• matt studer

Post-evangelikal? Ein persönlich gefärbter Bericht eines aktuellen Phänomens

Aktualisiert: 18. Jan.


Hast du auch schon erlebt, dass man sich in langjährigen Beziehung so weiterentwickelt, dass es mit der Zeit schwieriger wird, sich zu verstehen und zu finden? Ich meine in Bezug auf den Glauben, die Frömmigkeit, die Theologie. 'Reden wir noch vom Gleichen? Glauben wir noch dasselbe? Teilen wir noch dieselben Prioritäten?' Die Basis, die man lange gemeinsam hatte, scheint es nicht mehr zu geben. Vielmehr sind die tektonischen Platten des Glaubens über die Zeit fast unmerklich auseinander gedriftet. Oder fand doch 'nur' eine Gewichtsverlagerung, eine 'oberflächliche' Prioritätenverschiebung statt und das Fundament blieb erhalten? Aber da so ganz andere Facetten des christlichen Glaubens favorisiert und betont werden, bleibt die Frage, ob man im Kern noch dasselbe glaubt (?).


Was ist denn evangelikal?

Die evangelikale Bewegung ist und war nie völlig uniform. Verschiedenes wurde betont. Vieles und viele fanden ihren Platz unter ihrem Dach. Vielleicht ist es gerade darum so notorisch schwierig zu definieren, was 'evangelikal' beinhaltet. Trotzdem meine ich, gibt es gewisse Schnittmengen, einen erkennbaren Stallgeruch, eine Physiognomie des Evangelikalen. Der Einfachheit halber bediene ich mich für den Verbleib dieses Artikels beim Historiker David Bebbington, der folgende vier Identitätsmarker formulierte:

  1. Evangelikale Christ:innen glauben, dass es eine «Bekehrung» zu Jesus Christus braucht.

  2. Ihr Glaube zeigt sich in missionarischen Aktivitäten (Verkündigung des Christentums sowie Einsatz zum Wohl anderer Menschen).

  3. Sie halten die Bibel für göttlich inspiriert und massgeblich in allen Lebensfragen.

  4. Sie verstehen die Kreuzigung von Jesus Christus als die entscheidende Tat Gottes, um sich mit der Menschheit zu versöhnen. [1]

So allgemein formuliert würden sich vielleicht auch katholische und andere christliche Strömungen mit diesen vier Punkten identifizieren können. Auf der anderen Seite würden viele evangelikale Christen sagen, dass sich ihre Glaubenstradition und Praxis nicht auf vier Punkte reduzieren liesse. Schön und gut! Sagen wir einfach, es geht hier um eine Gewichtung. Diese vier Identitätsmerkmale nehmen in der evangelikalen Bewegung eine Sonderstellung ein. Sie stiften Zugehörigkeit, Identität. Sie gehören nicht zur Peripherie, sondern ins Zentrum. [2] Damit ist das Zentrum noch nicht ausgefüllt - andere wichtige Aspekte gehören zum 'evangelikal Sein' dazu - doch können wir zumindest sagen, dass ein Evangelikalismus ohne diese vier Merkmale nicht mehr so recht evangelikal wäre.

Spannend wird es, wenn wir bei denjenigen reinhören, die sich bewusst oder unbewusst von diesem Zentrum distanziert und emanzipiert haben. Sie stossen sich auf eine Art und Weise nämlich an genau diesen vier Markern (oder nicht selten einer Karikatur davon). Genau so wollen sie nun nicht mehr sein. Das zeigt implizit, dass 'evangelikal' eben so ist.


Was ist nun post-evangelikal?

Der oder die Post-Evangelikale sind Menschen, die gerne Worthaus hören und Reflab lesen, zu Studientagen mit N. T. Wright pilgern oder gerne neue (und vergessene alte) Formen der Spiritualität ausprobieren. Sie tendieren in Richtung Allversöhnung und finden die Reformation oder die reformatorische Theologie blöd. Viel eher öffnen sie sich dem offenen Theismus und haben ein (post)modernes Verständnis der Bibel. Man findet sie zum Teil in den Freikirchen, wo sie versuchen gegen den traditionellen Strom zu schwimmen - und zum anderen Teil in der Landeskirche oder in selbst-formierten Dialoggruppen. Oder dann in neuen, experimentellen Formen von Kirche oder überhaupt nicht mehr in der Kirche. Richtig? (Nur) vielleicht ...


Post-evangelikal ist ein Titel, den sich emanzipierte Evangelikale häufig selbst geben. Dies ist auch der Grund, warum ich ihn hier verwende. Thorsten Dietz, der diesen Wandel untersucht meint, dass es noch zu früh sei, eine klare Trennlinie zwischen evangelikal und post-evangelikal zu ziehen. Die Reaktionen seien einfach zu vielfältig, "zu bunt". Sie würden vor allem zeigen, dass die evangelikale Bewegung in einer Krise steckt und es viele gäbe, für die 'evangelikal' nicht mehr funktioniert. Die Selbstbezeichnung vermittelt, dass man sich noch irgendwie mit dem Evangelikalen verbunden sieht. Das Präfix 'post' deutet aber auch eine Fortbewegung, eine Weiterentwicklung an. Diese Emanzipation lässt sich wie gesagt sehr gut in den Reaktionen auf Bebbington's Quadrilateral beobachten. Folgende Statements fand ich bei einer post-evangelikalen Autorin, die, nachdem sie eine typisch evangelikale Veranstaltung besuchte hatte, ihre Eindrücke in einem Blogbeitrag verarbeitete.

Dass ich mich hier [in der Landeskirche] wohler fühle, hat damit zu tun, dass diese Konfession theologisch pluraler und tendenziell nüchterner ist.
Man liest die Bibel nicht mit der Erwartung, in jedem Text eine persönliche Anrede von Gott zu finden, sondern als Buch, das auch Spannungen und historisch zu verortende Aussagen enthält.
Und als an einer Stelle tatsächlich der Begriff «Unbekehrte» fällt, zucke ich innerlich zusammen.

Für Post-Evangelikale sind sich Evangelikale zu sicher, dass sie die einzig wahre Wahrheit korrekt aus der Bibel deduziert haben und diese nun 'nach aussen hin' verteidigen, oder andere zu dieser Wahrheit bekehren müssen. Post-Evangelikale dagegen sehen dies offener, pluraler, inklusiver. Anstatt andere zum eigenen Glauben zu bekehren, wollen sie das Gute und Göttliche im Glauben des Gegenübers schätzen. Anstatt jedes Wort der Bibel als direkte göttliche Offenbarung zu verstehen, die man nur richtig auszulegen hat, so wie man eine reife Frucht pflückt, betonen sie das Menschliche, Geheimnisvolle und die Spannungen und 'Widersprüchlichkeiten' der Bibel. Auch tun sie sich schwer mit solch evangelikalen (?) Steckenpferden wie 'Himmel und Hölle', 'Gericht Gottes' oder 'Jesu Opfertod am Kreuz'. Ein solches Gottesbild passt einfach nicht länger in unsere Zeit. Starb Jesu wirklich, um den Zorn Gottes zu besänftigen, damit sündige Menschen in die heilige Gegenwart Gottes kommen können? Schliesst Gott wirklich Menschen vom Heil aus? Ist der christliche Glaube wirklich der einzige Weg zu Gott? Ist die Bibel wirklich das einzig wichtige Buch, das wir haben?


Vielleicht lohnt es sich, noch einen weiteren Autoren zu zitieren, der sich ebenfalls mit diesem Phänomen befasst:

In letzter Zeit, auch schon über längere Jahre, begegnen mir immer mehr Christen und Christinnen, die - wenn sie ganz ehrlich sind - hinter vorgehaltener Hand deutlich machen, dass sie das, was sie bisher geglaubt haben, irgendwie nicht länger glauben können. Da ist eine wachsende Anzahl von Christen, die aus einem frommen evangelikalen Hintergrund kommen und für die sich innerlich eine immer grössere Diskrepanz auftut. Und sie merken, dass bestimmte Glaubensinhalte, die Art, wie die Bibel gelesen oder verstanden und interpretiert wird, für sie einfach nicht mehr so nachvollziehbar ist und nicht mehr stimmig ist, das Gottesbild, das sie seit Jahren sich angeeignet haben, irgendwie für sie so nicht mehr funktioniert. Die Erlösungslehre, die sie so mitbekommen, ist für sie in irgendeiner Form zu blutrünstig, sie können das nicht in Einklang bringen mit ihrem Verständnis von der Liebe Gottes. Und sie merken, wenn sie ganz ehrlich sind, sie kommen da innerlich nicht mehr mit, sie können das nicht mehr so naiv oder einfach glauben, wie ihnen das bisher gelungen ist ... Sie können ihren typisch evangelikalen Glauben in der Form nicht mehr aufrechterhalten, und es gibt für sie wie keine Alternative. Wie könnte man denn noch glauben? Wie könnte man die Bibel denn noch verstehen oder interpretieren? (Martin Benz, Movecast Folge 2)

Soweit drehte sich alles um mehr oder weniger dogmatische, theologische Fragen, könnte man sagen. Doch meine ich, dass sich der Riss am stärksten im heute so heiss diskutierten Bereich der Sexualmoral auftut. Denn hier gehts wohl ums Eingemachte, um etwas Greifbares, um konkrete Lebensentwürfe. 'Kein Sex vor der Ehe' war gestern. Heute sind die 'Homo-Ehe' und der 'Gender-Shift' an der Tagesordnung. Nicht selten führen diese Themen zu emotional geladenen Diskussion bis hin zu Spaltungen in der evangelikalen Welt. Und dabei scheint es, dass wir erst am Anfang sind. Vielleicht ist tatsächlich 'Ethik die neue Dogmatik', wie Thorsten Dietz meint (nicht, dass die oben genannten 'dogmatischen' Fragen unwichtig wären).


Warum post-evangelikal?

Was mögen die Gründe sein, dass jemand post-evangelikal wird? Man könnte genau so gut fragen, ob Thorsten Dietz Recht hat, dass der Evangelikalismus in einer Krise steckt? Ich glaube, Ja, das evangelikale Movement befindet sich in einer Krise (eine Tatsache, die mich zu weiteren Blogbeiträgen motivieren wird!). Die Zeiten haben sich gewandelt. Gewisse 'traditionelle' Glaubenssätze und übernommene Praktiken scheinen nicht mehr zu unseren kulturellen Sensibilitäten zu passen. Die Menschen ausserhalb der Kirche interessieren sich nicht mehr für uns, geschweige denn verstehen sie, was wir meinen (wenn sie hören würden). Muss man, wenn man als Christ in der Welt angehört werden will, nicht fast progressiv werden, oder dann im Abseits verschwinden? Angesichts dieses Wandels kann man gut verstehen, warum einige abwandern, warum viele progressiv(er) denken wollen, warum 'evangelikal' für die einen zu einem ältlichen Kleid geworden ist, das man abstreifen darf. Evangelikal funktionierte gestern vielleicht, aber sicher nicht mehr heute! Die Krise, in der wir stecken, mag ein Grund für das Aufkommen des post-evangelikalen Phänomens sein.


Manchmal wenden sich Christen auch von ihrem evangelikalen Ursprungsland ab, weil sie es dort als zu einengend, zu manipulierend, zu verbietend und negativ moralisierend erlebten. Sie wurden verletzt durch eine verurteilende und ausgrenzende Gemeinschaft oder einer Gemeinde, die Denkverbote verhängte und gewisse Fragen im Keim erstickte. Hier sollten wir Evangelikalen uns einmal bei der Nase nehmen, hinhören, aus unseren Fehlern lernen und es in Zukunft besser machen. Und Post-Evangelikale sollten etwas selbstkritischer sein. Denn gerade das, was sie an ihrer Herkunftsfamilie verurteilen, könnte sonst auch ihre neue Heimat prägen. Nicht selten habe ich es erlebt, dass ich von 'progressiven' Christen wegen meinen 'traditionellen' Ansichten, wenn nicht verurteilt, so doch nicht ernst genommen (angehört und verstanden) wurde. Markus Till schreibt in seinem Buch 'Zeit des Umbruchs: Wenn Christen ihre evangelikale Heimat verlassen' versöhnlich über solche Verletzungen auf beiden Seiten des Grabens und zeigt Wege auf, wie wir damit umgehen können. Bitte lesen und anwenden!

Warum ich nicht post-evangelikal bin, obwohl ich es doch eigentlich sein sollte

Ich bin ein kulturell sensibler Mensch. Will heissen, dass es mir wichtig ist, mein Umfeld, meine Zeit und meine Mitmenschen (und mich!) wahrhaftig zu verstehen und meinen Glauben verständlich und verständnisvoll zu kommunizieren. Dabei leide ich darunter, dass viele meiner Christus-fernen Freunde für sich gar keine Relevanz im christlichen Glauben sehen, geschweige denn, sich wirklich darauf einlassen würden. Es schmerzt mich auch zu erleben, wenn Glaubensfreunde sich (aus meiner Perspektive gesehen) so verändern, dass es komplizierter und spannungsvoller wird, Glauben zu teilen, zu beten oder gemeinsam aktiv zu werden. Eigentlich eine perfekt prädestinierte Situation um Post-Evangelikaler zu werden. Oder nicht?


Nein! Ich kann es nicht. Weil ich zu sehr überzeugt davon bin, dass die Bibel tatsächlich Gottes Wort ist und er durch die Bibel wahrhaftig zu mir spricht. Weil ich zu fest glaube, dass der Tod Jesu am Kreuz einen vertikal-versöhnenden Charakter hatte und ich nicht wüsste, wie ich sonst zu Gott kommen und mit ihm leben könnte. Weil ich nach wie vor davon ausgehe, dass Menschen die gute Nachricht hören müssen, damit sie glauben und gerettet werden (Röm 10,14). Viele weitere Gründe liessen sich anfügen. Trotzdem lerne ich gerne von und mit euch Post-Evangelikalen. Dass wir in unserer Zeit bessere Wege finden müssen, verständlich über das Evangelium, über Gott und unseren Glauben zu reden. Dass wir erneut und vielleicht tiefergehend über das Werk Gottes am Kreuz nachdenken müssen, als wir es in der Sonntagsschule taten. Und dass unsere Sexualität etwas Wichtiges ist, worüber wir reden müssen, jedoch ohne uns die Köpfe abzureissen.


Post-evangelikales Postskript und eine Warnung!

Es geht mir hier nicht darum, gewisse Leute zu labeln. Dies meine Warnung (an mich und andere): Hüten wir uns davor, andere zu schnell in einen Labeltopf zu werfen und damit abzuschreiben. Wir lassen uns zu schnell von unseren vermeintlichen Wahrnehmungen verleiten, die doch vielleicht auf Missverständnissen oder Vorurteilen beruhen. Lasst uns einander zuhören und verstehen, was uns wichtig ist und was uns beschäftigt. Es geht letztlich ja nicht darum zu definieren, wer evangelikal und wer post-evangelikal ist. Eine solche Einteilung in zwei Lager führt uns in der Praxis nicht weiter. Das Labeling hilft uns lediglich, unsere aktuelle Situation auf einer reflexiven Ebene nachzuvollziehen und zu verstehen.


Zum Schluss noch diese zwei Bemerkungen. Post-Evangelikale sind nicht zwingend 'theologisch liberal' (nicht einmal Bultmann war dies in Bezug auf eine engere Definition dieses Begriffs). Sie mögen sich zwar der liberalen (universitären) Theologie zugewendet fühlen, doch stehen sie unter noch ganz vielen anderen theologischen Einflüssen, die nicht unbedingt liberal sind. Zweitens, Post-Evangelikale sind auf die eine oder andere Art und Weise immer noch dem Evangelikalen zugewandt. Das heisst, sie haben immer noch evangelikales Futter im Znünisack, auch wenn sie so manches hinterfragen oder über Bord werfen. Das heisst, es gibt noch Anknüpfungspunkte zwischen evangelikal und post-evangelikal und darum vielleicht auch einen gemeinsamen Weg ...



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[1] Dieser Wortlaut von Bebbington's sogenanntem Quadrilateral stammt von hier:

https://www.reflab.ch/eine-post-evangelikale-achterbahnfahrt


[2] Punkt 1 bezieht sich auf das reformatorische 'Sola Fide': nur durch den Glauben an Jesus Christus kann man gerettet werden. Punkt 3 bezieht sich auf das 'Sola Scriptura'. Punkt 4 auf das 'Sola Gratia'. Dies alles führt zu Punkt 2: einem Aktivismus in die Welt hinein, gespeist aus dem Evangelium.



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