• matt studer

Glaubens-Dekonstruktion ist chic! Zweifeln als Weg

Aktualisiert: 14. Nov.



Dekonstruktion ist nicht nur die Technik einer zerstörten Konstruktion, da sie die Idee der Konstruktion beinhaltet.

(Jacques Derrida)



Man nehme einen konventionellen Glauben, am Besten in der Kindheit geformt, rühre ein paar Enttäuschungen und Lebenskrisen darunter, würze mit einer Prise hip-moderner Theologie des Zweifelns und das Rezept für eine Glaubensdekonstruktion ist perfekt. Nur noch etwas aufgehen lassen und dieser Glaube wird ganz sicher ins Wanken geraten.


Nicht ganz so schnell. Es gibt ja ganz verschiedene Arten von Glaubensdekonstruktionen. Ich denke da zum Beispiel an mich. Christlich aufgewachsen, keine einfache Jugendzeit, aus der christlichen Blase abgehauen und meinen Weg in die 'Freiheit' gesucht, müsste mein Glaube eigentlich längstens auf der Strecke geblieben sein. Aber Gott wollte es anders. Wenn auch zeitweise etwas weg vom christlichen Glauben, der Bibel, dem Gebet und der Gemeinde, hat sich mein Glaube trotz all diesen Enttäuschungen, Lebenskrisen, Begegnungen mit scheinheiligen Christen und der allzu menschlichen Menschlichkeit der christlichen Gemeinde gefestigt und vertieft. Er ist authentischer geworden.


Nicht allen geht es so. In einem SRF-Beitrag hören wir von ehemaligen Christen, die ihren Weg aus der 'toxischen' christlichen Zone an die freie Luft gefunden, sich ganz aus einer christlichen Zwangsjacke befreit haben. Zu negativ war das Menschenbild im christlichen Milieu für sie. Zu einengend die Gemeinschaft mit ihrem aufoktruyierenden Regelkodex. Zu unveränderlich die Wahrheit. Zu schuldbeladen und weltfremd die Atmosphäre. Hier führte Glaubensdekonstruktion nicht zu einer gesünderen Rekonstruktion, zu einem ehrlicheren und tieferen Glauben, sondern ganz weg vom Christlichen. Der Weg dieser Menschen führte 'von Gott zum Ich', wie es die Redakteurin treffend sagte.


Was meint Dekonstruktion eigentlich (im urtümlich philosophischen Sinn)?

Wenn wir den Begriff Dekonstruieren hören, denken wir vielleicht an ein Gebäude, das abgebaut wird oder an irgendeine Konstruktion eben, die man demontiert. Dieses Bild suggeriert, dass am Ende keine Konstruktion mehr vorhanden ist, nur noch Einzelteile lose herumliegen. Dabei hat der Begriff in seinem philosophischen Ursprung noch eine etwas andere Schattierung. Jaques Derrida, Michel Foucault und andere französische Post-Strukturalisten bezeichneten damit die Praxis, hinter die 'geheimen Absichten' von Texten zu kommen. Sie vermuteten, dass (vor allem autoritative) Texte so konstruiert sind, dass sie die Machtansprüche einer bestimmten Gruppe legitimieren und implementieren, während sie andere Gruppen ausschliessen und unterdrücken. Dekonstruktion in diesem Sinne hiess folglich, diese subversive Power-Dynamik zu enttarnen und sie dadurch zu entkräften. Timothy Keller zitiert dazu den Literaturkritiker William Deresiewicz, der sich darüber beklagt, dass diese Denke in den Literaturstudiengängen Einzug gehalten hat:

Der Sinn und Zweck [die klassischen Texte] zu studieren ist heute nicht mehr, sie zu verstehen und schätzen zu lernen, sondern sie zu "verhören" und dadurch ihre ideologische Beteiligung (am Patriarchalischen, an White Supremacy, am westlichen Imperialismus und Ethnozentrismus) zu demaskieren ... (meine freie Übersetzung)

Für einige ist Glaubensdekonstruktion genau das: Ein gewahr werden der (angeblich) intrinsischen Machstruktur der biblischen Texte oder fast mehr noch der traditionellen Auslegung dieser Texte, die letztlich nur zum Ziel habe, die Hegemonie der Gruppe, die diese Wahrheit vertritt, zu konservieren.


Das Phänomen der post-evangelikalen Dekonstruktion: Führt progressives Zweifeln automatisch zu geistlicher Mündigkeit?

Die meisten gehen nicht so philosophisch an die Sache. Für die meisten Dekonstruierer beginnt die Demontage, weil gewisse Aspekte ihres Glaubens nicht länger Sinn machen, weil der Glaube von einst nicht mehr zu ihrer Lebensrealität von heute passt oder er sich angesichts schwieriger Umstände als nicht tragfähig genug erweist. Thorsten Dietz fragt:

Unter welchen Umständen fangen Menschen an, mit ihrem Glauben zu fremdeln? Was führt dazu, dass sie manchmal keinen anderen Weg wissen, als sich vollständig von Kirche und Glaube zu verabschieden? Was muss passiert sein, dass Menschen im Abbau bisheriger Glaubenswelten keinen Glutrest mehr vorfinden, der Grundlage eines erneuten Aufflammens bewusster Gläubigkeit sein könnte?

Das sind sehr gute Fragen, auf die ich weiter unten zurückkomme. Zunächst aber stelle ich fest, dass Dekonstruktion sehr in Mode gekommen ist. Insbesondere unter post-evangelikalen Glaubenspilgern scheint ein zweifelnder, fragender, suchender Habitus der modus operandi zu sein. Wer behauptet, er habe die Wahrheit in der Tasche, diskreditiert sich in diesem Umfeld selbst. Die 'Wahrheit' in diesen Kreisen lautet ja gerade, dass wir die Wahrheit nicht dingfest machen können. Sie ist nicht dogmatisch fassbar, sondern nur im Moment erlebbar. So sieht es auch Dietz: 'Diese Wahrheit bleibt stets Ereignis, ohne je zum intellektuellen Besitz zu werden.' Er fährt fort:

Für die christliche Tradition war stets die Erkenntnis bedeutsam, dass all unsere Sätze niemals identisch sind mit der Wahrheit Gottes.

Wenn das wirklich stimmt, leben Dietz und ich in komplett unterschiedlichen christlichen Traditionen! Natürlich muss die Kirche und die christliche Theologie 'ihre Sätze' immer wieder prüfen und am Wort Gottes 'reformieren', also dekonstruieren und rekonstruieren. Keine Gruppe hat die Wahrheit mit Löffeln gefressen. [1] Und trotzdem hatte die Kirche (also die christliche Tradition?) nie Mühe, auch intellektuelle Bekenntnisse zu formulieren, um zu sagen: 'Das ist der Inhalt unseres Glaubens, die Grenzen sind klar markiert, keiner soll sie überschreiten'. Darüber gäbe es wieder mal viel mehr zu sagen. Hier gilt es vor allem festzuhalten, dass die Progressiven recht Mühe mit dem Bekenntnis-Charakter des christlichen Glaubens bekunden. Im Zweifelsfall lieber zweifeln und im Unklaren bleiben. In anderen Worten. lieber die alten Bekenntnisse dekonstruieren als Neue zu formulieren (zumindest vordergründig). [2]


Post-Evangelikale sind Pilger, immer auf der Suche nach Begegnungen mit der Wahrheit, nicht Siedler, die 'ihre' Wahrheit für immer in feste Konstruktionen einmauern wollen. Und doch wollen so manche 'mit ihrem Glauben ein neues Zuhause finden', wie Martin Benz in seinem Buch "Wenn der Glaube nicht mehr passt: ein Umzugshelfer" schreibt. Also doch wieder etwas Festes? Ein neues Glaubensheim, die eigenen vier Wände, das Mobiliar an seinem richtigen Platz? Benz meint, dass für viele Christen der 'alte Glaube' einfach nicht mehr passe. Ein neuer Glaube muss her. Dabei müsse man sich wie bei jedem Umzug diese Fragen stellen: 'Was nehme ich mit? Was entsorge ich? Was schaffe ich neu an?' Die Metapher des Wohnungswechsels beschreibt das post-evangelikale Lebensgefühl sehr gut. Denn hier geht es faktisch um De- und Rekonstruktion. Das klar definierte Alte wird verlassen, Mobiliar wird entsorgt, der Haushalt wird abgespeckt und die Wohnung neu eingerichtet.


Bei all der post-evangelikalen Abbruchstimmung scheint es mir (dies meine subjektive Wahrnehmung), dass es mit der Rekonstruktion doch etwas hapert. Es ist nicht so leicht, eine neue Heimat zu finden und sich dort auch wirklich heimisch zu fühlen. Welcher Typ von Haus soll es denn sein? Kauft man das neue Mobiliar im Broki oder beim Schreiner? Ich erlebe bei einigen Post-Evangelikalen, die ihr altes Glaubenshaus verlassen haben, dass sie heute grundsätzlicher zweifeln, im Schnitt weniger oder weniger leidenschaftlich beten und die Bibel an Relevanz und Glanz für ihr Glaubensleben verloren hat. Es wirkt fast so, als ob das Ganze mit dem dem christlichen Glauben vager und verschwommener geworden wäre, als ob man unsicher ist, wie die neue Wohnung gut einzurichten ist.

Wie Gott uns dekonstruiert - und wieder zusammensetzt!

Im oben genannten Setting des Post-Evangelikalen gehört Dekonstruktion zum Inventar. Sie wird als etwas Positives, ja etwas Notwendiges verstanden. Wer zu einer geistlichen Reife und Mündigkeit gelangen will, kommt nicht darum herum. Umgekehrt gilt als stur und rückständig (oder fundamentalistisch?), wer am Alten festhalten möchte, weil dieses Alte für ihn einen unüberbietbaren Wert besitzt.


Ich glaube fest, dass der christliche Glaube so konstruiert ist, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Gottes Geist möchte ständig in unseren Leben wehen wo er will, genau damit wir nicht stehen bleiben. Progression ist vorprogrammiert.

Indem wir das Ebenbild des Herrn anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen. Diese Umgestaltung ist das Werk des Herrn; sie ist das Werk seines Geistes. (2. Korinther 3,18b)

Dazu gehört, dass wir Traditionen selbstkritisch hinterfragen, könnte unser Evangelium doch mit falschen Haltungen vermischt sein, wie Dietz meint. Schon Petrus durfte sich von Paulus diesbezüglich herausfordern lassen, weil sich bei ihm eine nationalistische Überlegenheitshaltung vor das Evangelium schob, die ihn seine Landsleute bevorzugt behandeln liess (vgl. Gal 2,14). Gerade in fundamentalistischen Milieus kommt das grosse Erwachen der jungen Generation häufig dann, wenn sie feststellen, dass die Welt 'da draussen' nicht nur schlecht und böse ist (wie man es ihnen in der Gemeinde gepredigt hatte). Dies führt zu einem eigentlich gesunden Hinterfragen der Gemeindekultur, in der man gross geworden ist. Solche Momente könnten eine Chance sein, das Evangelium in einer neuen und tieferen Art und Weise zu entdecken.


Manchmal bringt Gott unseren Glauben durch Krisen im Leben auf den Prüfstand, nicht zuletzt damit ungesund Gewachsenes exponiert und behandelt werden kann. Im Leiden findet immer auch ein Realitätscheck statt: Leuchtet mein Glaube auch in Schattenzeiten, oder war er nur für Sonne, Sommer und Strand geeignet? Ist mein Glaube 'real' genug, dass er die reale Welt ertragen, überdauern und sogar in schwierigen Umständen blühen kann?, fragt Tim Keller.


Für andere wieder sind es die skeptischen, intellektuellen Anfragen der säkularen Welt an den christlichen Glauben, die zu Selbstzweifeln führen. Könnte an der säkularen Kritik sogar etwas dran sein? Bin ich mit meinem Glauben vielleicht einer Illusion aufgesessen? Es ist keine leichte Aufgabe, den christlichen Glauben in der heutigen Welt intellektuell überzeugend zu bezeugen - nicht einmal sich selbst.


In all diesen Lebens- und Schieflagen sieht Tim Keller zwei Entwicklungspotenziale:

In all diesen Fällen kann die "veränderte Welt in und um uns herum" uns entweder aus dem Glauben heraus katapultieren, oder sie kann uns dazu führen, dass wir nach einem tiefer biblischen, intrinsisch stimmigeren, erfahrungsmässig authentischeren und intellektuell robusteren Glauben streben. (meine freie Übersetzung)

Das tönt ja direkt nach Arbeit, meint auch der Blogger Emanuel Hunziker. Absolut. Das christliche Leben der Nachfolge Jesu verlangt uns alles ab: 'Liebe Gott von ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.' (Lk 10,27) Hier mag derjenige aussteigen, der es bis dahin nur so halbpatzig gemeint hat.


Im Prozess der De- und Rekonstruktion sollten wir nicht nur unseren herkömmlichen Glauben prüfend hinterfragen, sondern gerade auch den 'neuen Glauben' mit seinen Glaubenssätzen und Verheissungen. Was verspricht uns dieser neue Glaube und was verlangt er von uns? Und ist das wirklich eine gute Nachricht? Ist es nicht bezeichnend, dass wir so gut darin sind das Alte zu hinterfragen und auf die Mulde zu kippen, aber so gutgläubig und geradezu naiv, das verlockend Neue so unhinterfragt anzunehmen?

Christen des jetzigen kulturellen Moments werden ihren Glauben überdenken müssen. Aber zur gleichen Zeit müssen sie lernen 'ihre Zweifel anzuzweifeln'. Sie müssen nicht nur ihre stillschweigend vorausgesetzten falschen Glaubenssätze ... dekonstruieren, sondern - und das ist genauso wichtig - sie müssen all die kulturellen Stories, die ihnen als Alternative zum christlichen Glauben offeriert werden, prüfen. (Tim Keller, meine freie Übersetzung)

Wenn du ein Christ bist, dann ist Gott mit dir noch nicht fertig. Dann ist Dekonstruktion Teil seines Planes mit deinem Leben. Und die göttliche Dekonstruktion könnte radikaler nicht sein: Du stirbst mit Christus - du lebst mit Christus (Röm 6). Die Frage ist, ob du dich Gott in diesem Prozess ganz hingibst, damit er über die Zeit einen tieferen, authentischen Glauben in dir wirken kann?


Lieber die alten Möbel mit Patina, als so neue unbequeme Dinger!

Glauben heisst also in Bewegung zu sein. Auf dieser Pilgerreise gibt es immer wieder mal Zeiten des Zweifelns und Hinterfragens, der De- und hoffentlich Rekonstruktion. Tiefer in den christlichen Glauben einzutauchen heisst jedoch häufig gerade nicht, dass das Neue automatisch wahrer, richtiger und besser als das Alte wäre. Wer garantiert, dass die neue Wohnungseinrichtung auch in zehn Jahren noch gefällt?


Ist es im christlichen Glauben nicht so, dass Gott uns immer wieder in die gleichen alten Wahrheiten hineinnimmt, sie geduldig neu erklärt und vertieft? Klar, sicher nicht immer von der gleichen Perspektive - das wäre ja langweilig (und Gott und seine Wahrheit sind nie langweilig!). Neue Perspektiven helfen uns, dieselbe Wahrheit in einem neuen Licht zu sehen. Dadurch gewinnt sie an Tiefe. Ich bin darum immer etwas skeptisch (wie bei einer Werbung) wenn das Neue so schillernd und klingend angepriesen wird.


In meinem Fall führte 'Dekonstruktion' nicht zu einem Glaubensbegräbnis, sondern zu einem neuen, statisch besser durchdachten Wiederaufbau. Ich wünsche all meinen post- evangelikalen Freunden genau dasselbe: Dass ihr Glaube über die Zeit des Fragens und Hinterfragens letztlich tiefer, authentischer und biblischer werden darf. Dass er, im Feuer der Anfechtung geläutert, widerstandsfähiger, hoffnungsvoller und glühender wird!


Gebt ihr mir nicht Recht, dass wunderbare alte Möbel mit ihrer Patina viel spannender, stilvoller und bequemer sind als neue Stücke direkt ab Fabrik?



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[1] Natürlich sind menschliche Sätze, ja selbst kirchliche Bekenntnisse nicht identisch mit Gottes offenbarter Wahrheit in seinem Wort! Sie müssen sich an diesem Wort orientieren und messen. Dies impliziert aber nicht, dass sie nicht richtig und wahr sein können!

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[2] Progressive haben auch ihre Bekenntnisse und festen Gesetze, nur nicht unbedingt auf Papier. Wie wäre es zum Beispiel mit 'du sollst sexuelle Diversität unter allen Umständen fördern`', oder 'Jesu Tod am Kreuz war vor allem eine Akt der Solidarität mit den Unterdrückten'.

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