: 'Wenn jemand die fabelhafte Präexistenz der Seelen behauptet und die daraus folgende monströse Wiederherstellung (apokatastasis) behaupten will, sei er verflucht.' (Konzil von Konstantinopel II, 553, Session 5, Kanon 1) Damit wäre ja eigentlich alles gegessen? Das Problem besteht darin, dass die neuere Forschung diesen Satz als nicht authentisch historisch, sondern als späteren Zusatz versteht. Die gängige kirchliche Tradition dagegen sieht diesen Satz als ursprünglich an. Wie auch immer man die Sache anpacken will, die Tatsache, dass die Allversöhnung bei Origenes zum Gesamtpacket seiner (platonischen) Theorie der Präexistenz der Seele gehörte, wirft für mich zumindest ein schlechtes Licht darauf. Auch muss man bedenken, dass das Thema Hölle und/oder Allversöhnung damals kein Hauptthema gewesen ist. Gestritten hat man sich um andere Themen. Anders gesagt, die Kirche hatte noch keine normative Position zur Hölle und es konnten verschiedene Hypothesen nebeneinander diskutiert werden.


Das zeigt sich auch darin, dass es neben Origenes noch andere gab, die universalistisch hofften (manchmal war es vielleicht mehr eine vage Hoffnung denn eine ausgearbeitete Lehre). Dabei macht es mir Bauchschmerzen, dass ausgerechnet Gregor von Nyssa die Allversöhnung explizit lehrte, weil ich sonst so viel von ihm halte. Die Tatsache, dass ein Kirchenvater seines Kalibers bei der Allversöhnungslehre landete zeigt, wie schwierig das Thema letztlich sein kann. Ich will damit nicht implizieren, dass die Bibel nicht an sich klar dazu wäre. Vielmehr zeigt sich hier, wie sich (gute) Theologen immer wieder mal mit der Realität der Hölle, die Jesus klar predigte, schwer taten. Es war dann wieder einmal der Kirchenvater Augustinus (siehe Der Gottesstaat), der die universalistische Hoffnung für Jahrhunderte lang kippte. Die Lehre der Kirche über den doppelten Ausgang für das Menschengeschlecht galt nach Augustinus bis in die Neuzeit hinein als orthodoxe Lehre und alles andere als häretisch.


Die modernere Entwicklung hin zum eigentlich universalistischen Mainstream von heute fand stufenweise statt. Wie Richard Bauckham meint, gab es im 17. Jahrhundert ein paar universalistische Stimmen, die sich gegen ein Verständnis der doppelten Prädestination, bei der Gott im vornherein bestimmte Menschen für die Verdammnis 'erwählte' (Gottes Wille ist der entscheidende Faktor hier) auflehnten. Das Aufkommen des Arminianismus fällt in diese Zeit: Es ist nicht Gott, der 'gegen den freien Willen' des Menschen erwählt, sondern der Mensch, der sich frei für oder gegen Gott entscheidet. Wenn jemand in der Hölle landet, ist das seine freiwillige Entscheidung gegen Gott. Eine nächste Stufe finden wir bei den Quäkern, die lehrten, dass Gottes Gnade jedem Menschen innerlich gegeben ist. Dieses 'innere Licht' wird aber nicht von Gott aufgezwungen, sondern kann verwehrt werden. Bei Arminius kam die Einladung von aussen (das gepredigte Evangelium), bei den Quäkern von innen (das göttliche Licht). Trotzdem bestand bei beiden die Option, dass es Menschen gibt, die sich von Gott nicht gewinnen lassen wollen - wie vielleicht die Rockband, die lieber mit Pyroeffekten in der Hölle weiterproben möchte. Die letzte Stufe dieser Entwicklung finden wir dann konsequenterweise in der Annahme, dass alle Menschen am Ende gerettet werden, ob sie es nun vordergründig wollen oder nicht, da Gott alle Menschen für sich gewinnen will (also ein Shift vom menschlich-freien Willen hin zu Gottes absolutem Willen). Wir sehen, dass es hier verschiedene Nuancen gab:

  • Allversöhnung ist eine Möglichkeit oder eine Hoffnung, kann aber am freien Willen des Menschen scheitern.

  • Allversöhnung ist eine Wahrscheinlichkeit, weil Gottes Liebe sich am Ende stärker erweist als die Widerspenstigkeit des Menschen (Gottes Wille triumphiert gegen den menschlichen Willen). Hier gehören verschiedene Postulate dazu: 1) Wenn der Mensch sich nicht in diesem Leben entscheidet, bekommt er nach dem Tod noch eine Gelegenheit, sich für Gott zu entscheiden (post-mortem Evangelisation), 2) Der Mensch, der sich in diesem Leben gegen Gott entschieden hat, wird in der Hölle solange 'gereinigt' (bestraft!) und eigentlich von Gott so bearbeitet, bis er sich Gott zuwendet und gerettet wird. In anderen Worten, selbst die Rockband wird am Ende einsehen, dass die Bühne im Himmel der bessere Platz ist. [2]

  • Allversöhnung ist eine Notwendigkeit, damit sich Gottes universaler Heilswille nicht als witzlose Fabel erweist. Denn wie kann Gott wollen, dass alle gerettet werden, wenn am Ende gar nicht alle gerettet werden? [3]


Die moderne Zeit ist weniger platonisch (alles kommt von Gott und kehrt zu Gott zurück), sondern evolutionistisch motiviert: Der Mensch entwickelt sich nach seinem Fall von Gott so lange weiter, bis er endlich am Ziel, bei Gott ankommt. Selbst die Hölle dient dann als notwendige Stufe, um dieses Ziel zu erreichen. Sie dient dem Zweck der Reinigung und Rehabilitation des Sünders und nicht der ewigen Strafe. [4]


Was machen wir nun mit diesem kirchengeschichtlichen Befund? Ist es unfair zu sagen, dass die Kirche über weite Strecken an einen doppelten Ausgang geglaubt hat? Dabei wurde Origenes verurteilt (Gregor von Nyssa jedoch nicht!). Erst die liberalen Theologen der Neuzeit erwärmten sich wieder für eine universalistische Sicht. Heute erwärmt sich kaum einer mehr für die klassische Lehre des doppelten Ausgangs. Es scheint klar, dass wir die Frage nicht abschliessend auf einer historischen Ebene lösen können. Kein Kirchenvater war unfehlbar, Augustin eingeschlossen. Vielleicht zeigt das Bild hier mehr eine Tendenz an: Wenn man sich für eine Allversöhnungslehre stark macht, stellt man sich gegen die kirchliche Mehrheit - auf die Seite der modernen, liberalen Theologie (?). Anders formuliert, man trägt hier eine grössere Beweislast, wenn man die Allversöhnung behaupten möchte.



Die Allversöhnungstexte und das biblische Gesamtbild

Die Bibel spielt die zentrale Rolle in der Frage, ob man sich für Allversöhnung oder Hölle entscheidet. Vielleicht fast mehr noch als die einschlägigen Texte zählt jedoch unsere Haltung zur Bibel. Eine Option könnte sein, die Höllenlehre der Bibel (die Aussagen Jesu) a priori abzulehnen und sich seine Vorstellung selektiv aus anderen Texten zu bilden. Es gab Theologen, die diesen Weg unapologetisch beschritten haben. So formulierte zum Beispiel B. H. Streeter, ein anglikanischer Theologe des späten 19. und frühen 20. Jh., dass es angebracht sei, das neutestamentliche Teaching über die Hölle ganz hinter sich zu lassen:

Es ist in der Tat am besten, ganz offen einzugestehen, dass jede Vorstellung vom zukünftigen Schicksal der [Ungläubigen], die für uns heute akzeptabel sein soll, über die ausdrückliche Lehre des Neuen Testaments hinausgehen muss.

Streeter gibt hier offen zu, dass das Neue Testament eigentlich klar über die Hölle lehrt. Nur eben solle man diese Texte hinter sich lassen und 'der Moral Jesu' folgen (was auch immer das heisst, vor allem da es primär Jesus ist, der von der Hölle spricht?). Auf jeden Fall muss das Zukunftsschicksal der Ungläubigen 'tolerierbar' sein. Andere Theologen wie Emil Brunner sehen im Neuen Testament zwei sich widersprechende Linien: 1) Die Linie der Allversöhnung, da Gott will, dass alle Menschen gerettet werden - 2) Die Linie der Hölle mit einer ewigen Strafe. Brunner möchte um dieses Problem herumkommen, indem er festhält, dass die Bibel keine objektive Lehre über das Schicksal der Geretteten und Verlorenen präsentiere. Vielmehr wolle uns das Wort Gottes existenziell ansprechen und uns herausfordern, uns heute für Gott zu entscheiden. Die Höllentexte unterstrichen die existentielle Bedeutung der Gottesbeziehung im Hier und Jetzt. [5]


Für mich, der ich als höhlengereifter Evangelikaler an die Inspiration der ganzen Schrift glaube, halten diese Versuche nicht hin. Entweder gibt die Bibel als Gesamtpacket ein stimmiges Bild, oder ich kann meine evangelikalen Überzeugungen ablegen. Ich glaube auch, dass die Aussagen Jesu zur Hölle nicht nur metaphorisch warnen wollen, sondern sich auf eine konkrete Realität beziehen, auch wenn wir diese Bildsprache nicht zu direkt übertragen können (siehe dazu nochmals meinen letzten Beitrag).


Wie also interpretiere ich die Lieblingstexte der Allversöhner? Hier eine Auswahl:

Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. (1. Korinther 15,22)

Oder ähnlich:

Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. (Römer 5,18)

Hier haben wir es doch mit einer klaren Gegenüberstellung zu tun, nicht? Alle sterben in Adam, alle werden in Christus lebendig (oder durch einen Menschen, Christus, werden alle Menschen gerechtfertigt). Nicht unbedingt, wenn wir den Kontext genau beachten. In 1. Korinther 15,23 spezifiziert Paulus: 'Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird.' Also, das Alle, die in Christus lebendig gemacht werden, betrifft eben nicht alle Evas und Adams sowieso, sondern 'nur' alle, die Christus angehören. Und Christus gehört man nur an, wenn man durch den Glauben und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist mit ihm verbunden ist (vgl. z. B. Joh. 3,3 und Vers 7). Das ist eine exklusive Realität, die nicht alle Menschen betrifft. Das wird bei der Römerbriefstelle glasklar (Vers 17b):

Durch Jesus Christus werden jetzt die, die Gottes Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit in so reichem Maß empfangen, in der Kraft des neuen Lebens herrschen ...

Die Rechtfertigung ist ein Geschenk der Gnade Gottes, das empfangen werden will. Und dieses Geschenk wird (nur) durch den Glauben empfangen, wie es Paulus und das Neue Testament ausreichend klarstellen (siehe z. B. Apg. 16,31; Römer 10,9-10; 1. Kor. 1,21; Eph. 2,8-10; 1. Tim. 4.10; Hebr. 10,39). Das 'für alle Menschen' in Römer 5,18 kann nur im Kontext von Vers 17 gelesen werden: Alle Menschen meint also all jene, die durch den Glauben zur Mannschaft von Christus gehören, nicht ausnahmslos alle Menschen, egal in welcher Beziehung sie zu Jesus Christus stehen. [6]


Die Bibel betont, dass die Entscheidung pro Jesus in diesem Leben getroffen wird, nicht etwa postmortem, also nach dem Tod. Eine Begegnung mit Jesus in diesem Leben birgt einen Moment von existenzieller Tragweite in sich. Das war für die Pharisäer damals so, als Jesus zu ihnen sagte: 'Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.' (Johannes 8,24) Das heisst aber auch, dass die Pharisäer die Möglichkeit gehabt hätten umzukehren (einige haben dies ja getan). Später aber würde es zu spät sein. Weil:

Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. (Joh 8,21)

Von den Universalisten werden gerne auch diese Stellen als Beweismaterial angefügt:

Die Versöhnung durch Christus umfasst alles, was auf der Erde, und alles, was im Himmel ist. (Kolosser 1,20)

Oder:

Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist. (Epheser 1,10)

Und auch noch:

Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben. (Philipper 2,10-11)

Universalisten sehen sich hier bestätigt, weil ja alles in Christus (im Himmel und auf der Erde, das ganze Universum) mit Gott versöhnt oder vereint wird. Hatte der Kirchenvater Origenes also Recht, dass sogar der Satan sich am Ende vor Christus auf die Knie werfen und ihn anbeten würde? Auch wenn diese Lesart auf den ersten Blick logisch erscheint, lesen geschulte Kommentatoren häufig anders. Arnold diskutiert in seinem Kommentar zum Epheserbrief das griechische Wort anakephalaioō, das man gut mit vereinen, zusammenfassen, unter einem Haupt zusammenführen übersetzen kann. Dazu hält er fest:

Hinter [diesem Wort] steht die Vorstellung einer Rebellion innerhalb der Schöpfung – auf der Erde (der Menschen und der von ihnen beherrschten Institutionen) wie auch im Himmel (dem Bereich der Engel und geistigen Wesen) … Doch es wird eine Zeit kommen, in der die ganze Schöpfung sich seiner Autorität als souveränem Herrn unterwerfen muss … Christus ist derjenige, der als Gottes Beauftragter wirken wird, um alle aufständischen Geschöpfe in der gesamten Schöpfung unter Gottes Herrschaft zu bringen.

Man kann solche Texte also ganz gut auch so lesen, dass gemäss Gottes Heilsplan am Ende ALLES (oder alle), was jetzt noch rebelliert, unter Jesu Herrschaft gebracht werden wird. In Bezug auf den Satan hiesse das, dass er zwar jetzt noch eine kurze Zeit hat, in der Welt zu wüten (Offenbarung 12,12), bevor er - endgültig in den Feuersee geworfen - keinen Handlungsspielraum mehr haben wird (Offb. 20,10). Die Anerkennung, dass Jesus Christus HERR ist (Phil. 2,10-11) muss nicht zwangsläufig soteriologische Implikationen haben (Anerkennung als HERR = gerettet werden). Dann würden wir etwas in den Text hineinlesen, was der Text allein so nicht hergibt. In anderen Worten, Philipper 2 sagt 'nur' aus, dass am Ende alle anerkennen werden, dass Christus der von Gott eingesetzte Herrscher über das ganze Universum ist. Mehr nicht - aber auch nicht weniger. Und dass die Rebellen am Ende Gott die Ehre geben werden meint nicht, dass sie ihn von Herzen anbeten wollen, sondern dass ihre Anerkennung der Herrschaft des Christus letztlich Gott, dem Vater Ehre machen wird. Luther übersetzte die fragliche Stelle so: 'Damit ... jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters.' [7]


Widmen wir uns noch einem letzen Text, der für Universalisten ausschlaggebend ist:

Denn er [Gott] will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. (1. Timotheus 2,4)

Die universalistische Logik ist gut nachvollziehbar: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Und Gott bekommt doch sicher das, was er will! An einer anderen Stelle im Brief unterscheidet Paulus jedoch zwischen allen Menschen, und jenen Menschen, die glauben: 'Denn wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, und er ist der Helfer und Retter aller Menschen – in besonderer Weise derer, die an ihn glauben.' (1 Tim. 4,10) Ich löse das Problem damit nicht. Ich mache die Sache nur komplizierter. In 1. Timotheus 4,16 hält Paulus zusätzlich fest, dass Timotheus auf sich und die rechte Lehre achten soll, damit 'du sowohl dich selbst als auch die deinigen retten' wirst. Werden also doch nicht alle gerettet, obwohl Gott das will? Noch spannender wird es, wenn wir in das Alte Testament reinschauen.

Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben. (Hesekiel 18,32, vgl. auch Vers 23)

Gott will, dass alle gerettet werden, weil er kein Gefallen am Tod eines Menschen hat? Klingt recht parallel zu 1. Timotheus. Gleichzeitig hören wir hier aber auch einen Aufruf zur Busse: Kehr um, wenn du leben willst. Dann aber lesen wir in 5. Mose 28,63 folgendes:

Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen ... [8]

Ist Gott schizophren? Je nach Bibelverständnis klammert man solche Stellen wie gerade die eben zitierte gerne aus und schiebt sie in eine Box mit der Aufschrift 'Altertümlicher Text, der im damaligen Kontext vielleicht Sinn machte, aber gar nicht die eigentlich wahre Absicht Gottes zeigt, die erst in Jesus Christus offenbar wurde!' Nur für Evangelikale meiner Art ist auch dieser Satz aus dem 5. Buch Mose Gottes Wort und offenbart etwas Wahres über Gott (jedenfalls will dieser Text dies gemäss seines Selbstanspruchs sein). Wie gehen wir mit dieser Spannung um?


Seit der frühen Kirche unterschieden Theologen zwischen Gottes offenbartem Willen - was Gott von uns Menschen erwartet (voluntas preceptiva) - und seinem verborgenen Willen - was Gott in seinem ewigen Ratschluss beschlossen hat (voluntas decretiva). Ein Anschauungsbeispiel: Gott will vom Pharao, dass dieser das Volk Israel endlich ziehen lässt: 'So spricht der HERR, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen.' (Exodus 5,1) Gleichzeitig aber verstockt Gott dem Pharao das Herz, so dass er das Volk gerade nicht ziehen lassen will:

Denn ich will das Herz des Pharao verhärten, dass er das Volk nicht gehen lasse. (Exodus 4,21)

Was will Gott jetzt? Spielt er sich selbst schachmatt? Ich möchte damit nur zeigen, wie komplex die Sache ist (der wir hier nicht noch weiter auf den Grund gehen können). Die Allversöhner machen es sich mit Stellen wie Timotheus 2,4 manchmal etwas zu leicht. [9]


In Bezug auf den ersten Timotheus 1,4 müssen wir festhalten, dass der Wille Gottes klar rüberkommt: 'Gott möchte, dass du und ich, dass dein Nachbar Fritz von der Langstrasse und alle anderen Menschen sich ihm zuwenden. Dies entspricht seinem auffordernden-mit-dem-Zaunpfahl-winkenden Willen: 'Lass dich mit Christus versöhnen!'. Gleichzeitig gilt, dass Gott bestimmte Menschen (sein Volk) seit eh und je dazu bestimmt hat, seinem Ruf nachzukommen. Dazu gehören eben nicht alle Menschen, sondern nur jene, die Gott in seiner Vorsehung erwählt hat. Sorry!

Er, der alles nach seinem Willen und in Übereinstimmung mit seinem Plan ausführt, hatte uns von Anfang dazu bestimmt ... wir alle, die wir unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben. (Epheser 1,11-12)

Nur gut, dass wir nicht wissen, wer alles dazugehört. Denn dann können wir den Fritz von der Langstrasse getrost zum Glauben an Jesus einladen (genauso auch die Rockband!).



Fazit zu den Allversöhnungsstellen und ein Ausblick auf weitere Ausflüge

Ich habe mich darum bemüht, die Bibel genau zu lesen. Natürlich müsste man mehr in die Details gehen (aber der Artikel ist eh schon zu lang und der Latte Macchiato langsam kalt geworden). Etwas möchte ich hier noch mitteilen - und das hat mit dem biblischen Gesamtbild zu tun: Selbst wenn ich die genannten Texte universalistisch lesen möchte, blieben da immer noch all die vielen Texte, die von einem doppelten Ausgang reden (schlagt bitte selbst nach: Joh 3,18; 5,29; Apg 13,46; Röm 2,5-12; 1 Kor 6,9-10; 1. Tim 4,16 - die Offenbarung am Ende mit der ewigen Stadt und dem Feuersee ... und so weiter und so fort). Was machen Allversöhner eigentlich mit diesen Texten? Ignorieren? Abwerten? Umdeuten? Ich gehe mit J. I. Packer einig, der die Sache gut zusammenfasst:

Wenn wir nicht annehmen wollen, dass die beteiligten biblischen Autoren selbst nicht wussten, was sie meinten, oder nicht erkennen konnten, dass sie sich widersprachen, müssen wir daraus schließen, dass sie in diesen Texten nicht die Allversöhnung vermitteln wollten. (Kap. 'Universalism: Will Everyone Ultimately Be Saved?', in: Hell under Fire, S. 187-188)

Eine Weggabelung, die Allversöhner in diesem Kontext gerne einschlagen ist, die Hölle als Ort der Rehabilitation zu umschreiben: 'Ja, die Hölle ist real. Nur ist sie nicht der Ort der ewigen Bestrafung, sondern ein Zentrum, indem man so lange therapiert wird, bis man einsieht, dass man nur mit Gott auf der rechten Seite steht.' Und weil Gottes Liebe triumphiert, werden das am Ende sogar die Hitlers und Stalins einsehen und sich durch Christus mit Gott versöhnen lassen. Mir fällt auf (wie ich eingangs schon erwähnt habe), dass die Universalisten gerne auf dieser (philosophischen) Ebene argumentieren. Dazu habe ich mich entschieden, in den nächsten Monaten einen Folgebeitrag zu schreiben, bei dem auch ich den Philosophenhut aufsetzen werde. Ja, auch Evangelikale können philosophieren, auch wenn sie lieber mit der Bibel beginnen, wie ich in diesem Beitrag.




[1 Für einen knappen und guten Überblick siehe Richard Bauckham. Für eine genauere Beschreibung, wie Allversöhnung bei Origenes (versus Augustinus) ausgesehen hat, lies Graham Keith.


[2] Wir unterscheiden diese Lehre vom katholischen Verständnis des Fegefeuers, das nur für Christen installiert ist, damit sie ihre Sünden abbüssen können. Die universalistische Idee der Hölle als 'reinigendes Feuer' gilt für alle Menschen.


[3] Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass es verschiedene Spielarten des Universalismus gibt. Grob gesagt lassen sie sich in zwei Kategorien einteilen: 1) Christo-zentrischer Universalismus: Alle Menschen werden gerettet, jedoch nur durch Christus 2) Pluralistischer Universalismus: Letztlich führen alle Wege zu Gott, egal ob der christliche oder irgendein anderer religiöser/spiritueller Weg (z. B. John Hick, ein Ex-Evangelikaler gehört zu den Verfechtern des pluralistischen Universalismus).


[4] Natürlich gab es immer wieder theologische Sonderfälle. Schleiermacher hielt an einer absoluten Prädestination Gottes fest, aber einseitig: Alle Menschen sind in Christus zum ewigen Heil erwählt. Karl Barth klickte sich hier ein, nur dass bei ihm Jesus der eigentlich Erwählte und gleichzeitig der von Gott Verworfene ist. 'Gott verwirft Jesus, der stellvertretend für alle das Gericht Gottes trägt, so dass alle Menschen in Christus erwählt sein können'. Obwohl Barth die Sache am Ende doch lieber offen lassen wollte: 'Werden alle Menschen gerettet? Das muss doch Gott allein entscheiden. Wir können es nie ganz sicher wissen.' Es war ein No-Go für Barth, die Freiheit Gottes einzuschränken!


[5] Brunners Sicht dazu findet sich in seinem Buch Die ewige Hoffnung.


[6] Grundsätzlich kann gesagt werden, dass alle Menschen nicht immer mathematisch den hinterst und letzten Menschen inkludieren muss. Z. B. in Römer 11,21 macht es Sinn, alle Menschen im Kontext als 'sowohl Juden als auch alle anderen Völker/Heiden' zu lesen. In 1. Timotheus 2,1–6 dagegen könnte der Begriff Alle auch 'Menschen aus allen Gesellschaftsgruppen' meinen (also sowohl die Obrigkeit als auch der normale Bürger)...


[7] In Bezug auf Kolosser 1,20: Die Versöhnung, von der Paulus hier spricht, kann auch mit 'Befriedung' übersetzt werden und hätte dann die gleiche Konnotation wie in Philipper 2: Alles wird sich Jesus Christus unterordnen. Versöhnung hätte in diesem Kontext dann gar keine direkt soteriologische Note. Dafür spricht, dass Paulus Versöhnung sonst meistens partikular versteht: Versöhnt sind nur die Menschen, die sich im Glauben Gott zuwenden und dadurch gerettet sind (z. B. gerade Kolosser 1,22, zwei Verse später; vgl. auch Römer 10,15; Eph. 2,16). Warum partikular? Zugang zu einer versöhnten Beziehung zu Gott hat nur, wer an Christus glaubt und sich durch ihn versöhnen lässt. Aus diesem Grund kann Paulus schreiben: 'So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!' (siehe 2. Kor. 5,20) FAZIT: Wenn wir Kolosser 1,20 universalistisch lesen wollten, müssten wir Paulus unterstellen, dass er sich sogar im gleichen Abschnitt direkt widerspricht. Nämlich (Vers 20): Alle werden sowieso mit dem Vater versöhnt - versus Vers 21-22: Versöhnt sind (nur) die, die einst Fremde und Gott feindlich gesinnt waren, aber die jetzt im Glauben an das Evangelium gegründet sind (also die Christengemeinde in Kolossäa).


[8] Natürlich geht es im Alten Testament noch nicht explizit um das ewige Schicksal - Himmel oder Hölle. Es geht um das Gericht Gottes, wobei die zeitliche Dimension noch offengelassen wird.


[9] Vgl. dazu das erhellende Kapitel von John Piper, 'Are There Two Wills in God', in: The Grace of God - The Bondage of the Will.




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