Kann ein guter und gnädiger Gott die Hölle überhaupt als Option zulassen? Fortsetzung des Gesprächs mit David Bentley Hart
Any rational will that does not surrender to God as the true end of desire and knowledge is a whole world from which God is absent, and so is God's defeat.
(David Bentley Hart)
Das Christentum hat sich über die meiste Zeit hinweg zu einer Hölle bekannt, auch wenn dieses Teaching unbequem und schwierig war, ist und bleibt. Gewiss heben Allversöhner stets gerne hervor, dass es in der Bibel allversöhnliche Stellen gäbe und dass die Lehre der Allversöhnung auch historisch immer wieder mal vertreten worden sei (siehe diesen Beitrag, in dem ich versuche, dieses Argument im Kontext zu betrachten). Der griechisch-orthodoxe Theologe David Bentley Hart argumentiert in seinem Buch That All Shall Be Saved noch forcierter, dass die Möglichkeit der Hölle zwar theologischer Mainstream sei, aber niemand diese Position wirklich halten könne, es sei denn, man zwinge sich gegen seine tiefste Intuition dazu, diese Lehre blind zu glauben.
I am convinced that practically no one who holds firmly to the majority tradition regarding the doctrine of hell ultimately does so for any reason other than an obstinate, if largely unconscious, resolve to do so, prompted by the unshakable conviction, that faith absolutely requires it. (That All Shall Be Saved, S. 28)
Das ist eine sehr starke Aussage. War die Kirche über die Jahrhunderte dogmatisch so verblendet, dass sie sich der 'besseren' und 'biblischeren' Option der Allversöhnung verschlossen hat? Ist die traditionelle Position zur Hölle wirklich nur irrational vertretbar?
In diesem Beitrag möchte ich dieser Frage begegnen. Dazu skizzieren wir zunächst das Argument Bentley Hart's, bevor wir eine biblisch-theologische Antwort versuchen.
Gottesbild: Welchen Gott setzen wir voraus?
Hart skizziert grob gesagt zwei Positionen, denen er ablehnend gegenübersteht. Zum einen die Position Calvins und der reformierten Orthodoxie (wie auch Augustinus und Thomas von Aquin u.a.): Gott erwählt einen Teil der Menschheit zum ewigen Heil - den anderen Teil jedoch lässt er in ihrer Sünde (oder bestimmt sie zum ewigen Unheil in der Hölle). So knapp formuliert tönt das schon recht krass, aber Hart setzt noch einen drauf, wenn er den Gott Calvin's so beschreibt:
The true unadorned essence [Gott] of the whole story is nothing more than sheer absolute power exercising itself for power's sake, which therefore necessarily manifests itself in boundless cruelty no less than in boundless generosity. (S. 50)
Was ist das für ein Gott, der so absolut über Menschen verfügt, dem einen gnädig ist, aber den anderen verwirft? Ist das nicht ein willkürlicher Despot? Und wie kann man hier von Gnade reden, wenn ein Grossteil der Menschheit von Gott einfach missachtet wird? Bentley Hart malt hier mit starken Farben und wir werden weiter unten hinter die dick aufgetragene Farbschicht schauen müssen, um den Gott Calvins und Co's jenseits von solcher Polemik besser zu verstehen.
Die zweite Position, die Hart ablehnt, ist die Position der Arminianer und all derer, die ein libertäres Verständnis des freien Willens des Menschen vertreten. Gemäss dieser Sicht ist es nicht Gott, der die Entscheidung trifft - wie indirekt auch immer - sondern allein der Mensch: Weil Menschen sich ganz frei gegen Gott entscheiden, landen sie in der Hölle. Gott lässt sie frei dabei und spielt nicht den unsichtbaren Drahtzieher hinter den Kulissen (siehe dazu meinen letzten Beitrag).
Wie versteht Hart Gott und die Welt? Er denkt von der Schöpfung her: Gott schuf diese Welt aus dem Nichts. Bevor da überhaupt etwas war, war nur Gott. Weil Gott aus dem Nichts schafft, übernimmt er von diesem Augenblick an die volle Verantwortung für seine gesamte Schöpfung, sogar für alles Böse im Kosmos (und insofern dieses Böse als endgültiges Ergebnis bestehen bleiben sollte, wäre Gott ergo dafür verantwortlich). Doch weil Gott gut ist, kann er nicht wollen, dass seine Schöpfung den Bach runtergeht. Hart schreibt:
The salvation of all is a claim that follows more or less ineluctably from any truly coherent contemplation of what it means to see God as the free creator of all things ex nihilo” (S. 66–67).
Das Stichwort hier ist 'frei'. Gott war ja frei, diese Welt so zu schaffen, wie sie ist. Er hätte auch eine andere Welt schaffen können. Aber er entschied sich für diese. Hart schliesst daraus: 'As God’s act of creation is free . . . all contingent ends are intentionally enfolded within his decision' (S. 69–70). Gott ist Schöpfer und schafft letztlich nur Gutes, weil er selbst das Gute ist. Gott würde nie eine Welt schaffen, in der es etwas so Schlechtes wie eine ewige Hölle gibt.
Doch Hart geht noch einen Schritt weiter, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Die Welt ist ein Ausfluss Gottes, nicht nur seiner Kreativität, sondern auch seiner Vollkommenheit.
All that exists comes from one divine source, and subsists by the divine grace of impartation and the creaturely labor of participation ... God goes forth in all beings and in all beings returns to himself. (S. 71)
Ein Künstler, der ein großes Werk schafft, gibt sich selbst in diesem Werk zu erkennen. Das Werk bringt etwas von seinem Wesen, seiner Schönheit und seiner Vollkommenheit zum Ausdruck. Wenn Gott, der grosse Künstler, diese Welt schafft, diese Welt aber den Bach runter geht (oder ein Teil der Menschheit für immer verloren geht), dann wäre Gott entweder nicht allmächtig (es gäbe einen Gegenspieler, eine fremde Macht, die ihm das Kunstwerk verpfuscht), oder Gott selbst wäre nicht gut. Denn vom wahren Guten kann nichts Schlechtes wie die ewige Hölle kommen. Oder wir würden von einem schlechten Künstler ausgehen, von einem Monster eigentlich, der sich einen Spielplatz erschafft, auf dem er andere Figuren zu seiner Befriedigung quält. Robert Golding schreibt: 'The creation of an eternal hell would have to be an extension of who God is ad intra (within himself).' Und Bentley Hart fasst zusammen:
God, by his nature, could not create a reality containing rational creatures, all of whom, for no reason save the exercise of the divine will, he keeps entirely ignorant of the Good during their lives, and then mercilessly consigns to eternal torment thereafter as a penalty for their misdeeds. Because he is the Good itself; God cannot be the author of absolute injustice, absolute evil; such an irrational possibility would be a limitation upon the infinite freedom with which he expresses his nature. (S. 60)
Wenn wir das konsequent durchdenken, tun sich einige Abgründe auf: Was ist dann mit dem Bösen, das wir in dieser Welt erfahren? Selbst wenn das Böse keine ewige Bleibe hat, genug angerichtet hat es bis dato definitiv. Hat Gott das Böse so gewollt, dass er seine Welt durch alles Böse letztlich zum Guten führt - Happy Ending am Schluss? Ist Gott gemäss Hart's Vorstellung dann nicht auch der Autor des Bösen? Robert Golding fragt: 'If God is morally responsible for eschatological outcomes, then why is God not also responsible for historical evils?' Und weiter: 'A universalist happy ending would not then absolve God of all the evil that had occurred along the Yellow Brick Road to the eschaton.' Nur um es klarzustellen: Das Problem des Bösen ist ein reales Problem für alle theologischen Positionen. Hart löst es hier nicht auf, sondern er verkompliziert es. Statt zu erklären, warum ein allmächtiger und vollkommen guter Gott das Böse zulässt (ohne dafür verantwortlich zu sein - so die klassische Position), muss er nun erklären, warum Gott für das Böse, das sich im Laufe der Weltgeschichte ereignet, nicht verantwortlich sein sollte. Dass am Ende alle gerettet werden, beantwortet noch nicht die Frage, wer für das Leid und das Böse auf dem Weg dorthin verantwortlich ist. Eine universale Erlösung ist noch keine universale Rechtfertigung der Geschichte. Kann Gott eine Welt schaffen, in der das Böse vorkommt? Realitätscheck: Ja! Die Frage ist, ob Gott dabei der Autor des Bösen ist, weil ja gemäss Hart alles Seiende von ihm und wieder zu ihm zurück fliesst - was implizieren würde, dass am Ende auch die gefallenen Engel inklusive Satan wieder bei Gott sein werden. (PS: Im klassischen Theismus geht man auch davon aus, dass Gott allmächtig ist und diese Welt gemäss seinem Plan führt. Und dennoch ist er nicht Autor des Bösen. Die Spannung bleibt bestehen. Der gordische Knoten wird nicht getrennt) [1]
Was bedeutet das im Hinblick auf die Hölle, die Hart ja auch voraussetzt? Die Hölle kann letztlich nur einem guten Zweck und Ziel dienen, der Läuterung und Vervollkommnung der Schöpfung. Hart gibt also zu, dass Gott nicht in der Lage ist, in dieser Weltzeit alle Menschen zu retten. Dazu braucht es für so Manchen die läuternden Nebenwirkungen der Hölle: 'God can ... so arrange the shape of reality that all beings, one way or another, come at the last upon the right path by way of their own freedom ... in this life or the next.' (S. 184) Besser eine restaurative Hölle als gar keine. Wobei man sich fragt, warum Gott nicht auch ohne Hölle gekonnt hätte und ob das gerecht ist? Golding stellt treffend fest:
Hart’s project takes some sting out of the intuitive reaction to eternal hell, but only to replace it with the bite of unequal and arbitrary purgation. To be sure, in Hart’s analysis all will be well in the end but the means to that end seem inevitably unjust since some are afforded a strikingly better opportunity of avoiding hell than others. This question must be answered: How is it just for God to effectively force certain persons to go through hellish purgation while others are given the opportunity to avoid it?
Am Ende greift Hart wieder einmal Schleiermachers Argument auf, dass die Ewigkeit der Geretteten durch das Schicksal der Verworfenen in der Hölle geschmälert würde. Er geht soweit zu sagen, dass die Menschen in der Hölle gemäss der klassischen Position Gottes notwendiges Opfer seien, damit er sein Königreich mit den Erretten bauen könne. Um die schönen Pyramiden zu bauen, damit die Pharaonen eine Ferienwohnung haben, wurden ja schliesslich auch unzählige Sklaven geopfert. So mache es auch Gott mit den Verlorenen (gemäss der klassischen Höllenlehre der Kirche). Hart meint:
The lost are ... the price that God has contracted from everlasting - whether by predestination or mere permission - for the sake of his Kingdom; and so it remains a Kingdom founded upon both an original and a final sacrificial exclusion. (S. 87)
Und das Happy End der Geschichte Gottes wäre dann für immer schwarz gefärbt und es käme in Ewigkeit keine wahre Freude auf:
The ultimate absence of a certain number of created rational natures would still be a kind of last end inscribed in God's eternity, a measure of failure or loss forever preserved within the totality of the tale of divine victory. If what is lost is lost finally and absolutely, then whatever remains, however glorious, is the residue of an unresolved and no less ultimate tragedy, and so could constitute only a contingent and relative "happy ending. (S. 87)

Was für eine Welt hat Gott geschaffen?
Wie kann Gott eine Welt schaffen und dabei in Kauf nehmen, dass ein Teil (ein Grossteil?) der Menschheit für immer verloren geht? Was für ein Gott wäre das? Eine Lösung wäre zu argumentieren, dass Gott das Risiko eingegangen ist, aber am Willen des Menschen scheitert - den Menschen, die es nicht kapieren wollen und sich gegen ihn entscheiden. Doch wenn wir annehmen, dass Gottes Plan nicht an den freien Willensentscheidungen der Menschen scheitert, stellt sich diese schwierige Frage: Warum diese Welt? Warum keine andere, eine bessere, eine Welt ohne Leid und ohne das Böse? Ist diese Welt die Bestmöglichste, die Gott hätte schaffen können (mit liebem Gruss an Leibniz)?
Das Hauptargument der Universalisten ist das göttliche Attribut der Liebe: Am Ende ist es doch die Liebe, die den Sieg davonträgt. Die Liebe überwindet alles Böse - Love wins. McClymond stellt fest:
Universalists view themselves as affirming God’s love, mercy, or grace, while particularists, in their view, offer a theology that is seriously deficient in this respect. (The Devil's Redemption, Band 2)
Hier lohnt es sich einzuhaken und zu fragen: Was ist Liebe? Was bedeutet Gnade? Und ist das Gottesbild der Allversöhner am Ende überzeugender? Propagieren sie einen Gott der Gnade und Liebe, wogegen Partikularisten (das ist der Begriff für jene, die von einem doppelten Ausgang ausgehen) einen Teufel an die Wand malen?
Der Schöpfergott der Bibel:
Die Kirche bekannte über die Zeiten einen Gott, der diese Welt aus dem Nichts schuf. Vorher war 'nur' Gott und Gott war sich selbst genug. Die Schöpfung des Universums war keine Notwendigkeit für Gott, als ob er ein Gegenüber gebraucht hätte, einen Spielplatz um sich auszutoben. Nein, der biblische Gott ist unabhängig (self-sufficient). Er braucht die Schöpfung nicht. Das heisst nicht, dass die Schöpfung eine Nebensächlichkeit ist, ein liegengebliebenes Projekt im Arbeitszimmer Gottes. Gott schuf diese Welt aus Freude, aus seiner überfliessenden Kreativität. Und er schuf sie als Schauplatz seiner Grösse und Herrlichkeit. Oder wie Calvin es ausgedrückt hat, als Theater für die Herrlichkeit Gottes, in dem der Mensch die Werke Gottes und seine sich darin offenbarende Herrlichkeit als Zuschauer betrachten kann (vgl. Institutiones I.6.3)
Was geschieht aber mit Gott, wenn seine Schöpfung sich gegen ihn auflehnt (es ist und bleibt für mich letztlich ein ungeklärtes Geheimnis, warum die Engel und später Adam und Eva sich nicht zufrieden gaben, sondern sich gegen Gott aufgelehnt haben)? Anders gefragt, wird Gottes unabhängiges Wesen durch die Sünde der Menschen und dem Abfall der Engel nicht doch belastet, betrübt oder gar zerrissen, so dass Gott am Ende selbst Heilung und Versöhnung braucht? Es gibt Ansätze in der Allversöhnungslehre, die in diese Richtung gehen: Der Riss, der durch diese Welt geht, geht auch durch Gott (oder hat sogar seinen Ursprung in Gott) und darum braucht Gott selbst Heilung. Und indem er die Welt rettet und heilt, heilt er sich selbst. [2]
Bentley Hart scheint nicht in diese radikale Richtung zu gehen. Dennoch geht die Logik seines Arguments dahin, dass Gott als verantwortlicher Schöpfer eigentlich nicht darum herum kommt, letztlich die ganze Schöpfung zu retten! Andernfalls wäre Gott entweder nicht gut, oder nicht allmächtig (wir kennen das Spiel). Hart's Gott steht auf der Seite der Bedürftigen (so scheint es fast): Er muss alle retten, sonst wäre sein Projekt gescheitert und er hätte ewige Gewissensbisse. Gott braucht seine Schöpfung. McClymond meint:
Such a diminished view of God does not sufficiently distinguish creation from redemption. Neither does it allow for the fact that creatures’ self-chosen sinning is profoundly offensive to God and threatens to establish a deep rift between a holy God and sinful creatures. While a gracious God loves all that he has made, a holy God is provoked by creatures’ sin. Small though it might appear in our own sight, sin is no small thing in God’s sight. The thinking underlying the diminished view of God is anthropocentric. Baldly stated, it is the idea that God will save everyone because God needs to save everyone, and that God needs to save everyone because God needs everyone. Every creature matters, and I matter. God needs me to be God. Without me God cannot be God. (The Devil's Redemption, Band 2)
McClymond erwähnt hier den absolut zentralen Punkt, das die menschliche Rebellion gegen Gott keine Bagatelle ist und reale Konsequenzen mit sich bringt (auch wenn die Konsequenzen einer ewigen Hölle ultrakrass sind!). Es ist nicht so, dass Gott alle retten muss, damit er nicht als Versager dahsteht. Vielmehr ist es so, dass niemand von uns überhaupt einen Anspruch darauf hat, gerettet zu werden: '[Wir] alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die [wir] vor Gott haben sollten' (Römer 3,23) Dass Gott rettet, beruht einzig und allein auf seiner Gnade. Aber Gnade ist aber nie notwendig, sonst wäre sie keine Gnade mehr. Schenken beruht auf Freiheit: 'Ich schenke dir das Geschenk, weil ich es dir schenken möchte, nicht weil ich dazu gezwungen bin!' Krasser ausgedrückt: Gott schuldet niemandem Rettung.
Was ist Gnade?
Bleiben wir noch einen Moment bei der Gnade. Die Allversöhner betonen Gottes Gnade, oder seine Liebe, die ihn dazu führe, allen gnädig zu sein. Aber können wir überhaupt noch von Gnade sprechen, wenn Gott notwendigerweise alle retten muss? McClymond formuliert drei universalistische Grundsätze, die mit dieser Logik operieren. Erstens: 'Ich bin gerettet, weil ich selbst göttlich bin.' McClymond beschreibt dies so:
According to this view, I cannot finally be damned, because in my inmost self I am part and parcel of God, and God cannot be fully or finally divided against himself. [3]
Der zweite Grundsatz ist näher bei Hart: 'Ich bin gerettet, weil ich Mensch bin.' Ich bin Teil der Menscheit - und die Menscheit ist ewig mit Gott verbunden. Ja, Christus hat, indem er Mensch geworden ist, die ganze sündige Menschheit mit Gott vereint. Gnade wird hier nicht von Sündern empfangen, weil sie vor Gott auf die Knie fallen und sagen, rette mich! Gnade steht allen zu, per ihrem Menschsein - auf dem Serviertablett bereitgestellt. Egal wie ich lebe, egal ob ich mich für Gott interessiere. Als Mensch bin ich durch Christus mit Gott vereint. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit die ganze Menschheit - unabhäng davon, ob sie das Geschenk empfängt oder ablehnt - gerettet wird. Wenn dem so wäre, dann würden wir hier nicht von Gnade reden, sondern von einem Automatismus. [4]
Die letzte Variante, die auch von Hart bespielt wird, lautet: 'Ich bin gerettet, weil ich leide.' In dieser Variante kann ich nicht ewig verdammt werden, weil ich selbst für meine Fehler leide und Genugtuung (Satisfaktion) leiste. Nennen wir es die Fegefeuervariante. Wenn ich genug gelitten habe, werde ich in den Himmel transferiert. Was ich hier nicht wirklich zusammenbringe ist, dass Allversöhner ganz häufig die biblische Sühnelehre ablehnen - dass Jesus am Kreuz für meine Sünden gesühnt hat - nur um am Ende festzustellen, dass ich selbst für meine Sünden sühnen und Genugtuung leisten soll. Ist das eine gute Nachricht oder was? McClymond meint:
They all denounced the idea that God’s justice dictated that Jesus had to die on the cross for sinners. They repudiated the idea of penal, vicarious, or substitutionary atonement as utterly unworthy of the character of a good and loving God. At the same time, however, these thinkers insisted that individual sinners must pay the price for their own transgressions in postmortem, purgatorial sufferings. (The Devil's Redemption, Band 2)
Fazit: In allen drei Varianten reden Universalisten letztlich nicht von Gnade, sondern von einer Notwendigkeit der Errettung aller, einem Gnaden-Automatismus sozusagen. Aber Gnade ist ein Geschenk und kann nur als Geschenk empfangen werden. Die Errettung gründet nicht in einer Notwendigkeit, die Gott zur Rettung aller verpflichtet (und liegt auch nicht in Gott, als ob Gott sich selbst die Rettung aller schuldig wäre, um am Ende des Tages ein gutes Gewissen zu haben), sondern nur in seiner freien Gnade durch Jesus Christus. McClymond:
Christian universalism has notably failed to preserve the principle of salvation by grace and to express the basic biblical insight that 'I am saved because of God’s free, unconditional, unmerited love.' (Hervorhebung von mir)
Wenn wir schon von Gnade reden, sollten wir eigentlich noch einmal den so berühmten Vers in Johannes 3,16 lesen:
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Spannend ist, dass Johannes ja nicht schreibt, 'denn also hat Gott die Welt geliebt, dass alle das ewige Leben haben.' So lautet vielmehr die universalistische Abkürzung. Doch der Kern der Aussage liegt darin, dass Gott nicht einfach rettet, sondern dass er rettet, indem er seinen Sohn gibt, als Sühneopfer für die Sünden der Menschen (gut, das steht hier nicht, aber das lesen wir z. B. in 1. Joh 2,1-2). Und auch nicht aller Menschen, sondern denen, die glauben. Wer nicht glaubt, gehört zu denen, die verloren gehen und nicht das ewige Leben haben. Die Bibel (schon nur in diesem Vers) gibt ein vielschichtigeres Bild von Gottes Gnade, seinem Gericht und der Rolle, die der Mensch dabei spielt.
Ein ehrliches Schlusswort: Die Welt als theatrum Dei gloriae
Ich hake noch einmal bei dieser Frage ein: Warum hat Gott diese Welt geschaffen, in der die Menschen gegen ihn rebellieren und so sein ewiges Gericht auf sich laden (gemäss der traditionellen Position)? Selbst wenn wir einen Gnaden-Automatismus ablehnen, so dass Gott alle Menschen retten muss, aus welchen Gründen auch immer, warum können wir nicht sagen, dass Gott alle Menschen retten will? Warum hat er sein Geschenk nicht für alle bereitgestellt? Das Problem geht jedoch noch tiefer: Warum überhaupt eine Welt kreieren, in der das Böse und die Sünde Platz haben? Warum nicht direkt in den Himmel skippen? Was ist das eigentlich für ein Theater der Herrlichkeit Gottes, wenn aus unserer Perspektive gesehen so viel schief läuft? Oder 'braucht' Gott das Böse etwa, um seine Herrlichkeit zu zelebrieren? Für Hart und viele andere wäre ein solcher Gott ein Monster!
Arminianer und alle, die ein libertäres Verständnis des freien Willens vertreten, nehmen hier eine andere Abzweigung: Gott ist nicht in der Lage, alle zu retten, obwohl er gerne würde. Er scheitert an der Halsstarrigkeit der Menschen, die ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Calvinisten und alle, die an einen allmächtigen Gott glauben, der die Errettung seiner Braut, der Kirche, nicht nur innerlich herbeisehnt, sondern diese Rettung auch aktiv bewirkt, in dem er erwählt, ruft, rettet, heiligt und vollendet (vgl. Römer 8, 29-30), können diese Abzweigung nicht nehmen. Es ist komplex: Ich glaube schon, dass die Menschen, die sich gegen Gott entscheiden, dies in ihrem innersten Wesen so wollen. Niemand zwingt sie dazu. Viele Mensch wollen von Gott nichts wissen und Gott lässt sie dabei (d. h. ich glaube an den freien Willen, im kompatibilistischen Sinn: siehe hier). Und doch glaube ich, dass Gott einige Menschen aus der Totalität des Menschengeschlechts erwählt (seine Braut) und sie pro-aktiv rettet und also nicht einfach passiv zuschaut, in der Hoffnung, sie mögen sich irgendwann schon noch bekehren. Für Menschen wie mich stellt sich die Frage nach der Güte Gottes, eine solche Welt zu schaffen, in der er vorsieht, nur einen Teil der Menschheit für sich zu erwählen und zu retten, also doppelt. Was habe ich also zu meiner Verteidigung vorzubringen?
Ein paar Dinge: Dass Gott richtet bedeutet nicht, dass Gott Freude am Leiden hätte. Gott ist kein Masochist, kein Theaterregisseur, der seine Schauspieler quält, weil er es geil findet. Gott richtet, weil er gerecht ist - und sein Urteil ist immer gerecht, nie unverdient. Paulus schreibt:
Doch du bist verhärtet; dein Herz ist nicht zur Umkehr bereit. So sorgst du selbst dafür, dass sich Gottes Zorn gegen dich immer weiter anhäuft, bis er schließlich am »Tag seines Zorns« über dich hereinbricht – an dem Tag, an dem Gott Gericht hält und für alle sichtbar werden lässt, dass sein Urteil gerecht ist. (Römer 2,5)
Gottes Liebe impliziert nicht, dass Gott Schuld und Rebellion ungestraft lässt. Das wäre eine sentimentale Form von Liebe. Gott toleriert Unrecht nicht - Schwamm drüber. Das sehen wir spätestens, wenn wir das Kreuz Jesu anschauen:
Ihn [Jesus Christus] hat Gott vor den Augen aller Welt zum Sühneopfer für unsere Schuld gemacht. Durch sein Blut, das er vergossen hat, ist die Sühne geschehen, und durch den Glauben kommt sie uns zugute. Damit hat Gott unter Beweis gestellt, dass er gerecht gehandelt hatte, als er die bis dahin begangenen Verfehlungen der Menschen ungestraft ließ. Wenn er Nachsicht übte, geschah das im Hinblick auf das Sühneopfer Jesu. Durch dieses hat er jetzt, in unserer Zeit, seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt; er hat gezeigt, dass er gerecht ist, wenn er den für gerecht erklärt, der sein ganzes Vertrauen auf Jesus setzt. (Römer 3,25-26)
Am Kreuz Jesu sehen wir, dass Liebe und Gericht (Gerechtigkeit) keine Gegensätze sein müssen. Im Gegenteil offenbart Gott seine Liebe gerade im Gericht, darin, dass Jesus das Gericht auf sich nimmt und für uns stirbt. Timothy Keller bringt es so zum Ausdruck:
Until we come to grips with this terrible doctrine [der Hölle], we will never begin to understand the depths of what Jesus did for us on the cross. His body was being destroyed in the worst possible way, but that was a fleabite compared to what was happening to his soul. When he cried out that his God had forsaken him, he was experiencing hell itself. (Preaching Hell in a Tolerant Age) [5]
Das Kreuz offenbart uns einen ganz wichtigen Aspekt der Herrlichkeit Gottes. Das Kreuz ist kein Unfall im Drehbuch, sondern Dreh- und Angelpunkt der Story. Hier offenbart Gott seine Herrlichkeit, seine Liebe und seine Gnade. Jesus sagte vor seinem Tod: 'Die Zeit ist gekommen, wo der Menschensohn in seiner Herrlichkeit offenbart wird.' (Joh 12,23) Und etwas später: 'Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit offenbart, und durch ihn wird Gott selbst in seiner Herrlichkeit offenbart. (Johannes 13,31) Das Kreuz bildet das Zentrum von Gottes Theater. Wenn Jesus nicht als Höhepunkt der Story Gottes am Kreuz für uns gestorben wäre, wäre das Theaterstück ein anderes geworden. Hier und vor allem hier erkennen wir Gottes Liebe und seine Gnade - sowie seine Gerechtigkeit - und das alles auf einmal.
Ist das eine Antwort auf die Frage 'warum diese Welt'? Ja und nein. Wir können sagen, dass eine heile Welt ohne Tod, Sünden und Teufel Gottes Gnade und Barmherzigkeit, wie sie sich am Kreuz Christi archetypisch offenbaren, nie provoziert hätte und wir Gott dann nicht so kennen würden, wie wir es dank dieser gefallenen Welt tun. Doch damit bleiben gleichzeitig viele Fragen offen. Gut, wir sehen also Gottes Gnade offenbart. Doch warum erstreckt sich seine Gnade nicht auf alle Menschen? Wieso ist Jesus am Kreuz nicht für die ganze Menschheit gestorben - und zwar so effektiv, dass auch alle gerettet werden? [6]
Die Bibel gibt das nicht her - und hier sitze ich nun mal und kann nicht anders. Es gibt Momente, in denen ich mit der Utopie der Allversöhnung flirte (oder sie mit mir), wenn ich mir vorstelle, dass alle Menschen gerettet und keiner verloren geht. Aber nicht mein, sondern sein Wille geschehe. Ich bin wohl nicht der einzige, der mit dieser biblischen Wahrheit ringt. Paulus zum Beispiel, der lieber selbst verflucht und von Gott getrennt gewesen wäre, damit seine Volksbrüder nicht verloren gehen (Römer 9,3). Diese Realität ist krass, ich kann's nicht anders beschreiben. Gottes Herrlichkeit offenbart sich eben nicht nur, wenn er sie 'den Gefässen seines Erbarmens schenkt, - uns, für die er diese Herrlichkeit vorbereitet hat.' (Röm 9,23) Sie zeigt sich auch an den 'Gefässen des Zorns', die für 'das Verderben bereitgestellt sind'. (Röm 9,22 - obwohl Paulus hier schreibt, dass sich an den Gefässen des Zorns Gottes Macht und nicht seine Herrlichkeit sichtbar wird). Gleichzeitig dürfen wir den anderen Teil nie aus den Augen verlieren: Diese Zorngefässe wollten Gott nicht, mit keiner Faser ihres Seins. An dieser Realität stossen wir uns. Doch bringt sie uns auch zu Fall?
Ich habe meinen Glauben über dieser krassen Wahrheit nicht verloren, aber ich bin ein kleines Stück demütiger geworden (meine ich wenigstens). Ich bekenne, dass Gott gut und gerecht ist. Die Bibel bezeugt es mir auf jeder Seite. Seine Urteile sind gerecht. Sein Plan ist gut! Kann ich es verstehen? Nein. Aber dann muss ich es auch nicht. 'Was bildest du dir ein? Du bist ein Mensch und willst anfangen, mit Gott zu streiten?' (Röm 9,20) Ich weiss, dass mir hier vorgeworfen werden könnte, dass ich einfach die Jokerkarte ziehe: Die biblische Wahrheit ist zu krass, zu schwierig, um sie zu schlucken - darum sage ich, dass ich sie nicht verstehen kann, dass sie mir zu hoch ist. Wie praktisch, das einfach so abzuschieben. Für mich hat das alles aber nichts mit Abschieben zu tun, sondern mehr mit Reife, ohne dabei überheblich klingen zu wollen. Ich habe gelernt und lerne weiter, mit Spannungen und ungelösten Fragen zu leben. Ich lebe mit einer Wahrheit, die nicht unbedingt meinem Willen entspricht (würde ich es vielleicht anders machen, als Gott?) Aber ich will nicht anfangen mit Gott zu streiten! Und ich kann aus vollem Herzen sagen:
Du, HERR, bist ein gerechter Gott, deine Urteile sind richtig und gut. Was du in deinem Wort bezeugst und uns anvertraust, lässt deine Gerechtigkeit und deine große Treue sichtbar werden. (Psalm 119,137)
Bin ich schizophren? Entweder das, oder aber Gott stretched mich über mein Vermögen hinaus. Ich hoffe das Zweite. Und vielleicht werde ich es ja eines Tages verstehen - wenn Gott uns am Ende der Tage tiefer in seine Karten blicken lässt. Doch dann wird das Lob nur noch umso lauter klingen: 'Gut ist nur Gott, sonst niemand!' (Markus 10,18)

[1] Hart ist Determinist: Was immer der Mensch auch entscheidet, es ist im Plan Gottes inbegriffen. Doch geht Hart einen Schritt weiter als Calvin, wie mir scheint: Während der Gott Calvin's das Böse (wie auch alle bösen menschlichen Entscheidungen) einkalkuliert und durch diese Faktoren seinen grossen Plan verwirklicht, ohne dabei für diese bösen und sündigen Taten der Menschen oder das Böse verantwortlich zu sein (denken wir zum Beispiel an die Kreuzigung Jesu: Jesus wurde von Menschen mit bösen/sündigen Absichten ans Kreuz genagelt, und dennoch entsprach das dem Plan Gottes von Anfang an - vgl. Apg 2,23), ist der Gott Hart's direkter die Ursache für alles Böse. Die Logik geht so: Alles kommt von Gott, alles fliesst zu Gott zurück. Für Calvin (und die Bibel) kommt nur alles Gute direkt von Gott. In Gott wohnt keine Finsternis, nur Licht - ergo kann von Gott nichts Finsteres kommen (Jak 1,17; 1. Joh 1,5). Für Calvin bleibt die Frage letztlich ein
unergründliches Geheimnis: Wie kann Gott das Böse in seinen Heilsplan einordnen und durch dieses hindurch seinen Willen verwirklichen, ohne selbst zum Urheber des Bösen zu werden?
[2] Paul Molnar bezeichnet den Universalismus als „ein Problem, das in der Gotteslehre begründet liegt“. (Paul D. Molnar, „Thomas F. Torrance and the Problem of Universalism“, Scottish Journal of Theology) Universalistische Denker geben sich nicht damit zufrieden, dass die Erlösung aller Menschenlediglich einmögliches oder kontigentes Ergebnis ist. Vielmehr haben sie versucht, in Gottes eigenem Wesen eine Grundlage zu finden, die das universelle Heil aller Menschen garantiert.
[3] Hier inkludieren wir alle universalistischen Lehren, die von einem göttlichen Funken im Menschen ausgehen, der per definitionem wieder zu Gott zurückkehren muss: z. B. die Gnosis. Vgl. dazu McClymond, The Devil's Redemption, 2 Bänden.
[4] Barth's Logik der Erwählung geht in diese Richtung. McClymond fasst zusammen: 'Barth never ceased from insisting that what Christ accomplished in his life and death was for all humanity, applied to all humanity, and affected all humanity.'
[5] Mir ist bewusst, dass Gerechtigkeit für Universalisten nicht retributiv, sondern primär restaurativ ist. Ich plane dazu noch einen weiteren Beitrag (in dieser Serie) zu schreiben.
[6] Wie gesagt lehnen die meisten Universalisten den Sühnetod Jesu - und somit auch die Selbstoffenbarung Gott als gnädiger und richtender Gott - ab. In diesen Entwürfen wird das Kreuz letztlich überflüssig, weil Gott ja sowieso rettet. Es gibt Ausnahmen. Für Moltmann ist das Kreuz das Zentrum der Gottesoffenbarung, weil sich in ihm Gottes Wesen in seiner tiefsten Gestalt offenbart: seine Liebe, die sich freiwillig dem Leiden und der Gottverlassenheit aussetzt. Doch deutet das Kreuz bei Moltmann auf einen Riss in
Gott selbst hin: Auf die innertrinitarische Spannung zwischen dem Vater, der den Sohn dahingibt und dessen Tod erleidet, und dem Sohn, der am Kreuz die Gottverlassenheit erfährt. Das Leiden und Sterben Christi wird somit zu einem Geschehen innerhalb Gottes selbst. Das Kreuz offenbart nicht nur Gottes Liebe zur Welt, sondern es zeigt auch Gottes eigenes Leiden. Die moltmannsche Theologie des Kreuzes steht kontrastierend zur traditionellen Vorstellung, dass Jesus als Mensch (eben nicht als Gott) stellvertretend die Strafe für die Sünde der Menschheit trägt. Während in der klassischen Sühnetheologie das Kreuz insbesondere als Heilsereignis verstanden wird, in dem Gottes Gerechtigkeit und Gnade zusammenkommen, versteht Moltman das Kreuz vor allem als Offenbarung des (innertrinitarisch) leidenden Gottes.



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