• matt studer

Post-evangelikal #1 - Braucht es eine Bekehrung?

Aktualisiert: 30. Jan.


Die vielen Rückmeldungen zu meinem letzten Artikel haben mich positiv überrumpelt. Nun bin ich ja nicht der Erste, der über dieses Thema sinniert und schreibt. [1] Das war auch gar nicht mein Anspruch. Ich wollte mich in erster Linie mit meiner persönlichen Situation auseinandersetzen und dies zu Papier zu bringen. Dass sich so viele an dieser Auseinandersetzung beteiligen, bewegt mich dazu, noch etwas tiefer in die Affäre einzudringen. Darum nun diese kleine Serie, die das Ziel verfolgt, eine Auslegeordnung der Situation 'evangelikal-post-evangelikal' zu präsentieren. Ausgehend von Bebbington's Quadrilateral möchte ich die beiden Betrachtungsweisen einander gegenüberstellen und nachfragen, ob wir uns in den zentralen Punkten wirklich verstanden haben und wie das Gespräch miteinander in Zukunft aussehen könnte. Ich bin mir nämlich nicht so sicher, ob wir einander wirklich gut genug zugehört haben, oder ob wir uns zuweilen in Strohmann-Argument-Gefechte reinstürzen, die beiden Seiten nichts bringen. Daneben glaube ich schon, dass es reale Knackpunkte gibt, die zwangsweise Spannungen erzeugen.


Drei Dinge mit auf den Weg:

Im Westen nichts Neues. Wir sind nicht die ersten fröhlichen Debattierer der Geschichte des Evangelikalismus. Unsere Geschichte ist gespickt mit solchen Kontroversen. Ich erkenne immer wieder, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte als Rückspiegel auf meiner Erkenntnisreise montiert zu haben.


Ich bin mir schmerzlich bewusst, dass ich 'pauschalisieren' werde. Es ist sonnenklar, dass die Realität sich immer fluider, komplizierter und persönlich-biografischer verhält. Wenn wir persönlich bei einem Bier darüber diskutieren würden, wäre das noch besser.


Wo ordne ich mich persönlich ein? Nun ja, ich würde mich als konsergressiv bezeichnen. Konservativ in Bezug auf theologische Unterbauten. Progressiv in Bezug auf Form und Struktur. Und zudem reaktiv auf schlechte Kommunikation und unbiblische, theologische Engführungen. Keine salonfähige Beschreibung, ich weiss. Aber es war ein Versuch wert.


Evangelikal - die Bekehrung ist die Bescherung

Evangelikale stützen sich auf ihr Bekehrungserlebnis, den speziellen Moment, an dem sie sich bewusst für Jesus entschieden haben. Einige solcher Erlebnisse sind in die Geschichte eingegangen und haben die evangelikale Bewegung nachhaltig geprägt. John Wesley's Bekehrung könnte als typisches Beispiel gelten. Bereits ordiniert und missionarisch aktiv, wurde Wesley trotzdem von Zweifeln getrieben, ob er wirklich gerettet sei. Wesley: "I went to America to convert the Indians; but, oh, who shall convert me?" Durch die tiefgläubige Frömmigkeit der Herrnhuter Brüder angezogen, besuchte er deren Treffen in London. Diese Leute schienen etwas zu haben, was ihm fehlte. Und an einem dieser Treffen, bezeichnenderweise gerade als Luther's Vorwort zum Römerbrief vorgelesen wurde, erlebte Wesley eine innere Wandlung: "I felt my heart strangely warmed." Dies war Wesley's Moment der persönlichen Erkenntnis der Gnade Gottes für ihn. Sein Bruder Charles beschrieb diesen Wandel so: "My brother was brought in triumph by a troop of our friends, and declared, ‘I believe.’" Endlich konnte Wesley glauben und seine Zweifel beiseite legen. Besonders gefällt mir auch die Bekehrungsstory des Predigers William Haslam, der sich ob seiner eigenen Predigt bekehrte. Einer aus dem Publikum schien dies irgendwie bemerkt zu haben, denn er rief: "The Parson's got converted!". Da wäre ich zu gerne dabei gewesen.


Einer typischen Bekehrung gingen oftmals Zweifel voraus, ob man gerettet war, begleitet von der Angst vor der Möglichkeit, nicht gerettet zu sein (sprich, von Gott gerichtet zu werden). Dementsprechend gross war dann auch die Freude und Erleichterung, wenn man erkennen, glauben und annehmen durfte, dass Jesus einen persönlich rettet. Diese Freude führte oftmals zu feurigem Aktivismus. Der neu gewonnene Glaube wollte weitergegeben werden.


Bekehrung in diesem Schema heisst, sich ganz Jesus zuzuwenden und ihm zu vertrauen, dass er mich (vor dem kommenden Gericht Gottes) zu einer Beziehung mit Gott rettet. Die wohl berühmteste moderne Verdichtung dieses Schemas, heute bekannt als 'TheFour', beschreibt den Vorgang so: Gott liebt mich - (aber) ich lebe getrennt von Gott - (doch) Jesus gab alles für mich - will ich mit Jesus leben? Warum muss ich gerettet werden und mich bekehren? Weil ich vor allem anderen ein Problem mit Gott habe - ich lebe getrennt von ihm. Was 'bringt mir' meine Bekehrung? Ein Leben mit Gott im Hier, plus, herkömmlich ausgedrückt, das 'Seelenheil' oder ewige Leben. Hier wird auch schnell klar, warum das Kreuz (der stellvertretende Tod Jesu) für Evangelikale so zentral ist: Jesus gab alles für mich, damit ich gerettet werde. Es ist das, was Evangelikale als das Evangelium bezeichnen. Und darum ist auch Evangelisation so zentral! Die gute Nachricht will weitergegeben werden. Denn es gibt noch zu viele Menschen, die in ihrem jetzigen Zustand verloren wären.


Tönt das alles ober-evangelikal? Das evangelikale Schema, so skizziert, zeigt eigentlich 'nur' den Kern, nicht die ganze Frucht. Wenn Post-Evangelikale sich so kritisch auf diesen Kern einschiessen, sollten sie bedenken, dass 'evangelikale' Bekehrung vielschichtiger ist.


Vorurteil: Den Evangelikalen geht es nur um das punktuelle Bekehrungserlebnis. Einmal bekehrt, immer bekehrt und eigentlich egal, wie man nach der Bekehrung lebt, man hat das Seelenheil ja in der Tasche. [2] Antwort: Ja, Evangelikale betonen den Moment der Bekehrung als zentralen Punkt ihrer geistlichen Biografie. Das heisst aber nicht, dass Bekehrung nicht auch prozesshafte Anteile hat, dass ein Mensch sich über längere Zeit mit dem christlichen Glauben auseinandersetzt, bis er sich bewusst dafür entscheidet. John Wesley ist ein gutes Beispiel. Schon länger im kirchlichen Setting daheim und aktiv, war er dennoch auf der Suche nach der Gewissheit, ob er gerettet sei. Sein 'Erlebnis' bei den Herrnhuter Brüdern kam nicht aus heiterem Himmel. Fragen, Zweifel, Begegnungen, Gebete - all dies und mehr waren wichtige Warm-ups, die in seine Bekehrung mündeten. Es stimmt auch nicht, dass das christliche Leben für Evangelikale mit der Bekehrung abgehakt ist. Es mag Menschen geben, die nach ihrer Bekehrung (einmal das 'Ticket zum Himmel' in der Tasche) ihr Leben so 'geistlich uninteressiert' weiterführen wie zuvor. Doch kenne ich ehrlich gesagt niemanden, auf den diese Beschreibung zutrifft. Alle meine evangelikalen Freunde und Bekannten sind auf eine Art und Weise darum bemüht, ihr Leben auf Jesus auszurichten und gemäss seinem Willen zu gestalten. Selbst solche Themen wie Armut, Klimakrise und soziale Gerechtigkeit werden diskutiert, wenn auch vielleicht nicht so oft, wie Post-Evangelikale das gerne hätten. Das Thema 'Heiligung' (heute würde man vielleicht eher Jüngerschaft sagen) war stets ein wichtiger Baustein evangelikaler Spiritualität. Ich will damit nicht sagen, dass wir heute gar kein Manko mit gut gelebter Nachfolge und tiefgehender Spiritualität im evangelikalen Kuchen haben. Ich glaube sogar, dass hier ein Knackpunkt der 'evangelikalen Krise' liegt. Ich sage nur, dass das Bekehrungserlebnis für Evangelikale in der Regel als Startschuss zu einem christlichen Leben der Nachfolge verstanden wird.


Post-evangelikal - fast eher Entkehrungen als Bekehrungen?

Fern sind uns heute solche Bekehrungserlebnisse wie das von Wesley. Wer zweifelt schon an seiner Rettung und verzweifelt an der Tatsache, dass Gott ihn eines Tages richten wird? Wir hören heute viel eher von dem Phänomen, dass Leute sich wieder 'entkehren'. Also, dass ehemals 'Gläubige' ihren Glauben verlieren, oder zumindest nicht mehr so 'evangelikal' weiterglauben können wie bisher (z. B. Hofmann, Faix und Künkler (Hrsg.), Warum ich nicht mehr glaube: Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren).


Post-evangelikale wissen, dass die Zeiten sich gewandelt haben und die klassische vier-Punkte-Präsentation heute bei den meisten Menschen 'da draußen' nicht mehr greift. [3] Die Menschen von heute brauchen keine 'herkömmliche' Erlösung und also auch keine Bekehrung in diesem Sinne. Dabei ist das dem evangelikalen Schema zugrunde liegende Menschenbild vielen Postevangelikalen einfach zu negativ, zu krass. Sie können nicht glauben, dass der Mensch - 'völlig verdorben' und in Sünde verstrickt - unter dem Zorn Gottes zugrunde gehen muss. Was der Mensch braucht ist nicht primär eine Erlösung 'von sich selbst' oder gar eine Errettung vor der Hölle. Er braucht auch nicht primär eine Freikarte für den Himmel. Er braucht eine Erlösung 'zu sich selbst'. Dazu, wahrer Mensch zu werden, sein Potenzial zu entfalten und sein Leben gelingend zu gestalten und für andere gewinnbringend einzusetzen. Er braucht keine 'fremde Gerechtigkeit', um vor dem Richterstuhl Gottes gerecht dazustehen, sondern eine Befähigung, Gottes Gerechtigkeit in diese Welt hineinzutragen und für gerechtere Lebensumstände und Strukturen zu kämpfen. Dazu gehört auch, dass Gott mit dem destruktiven (sündigen) Restanteil in seinem Leben aufräumen muss. Nicht in dem Sinne, dass seine Sünden direkt ins Gericht führen würden, sondern eher, dass sie seine menschliche Entfaltung, wie Gott sie sich ursprünglich gedacht hat, behindern und darum aus dem Weg geräumt werden müssen.


Post-Evangelikale verstehen Bekehrung prozesshaft, als Reise und Hinwendung zu Gott und seinem Königreich. Dabei gilt, einmal auf der Reise, immer auf der Reise. Und diese Reise muss nicht unbedingt linear verlaufen. Es ist eine Reise mit Aufs und Abs. Zweifel gibt es auch nach der 'Bekehrung'. Es ist eine Reise dahin, Gott besser zu verstehen und seine Werte und seinen Charakter als Individuum und als Gemeinschaft mehr und mehr zu verkörpern und in diese Welt hineinzutragen. Es ist in diesem Schema nicht unbedingt möglich und auch nicht nötig, ein 'Bekehrungsmoment' auszumachen: 'Vorher war ich verloren, doch jetzt bin ich gerettet!' Post-Evangelikale arbeiten ungern mit solch binären Kategorien. 'Wer ist drinnen und wer ist draussen?' Diese Frage verliert an Bedeutung. 'In welche Richtung bewegst du dich?' Die Richtung ist entscheidend.


Was ist mit Evangelisation? Der Aufruf zur Bekehrung wird ersetzt durch die Einladung zu entdecken. Keine four points, sondern ein forever journey. Wieso sollten wir unsere Nachbarn und Freunde dazu 'nötigen', unseren Glauben anzunehmen und sich heute und jetzt dafür zu entscheiden? Genau genommen können wir das ja gar nicht. Wir können höchstens einladen. Einladen zu dieser 'ewigen' Entdeckungsreise. Einladen, Fragen zu stellen und Zweifel zu äussern. Einladen zu einem Leben, in dem Jesus und sein Reich Gestalt annehmen können. Einladen in die christliche Gemeinschaft der Mitreisenden. Der sogenannte Missionsbefehl aus Matthäus achtundzwanzig ist genau genommen nämlich kein 'Bekehrungsbefehl', sondern ein Appell, Menschen in die Nachfolge Jesu zu führen. Die Kapitalfrage ist nicht, ob jemand hier und heute und in Ewigkeit gerettet ist, sondern ob er heute und morgen ein Jünger Jesu sein wird.


Was ist dann das Evangelium für Post-Evangelikale? Ich kann diese Frage hier unmöglich abschliessend beantworten. Vielleicht genügt es für unsere Zwecke zu sagen, dass das Evangelium im post-evangelikalen Setting häufig 'breiter' verstanden wird, als dass Jesus für uns starb, damit wir in den Himmel und nicht in die Hölle kommen. Post-Evangelikale kritisieren Evangelikale, dass sie Menschen vor der (ewigen) Hölle retten wollen, anstatt sie vor der Hölle in diesem Leben zu retten. Es geht hier darum, dass das Evangelium eine gute Nachricht für dieses Leben, diese Gesellschaft und diese Welt sein muss. Der Theologe Lukas Amstutz formuliert dieses Anliegen so:

Post-Evangelikale sorgen sich nicht primär um das «Seelenheil», sondern erwarten, dass die gute Nachricht vom Reich Gottes bereits heute zu einem christlichen Lebensstil anstiftet, der auch soziale und ökologische Gerechtigkeit umfasst.

Verstehen Evangelikale ihre post-evangelikalen Freunde in ihrem Anliegen? Mal sehen.


Vorurteil: Post-Evangelikalen geht es nicht mehr um Jesus oder das Evangelium, sondern um reine Weltverbesserung und Verschönerung. Antwort: Es kommt darauf an, würde ich sagen. Die Freunde, die ich im Blick habe, würden wahrscheinlich sagen: 'Nein, nein, es geht sehr wohl um Jesus! Jesus ist die zentrale Figur für uns. Nicht nur als moralisches Vorbild, sondern auch als Erlöser und zwar in dem Sinne, dass er Menschen zu einem Leben mit ihm und in seinem Königreich erlöst.' Ich bin mir nicht sicher, ob es den Post-Evangelikalen auch um das Leben post mortem geht. Sicher bin ich mir, dass ihnen das diesseitige Leben am Herzen liegt. Und die Kirche und wie sie in der Welt lebt. Und um ebendiese Welt, die man nicht der Zerstörung und der Ungerechtigkeit überlassen darf.


(M)ein Weg vorwärts - mit ein paar offenen Fragen

Wie können wir in diesem so wichtigen Thema Schritte nach vorn gehen? Momentan sehe ich folgende Problemzonen in der Diskussion. Bestimmte Stellen, an denen wir schärfer denken und fairer urteilen sollten.


Das kontextuelle Problem. Ich nehme wahr, dass der ganzen Diskussion diese Frage zu Grunde liegt: Wie können wir heute überzeugend und relevant über den christlichen Glauben reden, so dass andere sich dafür interessieren und sogar öffnen? Denn jedes Feldexperiment bestätigt: Wir können nicht 'einfach' wie die Wesley's und Whitefield's auf die Strassen und Felder predigen gehen und erwarten, dass die klassische Botschaft ('Jesus starb für deine Sünden') auch nur halbwegs auf offene Ohren und Herzen stösst. Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen sich daraufhin bekehren wollen. Wenn die gute (evangelikale) Nachricht nach wie vor gültig ist (und ich persönlich glaube fest daran), dann müssen wir wieder lernen, sie so zu kommunizieren, dass sie an der Realität des heutigen, post-christlichen Menschen anknüpft, ohne dabei ihren 'Torheits-Charakter' zu verlieren (siehe 1 Kor 1,18). Wahrlich keine leichte Aufgabe. Es braucht dafür in der Regel viel Einfühlungsvermögen, tiefe und ehrliche Beziehungen, viel Zeit und ein klares Verständnis des biblischen Evangeliums.


Das ethische Problem ist, so glaube ich, mit der kontextuellen Geschichte verlinkt. Wie können wir unser Christsein in der heutigen Welt überzeugt und überzeugend leben? Wenn Bekehrung vor allem ein individuelles, nach innen gerichtetes Geschehen ist und sich nicht in irgendeiner From 'nach aussen', in diese Welt hinein kanalisiert, haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wo ist die Stadt auf dem Berg, die mit ihrer Strahlkraft in diese dunkle Welt scheint (Mt 5,14-16; Phil 2,15)? Anders gefragt, wirkt sich meine Bekehrung auch tatsächlich aus, bringt sie Frucht, aktiviert sie mich zu guten Taten und zu einem Lebensstil der Gerechtigkeit? Denn wenn wir heute wollen, dass Menschen sich dem christlichen Glauben zuwenden, muss die Kirche und der einzelne Christ durch gute Taten 'positiv' sichtbar werden. Doch vielleicht ist das Problem gar nicht so sehr das geistlich persönliche Leben nach der Bekehrung, der Impuls zur Heiligung oder Nachfolge. Das tun wir ja schon irgendwie (klar könnten wir's besser tun)! Vielleicht ist das Problem, dass wir es vor allem alleine tun. Wenn Bekehrung vor allem mich und mich allein betrifft und mich letztlich nicht in die Gemeinschaft der Bekehrten führt, verliert sie an Substanz.

Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. (Apg 2,41)

Dies gesagt, sollte hier auf jeden Fall auch der evangelikalen Erkenntnis Raum gegeben werden. Nämlich, dass Bekehrung ein vertikal-persönlicher Vorgang, eine Entscheidung für und in das Leben mit Gott ist, die jeder und jede selbst treffen muss.

Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden ... (Apg 2,38)

Das anthropologische Problem. Was heisst Bekehrung in der 'menschlichen' Perspektive? Was macht der Mensch dabei? Geht es primär um eine intellektuelle Zustimmung zu einer bestimmten theologischen Lehre (Jesus starb für mich, also sind mir meine Sünden vergeben)? Geht es um ein starkes Gefühl, ein Gotteserlebnis? Und was ist mit all denen, die bei den Billy Graham Feldzügen nach vorne kamen und sich ein paar Jahre später nicht mehr als gläubige Christen bezeichneten? Was ist mit Fällen wie mir, die in einem christlichen Haushalt aufgewachsen sind und kein fulminantes und auch gar kein spezifisches Bekehrungserlebnis vorweisen können? Zwei Bemerkungen dazu. Erstens glaube ich, dass in evangelikalen Kreisen tatsächlich manchmal ein etwas idealisiertes Bild von Bekehrung vorherrscht (vielleicht gespiesen von den Vorbildern wie Wesley und Co.). Eine Bekehrung kann ganz unterschiedlich verlaufen. Von der schlagartigen 180°-Wende bis zum langjährigen, schleichenden Prozess findet man wohl alles im Regal. Doch zweitens, eine persönliche Entscheidung für Gott ist etwas, das zum Christsein dazugehört (auch wenn sie mehrfach wiederholt wird). Man wird nicht einfach Christ, so wie man sich mit einem Virus ansteckt. Es gibt sie irgendwo, diese Schwelle, die man bewusst überschreiten muss. Und ich meine, Bekehrung beinhaltet alle menschlichen Fakultäten: eine intellektuelle Zustimmung (für wen und was entscheide ich mich?), unsere Gefühle (ja, diesen Gott möchte ich anbeten!) und den Willen (ja, ich will!). Sich bekehren bedeutet, sich ganz Jesus zuwenden, mit Herz, Verstand und Willenskraft. Und wenn man einmal über der Schwelle ist, braucht es die täglichen Minibekehrungen, eine kontinuierliche Hinwendung zu Christus und Abwendung vom alten Leben. Ich glaube, es war John Owen, der einmal gesagt hat, dass die erste Bekehrung der Anfang einer fortwährenden Bekehrungsgeschichte bildet (theologisch ausgedrückt, dass Bekehrung und Neugeburt folgerichtig zur Heiligung führen werden). Und um es noch komplexer zu machen: Vergessen wir nicht die göttliche Dimension, die in und über der menschlichen Dimension wirkt. Dass ein Mensch sich für Gott entscheidet, lässt sich auf einer rein anthropologischen Ebene nicht befriedigend erklären. Vielleicht sind es vor allem wir Evangelikalen, die diese göttliche Dimension wieder mehr berücksichtigen sollten.


Das biblische Problem. Dann finde ich, sollten wir in unserer Diskussion wieder ein gutes Stück näher zur Bibel rücken. Was sagt die Bibel über Bekehrung? Was ist Taufe? Was die Neugeburt? Wass heisst Busse tun oder Umkehr? Zu häufig waten wir in sehr seichtem Wasser, wenn wir über diese Themen debattieren. Ganz kurz skizziert: Ja, wir finden den evangelikalen Bekehrungsaufruf tatsächlich in der Bibel (wenn auch vielleicht nicht in der Billy Grahamschen Art). Wir finden aber auch den Prozess, die Einladung für den Weg, die nikodemischen Zweifel, die Puzzleteile, die Jesus ganz spezifisch in das Leben derer streute, denen er begegnete, ohne dass diese sich grad bekehrten. Und offensichtlich sehen wir auch die Früchte, die ein bekehrtes, umgekrempeltes Leben für andere und für die Gesellschaft brachte. Die Bibel bewahrt uns vor theologischer Engführung.


Das theologische Problem. Hier liegt, so glaube ich, der Knackpunkt, der sprichwörtlich begrabene Hund. Wir müssen uns entscheiden. Glauben wir, dass der Mensch wirklich verloren ist und dass er gerettet werden (sich bekehren) muss? Für Evangelikale ist dies eine Conditio sine qua non, ein unverzichtbarer Bestandteil des Evangeliums, unabhängig davon, ob unsere Kultur heute ein Verständnis dafür hat oder nicht. Evangelikale wollen nicht so relevant werden, dass sie diese für sie klar biblisch bezeugte Tatsache aufgeben wollen. Im evangelikalen Schema braucht der Mensch eine Bekehrung. Er muss sich ganz Gott zuwenden, um das Gericht abzuwenden. Er muss sich für Jesus entscheiden (und Jesus muss sich für ihn entscheiden), damit die vertikale Dimension transformierend in sein Leben einwirken kann. Was er nicht zwingend braucht, ist ein Bekehrungserlebnis der Kategorie 'Paulus auf der Strasse nach Damaskus' [4] Vielleicht braucht er einfach einen Aufgenöffner, so wie der Kämmerer auf dem Weg nach Jerusalem (Apg 8,26-40). Vielleicht benötigt er einfach mehr Zeit und Raum für Fragen und Zweifelchips, sowie Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiten. Doch braucht er den Moment (oder die Momente), die Erlösung Gottes als Geschenk für sich anzunehmen, Jesus aufzunehmen.

So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. (Joh 1,12)

Bedenken wir noch dies: Wenn wir von Bekehrung reden, sollten wir im Blick haben, dass es den Wesley's und Whitefield's und vielen nach ihnen um eines ging: Heilsgewissheit (nenne es meinetwegen 'Ticket in den Himmel'). Brauchen wir das heute nicht mehr? Sind wir uns einfach sicher, dass wir und unsere Freunde sowieso schon gerettet sind? Oder spielt das überhaupt noch eine Rolle in unserem Leben, unserer Spiritualität? Für Evangelikale geht es hier nicht nur um eine gesicherte celestische Zukunft. Ein tief verankertes Bewusstsein des Geschenks der Errettung fliesst über in eine Spiritualität, die von Anbetung und Dankbarkeit durchtränkt ist, angesichts der überwältigenden Gnade Gottes. Und der Himmel prägt die Gegenwart, weil er zum Lauf des Glaubens anspornt. Post-Evangelikale fokussieren sich stark auf das diesseitige Leben. Darauf, wie sich das Evangelium in Kirche, Gesellschaft und Welt manifestieren sollte. Sie wirken daher als Korrektiv gegen einen zu individualistischen Evangelikalismus, gegen eine 'Ich-und-mein-Jesus-Spiritualität', bei der Glaube zu etwas rein Privatem reduziert wird. Doch sollte sich der Post-Evangelikalismus unbedingt die Frage stellen, ob er nicht die 'fremde Gerechtigkeit', die Jesus aus Gnade schenkt, für ein gerecht gelebtes Leben hier auf Erden aufgibt (muss es ein entweder oder sein?). Wenn dies der Fall wäre, befürchte ich, dass das christliche Leben am Ende wieder zu einer moralistischen Religion wird und die Gnade Gottes auf der Strecke bleibt.


Dies ist für mich der knackigste Punkt. Diskussion eröffnet.


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[1] Siehe bswp. Florian Bachmann vor vier Jahren: https://cursor.pubpub.org/pub/div-landkarten-2018/release/1


[2] Diesen Vorwurf hörte ich in dieser Form bei Martin Benz: https://movecast.de/mc-112-was-glaubt-man-wenn-man-postevangelikal-ist-teil-5-wahrheitsverstaendnis-1/


[3] In diesem und den paar nächsten Paragraphen beziehe ich mich auf Benz (siehe Fn 2)


[4] Entgegen aller Neuperspektivler glaube ich, dass Paulus einen Bekehrungsmoment erlebte.

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