Gedanken zum Konzil von Nikäa und warum das nikänische Bekenntnis das wahre Fundament für das Evangelium bildet
- matt studer
- 11. Dez. 2025
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Dez. 2025
Wir befinden uns gerade noch im Jubiläumsjahr des nikänischen Konzils, das 325. n. Chr. stattgefunden hat. Wie die Geschichte zeigt, wurde dieses Konzil zu einem zentralen dogmatischen Eckpfeiler für die Lehre der globalen Kirche über Gottes trinitarisches Wesen. Grund genug nachzufragen, was da eigentlich beschlossen wurde und warum das so wichtig war.
Nun fragen sich manche, wieso ein richtig ausdifferenziertes Verständnis der Trinität, der Dreieinheit Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist, überhaupt von Bedeutung sein soll. Warum brauche ich die Trinität für meinen Glauben als Christ im 21. Jahrhundert? Reicht es nicht, dass diese Lehre irgendwo im Kofferraum verstaut mitfährt? Dann wiederum ist vielleicht unklar, wieso diese Frage historisch zu so langen Debatten, einigen Konzilen (Zusammenkünfte der Bischöfe) und etlichen Anathemas (Ausschlüssen!) geführt hat. Wie kann etwas 'Spekulatives' wie die Trinitätslehre so prominent und trennend werden? Oder litten die Leute damals einfach unter einem Realitätsverlust?
Hier geht es mir zuerst um das Historische: Was ist damals genau geschehen? Welche Theologen diskutierten mit, welche Argumente brachten sie vor? Und warum war diese Diskussion so wichtig? Haben die Kirchenväter die Trinität 'erfunden', oder versuchten sie ihr Verständnis aus der Bibel zu gewinnen? Danach will ich der Frage nachgehen, warum ein richtiges Verständnis der Trinität gerade für uns Evangelikale mit unserem Fokus auf das Evangelium so wichtig ist.

Die Situation damals - Protagonisten, Antagonisten, Politiker und das Bekenntnis
(Kirchen)geschichte ist ein 'messy business', würde man auf Englisch sagen. Die Situation damals war komplexer, als es die Geschichtsbücher manchmal darstellen. [1] Zum Beispiel: 'Da gab es zum einen den berüchtigten Arius, der behauptete, Jesus sei nicht Gott, sondern ein von Gott geschaffenes höchstes Wesen. Auf der anderen Seite die Bibeltreuen, die das nikänische Bekenntnis gegen Arius' Lehre formulierten und so die Angelegenheit ein für alle mal gemäss der Bibel regelten.' Natürlich spielte Arius eine gewisse Rolle. Auch war man bemüht um ein biblisches Verständnis zu ringen, wer Jesus ist (und zwar auf beiden Seiten). Das Nikänum war ein Meilenstein in dieser Frage. Auch wenn das Bekenntnis in den folgenden Jahrzehnten umstritten war (wozu ich noch einen Beitrag nachliefern werde, für die History-Nerds). Es brauchte seine Zeit, bis ein grösserer kirchlicher Konsens entstand und mit dem nikäno-konstantinopolitanischen Bekenntnis (381. n. Chr.) endlich auf die nikänische Trinitätslehre angestossen werden konnte.
Zunächst einmal die Prota- und Antagonisten des Konzils:
Arius war ein Presbyter in Alexandria, Ägypten. Er lehrte, dass Christus als Gottes Sohn, im Gegensatz zum Vater, nicht ewig, sondern vom Vater in Zeit geschaffen (gezeugt) worden war. 'Es gab eine Zeit, als er nicht war.' Der Sohn ist das höchste aller Geschöpfe. Dadurch unterscheidet er sich aber wesensmässig vom Vater. In der Fachsprache heisst das, dass er die Essenz oder Substanz Gottes nicht teilt. Arius formulierte:
Derjenige, der ohne Anfang ist [der Vater], machte den Sohn zum Ursprung der Geschöpfe… Er besitzt nicht das, was Gott eigentlich eigen ist. (Zitiert in Athanasius, De Synodis, 15)
Jesus ist nicht Gott, Punkt.
Bischof Alexander von Alexandria bekundete grosse Mühe mit dem Verständnis, dass Jesus eine geschaffene Kreatur sein soll, egal auf welch hoher Stufe er für Arius stehen mochte. Denn er sah den christlichen Erlösungsglauben gefährdet. Wenn Christus nicht wahrer Gott ist, kann er die Menschen auch nicht wirklich mit Gott versöhnen, lautete die Logik, die Athanasius später systematischer ausarbeiten würde (siehe weiter unten). Für Alexander war eines klar: Gottes Sohn ist ewig und 'aus dem Wesen (ousia) des Vaters herausgegangen' und darum wesensgleich (homoousios) mit dem Vater. Er berief sich auf den Johannes-Prolog: 'Das Wort war Gott.' (vgl. Joh. 1,1) Die Bibel spielte also bei der ganzen Diskussion eine wichtige Rolle (übrigens auch für Arius, der argumentierte, dass der Sohn von Gott 'geschaffen' wurde, gemäss Kol. 1,15: 'Der Sohn ist der Erstgeborene, der über der ganzen Schöpfung steht'). Was bei Alexander noch nicht vollends klar wurde und noch ein paar Jahrzehnte im Fass gähren musste, war die grosse trinitarische Frage: Wie kann Jesus wesensgleich mit dem Vater sein und sich dennoch von ihm unterscheiden? Wie kann Gott eins und dennoch zwei, oder wenn wir den Heiligen Geist mit einrechnen, drei sein?
In dieser Hinsicht müssen wir uns bewusst sein, dass Arius seine Theologie nicht einfach als ein nettes Hobby betrieb. Für ihn stand viel auf dem Spiel. Sein Kritikpunkt war, dass Alexander, indem der dem Sohn 'Wesensgleicheit' zugestand, letztlich zwei Götter kreiere und somit gegen das monotheistische Bekenntnis der Bibel stehe (5. Mose 6,4). Er unterstrich seine Auslegung mit Bibelstellen, die aussagen, dass Jesus sich dem Vater unterordnet (z. B. Joh. 14,28) und darum nicht GOTT auf derselben Stufe sein kann.
Der Streit zwischen Alexander und Arius blieb nicht unter vier Augen, sondern breitete sich überregional aus. Wir verzichten auf die Details und erwähnen nur dies: Bevor das berühmte Konzil in Nikäa über die Bühne gehen sollte, fand bereits ein Konzilchen in Antiochien, im Frühjahr 325 n. Chr. statt, bei dem eine Gruppe von plus-minus-aber-nicht-zu-hundert-Prozent-pro-Arius-gestimmter 'Eusebianer' dominierte. Diese Gruppe, die ihren Namen von den beiden Eusebiusen - Eusebius von Nikomedia und Eusebius von Cäsarea - bekam, sah die Sache noch etwas anders als Alexander (aber nicht ganz so radikal wie Arius): Der Sohn ist dem Vater untergeordnet (Subordination). Er ist zwar dem Vater ähnlich, aber nicht wesensgleich (wieder war homoousios das Problemwort). Das Konzil war ein Versuch, Einfluss in diese Richtung zu nehmen und so einen breiteren theologischen Strom gegen die strikten Homoousianer wie Alexander zu vereinen. Jetzt spürte auch Kaiser Konstantin, dass da etwas Explosives im Busch war und man diesen theologischen Disput angehen müsse, um der Einheit des Reiches willen. So berief er das Konzil in Nikäa als erstes ökumenisches Konzil ein. Also mischte sich die Politik ein. Dennoch ging es in Nikäa vordergründig um theologische Fragen. Ich finde es gar nicht so schlecht, dass ein Politiker sich für theologische Fragen interessiert und sich in Folge sogar 'orthodox' positioniert. [2]
Wenn wir uns das Konzil als Fussballmatch vorstellen wollen, haben wir auf der einen Seite die Gruppe rund um Alexander mit dem jungen Athanasius, die pro-homoousios-Gruppe - auf der anderen Seite die Gruppe der Eusebianer (radikal und gemässigt), die anti-homoousios-Gruppe. Auch Arius war anwesend, aber nur als Zuschauer, weil er als exkommunizierter Bischof kein Stimmrecht hatte. Marcellus von Ankyra war rechter Aussenstürmer des pro-homoousianischen Teams, aber seine Flankenschüsse erwiesen sich als radikaler als Nikäa selbst (dazu im nächsten Artikel). Schiedsrichter des Spiels war Bischof Ossius von Cordoba (eigentlich ins pro-Team gehörend), der - so nimmt man an - die Sitzung leitete. Soweit die Teams. Über den Ablauf des Spiels wissen wir dann leider nur wenig, das sich aus Fragementen verschiedener Schreiben zusammenkleben lässt. Wie sehr Konstantin Einfluss nahm bleibt unklar (war er aktiv an der Diskussion beteiligt oder an seinem Smartphone?). Dass die Eusebianer unter Druck gerieten ist klar, obwohl Eusebius von Cäsarea eine wichtige Stimme im Konzil gewesen sein soll. [3]
Was wir haben, ist das Resultat der Diskussion in der Form eines Bekenntnisses. [4] Arius wurde dabei verurteilt und die Homoousianer trugen den 'Sieg' davon. Am besten lesen wir das Bekenntnis selbst:
Wir glauben an einen Gott, den Vater, den Allherrscher, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren;
und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, gezeugt aus dem Vater, einziggezeugt, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater, durch den alles geworden ist, was im Himmel und auf Erden ist;
der um uns Menschen und um unseres Heiles willen Fleisch geworden und Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, in die Himmel aufgefahren ist, und kommen wird, zu richten Lebende und Tote; und an den Heiligen Geist.
Diejenigen aber, die sagen: „Es gab [eine Zeit], als er nicht war,“ und „Er war nicht, bevor er gezeugt wurde,“ und dass er „aus dem Nichtseienden geworden“ sei, oder die behaupten, der Sohn Gottes sei „aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit“, oder er sei geschaffen, wandelbar oder veränderbar – diese anathematisiert die katholische und apostolische Kirche.
Soweit also das Bekenntnis, in dem einiges an Schwarzbrot drinsteckt. Das Bekenntnis macht klipp und klar, dass Jesus, der Sohn Gottes, wesensgleich (homoousios) mit dem Vater ist (ὁμοούσιον τῷ πατρί). Er ist aus dem Wesen des Vaters gezeugt, nicht etwa geschaffen. Er ist wahrer Gott. Und damit das nicht einmal dem Kaiser am Smartphone entgeht, fügte das Bekenntnis an, dass 'Himmel und Erden' durch den Sohn geschaffen worden sind. Jesus steht nicht auf der Stufe der Geschöpfe, sondern auf der Ebene des Schöpfers. Das ist eine klare Absage an Arius.
Hat Nikäa die Trinität erfunden? Wir haben gesehen, dass auf allen Seiten mit der Bibel argumentiert wurde. Am Ende setzte sich die Richtung durch, die das biblische Material als Ganzes am besten in ein kohärentes System brachte (meine Meinung!). Natürlich hat man, um das Ganze sprachlich abzurunden, auf griechisches (philosophisches) und also ausserbiblisches Vokabular zurückgegriffen. Aber die berühmt-berüchtigte These, dass die nikänische Theologie eine damals neuere 'griechische' Weiterentwicklung war und sich nicht auf das biblische Gottesbild stütze, ist Unsinn.

Warum ist das Nikänische Bekenntnis für uns (Evangelikale) so wichtig?
Nun kann man sich fragen, warum die nikänischen Formulierungen über den Status von Gottes Sohn so ins Gewicht fallen. Natürlich standen die ersten Christen vor der grossen Herausforderung, das monotheistische Bekenntnis des Alten Testaments Es ist kein Gott außer dir (2. Sam 7,22) mit den apostolischen Aussagen des Neuen Testaments, dass Jesus Gott ist, in eine gescheite Verbindung zu bringen. Denn genau das ist es, was die Apostel implizierten. Sie nannten Jesus kyrios - HERR - und griffen damit auf JHWH, den Bundesnamen Gottes im Alten Testament zurück. Denn die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments übersetzte JHWH mit kyrios. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es der Selbstanspruch des Messias war, der ihn in einen Konflikt mit den jüdischen Führen und Schriftgelehrten brachte. Er vergab Sünden, etwas das eigentlich nur Gott tun kann (Mk 2,5-7). Oder er verfügte über den Sabbat, etwas das auch nur Gott tun kann (vgl. Mk 2,27-28). Die Frage war absolut berechtigt: Wie kann Gott nur einer sein, wenn nun Jesus mit diesem Gottstatus auf den Plan tritt? Haben wir nun einen Gott oder zwei Götter? Die Antwort der jüdischen Elite war ja dann eine andere als die Antwort, die die Apostel fanden.
Es war gut, dass unsere Väter damals die Mühe nicht gescheut haben, sich mit diesem Thema herumzuschlagen und zur Einsicht kamen, dass Jesus ganz Gott ist, wesenseins mit dem Vater, gezeugt von seiner Essenz. Dazu gäbe es viel zu sagen. So Gott will ein andermal. Was ich hier noch kurz explorieren möchte ist, warum Nikäa gerade für uns Evangelikale wichtig sein könnte. Meine These ist nämlich, dass das Evangelium, das wir so gerne betonen, ohne diese trinitarische Grundlage auf recht wackeligen Füssen steht, respektive zu einem Pseudoevangelium verkommt. Wie das?
Um meine These zu belegen, schicken wir Arius gegen Athansius in den Ring. [5] Wie wir gesehen haben, war Jesus Christus für Arius das höchste geschaffene Wesen. Jesus kann Gott zwar 'repräsentieren', aber immer nur indirekt innerhalb seiner geschöpflichen Grenzen. Wenn Philippus Jesus bittet, ihm den Vater zu zeigen, müsste der arianische Jesus konsequenterweise etwa so antworten: 'Ich zeig euch einfach das vom Vater, was ich als höchstes Geschöpf von ihm gesehen und begriffen habe, mehr nicht. Ich zeige euch eine Version, die man weiterdenken muss.' Was aber antwortete Jesus? "Wer mich sieht, der sieht den Vater. Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?" (vgl. Joh. 14,9b). Keine indirekte Repräsentation also, sondern eine deckungsgleiche Sicht. Arius stimmt uns sogar zu:
Selbst für den Sohn ist der Vater unsichtbar, und das Wort kann seinen eigenen Vater weder vollkommen noch genau sehen oder erkennen; … was Er weiß und sieht, weiß und sieht Er im Verhältnis zu Seinem eigenen Maß …. (Arius, zitiert in Athanasius Orationes Contra Arianos, 3,38)
Wenn Arius am Ende des Tages das Sagen gehabt hätte, hätten wir mit Jesus nur einen Lehrer, der Dinge über Gott lehrt (und auch dies nicht unmittelbar), aber nicht das wahre Ebenbild des einen Gottes (Kol. 1,15), in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Kol. 2,9). Damit hätten wir aber auch keine echte Gotteserkenntnis. Wir wären lediglich einem Geschöpf begegnet, nicht aber Gott selbst.
Das wäre tragisch genug, denn dann stellte sich als nächstes diese Frage: Könnte so ein Geschöpf, so erhaben es auch sein mag, uns tatsächlich erlösen und mit Gott vereinen? Athanasius meint Nein: „Was von Gott getrennt ist [im Sinne von was 'nicht-wesensgleich mit Gott ist'], kann nicht retten.“ (Orationes 2,69) Warum? Weil nur Gott selbst uns seine Gemeinschaft und sein Leben schenken kann. Nur wenn Christus wirklich Gott ist, kann er Gottes eigenes Leben zu uns bringen und uns dabei vergöttlichen. Ein geschaffenes Wesen könnte uns niemals über sich selbst hinaus auf eine höhere, die göttliche Stufe heben. Gott selbst kam 'vom Himmel herab, um uns in den Himmel hinaufzuholen'. Das ist doch die ganze Logik des Evangeliums. In den Worten von Athanasius:
Denn er wurde Mensch, damit wir vergöttlicht werden. (De Incarnatione Verbi Dei, Kap. 54,3)
Auch wenn die Vergöttlichung des Menschen (gr. theosis) kein geläufiger evangelikaler Begriff ist, ist es genau das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass Jesus uns mit Gott vereint, heiligt und letztlich verherrlicht oder vervollkommnet, um es ganz altmodisch auszudrücken (Römer 8,30). Noch einmal Athanasius, weil er hier so richtig gut ist:
Wenn der Sohn ein Geschöpf wäre, könnte er nicht unser Retter sein. Denn kein Geschöpf kann ein anderes Geschöpf vergöttlichen. Nur Gott selbst vergöttlicht. (Orationes, 1.39–40, sinngemässe Übersetzung)
Was wären die Konsequenzen eines arianischen Evangeliums? Ein Richtungswechsel: Nicht Gott kommt zu uns herab, um uns zu sich heraufzuholen, sondern wir müssten uns aus eigener Kraft nach oben arbeiten, wie der Bergsteiger auf den Mount Everest. Jesus Christus würde dann zu einem Vorbild, dem wir nachfolgen, der erste Bezwinger des Berges. Ich gebe zu, dass Arius das nirgendwo explizit so sagte, jedenfalls nicht in den fragmentarischen Fetzen, die wir heute noch von ihm haben. Doch meine ich, dass diese Botschaft implizit mitschwingt, wenn Arius vor allem betont, dass Jesus als geschaffenes Wesen uns durch seinen Gehorsam erlöst.
Wie Gott ihn wollte, so ist der Sohn; und als Er geschaffen war, gehorchte Er und so wird Er ‚Herr‘ genannt in Anerkennung seines zukünftigen Gehorsams. (Fragment aus der Thalia, überliefert bei Athanasius, De synodis 15)
Ganz anders bei Athanasius. Bei ihm geht es nicht um ethisch-moralische Nachahmung, sondern um ontologische Transformation (hier ging der Theologe mit mir durch). Was ich meine ist, dass der Mensch so am göttlichen Leben teil hat, dass er in die trinitarische Gemeinschaft hineingenommen ist und so eben 'vergöttlicht' wird - und das alles aus purer Gnade. All das ist ein Geschenk Gottes. Dabei ist die Inkarnation des Gottessohnes die höchste Form von Gnade: 'Er wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden.' Lassen wir das Schlusswort diesem grossen Theologen selbst (und wie ich finde, klingt er doch schon fast evangelikal):
Es ist also in ihm das Menschengeschlecht vervollkommnet worden und wurde wieder so hergestellt, wie es auch im Anfang gewesen war oder vielmehr mit noch größerer Gnade. Denn wenn wir von den Toten auferstanden sind, fürchten wir den Tod nicht mehr, sondern wir werden in Christus immer im Himmel herrschen. Das aber ist geschehen, weil das eigene und aus dem Vater stammende Wort Gottes selbst das Fleisch anzog und Mensch geworden ist. Denn wenn es als Geschöpf Mensch geworden wäre, dann wäre der Mensch nichtsdestoweniger geblieben wie er war, nämlich ohne Verbindung mit Gott. Denn wie hätte es als Geschöpf durch ein Geschöpf sich mit dem Schöpfer verbinden können? Oder was für eine Hilfe hätten ähnliche Wesen von ihresgleichen erwarten können, wenn doch auch sie derselben Hilfe bedurften? Wie aber vermochte das Wort, wenn es ein Geschöpf war, das Urteil Gottes aufzuheben und die Sünden nachzulassen, da doch geschrieben steht bei den Propheten, daß dies Sache Gottes ist? „Denn welcher Gott ist wie Du, der Du die Sünden wegnimmst und über die Missetaten hinweggehst. Denn Gott sprach: „Du bist Erde und wirst zur Erde zurückkehren“. Die Menschen aber sind als Sterbliche entstanden. Wie wäre da möglich gewesen, daß die Sünde von den entstandenen Wesen wäre hinweggenommen worden? Vielmehr hat sie der Herr selbst weggenommen, wie er gesagt hat: „Wenn auch der Sohn nicht befreit. Und es hat der Sohn, der euch frei gemacht hat, in Wahrheit gezeigt, daß er kein Geschöpf noch auch eines von den gewordenen Wesen ist, sondern das eigene Wort und Bild der Substanz des Vaters, der auch im Anfang das Urteil gesprochen hat und allein die Sünden nachläßt. Denn da im Worte ausgesprochen ist: „Du bist Erde und wirst zur Erde zurückkehren“, so ist folgerichtig durch das Wort selbst und in ihm die Freiheit und die Aufhebung des Verdammungsurteils eingetreten. (Orationes contra Arianos 2,67)
Zum Schluss: Was geschah eigentlich nach Nikäa?
Das nikänische Bekenntnis ist eine saubere (und damit meine ich Bibel-gemässe) Formel des orthodoxen Trinitätsverständnis der Kirche. Darum feiern wir es in diesem Jahr. Und wie ich gezeigt habe, haben gerade wir Evangelikalen grossen Grund mitzufeiern. Das Bekenntnis von Nikäa gehört zu den fundamentalsten Grundlagen unseres christlichen Glaubens, auf denen das Evangelium sicher ruht. Nimm dieses Fundament weg und das Evangelium mutiert zu etwas anderem, einem Pseudoevangelium der Selbsterlösung.
Wo stehen wir heute? Die Beschäftigung mit der Trinität erlebte im Anschluss an Figuren wie Karl Barth oder Karl Rahner im 20. Jahrhundert einen neuen Aufschwung (wenn auch nicht im nikänischen Sinne, aber das wäre ein anderes Thema). Klar, das ist die Spielwiese der Theologen. Im Gemeindealltag einer typisch evangelikalen Kirche kam die Trinität nicht unbedingt häufiger an. Aber vielleicht liesse sich das ändern? Es ist klar, dass wir ab jetzt nicht mit solchen Begriffen wie ousia oder homoousios von der Kanzel predigen müssen, damit die Leute nikänischer werden. Wahrscheinlich würden sie ihr Smartphone hervorholen und durch Instagramm swipen (Nikäa, tönt doch nach einer schönen Urlaubsdestination in Griechenland). Ich würde einen anderen Weg vorschlagen. Ich würde zeigen, wie durch und durch trinitarisch unser Evangelium bereits ist. Wenn dann hier und dort der Groschen fällt, kann man sich auch mal etwas 'hinter das Evangelium' zurückarbeiten, in das Wesen Gottes, der sich im Evangelium trinitarisch offenbart hat.
PS: Mir ist bewusst, dass wir den Heiligen Geist hier gar nicht thematisiert haben. so wie er auch im Nikänum nur kurz erwähnt wird. Das hat historische Gründe. Beim Nikänum ging es um die Einordnung der Person Jesu. Später dann wurde der Heilige Geist auch mehr zum Thema und Diskussionspunkt. Mit Nikäa war der Boden vorbereitet, um auch den Heiligen Geist als 'wahren Gott' zu sehen.

[1] Siehe z. Bsp. Jan-Heiner Tück & Uta Heil, Das erste Konzil. Historische, theologische und ökumenische Perspektiven.
[2] Dass sich Konstantin hinter die homoousios-Formel stellte, schreibt Eusebius von Cäsarea in seinem Brief des Eusebius von Cäsarea an seine Diözesanen.
[3] Ich orientiere mich hier an der Darstellung von Lewis Ayres in Nicaea and its Legacy, ein Buch, das die relativ neuere Forschung über Nikäa darlegt und bespricht.
[4] Das Bekenntnis ist uns in mehreren verlässlichen Quellen gut überliefert (siehe z. B. Athanasius, De synodis)
[5] Ich beziehe mich hier auf mehrer Quellen wie Thalia von Arius (fragmentarisch vor allem durch Athanasius' Schriften überliefert), sowie die wichtigen Abhandlung von Athanasius in De incarnatione und einiges später und ausgereifter De synodis.



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