• matt studer

Und das Evangelium des Königreichs, bitte schön? Jesus versus Paulus?



Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt worden. (Lukas 3,43)


Im Übrigen ist die Botschaft, die wir verkünden – ob nun ich oder die anderen Apostel –, immer dieselbe, und diese Botschaft ist es auch, die ihr im Glauben angenommen habt. (1. Korinther 15,11)



Im letzten Artikel habe ich mich für die klassisch evangelikale Version des Evangeliums stark gemacht. Wie ich finde, muss jede systematische Präsentation des Evangeliums bei dieser zentralen Frage beginnen: 'Was muss ich tun, damit ich gerettet werde?' (Apg 16,30) Und die richtige Antwort würde dann lauten: 'Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und alle, die in deinem Haus leben!' (V. 31) Die gute Nachricht betrifft den einzelnen Menschen vor Gott und wie er aus einer Beziehung der Feindschaft in eine versöhnte Beziehung mit seinem himmlischen Vater kommen kann (Röm 5,13). Ja, ich meine, dass dies nicht nur die evangelikale, sondern die biblisch richtige Lösung ist!


Nun sind wir bei weitem nicht die ersten, der diese Form des Evangeliums als zu eng, zu individualistisch und zu jenseitig-orientiert aufstösst. Mehr noch, ein solches Evangelium verstärkt doch gerade unseren selbstischen Fokus, nicht? Egal, wenn die Welt um mich in Flammen steht, ICH komme ja in den Himmel. Etwas weniger radikal wäre: Lassen wir diese Welt den Bach runter gehen, aber retten wir noch so viele Seelen wie möglich von diesem sinkenden Schiff. In einer Zeit des kollektiven Bewusstseins für die globalen Probleme - das Klima, soziale Ungerechtigkeit, Armut, Krieg und Rassismus - wirkt ein individualistisches Evangelium ziemlich unplausibel (auch wenn es so manchem Christen in der evangelikalen Subkultur warm ums Herz wird).


Zwei Versionen des Evangeliums? Ewiges Leben oder Gottes Reich auf Erden

Je nachdem in welchen christlichen Milieus du verkehrst, ist dir bestimmt schon diese Präsentation des Evangeliums begegnet:

Gottes Evangelium ist die gute Nachricht, dass Jesus König ist. Durch seinen Tod und seine Auferstehung befreit er die Menschen von allen Mächten des Bösen und heilt alle Wunden dieser Welt. Er bringt alles wieder ins Lot - die Beziehung zu dir selbst, deinen Mitmenschen und zur Schöpfung. Und er kreiert seine Kirche als eine 'königliche Kolonie', einen Vorposten seines Reichs - eine Gemeinschaft, die sich am göttlichen Plan der Erneuerung dieser Welt beteiligt und darauf hinwirkt, dass Gottes Reich nicht nur im Himmel, sondern vor allem auch auf dieser Erde manifest wird.

Die Farbe dieses Evangeliums ist weiss, wie Frieden - oder grün, wie Ökologie. Ein weiss-grüner Christ zeichnet sich dadurch aus, dass er sich für soziale Gerechtigkeit (im Kleinen wie im Grossen), politische und soziale Gleichheit und das Klima einsetzt. Sein Fernziel ist eine bessere Gesellschaft und eine heilere Welt! Sünde versteht er non-individualistisch: Rassismus oder Materialismus sind 'kollektive' Sünden, die sich tief im Bewusstsein einer Gesellschaft eingegraben haben. 'Gefallen' ist nicht primär der einzelne Mensch, sondern die Gesellschaft auf einer strukturellen Ebene. Das Problem sind ungerechte Strukturen, die transformiert werden müssen.


Das Evangelium des Königreichs steht in Kontrast zum Evangelium des Kreuzes mit der Farbe rot. Ein roter Christ feiert das Kreuz als persönliches Geschehnis. Dort am Kreuz trug Jesus seine Sünden fort, sodass er jetzt in einer versöhnten, persönlichen Beziehung mit dem Vater leben kann. Das christliche Leben dreht sich darum, Gott anzubeten und das Event des Kreuzes in Ehren zu halten (darum all die Hymnen übers Kreuz). Was das Reich Gottes anbelangt, tickt der rote Christ tendenziell etwas futuristischer: Jesus wird sein Reich vor allem dann aufrichten, wenn er auf diese Erde zurückkommt. Bis dahin gilt es, dass die gute Nachricht alle Nationen und Volksgruppen erreicht.


Gibt es darum zwei Evangelien, das Evangelium des Königreichs und das des Kreuzes? Ein kosmisches und ein persönliches Evangelium? Ein irdisches und ein himmlisches Evangelium? Vergebt mir, wenn ich diesen Kontrast so zuspitze. Ich tue dies einerseits aus pädagogischen Gründen. Manchmal muss man zuerst die Extreme sehen, um sich im Spektrum besser einmitten zu können. Andererseits ist es leider einfach so, dass solche Polaritäten in der Praxis vorkommen. So wie hier: [1]


Paulus predigte das Evangelium des Kreuzes, die Rechtfertigung durch den Glauben und ein Christsein, bei dem es vor allem um das heilige Leben des einzelnen Christen und um den Aufbau der Gemeinde Gottes geht. Jesus dagegen predigte das Evangelium des Königreichs, die Vision einer neuen sozialen Ordnung für unsere Gesellschaft und einer geheilten Erde. Er speiste mit den Armen und Ausgestossenen und wandte sich gegen das traditionell-religiöse Establishment. Sein Königreich ist viel grösser als die Kirche und weit besser als ein privatisierter Glaube nur für zu Hause.


Jesus oder Paulus? Königreich oder Kreuz?

Können wir Jesus gegen Paulus, die Bibel gegen die Bibel ausspielen? Keinesfalls! Lass mich zeigen warum. [2] Für Paulus handelt das Evangelium nicht ganz überraschend von Jesus:

Dieser stammt seiner irdischen Herkunft nach von David ab, und nachdem er von den Toten auferstanden ist, ist ihm – wie es das Wirken des Heiligen Geistes zeigt – die Macht gegeben worden, die ihm als dem Sohn Gottes zukommt. (Römer 1,3-4)

Jesus ist der verheissene messianische König, der Nachkomme Davids, dem einst ein ewiger Thron versprochen wurde. So äusserte sich Gott damals gegenüber David: [3]

Wenn deine Zeit abgelaufen ist und du stirbst, werde ich dafür sorgen, dass einer deiner Söhne dir auf dem Königsthron folgt, und ich will seiner Herrschaft festen Bestand geben. Er soll dann ein Haus für mich bauen, und ich werde seine Herrschaft und die seiner Nachkommen für alle Zeiten fest begründen. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. Ich will ihm niemals meine Liebe entziehen, wie ich sie deinem Vorgänger entzogen habe, sondern ich werde ihn für immer in meinem Haus und in meiner Königsherrschaft bestätigen. Sein Thron wird für alle Zeiten bestehen. (1. Chronik 17,11-14)

Was bedeutet das anderes, als dass Paulus am Anfang des Römerbriefs auf die gesamte Geschichte Israels und seines Königs anspielt. Jesus ist die Erfüllung all dessen, was Gott seinem Volk verheissen hat (siehe 2. Kor 1,20; Mt 5,17). Und genau diesselbe Betonung finden wir in den Evangelien. Jesus ist der Messias, der verheissene Sohn Davids (Mt 1,1) und der Sohn Gottes (Markus 1,1). Als Jesus so durchs Land zog und fast im Stundentakt Kranke heilte und dämonisch Besessene erlöste, 'verkündete er die Botschaft vom Reich Gottes' (Mt 4,23). Diese Verkündigung umfasst alle Verheissungen Gottes an sein Volk im Alten Testament: Gottes Gegenwart, ein neuer Bund, das gelobte Land, Beseitigung von allem Bösen - kurz: Segen pur! [4] Einen guten Geschmack davon bekommen wir hier:

Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt mit dem Auftrag, den Armen gute Botschaft zu bringen, den Gefangenen zu verkünden, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen werden, den Unterdrückten die Freiheit zu bringen, und ein Jahr der Gnade des Herrn auszurufen. (Lk 4,18.19; vgl. Jesaja 61,1-2a)

Dieser Segenregen kommt durch das Anbrechen des Reich Gottes. Jesus demonstrierte durch seinen Dienst, dass dies keine leeren Versprechungen Gottes waren: Blinde sahen, Lahme gingen, Kranke wurden gesund. Ende gut, alles gut!


Jetzt könnten wir ja eigentlich innehalten und sagen: Da haben wir doch das Evangelium. was brauchen wir mehr! Dabei sollten wir folgendes bedenken: ein Stück des Kuchens ist noch nicht der ganze Kuchen.

Gott hatte durch alle Propheten angekündigt, dass der Messias, den er senden würde, leiden und sterben müsse. Diese Voraussagen hat er durch das, was geschehen ist, in Erfüllung gehen lassen. Kehrt jetzt also um und wendet euch ihm, dem Herrn, zu, damit er die Schuld auslöscht, die ihr durch eure Verfehlungen auf euch geladen habt. (Apg 3,18-19)

Der König kam, um zu sterben, damit er unsere 'Schuld auslöscht'. Wir reden hier von der Dornenkrone Jesu, seinem Leiden und Sterben für uns, wegen unseren Sünden (sowohl in den Evangelien (Mk 10,45), als auch bei Paulus (1. Kor 15,3)). Diese Nachricht hat auch Implikationen für uns: 'Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!' (Mt 4,17) [5] Umkehr ist der Eintritt ins Königreich. Warum auch nicht? Wer sich nicht für den König interessiert, hat auch kein Anrecht auf die Goodies des Reiches. Theologisch noch etwas präziser: Die verheissenen Segnungen des Reich Gottes gelten denen, die sich dem König zuwenden, damit er ihnen ihre Sünden vergibt und sie in sein Reich eintreten können (Apg 2,37-40).


Kreuz und Königreich sind zwei Seiten derselben Medaille. Ohne Kreuz kein Zugang zum Reich. Ohne Dornen keine Krone. Jesus ist zugleich Priester und König.


Heute oder erst Übermorgen? Das Timing des Reich Gottes

Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes, in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden. (Kol 1,13-14)

Wo ist Gottes Reich zu finden? Wann wird es vollständig aufgerichtet sein? Und wo ist eigentlich der König? Alles spannungsvolle Fragen, die bis dato massenweise Bücher verursacht haben. Ich füge diese paar Zeilen hinzu:


Der König ist, 'wie Gott es geplant hat, in den Himmel zurückgekehrt.' (Apg 3,20) Und dort nimmt er 'den ihm gebührenden Platz ein' (Vers 21) bis er kommt um 'die Lebenden und die Toten' zu richten und sein Reich ganz aufzurichten (1. Tim 4,1). Sein Reich ist jetzt 'nicht von dieser Welt' (Joh 18,36) und doch wird es eines Tages in dieser Welt manifest sein. Er wird unsere Erde eines Tages wiederherstellen, so 'wie Gott es schon seit langem durch seine heiligen Propheten angekündigt hat.' (vgl. Apg 3,21) Auch hierin sind sich Jesus und Paulus einig. Der König hat die Herrschaft des Bösen und der Sünde bereits überwunden (Kol 2,13-15; Lk 10,18). Er hat uns aus der Macht der Finsternis in sein Reich errettet (Kol 1,13). Und bei seiner Wiederkunft wird er unsere Erde komplett vom Bösen befreien und ganz erneuern (Röm 8,18-23). Er wird 'in königlichem Glanz auf seinem Thron sitzen' und mit uns zusammen regieren (Mt 19,28).


Als Christen leben wir zwischen zwei Welten, oder in zwei Reichen gleichzeitig. Wir sind unter der Herrschaft des Königs, versetzt in sein Reich und bereits jetzt - durch unsere geistliche Einheit mit ihm - dort wo er ist (Eph 2,6). Und wir leben in einer Welt, die nach wie vor dem folgt, 'der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen.' (Eph 2,2) Solange dieser jemand (ich tippe auf Satan) nicht vom ganz vom Platz gefegt wird und mit all dem Bösen hier unten aufgeräumt wird (Thema Endgericht) fällt es schwer, vom Reich Gottes hier auf Erden zu sprechen. Die Erde seufzt und wartet darauf, dass sie von ihrer Last der Vergänglichkeit befreit wird (Thema Neuschöpfung).


Was heisst das jetzt alles? Das Evangelium ist nicht das Resultat des Evangeliums

Das Evangelium ist nicht etwas, das wir tun könnten, wie zum Beispiel indem wir uns für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Ebenso sind nicht wir diejenigen, die Gottes Reich bauen. Wir empfangen es wie kleine Kinder (Mt 18,3). Das Evangelium ist kein Programm zur Weltverbesserung und keine Demo für Klimagerechtigkeit. Die christliche Kirche ist keine NGO. Ihr Evangelium-des-Königreichs-Leute verwechselt das Evangelium mit dem Resultat des Evangeliums. Wir brauchen zuerst die Farbe rot. Unsere Beziehung mit Gott muss ins Reine kommen und dafür kommen wir am Kreuz nicht vorbei.


Genau genommen ist die Nachricht des Königreichs eine schlechte Nachricht für alle, die nicht zum König gehören. Denn der König kommt um 'zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.' (Psalm 96,13) Erst wenn du dich diesem König zugewandt und von deinen Sünden abgewandt hast, 'wird das Königreich Gottes zu einer uneingeschränkten guten Nachricht, die man gerne hört und von Herzen glaubt.' [6] Erst dann können wir von weiss und grün zu reden beginnen. Davon, dass Gottes Reich sich in unserem Leben und in dieser Welt auszuwirken beginnt, über das Resultat des Evangeliums.


Dabei ist das Timing entscheidend. Es braucht Zeit, leider keine so gute Nachricht für uns schnelllebigen Menschen des 21. Jahrhunderts. Was wir wieder mehr kultivieren sollten, ist die schöne Disziplin der Vorfreude. Sowie der Bräutigam sich bereits monatelang auf das Heimholen seiner Braut freut und sich darauf vorbereitet (sorry für das altmodische Beispiel), leben wir in der Spannung des Erwartens und der Vorfreude auf diesen grossen Tag des Königs, der eine ganz neue Ära einläuten wird.


Was bleibt in dieser Zwischenzeit zu tun?


Wir glauben, hoffen und lieben! Wir hoffen auf das, was wir noch nicht sehen und harren aus in Geduld (Röm 8,25). Wir leben ein Leben der Liebe und tun Gutes, zuerst unseren Glaubensgeschwistern und dann der 'ganzen Welt' (Gal 6,10). Wenn wir realisieren, dass Jesus eines Tages Krankheit, Armut, Ungerechtigkeit und sogar den Tod beenden wird, wird uns der Schmerz und das Elend dieser jetzigen Welt nicht egal sein. Wir werden uns nicht aus der Welt zurückziehen, sondern ihr dienen, in der sicheren Hoffnung, dass der König eines Tages zurückkommen und sein Reich dann vollständig aufrichten wird.

Hier auf dem Berg Zion wird der HERR, der allmächtige Gott, alle Völker zu einem Festmahl mit köstlichen Speisen und herrlichem Wein einladen, einem Festmahl mit bestem Fleisch und gut gelagertem Wein. Dann zerreißt er den Trauerschleier, der über allen Menschen liegt, und zieht das Leichentuch weg, das alle Völker bedeckt. Hier auf diesem Berg wird es geschehen! Er wird den Tod für immer und ewig vernichten. Gott, der HERR, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen. Er befreit sein Volk von der Schande, die es auf der ganzen Erde erlitten hat. Das alles trifft ein, denn der HERR hat es vorausgesagt. In jenen Tagen wird man bekennen: »Er allein ist unser Gott! Auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, und er hat uns gerettet. Ja, so ist der HERR, unsere Hoffnung war nicht vergebens! Nun wollen wir Danklieder singen und uns über seine Rettung freuen! (Jes 25,6-9)

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[1] Markus Giger, Pfarrer der Streetchurch in Zürich, ist ein aktuelles Beispiel (ab Min. 28) : https://christchind.li/jesus-vs-paulus/

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[2] Eine sehr gute Beleuchtung des Problems findet sich bei Simon Gathercole, The gospel of Paul and the gospel of the kingdom, in: Chris Green - God's Power to Save: One gospel for a complex world?

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[3] Messias bedeutet 'Gesalbter' und bezeichnet im AT den von Gott eingesetzten König.

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[4] Ich müsste fast einen Kommentar des Alten Testaments schreiben, um auf all diese Aspekte eingehen zu können. Lieber ermutige ich dich, wieder mal das Alte Testament zu lesen und selber nachzuschauen.

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[5] Es ist exegetisch naheliegend, dass Himmelreich und Königreich identisch sind.

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[6] The Promise of Peace: A Unified Theory of Atonement, S. 90, meine Übersetzung.

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