• matt studer

Wer bin ich? Gender, Identität und das Evangelium (Teil 2)


Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «ein neuer Mensch» in Christus Jesus.

(Galater 3,28)



Wie hat Gott sich das Menschsein eigentlich so gedacht? Und wie geht Gottes Idee von Sex? Und überhaupt, hat die Kirche diese Idee über die Jahrhunderte begriffen, oder war es die sexuelle Revolution, die uns erstmalig und endlich aufgeklärt hat? [1]


Machen wir uns nichts vor. Die Kirche ist nicht unschuldig wenn es ums Thema Sexualität geht. Und ich meine jetzt gar nicht einmal die zu vielen Missbrauchsskandale (aber die natürlich auch!). Während die Bibel alles andere als prüde und Sex-verneinend ist (lies mal das Hohelied oder den Propheten Hesekiel Kapitel 16), war die Kirche oftmals viel zu langweilig und hat beim Thema Sex verlegen hinter der Hand gehustet und einen Mantel der Scham darüber gebreitet. Wir müssen wieder sehen, dass die Bibel überhaupt nicht platonisch ist. Sie bejaht den Körper durch und durch. Sie spricht über Sex und macht kein verklemmtes Geheimnis daraus. Aber das ist gar nicht das eigentliche Thema hier.


Identität und Freiheit gemäss der Bibel

Das Mantra unserer Gesellschaft lautet, 'ICH fühle und darum bin ich', das christliche Mantra dagegen, 'DU bist Gott und darum bin ich'. Der Unterschied könnte nicht grösser sein. Bei der ersten Variante bin ICH es, der bestimmt. Meine Identität ist in keiner Weise gegeben, geerbt oder empfangen. Ich definiere sie für mich, gemäss meinem inneren Gefühl. Bei der zweiten Variante bin ich von Beginn an abhängig von Gott und stehe in Beziehung zu ihm. 'Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter.' (Psalm 139,13) Nicht ich bestimme, wer ich sein möchte. Meine Identität wird mir gegeben. Ich empfange sie als Geschöpf Gottes aus der Beziehung mit ihm.


Wer kennt nicht die Filme, bei denen der Protagonist zuerst in eine tiefe Krise schlittert, um dann seine persönlichen, inneren Ressourcen anzuzapfen, damit er die Krise endlich überwindet und zum Helden wird. Die Lösung zur Überwindung seiner Probleme liegt in ihm vergraben und muss nur entdeckt und freigelegt werden. Seien es Batman, Luke Skywalker oder fast sämtliche Walt Disney Movies, die Story räsoniert gut mit uns, weil wir irgendwie glauben (wollen), dass jeder und jede ein Held und eine Heldin sein kann und dass er oder sie sich letztlich selber dazu machen kann (ok, vielleicht mit etwas Hilfe von aussen, wobei aber diese Hilfe meistens nur einen Anstoss gibt 'in sich selbst' nach der Lösung, nach der Kraft, nach dem nötigen Potenzial zu suchen).


Ist es der Mensch, der sich selbst kreiert? Bestimmt unser inneres Gefühl oder unsere Intuition darüber, wer und wie wir sind? Die Narrative unserer Zeit verheißt uns soviel: Sei dich selbst! Entdecke dich selbst! Bestimme dich selbst! Die Freiheit scheint grenzenlos. Sie kann dazu führen, dass jemand sich als Katze identifiziert, wenn sie sich so fühlt. Es ist eine bodenlose Freiheit, wie dieser Artikel beschreibt:

Neben den Otherkins, die sich mit Tieren identifizieren, gibt es auch Leute, die sich selbst als mystische Kreaturen—zum Beispiel Drachen, Feen oder Vampire—sehen oder sogenannte Fictionkins, die sich mit fiktionalen Charakteren—zumeist aus Animeserien oder Videospielen—identifizieren. Darüber hinaus gibt es noch Weatherkin ... die sich selbst als Wettersystem betrachten, Conceptkin, die sich selbst mit abstrakten Konzepten identifizieren, Spacekin, die sich als Himmelskörper fühlen und viele weitere verworrene Kategorien (wie Musickin, Timeperiodkin—und viele mehr).

Das sind extreme Beispiele mit denen sich die allerwenigsten von uns 'identifizieren' werden. Doch zeigen sie, wohin eine überspitzt individualistische und schrankenlose Freiheit führen kann. Die Bibel dagegen vertritt eine ganz andere Definition von Freiheit:

Geschwister, ihr seid zur Freiheit berufen! Doch gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe. (Gal 5,13)

Biblische Freiheit ist kein rein individualistisches Gut. Sie führt sogar dazu, dass man nicht immer auf 'sich selbst' hört, dass man seinen eigenen Wünschen nicht immer nachgibt. Biblische Freiheit führt zum Gegenüber, zur Nächstenliebe. Und weiter:

Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8,31-32)

Biblische Freiheit ist ganz eng mit göttlicher Wahrheit verwoben. Nur was dem göttlichen Willen entspricht, macht wirklich frei! Tönt das wie eine Freiheit, deren Flügel gestutzt wurden, damit sie nicht mehr davonfliegen kann? Die Story des Individualismus macht uns dies glauben. Doch verheimlicht sie uns etwas: wahre Freiheit kommt immer mit Grenzen. Denk nur an den Fisch, der ausserhalb des Wassers nicht mehr ganz so frei ist. Oder das Kind, das ohne elterliche Autorität, die auch Begrenzung auferlegt, nicht unbedingt frei, sondern in Lebensgefahr ist. Es kommt eben darauf an, wie man Freiheit definieren möchte. Heisst Freiheit, dass ich tun und lassen kann was ich will, solange es niemandem sonst schadet? Oder bedeutet Freiheit, dass ich gewisse Grenzen, die mir von aussen (oder vielleicht sogar von oben?) gegeben sind, anerkenne und darin lebe?


Freiheit kann auch sehr unterschiedlich erlebt werden. Was Hollywood und Co. als einengende Zwangsjacke darstellen, erlebe ich als wahrhaft befreiend. Ich empfinde es zum Beispiel als enorme Freiheit, dass ich mich auf eine einzige Frau in meinem Leben 'beschränkt' habe. Das ermöglicht mir die unglaubliche Freiheit, in dieser Beziehung 'sicher' zu sein und mich langfristig zu entspannen. Was für ein Stress, wenn ich nie wüsste, wie lange meine Beziehung noch halten wird und mich ständig nach neuen Optionen umschauen müsste. Was für ein Segen für unsere Kinder, ihnen diese Stabilität geben zu können! Was für eine Chance, einen bestimmten Menschen mein Leben lang besser kennenzulernen und zu begleiten. Auch wenn eine Ehebeziehung die wohl anspruchsvollste und arbeitsintensivste Beziehung ist, die es gibt, überwiegen für mich die Vorteile gegenüber einem 'freieren', autonomerem Leben.


Was hat Gott sich dabei gedacht und warum sind wir überhaupt sexuelle Wesen?

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, als sexuelle Wesen schuf er sie (Gen 1,27). Der Mensch ist für Beziehung geschaffen. Er ist für eine sexuelle Beziehung geschaffen: 'Darum verlässt ein Mann seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.' (Gen 2,24) Ja, die Bibel spricht auch über die Realität von Singles (wir sollten es auch mehr tun). Jesus und Paulus waren solche Singles. Die Bibel spricht auch viel über den menschlichen Körper. Der Körper ist von Gott geschaffen, 'kunstvoll gebildet' (Psalm 139,15). Der menschliche Körper ist für Gott so heilig, dass er zu einem Tempel des Heiligen Geistes wird (1 Kor, 6,19). Und wenn wir nicht in den göttlich festgesetzten Bahnen der Sexualität bleiben, schaden wir damit unserem eigenen Körper (1 Kor 6,18).


Wenn Gott den Menschen als sexuelles Wesen geschaffen hat, warum hat er dem Sex dann solch gefühlt 'einengende' Begrenzungen auferlegt? Wieso das Schild 'erst ab 18'? Und wenn wir schon dabei sind, warum sollte er den menschlichen Körper auf männlich und weiblich 'begrenzt' haben? Die Single-Sache spielt hier mit hinein: wieso sollten Singles sexuell enthaltsam leben (so wie Jesus und Paulus) und Sexualität nur auf eine Mann-Frau-Ehe 'limitiert' werden? Ich bin mir bewusst, dass das, was ich jetzt schreiben werde zu hundert Prozent gegen den kulturellen Strich unserer Zeit geht. Und trotzdem muss diese biblische Story erzählt und gehört werden. Es könnte durchaus sein, dass sie befreiend wirkt!


Also, es geht Gott um mehr (aber nicht weniger), als dass wir unserem Körper schaden, wenn wir uns ausserhalb der gesetzten (sexuellen) Grenzen bewegen. Gott verfolgt ein hohes Ziel, wenn er Mann und Frau in einer Ehe zusammenbringt:

Erinnert euch an das Wort: »Ein Mann verlässt seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.« Das ist ein großes Geheimnis. Ich deute dieses Wort auf die Verbindung zwischen Christus und seiner Gemeinde. (Eph 5,31-32)

Relativ radikal, oder? Die (sexuelle) Verbindung zwischen Mann und Frau in der Ehe steht als Bild für eine noch grössere Realität: Die exklusive Verbindung von Christus und seiner Braut, der christlichen Gemeinde. So wie sich Jesus treu und kompromisslos für seine Braut hingibt (er wechselt seine Bräute nicht wie Unterhosen), so soll unsere Sexualität treu und dauerhaft sein. Jesus hätte allen Grund, uns unterwegs links liegen zu lassen, so oft enttäuschen wir ihn. Doch er steht treu zu uns und gibt uns nicht auf. Der Ehebund - 'bis dass der Tod uns scheidet' - steht für dieses göttliche Commitment.


Natürlich gibt es auch ein Einssein in freundschaftlichen Beziehungen. Doch was drückt eine komplette Einheit besser aus als die lebenspraktische, seelisch-freundschaftliche und sexuelle Verbindung in einer dauerhaften und 'sicheren' Beziehung, in der selbst das Bankkonto eins wird (aus zwei)? Die Bibel lehrt dich, dass deine Beziehung zu Gott nicht rein 'platonisch' stattfindet. Keine Angst, ich rede hier nicht von 'Sex mit Gott'! Wir müssen dieses Bild übertragen (es ist ein Geheimnis, sagt Paulus). Der Psalmist schreibt:

Meine Seele sehnt sich, sie schmachtet nach den Vorhöfen des HERRN, mein Herz und mein Leib, sie rufen zum lebendigen Gott. (Psalm 84,3)

Beziehung mit Gott umfasst unsere tiefsten inneren Wünsche und leidenschaftlichsten Sehnsüchte, unser ganzes Menschsein. Als Menschen sind wir so gemacht, dass wir mit Herz, Leib und Seele nach Gott verlangen und erst dann 'befriedigt' werden, wenn wir Gott gefunden haben. 'Meine Seele ist unruhig, bis sie ruhig wird in dir', wie Augustinus gesagt hat. In diesem Sinn haben wir eine 'erotische' Beziehung mit Gott. Nicht körperlich, aber indem wir eine Tiefe und Einheit erfahren, die wir auf einer rein freundschaftlichen Ebene nicht erfahren würden. Und entlang dieser Linie ist auch der biblische Imperativ zur Enthaltsamkeit für Singles zu verstehen. Christlich sexuelle Enthaltsamkeit bringt zum Ausdruck, dass ein Mensch sich ganz Gott verpflichtet. Weil er in keiner Ehebeziehung lebt, hat er auch viel mehr Kapazität in seine Beziehung mit Gott zu investieren. Er oder sie nimmt damit eine Realität vorweg, die später für alle Christen gelten wird:

Diejenigen, die für würdig erachtet werden, von den Toten aufzuerstehen und an der kommenden Welt teilzuhaben, heiraten dann nicht mehr. (Lukas 20,35)

Heiraten ist dann auch nicht mehr nötig, weil wir Christus 'von Angesicht zu Angesicht' sehen werden und unsere Einheit mit ihm dauerhaft und komplett sein wird. Das Bild der menschlichen Ehe wird dann hinfällig geworden sein.


Gender, das Evangelium und meine Identität (oder: Sexualität nach dem Sündenfall)

Was hat das jetzt alles mit Gender, mit der Frage nach meiner wahren Identität zu tun? Als konservativerer Christ glaube ich an eine Schöpfungsordnung. Ich glaube, dass Gott den Menschen als Mann und Frau zur Beziehung miteinander geschaffen hat. Jesus selbst bestätigt diese Ordnung im Neuen Testament (Mt 19,6). Darum glaube ich, dass ein Leben gemäss der Schöpfungsordnung wahre Freiheit bedeutet. Frei sein heisst so zu leben, wie Gott es sich gedacht hat, mit der Maserung und nicht gegen sie. Doch der Sündenfall verkompliziert diese Angelegenheit. Jetzt gibt es plötzlich Momente der Unklarheit und Unsicherheit. Wie genau verläuft meine Maserung? Bin ich nun Mann oder Frau, oder etwas von beidem? Was in der Schöpfung offensichtlich war, ist jetzt manchmal schmerzhaft verworren, selbst für Christen.


Impliziere ich damit, dass wir in punkto Gender als konservativere Christen fluider und flexibler denken müssten, um dieser gefallenen Welt Rechnung zu tragen? Nein, wir dürfen (und sollen) die Schöpfungsordnung nach wie vor hochhalten. Ich meine aber, dass wir damit rechnen müssen, dass selbst das Leben als Christ nicht immer einfach und kampflos geht. Ja, es gibt die Beispiele, in denen Gott Genderdysphorie wirklich geheilt hat und Menschen sich wieder mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren konnten. Es gibt aber auch genug Beispiele, bei denen das nicht so reibungslos geklappt hat. Menschen, die nach wie vor mit Ängsten und Unsicherheiten kämpfen, die sich aber zur Klarheit der Bibel stellen und die lernen wollen, mit inneren Widersprüchen gemäss des Evangeliums umzugehen. Der Theologe Owen Strachan schreibt dazu:

Unsere Kultur sagt uns, dass wir gut sind so wie wir sind und dass, wenn wir dies anerkennen, es uns heil machen wird. Die Bibel dagegen sagt uns, dass wir uns von unserer zerbrochenen Existenz abwenden sollen und dass die göttliche Gnade uns schlussendlich heil machen wird. Die eine Sicht lässt uns als Opfer zurück, in einem ständigen Kreislauf der Selbstbestätigung, der unsere Sünde und unser Leiden nie wirklich adressiert. Die andere Sicht lässt uns nicht (nur) Opfer sein, sondern geht ehrlich mit der Dunkelheit unseres Herzens und der Welt um und ruft uns dazu auf, in den neuen Pfaden der Gnade zu gehen. [2]

Ein Christ kann diesen Weg nur dann gehen, wenn er überzeugt ist, dass dies der Weg ist, der in die Freiheit führt (Joh 8,31-32). Dass Gott ihn ursprünglich gut geschaffen hat, selbst wenn seine existenzielle Realität sich momentan anders anfühlt. Mehr noch darf er wissen, dass Gott ihn neu kreiert. Bereits jetzt schon ist er eine neue Kreation in Christus (2 Kor 5,17) und darf sich gewiss sein, dass er am Ende als ganzer Mensch vollständig in das Bild von Christus transformiert werden wird (2 Kor 3,18).


Ein solcher Weg ist heute alles andere als populär. Eher noch wird er als ungesund und gefährlich deklariert. Kann verzichten (gerade im Sexuellen) überhaupt gesund sein? Als Christen sind wir anders gepolt (oder sollten es zumindest sein!). Wir sind uns bewusst, dass jeder Christ auf eine Art und Weise mit seiner sexuellen Identität kämpft. Keiner von uns lebt das sexuell reine Leben, das Gott von uns möchte. Wir sind alle aufgefordert, immer wieder zu Gott umzukehren und unsere Sehnsüchte bei ihm zu stillen. Nur bei Gott finden wir das Leben und die Identität nach der sich unser Herz zutiefst sehnt.


Kehren wir noch einmal zu Sam zurück, der Transgender-Person, der wir im letzten Artikel begegnet sind. Sam hat eine Sehnsucht:

Vielleicht gibt es eine Zukunft, in der ich wieder ich selbst sein kann. Vielleicht wird das eine rosigere Zukunft – oder auch eine blauere. Doch bis dahin werde ich nur in meinem grau angestrichenen Zuhause wirklich ich selbst sein.

Ja, diese Zukunft gibt es! In Christus kann jeder eine Heimat finden, ob Sklave oder freier Bürger, ob Mann oder Frau oder in Unsicherheit darüber, ob verheiratet oder Single. Die Identität, die Gott uns als seine Töchter und Söhne schenkt, darf über allen anderen 'Identitäten' thronen, denn nur sie macht uns wirklich frei. Wir dürfen Gott kennen und von ihm erkannt werden (Gal 3,9). Und mehr brauchen wir eigentlich nicht, um glücklich und erfüllt zu leben. Denn ...


Das ewige Leben zu haben heißt, dich zu kennen. (Joh 17,3)



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[1] Mein Ziel in diesem Artikel ist, die Schönheit und Trefflichkeit der göttlichen Idee von Sex und Identität aufzuzeigen und also weniger, meine Grundannahme, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, exegetisch zu belegen (was aber für mich aufgrund des biblischen Zeugnisses der ganzen Bibel klar hervorgeht).

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[2] Aus dem Buch 'Understanding Transgender-Identities' von James K. Beilby und Paul Rhodes Eddy, Seite 82.

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