• matt studer

Dürfen Christen heute noch evangelisieren?

Aktualisiert: 6. Juli 2021


An einer Party komme ich mit einer unbekannten Person ins Gespräch. Wir kommen darauf, dass ich Christ bin. 'Was, du glaubst an Jesus? Das ist schön für dich. Aber was ich nicht leiden kann, ist, wenn ihr Christen versucht, mich zu missionieren!' Mir wird nun im Detail erklärt warum: Schlechte Erfahrungen mit aufdringlichen Christen. Glaube sei doch Privatsache und nicht übertragbar. Und sowieso, Religion führe doch nur zu Vorurteilen gegenüber Andersdenkenden, Kontroversen, Krieg ... Ich fühle mich von der Meinung meines Gegenübers etwas evangelisiert.


Ein paar Tage später korrigiere ich die Arbeit einer Theologiestudentin. Sie schreibt, dass wir Christen endlich aufhören sollten zu evangelisieren. Vielmehr sollten wir uns aufmachen, unter den kirchenfernen Menschen zu leben, offen zuzuhören, von ihnen zu lernen. Klar, wenn jemand fragt und sich fürs Christsein interessiert, kann man schon mal was über seinen Glauben sagen. Aber ja nicht mit dem Anspruch das Gegenüber zu seiner Form des Glaubens bekehren zu wollen. Der Heilige Geist sei doch sowieso schon am Werk und wir sollten da nicht allzu sehr einzugreifen.


Die beiden (nicht fiktiven) Stimmen sind zum Teil als Gegenreaktion auf traditionelle Formen von Evangelisation zu werten. Ich nenne diese Formen mal 'Evangelisation 1.0' (kurz E 1.0). Da gibt es die Strasseneinsätze, bei denen wildfremde Leute angesprochen werden, um mit einem Fünfpunkte-Evangelium in Berührung gebracht zu werden. Es gibt diverse Evangelisationsmethoden, die Erfolg versprechen - Erfolg gemessen in Zahlen. Es gibt rationale Beweise für den christlichen Glauben. Wenn man nur genügend gut argumentiert, wird sich das Gegenüber vielleicht überzeugen lassen. Solche Versuche stossen heute oftmals auf allergische Abwehrreaktionen bei Christen und bei Nichtchristen. Zudem, traditionelle Methoden wirken heute oftmals unnatürlich und unorganisch. Bieten wir den Menschen 'da draussen' Antworten an, die gar nicht zu ihren Fragen passen? Noch schlimmer, machen wir nicht unsere Gegenüber zu Zielscheiben unseres Anliegens? Sind wir wie Postboten, die eine Nachricht überbringen und schon wieder abrauschen? Gewiss, das Anliegen ist nobel und biblisch: der Wunsch, dass der Nachbar die Person Jesus kennenlernt. Doch die Herangehensweise ähnelt manchmal fast mehr dem Greenpeace-Modell (wer macht keinen Bogen um die Greenpeace-Leute auf der Strasse?). Wir haben ein legitimes Anliegen, für das wir Leute werben. Dazu arbeiten wir an unserer Präsentation, unserem Auftreten und unseren vorgefertigten Antworten, damit unser Anliegen gut ankommt.


Was ist die Alternative zu E 1.0? Pip Piper, ein Pastor einer Gemeinde in Birmingham U. K. räsoniert:

"Bei Evangelisation oder Mission geht es für mich nicht länger darum, andere zu überzeugen, das zu glauben, was ich glaube - egal wie kreativ ich dabei vorgehe. Vielmehr geht es um geteilte Erfahrungen, um Begegnung. Es geht darum, den Weg des Glaubens und des Lebens gemeinsam zu gehen, jeder mit seinem spirituellen und kulturellen Background, aber immer mit der Möglichkeit, dabei Gott zu begegnen und voneinander zu lernen." (aus dem Buch Emerging Churches von Eddie Gibbs und Ryan Bolger, Seite 131)


Evangelisation 2.0. Nicht argumentieren, sondern erlebbar machen. Nicht hier und da mal punktuell eine Message platzieren. Begegnung, Beziehung und ein gemeinsamer Weg mit offenem Ausgang stehen im Vordergrund. Vertreter von E 2.0 reagieren vehement auf jegliche Formen von christlichem Imperialismus: Überzeugen, konfrontieren, die Wahrheit erklären, Recht haben - all dies ist gar nicht so weisser Schnee von gestern und passt nicht in den zeitgemässen Kram. In E 2.0 wird ein Rollenwechsel vorgenommen. Der altgediente Evangelist wird vom 'Strassenprediger' zum 'spirituellen Gefährten'. Ein Prediger verkündet eine Botschaft. Ein Gefährte kommt an deine Seite als Freund, geht ein Stück des Weges mit dir.


Ich gestehe, ich kann mit dieser Tendenz grundsätzlich mitgehen. Aber was ich mich bei E 2.0 doch fragen muss: Geht es hier noch um eine gute Nachricht? Falls ja, wie kann diese Nachricht zum Gegenüber durchsickern? Wohlgemerkt, der Evangelist 2.0 legt nicht soviel Wert auf 'richtig Glauben', im Sinne von den richtigen Glaubensinhalten zustimmen. Viel wichtiger als Glaubenssätze sind ihm ein gutes und gelingendes Leben. Seine Hoffnung ist, dass Gott im Miteinander erlebbar wird. Sein Wunsch ist, dass die christliche Gemeinschaft durch die Verkörperung der Werte des göttlichen Königreichs Zeugnis ablegt. Die gute Nachricht kommt im Kleid eines Lebensstils, in Taten der Nächstenliebe, einer transformierten Gemeinschaft daher. Um das Franz von Assisi zugeschriebene Zitat für E 2.0 etwas umzuformulieren: 'Wir leben und verkörpern die gute Nachricht, wenn bitte möglich ohne Worte.'


Ich möchte an der Stelle für Evangelisation 3.0 plädieren. Warum eine weitere Variante? Weil ich nach wie vor der Überzeugung bin, dass es bei Evangelisation um eine gute Nachricht geht. Und eine Nachricht will zuerst erzählt werden. Wenn die Schweiz gegen Frankreich gewinnt, führe ich auch keine Pantomime auf oder tätowiere mir ein Schweizerkreuz auf den Bauch (obwohl ...). Nein, ich verbreite die gute Nachricht (wenn nötig unterstützt durch Hupsignale)! Einverstanden, E 1.0 ist problembefrachtet (auch wenn ich sehe, dass die Apostel zur Zeit der ersten Kirche zuweilen E 1.0 betrieben - aber immer auf den jeweiligen Kontext angepasst und mit Elementen von E 2.0). Aber fast noch mehr Kopfschmerzen bereitet mir, dass die gute Nachricht bei E 2.0 an Konturen verliert, verblasst und die Farbe letztlich ganz abzublättern droht. Ein Pastor betont: "Wir wollen die Vorstellung abschwächen, dass nur wir Christen Gott haben und alle anderen nicht ... und darum bemühen wir uns, von einer eingleisigen Präsentation zu einem zweigleisigen Dialog zu gelangen." (frei übersetzt aus demselben Buch, Seite 132) Dies entspricht ganz und gar dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Konsens - und es scheint keinem aufzufallen, wie evangelistisch und monologisch dieser gesellschaftliche Anspruch daherkommt: 'Solange du für dich glaubst, ist das ok. Wehe aber, wenn du den Anspruch erhebst, dass dein Glaube allgemein der 'Richtige' ist!'


Ja, wir Christen sollten den Dialog suchen und keinen Monolog führen. Wir dürfen von anderen lernen, anstatt sie zu belehren. Und gerade wir hätten doch allen Grund, das Gute zu bejahen und zu unterstützen, anstatt nur den Finger auf das Negative zu zeigen. Was aber, wenn wir Christen tatsächlich etwas haben, das andere nicht haben? Wenn die über 2000 Jahre alte Botschaft nicht nur für uns, sondern für jedermann und jedefrau relevant wäre? Absolut logisch, man kann diese gute Nachricht niemandem aufzwingen, niemandem verkaufen, niemandem ins Handgepäck schmuggeln. Man kann einfach nur davon reden, in aller Demut und Normalität - und auch nur dann, wenn das Gegenüber offene Ohren hat.


Wie geht also Evangelisation 3.0? Welches ist der positive Weg vorwärts? Wenn E 1.0 das Überbringen der guten Nachricht betont, so gewichtet E 2.0 die richtige Haltung dabei. Beides ist wichtig! Wir könnten doch mal Franz von Assisi und Billy Graham (den wohl bekanntesten Evangelisten des 20. Jahrhunderts) in einen Topf kippen und einmal kräftig umrühren. Was käme dabei heraus? Vielleicht die richtige Mischung für heute? Lasst also unsere Leben für die gute Nachricht sprechen, so dass Menschen nachfragen werden: 'Warum seid ihr Christen bloss so?' (1. Petrus 2,12) Und dann lasst uns in aller Demut mit Worten nicht zurückhaltend sein (1. Petrus 3,15-16). Lasst unsere Gemeinschaften Orte sein, an denen Gottes Liebe und Freiheit im Miteinander zum Ausdruck kommt (Johannes 13,35; 8,36). Lasst unsere Gemeinschaften aber auch Orte sein, an denen man ehrlich und gnädig mit Fehlern, Sünden und Verletzungen umgeht und wo Vergebung, Versöhnung und Heilung zur Tagesordnung gehören (Matt. 18,21). Denn ich glaube fest, dass es letztlich nicht die christliche Gemeinschaft ist, die überzeugt (was für ein Druck!), sondern Jesus Christus in ihrer Mitte (Matt. 18,20). Unsere Leben und Gemeinschaften können immer nur Wegweiser auf den sein, von dem die gute Nachricht handelt.


Das Schöne und gleichzeitig Schwierige bei E 3.0 ist, dass man Evangelisieren nicht als Programm, als Outreach, als einmal-im-Monat-an-einem-Samstag-Nachmittag abhaken kann. E 3.0 ist 24-7, passiert ständig, in Beziehungen, auf dem Spielplatz, beim Arbeiten, beim Schwatz mit dem Nachbarn. Dabei wollen wir nicht Fünfpunkte-Präsentationen abspulen. Studiere mal, wie Jesus den Menschen ganz unterschiedlich und doch immer konstruktiv-herausfordernd und aufbauend begegnete! Wenn Jesus eine Methode anwandte, dann war sie 'narrativ'. Damit meine ich, dass Jesus immer zu verstehen suchte, wo der Mensch in seinem Leben stand - und dass er ihm genau dort begegnete, auch mit seinen Worten.


Zum Schluss kommen wir zum wohl schwierigsten Punkt der ganzen Geschichte und zur Ausgangsfrage dieses Artikels. Ist es nicht letztlich intolerant andere zu evangelisieren? Ich könnte das Gleiche fragen, wenn ich meinen Freunden unbedingt meine Neuentdeckung auf Spotify zeigen will und dabei hoffe, dass sie meine Begeisterung teilen. Klar, vielleicht tun sie dies nicht, weil sie eher auf Future Rave stehen. Du magst einwenden, dass Musik im Vergleich zu Religion harmlos ist. Stimmt (meistens). Aber nehmen wir etwas Gewichtigeres wie Klimawandel oder Corona-Maßnahmen. Es ist doch ganz normal, dass ich für etwas 'werbe', dass mich begeistert oder von dem ich überzeugt bin, dass es 'richtig' ist. Jeder Mensch evangelisiert für irgendetwas. Nur geht's halt bei einem Song um weit weniger als beim Evangelium. Einen guten Song kann ich hören und wieder vergessen. Das Evangelium kann ich hören - und wenn ich darauf höre, ergreift es mich, verändert es mich und lässt es mich im positiven Sinn nicht mehr los. Genau das wünsche ich doch meinem Nächsten! Wenn unsere Freunde und Mitmenschen uns lieb sind, dann ist es doch ganz natürlich, dass wir das mit ihnen teilen wollen, was uns selbst so tief bewegt! Natürlich immer auf die Gefahr hin, dass wir nicht verstanden werden, dass andere mit der Schulter zucken oder uns sogar den Mund verbieten. Ich möchte lieber einmal einen Maulkorb verpasst bekommen, als dass ich nicht mehr von der guten Nachricht rede.


Wenn wir unsere Mitmenschen wirklich lieben, dann werden wir Beziehung mit ihnen suchen, ihnen zuhören, Freuden und Leiden mit ihnen teilen - und wir werden dabei ganz normal als Christen leben und reden. Die gute Nachricht wird im Alltäglichen durchschimmern. Wir werden auch nicht Freundschaften abbrechen, wenn keine 'Offenheit' gegenüber dem christlichen Glauben (mehr) besteht. Denn dann würde es klar werden, dass unser Interesse am Gegenüber rein instrumentaler Natur war. Weil wir lieben, werden wir aber auch nicht die Hoffnung aufgeben und zu beten aufhören, dass sich eines Tages vielleicht ein Fenster auftun wird. Dann sind es aber nicht wir, die das Fenster aufreissen. Wir dürfen lediglich den bezeugen, der angeklopft hat und der im Stande ist, alle Fenster und Türen aufzuschliessen.








79 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen