• matt studer

Recht haben als Ziel? Meine Antwort auf einen Artikel aus dem Amen-Magazin


Das Geheimnis ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das ist unser und unserer Kinder ewiglich, daß wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes. (5 Mose 29,29)

Vor einiger Zeit las ich den Artikel 'Recht haben ist nicht das höchste Ziel' von Sara Stöcklin-Kaldewey im Amen-Magazin [siehe hier]. Die Autorin beschreibt ihre Erfahrung mit dem Thema Recht haben in evangelikalen Kreisen. Sie skizziert ihre biografische Entfremdung von der Leitfrage, 'was der richtige Glaube sei' - eine 'Lieblingsfrage der Freikirchler (?) - weil sie diese Frage zunehmend als einengend, ausgrenzend oder nicht relevant wahrnahm. Dagegen plädiert sie für mehr Einheit in Verschiedenheit und für gemeinsames Engagement für diese Welt, selbst wenn man Glaubensüberzeugungen der anderen nicht teilt. Wenn es eine (richtige) Leitfrage gäbe, dann diese: 'Wohin führt uns die Liebe?' Führt sie in Beziehung oder zu Ausgrenzung? Stärkt sie die Einheit oder generiert sie Spaltung?


Warum ist die Frage nach dem richtigen Glauben in gewissen Kreisen so zentral? Gemäss Stöcklin-Kaldewey möchte man auf ein stabiles Fundament bauen, seine Überzeugungen von einer übergeordneten Instanz beglaubigt wissen und nicht von Gefühlen, Trends, gesellschaftlichen Entwicklungen und subjektiven Erfahrungen. Man fürchtet Willkür, Unverbindlichkeit, Verwässerung. Die Frage nach dem richtigen Glauben führe aber letztlich nicht zur Wahrheit, sondern zur Ernüchterung (zumindest in der Erfahrung der Autorin): Sie gaukelt mir eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Sie suggeriert eine Eindeutigkeit, die nicht existiert. Unsere Erkenntnis ist Stückwerk, sagte ja schon Paulus (1 Kor 13,9) - eine Einsicht, die uns zu einer (hermeneutischen) Demut führen sollte: Die Liebe zur Wahrheit drückt sich aus, in dem demütigen Eingeständnis, sie nicht zu besitzen. Die Frage nach Wahrheit sei deswegen aber nicht etwa falsch oder unwichtig. Sie dürfe einfach nicht zur dominierenden, alles bestimmenden Frage mutieren (wobei unklar bleibt, auf welcher Ebene die Frage nach der Wahrheit ihren Platz finden soll).


Die Gretchenfrage nach der Wahrheit

Ist die Frage nach Wahrheit heutzutage vernachlässigbar? Sollte es gar nicht mehr darum gehen, 'richtig zu glauben', sondern viel eher darum, herzhaft zu lieben und barmherzig zu dienen? Gab es nicht schon genug Diskussionen, Entfremdung und Spaltungen wegen Glaubensfragen und sollten wir Christen nicht endlich einmal als eine Einheit in Erscheinung treten, anstatt auf den Unterschieden herumzureiten?


Es gibt Formen des Recht haben's, die in der Bibel geradewegs verurteilt werden: 'Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben.' (Phil 2,3) Aus dem Kontext dieser Passage wird klar: es geht um ein Recht haben, das sich wichtig macht und sich über andere erhebt und dadurch verletzt, separiert und spaltet. Und leider kommt dies auch in christlichen Gemeinden (zu häufig) vor. Der Artikel von Stöcklin-Kaldewey wendet sich 'zu Recht' gegen solche Missbräuche. Aber, so scheint es mir, richtet er sich nicht nur gegen solch missbräuchliche Formen, sondern überhaupt gegen jeden Versuch zu ergründen und zu bestimmen, was Wahrheit ist. Damit liegt der Artikel zwar im gesellschaftlichen Trend, verabschiedet sich aber von der (darf ich sagen richtigen) biblischen Praxis. Denn für die Autoren der Bibel war die Frage nach Wahrheit kein Tabu. Sie verbrannten sich auch nicht die Finger damit zu definieren, wie richtiger Glaube aussehen sollte. Für die Apostel war das Evangelium die Botschaft der Wahrheit (Eph 1,13, Kol 1,5, Heb 20,26). Christen werden durch den Glauben an diese Wahrheit gerettet (2 These 2,13) und christlicher Glaube zeigt sich darin, der Wahrheit zu folgen (Gal 5,7, 1 Petr 1,22). Umgekehrt wird Gott diejenigen verurteilen, die der Wahrheit nicht geglaubt hatten (2 Thess 2,12). Es gibt gewisse Dinge, die Timotheus der Gemeinde nicht vorenthalten sollte. Nämlich die Lehre, in der er selbst unterwiesen worden ist und von deren Glaubwürdigkeit er sich überzeugen konnte (2 Tim 3,14). Denn die christliche Gemeinde soll ein Bollwerk der Wahrheit sein (1 Tim 3,15). Dagegen: 'Wenn jemand von dieser gesunden Botschaft unseres Herrn Jesus Christus nichts wissen will und sich nicht an die Lehre hält, auf die sich unser Glaube gründet, sondern Dinge lehrt, die im Widerspruch dazu stehen, dann ist er von Hochmut verblendet und weiß in Wirklichkeit überhaupt nichts. (1 Tim 6,2-3) Solche Leute haben sich von der Wahrheit entfernt (1 Tim 6,3b). Die Gemeinden sollten sich folglich gegen jede Form von Irrlehre (= falsche Lehre) wenden, sie benennen und dann ablehnen (2 Tim 4,3-4, 2 Petr 2,1, 1 Joh 4,1). Klingt das verdächtig sub-post-modern?


Jedenfalls war es für die Apostel (und für Timotheus) nicht unmöglich, zwischen wahrer und falscher Lehre zu differenzieren. Es war sogar lebensentscheidend dies zu tun, für die Gesundheit der Gemeinde. Die apostolische Lehre war nicht primär eine persönliche Inspiration oder Praxiserfahrung ('bei mir hat dies und das funktioniert'), von dem man sich dann das herauspicken konnte, was einem grad so ansprach. Glaube heute reduziert sich so häufig nur noch auf private Meinung: Ich habe dies und das für mich als wahr erkannt'. Die apostolische Lehre dagegen war 'öffentlich' und verbindlich für die ganze Gemeinde - Wahrheit für alle!

Daher, liebe Geschwister, bleibt standhaft und haltet an den Lehren fest, die wir an euch weitergegeben und in denen wir euch unterrichtet haben. (2 Thess 2,15)

Wieso gab es früher Konzile, Synoden und Konfessionen, die um die Wahrheit und um eine konkrete Definierung dieser Wahrheit für die Glaubenspraxis rangen? Wieso gibt es heute vor allem überkonfessionelle und inter-religiöse Dialoge? Simpel gesagt, früher glaubte man noch an Wahrheit. Daran, dass es eine richtige Lehre gibt, die man zu bewahren und zu verteidigen hat. Klar, die Debatten zeigen uns auch, dass einem die 'wahre Lehre' nicht einfach so in den Schoss fällt, sondern dass man darum ringen muss. Sogar dass man sein Verständnis gerade dann schärfen wird, wenn man es 'gegen aussen hin' verteidigt. Wahrheit damals war ein kostbares Gut, für das es sich zu kämpfen lohnte. Heute glaubt man nicht mehr daran und sucht darum den Dialog. Ich lerne von dir sowie du von mir - und was jeder daraus macht bleibt ihm oder ihr selbst überlassen.


Aber, bräuchten nicht auch wir ein solides Glaubensfundament? Eines, das mit der Wahrheit übereinstimmt, damit unser Glaube gesund wachsen kann?


Das Problem der Wahrheit heute

Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. (Gal 1,8)

Paulus und Timotheus wussten vielleicht noch, wie man die rechte von der falschen Lehre unterscheiden musste, so wie man das Eigelb vom Eiweiss trennt. Doch wüssten sie es auch heute noch, nachdem sich aus der ersten apostolischen Lehre aufgrund unterschiedlicher Auslegungen mehrere zehntausend Konfessionen mit ihren je eigenen Glaubensauffassungen gebildet haben? Der Artikel von Stöcklin-Kaldewey ist für mich ein schöner Spiegel dafür, wo wir uns heute in Bezug auf die Wahrheitsfrage befinden: Für viele gaukelt diese Frage eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Sie suggeriert eine Eindeutigkeit, die nicht existiert. Es war ja nie Gottes Absicht, sich schwarz auf weiss zu offenbaren: Unser Gott ist ein verborgener Gott. Er hat darauf verzichtet, sich eindeutig zu offenbaren. Er hat der Welt kein perfektes Buch diktiert. Folglich müssen wir feststellen: Keine Glaubensgemeinschaft, keine Gemeinde kommt anhand der Bibel zur selben Wahrheit, zur gleichen und klaren Antwort auf die Frage «Was ist der richtige Glaube?».

Was ist denn Wahrheit? So wie Jesus auf die berühmte pilatische Frage schwieg (nicht unbedingt weil er die Antwort nicht wusste), so müssen scheinbar auch wir demütig eingestehen, letztlich keine Antwort zu haben. Als Vorreiter dieser hermeneutischen Skepsis wird gerne des Apostel Paulus' Aussage angeführt, dass jegliche Erkenntnis sowieso nur 'Stückwerk' ist (1 Kor 13,9). Demzufolge sollten wir uns gar nicht zu sehr darum bemühen, die Stücke zusammenzusetzen. Es gibt zu viele Puzzleteile, als dass wir das ganze Bild in den Blick bekommen könnten (und dann sind da noch die Teile, die irgendwo verloren gingen, wie es bei jedem unserer Puzzles der Fall ist). Wir sollten lieber in sokratischer Manier zugeben, dass wir eigentlich nichts wissen. Doch Paulus war nicht Sokrates. Ging es ihm wirklich darum zu postulieren, dass wir unsere Wahrheitssuche ganz an den Nagel hängen sollen? Wenn Paulus das gemeint hätte, dann hätte er den Römerbrief (und seine vielen anderen Briefe mit Wahrheitsanspruch!) wohl nicht zu tippen brauchen. Der Gegensatz zwischen Stückwerk-Wissen und allumfassendem Wissen im ersten Korintherbrief bezieht sich auf das, was wir heute von Gott erkennen können versus dem, was wir am Ende der Zeiten erkennen werden, wenn wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden (1 Kor 13,12). Diese beiden Formen der Erkenntnis sind qualitativ verschieden. Unsere heutige Erkenntnis heute hat nicht die gleich hohe Auflösung, wie wenn wir Gott dann am Ende persönlich begegnen. Vielleicht so ähnlich, wie wenn ich meiner jahrelangen Brieffreundin zum ersten Mal live begegne. Trotzdem wusste ich ja nicht einfach Nichts über sie. Denn durch ihre Briefe wurde mir ein klares (wenn auch unvollständiges) Bild von ihr vermittelt.

Um Pilatus eine Antwort zu geben: Gottes Wort ist Wahrheit (Joh 17,17). Doch können wir menschlich beschränkten Wesen diese Wahrheit auch wirklich (er)kennen? Ach, wie schwer wir uns mit dieser Frage tun! Zeigt eben nicht gerade unsere Erfahrung, dass es so viele Wahrheiten gibt wie Menschen, die behaupten die Wahrheit erkannt zu haben? [1] Will Gott sich überhaupt so offenbaren, dass wir seine Wahrheit erkennen können? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Ja! 'Du jedoch sollst an der Lehre festhalten ... von deren Glaubwürdigkeit du dich überzeugen konntest.' (2 Tim 3,14) Oder: 'Ich schreibe euch also nicht etwa deshalb, weil euch die Wahrheit unbekannt wäre. Im Gegenteil, ich schreibe euch, weil ihr sie kennt und weil ihr wisst, dass die Wahrheit niemals eine Lüge hervorbringt.' (1 Joh 2,21; Joh 8,32). Am Ende steht oder fällt die ganze Unternehmung mit unserem Bibelverständnis (siehe dazu auch diesen Blogeintrag). Glauben wir, dass die Bibel Gottes Wort an uns ist, dass Gott uns etwas zu sagen hat?


Eine zeitgemäss skeptische Haltung in diesem Punkt wirkt sich flächendeckend auf unser Bibelverständnis und unsere Bibellese-Praxis aus (wie uns der Amen-Artikel schön demonstriert). Das neue (hermeneutische) Kriterium 'wohin führt die Liebe?' lässt uns den Bibeltext viel offener angehen. Die Bibel gibt dann nicht mehr konkret Auskunft und Anweisungen zu bestimmten Themen, bei denen wir einmal annahmen, dass sie es tut. Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?» ... dann frage ich nicht, ob die Bibel Sex vor der Ehe erlaubt. Vielmehr leitet mich das Kriterium der Liebe, darüber nachzudenken, in Beziehungen [wie der Liebesbeziehung 'vor der Ehe] Verantwortung für andere und für mich selbst zu übernehmen. Auch ist es weiter kein Problem mehr, wenn Bibeltexte sich scheinbar widersprechen: Denn die Liebe Gottes äussert sich für mich nicht darin, dass er der Welt ein perfektes Buch diktiert hat, sondern darin, dass sein Geist in den Worten der Bibel wirkt und mich dazu in Beziehung treten lässt. Das Beziehungs-Liebeskriterium tönt saugut. Doch was bedeutet es genau, wenn ich bspw. alle Bibelstellen zu Sexualität sichte? Dass ich alle konkreten Ecken und Kanten abschleifen muss, damit am Schluss 'Liebe' übrigbleibt? Werden wir den Texten so gerecht, wenn wir alle politisch nicht korrekten oder persönlich nicht gewünschte Aussagen durch den 'Beziehungs-Liebesfilter' euphemisieren? 'Egal ob und wie ihr Sex habt oder nicht - Hauptsache ihr übernehmt Verantwortung füreinander.' Hat denn die Bibel zu diesem und anderen Themen gar nichts mehr zu sagen? War alles nur konservative Einbildung? Was sagt die Bibel dann noch aus? Stöcklin-Kaldewey meint: Wenn ich danach frage, wohin Liebe führt, dann interessieren mich der Weg und das Ziel der Geschichte Gottes mit den Menschen. Es stimmt, wir (Freikirchler) haben uns zuweilen schuldig gemacht in unseren Versuchen, die Bibel in ihre einzelnen Atome aufzusplitten, anstatt sie gesamthaft als grosse Liebesgeschichte Gottes mit dieser Welt zu lesen (in die sich die einzelnen Atome dann fast automatisch einfügen würden). Wir haben biblische Nebenschauplätze zu oft ins Rampenlicht gestellt, so dass die biblische Gesamtordnung - das biblische Feng Shui sozusagen - in ein Ungleichgewicht geriet. Ich denke hier an akribisch genaue Endzeitszenarien oder maßstabsgetreue Abläufe darüber, wie Gott diese Welt kreiert hat (was gibt der biblische Text dazu wirklich her?). Trotzdem, in der ganzen biblischen Story offenbart Gott doch so viel Konkreteres von sich, seinen Plänen und Ansprüchen, als nur eine vage Vorstellung davon, dass es am Ende irgendwie gut aufgehen wird. Die Bibel ist eine ausgewogene und nahrhafte Kost, die uns als ganze Menschen adressiert:

Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit; so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein. (2 Tim 3,16-17)

Glauben wir, dass Gott uns ganz viel Wesentliches und Wichtiges vorenthält und uns bewusst im Dunklen vorwärts tasten lässt? Als Papi will ich meinen Kindern doch all das auf den Weg mitgeben, was ich als wahr und weise erkannt habe, damit sie aufblühen und gut leben können. Gott handelt genau so mit uns. Gewiss, es ist nicht gut für uns, alles zu wissen, doch 'was aber offenbart ist, das ist unser und unserer Kinder ewiglich' (5 Mose 29,29).


Das christliche Leben 'nach der Wahrheit'

Wenn die Leitfrage nicht mehr danach fragt, was uns im biblischen Text als Wahrheit gegeben ist, um was geht es dann im christlichen Leben? Es geht dann um echte und gelebte Beziehungen, um Dialog, um gemeinsame Aktionen für diese Welt, aber bitte jenseits von dogmatischen Fragen. Es geht um das Reich Gottes, das grösser und breiter ist als meine Glaubens-Denomination. Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?», dann frage ich nach dem, was Jesus das Reich Gottes nennt. Dann will ich wissen, zu was für einer Welt, was für einer Gesellschaft, was für einer religiösen Kultur, was für einem Umgang miteinander und mit der Schöpfung die Liebe Gottes uns führt.

Ja und Amen! Echter Glaube führt zu vielen Dingen, u. a. zu Nächstenliebe, guten Werken und Frieden in der Gemeinschaft. 'Richtiger' Glaube ist nie eine rein intellektuelle Materie, sondern verstoffwechselt sich im Leben und im Handeln. Aber - und hier trennen sich die Wege - glaube ich fest, dass wir dafür die Wahrheit brauchen. Damit sie uns frei macht, gut und schön leben zu können (siehe Joh 8,32). Es geht nicht um richtig Glauben versus liebend Handeln. Denn erst die biblisch offenbarte Wahrheit zeigt uns, wie Gott-gemässes Leben geht. Um auf das Beispiel 'Sex vor der Ehe' zurückzukommen: Was, wenn Gott uns tatsächlich mitteilen möchte, in welchem Rahmen er Sexualität gedacht hat? Wenn Sex für die Ehe gemacht ist, so wie der Fisch fürs Wasser? Müssten wir dann nicht daraus schliessen, dass Sex ausserhalb der Ehe nicht nur 'falsch', sondern sogar ungesund für die Beteiligten ist (weil der Fisch dann nicht im Wasser schwimmt)? Wäre es dann nicht eigentlich 'aus Liebe', unseren Kinder diese Wahrheit zu lehren, damit sie danach handeln und diese Wahrheit sie frei macht? Umgekehrt, würden wir unsere Kinder wirklich lieben, wenn wir ihnen diese Wahrheit vorenthalten: 'Keine Ahnung. Finde deine eigene Wahrheit!'? [2] Natürlich gibt es Bereiche, in denen wir unsere Kinder 'ihre Wahrheit selber finden lassen' müssen. Und das gilt auch ganz allgemein. Jeder Mensch muss die göttliche Wahrheit auch für sich selbst entdecken (wir können sie nicht einfach für ihn downloaden). Und doch wird Wahrheit auch gelehrt, vermittelt, vorgelebt.


Recht haben und trotzdem demütig bleiben

Unser Gebrauch der Sprache ist nie so richtig neutral. Geht es um Rechthaberei oder um ein Festhalten an der Wahrheit? Geht es um 'du bist falsch' und 'ich bin richtig' oder um ein tiefes Wissen um die Glaubwürdigkeit der Lehre, in der uns die Bibel unterweist? Der Artikel von Stöcklin-Kaldewey pusht den Leser oder die Leserin (leicht polemisch) in die eine Richtung: Recht haben ist entzweiend, unnötig, irrelevant.


Wir haben gesehen, dass die Bibel Rechthaberei und Besserwissertum verurteilt. Kann ich demzufolge als Christ noch an Wahrheit glauben, davon überzeugt sein und dies auch nach aussen vertreten? Ja, unbedingt! In der Realität bedeutet das, dass wir lernen müssen, sowie Jesus in einer demütigen und sanftmütigen Art anderer Überzeugung zu sein: 'Darf ich dir widersprechen?' [3] Das ist nicht immer einfach. Es gilt, im Miteinander Spannungen auszuhalten und die Chancen darin wahrzunehmen. Wenn ich sehe, mit wem Jesus seine Zeit verbrachte, dann gewinne ich den Eindruck, dass er es auch getan hat. Stimmt, Jesus verstand es, mit den unterschiedlichsten und oft unbeliebtesten Leuten Gemeinschaft zu pflegen, zu essen, zu diskutieren. Wir sollten das auch tun, was aber noch kein Freibrief für Schwammigkeit ist. Jesus hatte überhaupt kein Problem zu sagen, dass seine Worte wahr sind und dass wir uns danach richten sollen. [4] Klar, wir sind nicht Jesus. Aber wenn wir in seinem Wort bleiben, sind wir seine Jünger und erkennen seine Wahrheit (Joh 8,31-31). Und diese Wahrheit macht nicht nur uns frei, sondern alle, die sie hören. Lasst uns einstehen für diese Wahrheit - nicht rechthaberisch, nicht überstülpend, nicht vom hohen Ross herab, sondern sanft und demütig und dennoch überzeugt und klar. Die Welt - in zunehmendem Maß auch die christliche Welt - braucht solche Wahrheitslieber, die keine Recht-habe-Müsser sind!


Zum Schluss

Ist das, was ich hier geschrieben habe wahr? Ist es einfach meine Wahrheit oder glaube ich, dass ich allgemein Recht habe? Naja, zumindest glaube ich, dass ich etwas dazu zu sagen habe. Wieso hätte ich mir sonst die Mühe gemacht, diese paar Zeilen öffentlich zugänglich zu machen? Ich denke, dasselbe Ziel hatte Stöcklin-Kaldewey mit ihrem Amen-Artikel. Selbst wenn die 'Wahrheit', die sie mit uns teilen will lautet, dass es keine Wahrheit gibt. Hat sie denn Recht damit?


Ich bin einverstanden! Das höchste Ziel ist nicht ein Recht haben, um sich dabei besser zu fühlen als andere, die falsch liegen. Ein hohes und würdiges Ziel eines jeden Christen aber sollte es sein, die Wahrheit zu kennen, die uns im Evangelium (und in der ganzen Bibel) gegeben ist und um ein Verständnis dieser Wahrheit zu ringen - ein Leben lang - bis wir eines Tages in der Fülle sehen und erkennen werden, so wie Gott uns erkannt hat (1 Kor 13,12).



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[1] Gibt es wirklich hunderttausend verschiedene Auslegungen? Ja und nein. Wir dürfen nicht übersehen, wie einig bspw. Freikirchen sich in den 'Basics' sind. Fast alle Freikirchen berufen sich bspw. auf das Glaubensbekenntnis der Evangelischen Allianz (auch wenn dieses recht allgemein gehalten ist und viele Detailfragen auslässt). Natürlich gibt es zentrale Unterschiede zwischen den grossen Glaubensdenominationen (evangelikal, katholisch, orthodox, reformierte Kirche). Gerade zwischen den grossen Playern findet darum nicht von ungefähr ein Jahrhunderte altes 'Ringen' und 'Positionieren' in Bezug auf 'die Wahrheit' statt. Diese institutionelle Diskussion geht etwas an uns vorbei, da wir so individualistisch geprägt sind, dass jeder seine eigene Wahrheit finden muss. Wir berufen uns nicht mehr so oft auf Glaubenstraditionen, Bekenntnisse, usw. Darum leben wir mit einer Wahrnehmung, dass es tausend-und-eine Auslegung gibt, jede anders als die andere.


[2] Die eigene Wahrheit wäre dann wahrscheinlich fast unausweichlich, gespeist vom gesellschaftlichen Mainstream, dass Sexualität recht wenig mit einer verbindlichen Beziehung zu tun hat.


[3] Ich bin sehr dafür, mit anderen zusammenspannen und aktiv zu werden in unserem Bestreben, das Beste der Stadt zu suchen (siehe Jeremiah 29,7). Wir brauchen nicht ständig auf unseren unterschiedlichen Auffassungen herumzureiten und dürfen einander stehen lassen. Auf der anderen Seite sollten wir nicht aufhören, um die Wahrheit zu ringen und für die Wahrheit einzustehen, dort wo wir sie erkannt haben. Weisheit ist gefragt, wie und wo wir das tun sollen. Ich verstehe, dass viele heute ein ökumenisches Bewusstsein haben und sich danach sehnen, dass die alten Grabenkämpfe endlich begraben werden. Doch müssen wir uns auch bewusst sein, dass ein einmaliges 'mit dem Schwamm drüber' (apropos Schwammigkeit) die z. T. grossen dogmatischen Differenzen zwischen den Konfessionen nicht so einfach ins Nichts auflösen wird.

[4] Obwohl Jesus an manchen Stellen auch mächtig auf den Putz hauen konnte. Als illustratives aber nicht unbedingt nachzuahmendes Beispiel empfehle ich Johannes 8,37-47!.

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