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Wie Christen unsere Gesellschaft geprägt haben: Christentum und Gesellschaftspolitik in historischer Perspektive

  • matt studer
  • vor 2 Tagen
  • 16 Min. Lesezeit

In der Präambel der Republik Sambia finden wir unter anderem diese zwei interessanten Punkte (sinngemäss übersetzt): Wir, das Volk von Sambia ...

  • ERKENNEN die Oberherrschaft des allmächtigen Gottes an.

  • ERKLÄREN die Republik zu einer christlichen Nation, während wir das Recht jedes Einzelnen auf Gewissensfreiheit, Glauben oder Religion wahren.


Sambia ist eine christliche Nation, aber eine, die die Gewissensfreiheit jedes einzelnen ihrer Bürger schützt, selbst wenn er oder sie anders glaubt. Die Präambel bezieht sich dabei auf Artikel 18 des International Covenant on Civil and Political Rights:

Freiheit des Gewissens umfasst die Freiheit des Denkens und der Religion, die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Überzeugung allein oder gemeinsam mit anderen, sowohl öffentlich als auch privat, zu manifestieren und zu verbreiten, insbesondere durch Gottesdienst, Lehre, Ausübung und Befolgung religiöser Gebote und Rituale.

Dabei tut sich natürlich ein gewisses Spannungsfeld auf. Wie kann eine Nation christlich sein - also öffentlich, politisch christlich - und gleichzeitig plural, offen, nicht zwanghaft? In Sambia dient die Bezeichnung christliche Nation der staatlichen Selbstdefinition und kulturellen Identität - als Hinweis auf die historischen, sozialen und kulturellen Werte, die dieses Land von Grund auf geprägt haben. Klar, der christliche Einfluss in Sambia war und ist nach wie vor gross. Wo es in einem Land überwiegend Christen gibt, wird auch die Kultur als solche christlich geprägt sein (hier komme ich mit einer zu rigiden Form der lutherischen Zweireichelehre nicht mehr ganz mit - doch dazu später mehr). Das gilt für verschiedene afrikanische Länder, auch wenn sie sich nicht verfassungsmässig als christliche Nationen bezeichnen.


Wie zeigt sich das Label christlich in Sambia? Unter anderem dadurch, dass sich viele Gesetze und staatliche Programme auf christlich-ethische Grundsätze wie 'Die Würde des einzelnen Menschen' oder 'soziale Gerechtigkeit' (Fürsorge für Bedürftige, Schutz der Familie) stützen. Andererseits, indem öffentliche Rituale oft christlich geprägt sind oder christliche Feiertage kalendarisch festgesetzt sind und das kulturelle Leben so christlich durchdrungen wird. Ohne dass Einzelne dazu genötigt werden, bei christlichen Ritualen mitzumachen, wenn sie es nicht wollen (an christlichen Feiertagen frei zu haben, dagegen hat wohl niemand etwas einzuwenden). Der Religionswissenschaftler und Experte für Religionsfreiheit Paul Marshall stellt in Bezug auf Sambia fest:

Here, recognizing religious inheritance and declaring a Christian nation does not necessarily create an established religion nor violate the religious freedoms of minorities.

Wir können das sicher bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, sind die wichtigsten christlichen Feiertage selbst bei uns nach wie vor etabliert, auch wenn viele Menschen die religiöse Bedeutung dieser Festtage nicht mehr kennen. Gezwungen zum Besuch der Kirche wird sicher niemand. Als ich dagegen während des Ramadan in der Osttürkei gereist bin, fühlte ich mich gezwungen zu fasten. Es war ja auch kein Restaurant offen und man musste selbst vorsorgen (Sandwiches oder ähnliches, die man versteckt essen konnte).


Standortbestimmung: In diesem Beitrag geht es mir nicht um christlichen Nationalismus per se (siehe dazu meinen letzten Beitrag). Vielmehr interessiert mich der Einfluss der christlichen Religion, des christlichen Glaubens in einer (in unserer) Gesellschaft. Dass der christliche Glaube unser Abendland christlich geprägt hat, ist wohl nicht umstritten. Ich sehe auch, dass Segen und Fluch hier manchmal nahe beeinander liegen können - dass durch den Einfluss des Christentums viel Gutes entstand, auf der anderen Seite aber durch die Heirat von Kirche und Staat auch dunkle Kapitel geschrieben wurden. Beides war nun einmal so. Wir wollen hinschauen und daraus lernen. Sambia ist dabei ein spannendes Beispiel, weil hier zwei sich vordergründig widersprechende Aspekte zusammenkommen: Christliche Prägung der Gesellschaft und Gewissensfreiheit. Mein Argument wird sein - und ich möchte das historisch dokumentieren - dass beides auf urchristliche (biblische) Impulse zurückzuführen ist, sowie dass diese beiden Aspekte zusammen eine gute Balance herstellen könnten. Dazu will ich den Beitrag der holländischen Reformierten um Abraham Kuyper und Hermann Bavinck würdigen. Doch zunächst möchte ich dort beginnen, wo für Manche der Anfang vom Ende lag, bei Kaiser Konstantin und der Christianisierung des römischen Reiches.



Ging die Kirche nach Konstantin baden? Oder war die konstantinische Wende sogar gut für das Abendland?

Konstantinopel ist heute muslimisch. Der Islam begegnet uns öffentlich sichtbar an fast jeder Strassenecke. Sogar die Hagia Sofia, zwar nicht von Konstantin, sondern von Kaiser Justinian gebaut - über 1000 Jahre die wichtigste Kirche des Christentums - wurde nach der osmanischen Eroberung in eine Moschee umgewandelt (Bild oben). Ähnlich wie der Islam sich heute architektonisch manifestiert, geschah das damals im römischen Reich unter Kaiser Konstantin mit dem Christentum. Konstantin liess überall in seinem Land Kirchen bauen. Grössere Projekte realisierte er in Rom und Jerusalem. Aber auch in Konstantinopel, der Stadt, die er für sich erwählte, drückte seine Bekehrung (oder mindestens Hinwendung) zum Christentum im öffentlichen Raum durch. Er liess die Apostelkirche bauen. Christliche Symbole gewannen an Sichtbarkeit im Stadtbild. Das Chi-Rho-Zeichen liess er auf Standarten, Schilden oder Münzen anbringen (das Chi-Rho galt damals als Abkürzung für Christus). Daneben gab es immer noch genug heidnisch-römische Tempel, Statuen und anderes. Konstantin gab dem christlichen Glauben Raum, ohne die heidnischen Traditionen tabula rasa wegzuräumen. Vielleicht könnte man es so ausdrücken: Andere Religionen waren erlaubt, aber das Christentum wurde bevorzugt. Diese Bevorzugung zeigte sich weiter in Privilegien für den Klerus (Steuerbefreiung), der römischen Gesetzgebung (christliche Werte wie 'Schutz der Schwachen', gerechtere Bestrafungen, u.a., die in das römische Zivilgesetzt einflossen), sowie Einschränkungen der Gladiatorenspiele, die ja als religiöse Zelebrierung des römischen Mythos galten. [1]


Konstantin ist eine umstrittene Figur, bis heute. Christus prägte ihn und durch ihn das römische Reich, obwohl Konstantin in gewisser Hinsicht ganz römischer Kaiser blieb, inklusive heidnischen Überbleibseln. Man könnte es umgekehrt auch von der Seite her angehen: Weil Konstantin sich dem Christentum zuwandte, bekam die Kirche eine politisch-sanktionierte Möglichkeit, christlich in die Gesellschaft hineinzuwirken. Bischöfe wurden zu politischen Beratern, sie übernahmen Verwaltungs- und Richterfunktionen. Man bedenke hier den gewaltigen Umbruch: Vorher wurde die Kirche verfolgt, jetzt hatte sie plötzlich Einfluss. Es gab zwar keine Revolution, die das römische Machtsystem als Ganzes umgestossen und ein pazifistisches Tausendjähriges Reich an seiner Stelle errichtet hätte. Doch die Ausstrahlungskraft des christlichen Glaubens erreichte die römische Gesellschaft graduell, erneuerte ihre Strukturen zum Guten, zum Christlichen hin - in einem Satz, transformierte sie. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Konstantin wenigstens den Grundstein für das christliche Abendland gelegt hat. Natürlich lässt sich das nicht an einer einzigen Person, selbst an einem römischen Kaiser festmachen. Aber ohne Konstantin ständen wir heute sicher an einem anderen Ort und die christliche Revolution, wie der Historiker Tom Holland sie bezeichnet, hätte sich in den folgenden Jahrhunderten nicht so prägend ausbreiten können, wie sie es tat.


Jetzt kann man die konstantinische Wende natürlich kritisieren: Weltliche Macht habe sich mit dem eigentlich immer subversiv und apolitisch gedachten christlichen Glauben vereint. Kirche und Staat hätten sich vermählt. Der Emperator mutierte zur Christusfigur und sein römisches Reich zum eschatologischen Gottesreich. So lautete der Befund des baptistischen Theologen John Howard Yoder (z. B. The Politics of Jesus). Sein Anliegen ist vor allem ekklesiologischer Natur (die Kirche betreffend): Durch die Einverleibung der Kirche in den Staat sei die Kirche als gegenkulturelle Gemeinschaft komplett in der grossen Masse neutralisiert worden. Weil plötzlich jeder politisch gesehen Christ wurde, konnte man gar nicht mehr unterscheiden, wer tatsächlich (im Herzen) Christ ist. Und anstatt dass die Kirche mit den Waffen der Nächstenliebe und der Demut (pazifistisch) kämpfte, hätte sie nun politische und militärische Macht zu ihrem Zweck missbraucht.


Die Sache ist komplexer. Ich widerspreche der historischen Analyse Yoders in Teilen (mit Peter Leithart in seinem Buch Defending Constantine: The Twilight of an Empire and the Dawn of Christendom). Für mich bedeutet die konstantinische Wende nicht der Fall der Kirche, sondern die Taufe des Imperiums. Man kann es so oder so betrachten. Kann die Kirche nur wahre Kirche sein, wenn sie marginalisiert und verfolgt wird? Bedenken wir, dass die Christen nach der Machtübernahme Konstantins und dem Mailänder Edikt (313 n. Chr.) nicht verzweifelt die Hände über dem Kopf verwarfen, weil sie bedauerten, dass die Verfolgung schon beendet war. Im Gegenteil, sie sahen Konstantin als ein von Gott eingesetztes Werkzeug, um ihre Lage zu verbessern (wofür sie doch gebetet hatten!). Anders gefragt, kann die Kirche auch Kirche sein, wenn sie Einfluss gewinnt und prägen darf? Ich meine ja - zum Guten der ganzen Gesellschaft. Denn wo wären wir heute, wie gesagt, wenn die Kirche damals unsere westliche Gesellschaft nicht durch christliches Gedankengut und christliche Werte zu prägen begonnen hätte? Der Historiker Tom Holland zeigt in seinem Buch Dominion eindrücklich auf, wo wir noch wären, würden wir noch bei den Römern sein (und dort möchte niemand von uns freiwillig mehr hin) - und gleichzeitig wo wir heute dank des Christentums sind: Beispiele sind eine 'Betonung der Würde jedes einzelnen Menschen, Schutz der Schwachen der Gesellschaft, individuelle Rechte und Freiheit (sogar Demokratie?), Trennung von Kirche und Staat, usw'.


ABER, wurde die Kirche nicht von der 'Welt' korrumpiert? Zumindest bei Konstantin, aber auch später immer wieder, nahm die Kirche eine Rolle als prophetische Kritikerin ein und mischte sich 'christlich' in die Politik ein, um zu sagen wie es christlicher ginge. Das wäre der eigentlich ideale Platz für die Kirche in der Welt. Sie ist die göttliche Stadt (polis), die in der weltlichen Stadt lebt und diese durch das Wort Gottes evangelisieren und immer wieder herausfordern soll, 'alles zu halten, was Jesus ihnen geboten hat.' Ist es häretisch, den Jüngerschaftsbefehl soweit zu denken, dass die Kirche/dass Christen diese Reich-Gottes-Ethik auch in diese Welt einbringen soll/en, so gut es eben geht (wobei natürlich die grosse Frage aufkommt, ob und wie die Kirche/Christen das auch auf politischem Wege tun soll/en)? Als guter Evangelikaler verstehe ich es grundsätzlich so, dass eine Gesellschaft vor allem dann christlicher wird, wenn sich die Menschen der Gesellschaft zu Christus bekehren und beginnen, ihr Leben und ihr Umfeld christlich zu gestalten. Über diesen individuellen Aspekt hinaus glaube ich weiter, dass es möglich und sinnvoll ist, wenn Christen, je nach Position, die sie in der Gesellschaft einnehmen, daraufhin arbeiten, ihre Gesellschaft strukturell zu transformieren (in Politik, Medizin, Recht usw.). Wir werden weiter unten darauf zurückkommen, auch auf die Rolle oder Nichtrolle der Kirche in diesem Prozess.


Zurück zu Konstantin: Die Zeit war eine andere. Hatte man schon über die klaren Vorteile einer Trennung von institutioneller Kirche und Staat nachgedacht? Nein. Wie Leithart es ausdrückt, 'Constantine regularly disdained the boundary between sacred and secular.' (Seite 326) Eigentlich gab es die Grenzen zwischen säkular und heilig damals noch gar nicht so wie heute. Klar, der Kaiser war beim Konzil von Nikäa anwesend (jedoch nicht federführend). Auf der anderen Seite war die Kirche zwar prägend, aber Rom war keine Theokratie und an der Spitze befand sich nicht der Papst, sondern der Kaiser. Konstantin hatte dem Christentum einen öffentlichen Raum verschafft, so dass Christen sich gesellschaftlich einbringen und prägend mitwirken konnte. Und Konstantin legte dabei selbst grossen Reformwillen an den Tag. Die römische Polis war nach ihm auf jeden Fall nicht mehr dieselbe wie vor ihm - und würde es auch nie mehr sein.



Ein paar Jahrhunderte später: Kirche und Staat gehören getrennt - Abraham Kuyper und Hermann Bavinck als historische Beispiele

Das Argument soweit war, dass es sich als gut für uns herausstellte, dass Konstantin der christlichen Religion (Kirche) erlaubte, die Gesellschaft zu transformieren. Ich rede dabei von einer genuinen Transformation, die sich bis heute positiv auswirkt - meine damit jedoch keine endgültige, eschatologische Transformation, wie wir sie erleben werden, wenn Jesus wiederkommt und sein Reich aufrichtet.


Ein wichtiger Streitpunkt in der Frage, ob und wieweit Christen die Welt 'transformieren' sollen oder dürfen, ist jeweils der Zusammenhang zwischen Christentum und Politik, oder zwischen Kirche und Staat. Wir haben gesehen, dass diese Grenzen bei Konstantin noch nicht so klar gezogen wurde. Der römische Staat war von Geburtstunde an sowieso mit der Götterwelt verbunden, Religion floss überall ins gesellschaftliche und politische Leben ein, Opfer gehörten zum politischen Vokabular. Konstantin hat das nicht komplett aufgebrochen. Im Mittelalter waren Kirche und Staat eng verflochten, wobei manchmal der Papst und manchmal der Kaiser oben war. Das Spektrum bewegte sich zwischen dem berühmten Gang nach Canossa: Ein Kaiser wird vom Papst abgesetzt - bis hin zu Heinrich dem VIII, der wegen einer (kirchlich nicht erlaubten) Ehescheidung mit Rom brach und die Church of England gründete, wobei Heinrich dann auch gleich das oberste Oberhaupt der Kirche wurde - wie praktisch für ihn.


Auch der Reformator Jean Calvin verfolgte das Ziel, die Stadt Genf zu einer christlichen Gesellschaft zu formen. Dazu arbeitete er eng mit der politischen Regierung zusammen. Und obwohl der Stadtrat die judikative und exekutive Macht ausübte und auch kirchliche Beschlüsse nur mit staatlicher Unterstützung wirksam werden konnten (also die Kirche keine eigene Zwangsgewalt hatte), floss die kirchliche Stimme - Stadtrat und kirchliches Aufsichtsgremium arbeiteten eng zusammen - in städtischen Verordnungen ein (wie z. B. vorgeschriebene Sabbatruhe, Sonntagsgesetze, Strafe für unmoralisches Verhalten). Es gab also eine de facto politische Macht der Kirche, ohne dass die Kirche selbst regierte.


Finde ich das gut? Nur sehr bedingt. Hier wird zuviel verbandelt, was lieber getrennt und unvermischt funktionieren sollte. Das sahen auch spätere Reformierte in Holland so. Sie beriefen sich auf eine eigentlich christliche Lehre, die auch schon von den Reformatoren wie Calvin und Luther betont wurde: Die Gewissensfreiheit. Mit dieser Lehre reformierten sie ein reformatorisches Bekenntnis, die Confessio Belgica. Denn dort stand ursprünglich in Artikel 36:

And the government's task is not limited to caring for and watching over the public domain but extends also to upholding the sacred ministry, with a view to removing and destroying all idolatry and false worship of the Antichrist; ... (zitiert in Bavinck, Reformed Social Ethics, 131, Hervorhebung von mir)

Eine Gruppe von Reformierten, darunter Hermann Bavinck und Abraham Kuyper, wollten diesen Artikel revidieren (man bedenke, dass die Revision eines Glaubensbekenntnisses damals keine Lapalie war - im Gegensatz zu heute, wo man auch gut mal bekenntnislos sein kann). Es wurden verschiedene Gründe vorgebracht (es lohnt sich das nachzulesen). Allgemein verstanden die Revisionisten Artikel 36 nicht nur als nicht vereinbar mit der Schrift, 'but also with two principles, which were first proclaimed or strongly placed in the foreground by Calvinism; for that reason, these principles clearly and surely must be counted as distinctly Reformed principles ... [wobei uns hier das erste Prinzip interessiert] ..." (Bavinck, 138). Und das erste Prinzip ist folgendes: Die Freiheit des Gewissens (libertas conscientiae). Die Revisionisten riefen die Calvinisten also dazu auf, bitteschön endlich gut reformiert zu sein (wie Luther: 'Dort stand er, er konnte nicht anders!'). Sie machten darauf aufmerksam, dass ein grundlegendes Prinzip der Reformation, Gewissensfreiheit, im calvinistischen System noch nicht fertig bis auf die gesellschaftlich-politische Ebene durchgedacht und angewandt worden war.


Die Revisionisten referenzierten selbstverständlich auch die Bibel: Der Staat könne zwar moralische Ordnung sicherstellen, aber keinen Glauben erzwingen. Glaube sei etwas persönliches und jeder müsse seinen Glauben zuletzt vor Gott verantworten, der allein Richter des Gewissens ist (vgl. 1. Kor. 4,4). 'Man muss Gott sogar mehr gehorchen als den Menschen', obwohl man sich grundsätzlich unter das Zivilgesetz stellen soll (Apg 5,29; Röm 13). Die Revisionisten argumentierten auch auf einer praktischen Ebene: In einer pluralistischen Gesellschaft müsse ein Staat Religionsfreiheit respektieren, dass er nicht unnötige Konflikte mit Andersgläubigen schüre.


Die biblische Lehre der Gewissensfreiheit bedingt also eine Staatsform, die in Glaubens- und Lebensfragen (die nicht durch das Zivilgesetz direkt geregelt werden) nicht mit dem Schwert operiert. In Holland wurde dies unter Abraham Kuyper in einem pluralistischen System umgesetzt (in der Fachsprache häufig als principled pluralism bezeichnet - vgl. dazu schon den letzten Artikel). Der Staat soll die verschiedenen Weltanschauungen nebeneinander stehen lassen, ohne eine davon zu erzwingen, weil Gott allein über das Gewissen herrscht. Kuyper setzte dies praktisch so um, dass er die Gesellschaft in verschiedene Bereiche (Sphären) einteilte, die jeweils ihre eigene, von Gott gegebene Autorität besitzen und daher nicht von einer anderen Sphäre – insbesondere nicht vom Staat – beherrscht werden dürfen (die sogenannte Souveränität der Sphären). In Bezug auf die 'Sphäre' der Kirche und die des Staates hiess das, dass der Staat nicht in die geistliche Aufgabe der Kirche eingreifen darf und die Kirche umgekehrt keine politische Herrschaft ausüben soll, sondern beide eigenständig und doch unter Gottes Ordnung nebeneinander stehen.


Wir sehen also, dass selbst die Trennung von Kirche und Staat etwas ist, das wir letztlich einer biblischen Weltanschauung zu verdanken haben: Angefangen bei Jesu' Aussage, dass Cäsars und Gottes Reich nicht dasselbe seien (Matthäus 22,21), weitergedacht in Augustinus' zwei Städten, später durch die Täufer radikalisiert, erstmals konsequent in den USA umgesetzt (das First Amendment, das nur auf diesem Nährboden gedeihen konnte, so meine These). Das ist viel zu vereinfachend, klar. Ist es aber nicht so, dass wir selbst hier davon ausgehen müssen, dass wir ohne den christlichen Einfluss an einem ganz anderen Punkt wären? Zugespitzt formuliert, wäre Konstantin nicht gewesen, hätte man später auch nicht zwischen Kirche und Staat getrennt. Der christliche Einfluss im Westen ist auf so vielen Ebenen spürbar, dass er wie die Luft ist, die wir atmen. Sogar jene, die sagen, dass die Kirche und Staat nicht nur getrennt sein sollen, sondern dass die Christen sich lieber ganz aus dem öffentlichen Raum heraushalten sollen, tun dies auf der Basis einer christlichen Prägung (so jedenfalls die These Tom Hollands, der ich hier folge).



Wie stark soll das Christliche, die Kirche, der einzelne Christ die Gesellschaft prägen?

Der christliche Glaube hat geprägt, zum Guten hin, so dass sogar Richard Dawkins sagte, er sei gerne wenigstens kultureller Christ, wenn schon das mit Gott bei ihm nicht klappe. Natürlich gab es auch Phasen, in denen das Christentum sich gewaltsam aufgeprägt hat - gegen das Gewissen des Einzelnen. In solchen Phasen hat das Christentum aber - und das muss betont werden - subchristlich gehandelt.


Ich möchte ganz zum Schluss zwei Modelle vergleichen, die auch unter Evangelikalen recht einflussreich sind: Die lutherische Zwei-Reiche-Lehre und das neo-calvinistische Transformationsmodell (zurückgehend auf Abraham Kuyper). Die Zwei-Reiche-Lehre unterscheidet eben zwei Reiche, in denen Gott auf unterschiedliche Weise regiert. Das geistliche Reich finden wir im persönlichen Glauben und in der Kirche. Dieses Reich wird durch das Wort Gottes, dem Evangelium regiert. Das weltliche Reich dagegen umfasst die äußere Ordnung der Gesellschaft und wird von Gott durch den Staat regiert, den er einsetzt, um Recht und Ordnung zu sichern. Der Staat funktioniert dabei nach weltlichen Maßstäben. Grundlage sind die natürlichen Gesetze, die Gott allen Menschen offenbart hat. Das weltliche Reich braucht das 'Salz und Licht' der Christen nicht zwingend, weil es nach Gottes Ordnung über Naturgesetz und staatliche Mittel funktioniert. Anders gesagt, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn Kaiser Konstantin der Kirche einfach ihren Platz zugewiesen hätte und sonst die weltliche Ordnung dem Staat überlassen hätte, sodass beide Reiche ihre von Gott gegebene Aufgabe unabhängig voneinander hätten erfüllen können.


Die Stärke der Zwei-Reiche-Lehre liegt in ihrer klaren Trennung zwischen Kirche und Staat, die es verhindert, dass die Kirche das politische Schwert ergreifen und dem Land den Stempel 'christlich' gewaltsam aufdrücken kann. Die Schwäche liegt für mich in der Annahme, dass der Staat letztlich religiös neutral sei. Ich sehe es vielmehr so, dass der Staat immer Werte, Weltbilder und Moralvorstellungen transportiert - und dass diese Werte und Bilder nicht von nirgendwoher kommen. Nehmen wir das klassische Beispiel der Schulbildung. Sind die Inhalte, Ziele und Werte des staatlichen Lehrplanes 'neutral', wenn es darum geht, wie man Geschichte interpretiert, Sexualkunde präsentiert oder ein Umweltbewusstsein prägen möchte? Natürlich nicht. Jede Entscheidung spiegelt Werte wider, selbst wenn dies als 'neutral' deklariert wird. Der kanadische Politikwissenschaftler David T. Koyzis argumentiert auf einer theoretischen Ebene, dass politische Ideen immer normative und oft religiös geprägte Elemente enthalten (siehe sein Buch Political Visions and Illusions, das an anderer Stelle mal besprochen werden müsste). Das heißt: Ein Staat, der als 'neutral' gedacht wird, ist es in der Praxis oft nicht, weil er Weltbilder und Werte vermittelt. Selbst ein säkularer Staat, der den öffentlichen Raum möglichst religionsfrei gestalten möchte, ist nicht areligiös. Die Idee des neutralen, wertfreien säkularen Staates ist eine ideologische Fiktion, um hier den Philosophen Charles Taylor zu bemühen (siehe A Secular Age). Mehr noch, das Setting der Zwei-Reiche-Lehre spielt dieser säkularen Idee zu, indem die starke Trennung, die man hier vornimmt dazu führt, dass Christen nur passiven Einfluss in der Gesellschaft (und in der Politik) nehmen. [3]


Stellen wir das neo-calvinistische Transformationsmodell gegenüber. Hier gibt es keine getrennten Reiche, sondern nur eine von Gott geschaffene Welt. Alle Lebensbereiche (oder eben Sphären) sollen aktiv nach christlichen Prinzipien gestaltet werden. Prägung über Politik ist dabei übrigens nur ein möglicher Weg. Christliche Prägung geht in allen Sphären der Gesellschaft, wie Kunst, Bildung, Familie, Wirtschaft, oder den Medien. Die geschichtliche Betrachtung in diesem Blogartikel hat ja gezeigt, dass das Christentum manchmal effektiv transformierend gewirkt hat, bis in die Strukturen einer Gesellschaft hinein. Transformation kann dabei soweit gehen wie in Sambia. Ein Blick in die Propheten des Alten Testaments zeigt uns, dass Gott selbst heidnische Staaten zur Rechenschaft zieht, wenn diese soziale Ungerechtigkeit systemisch zementieren (zum Beispiel Amos 1-2). Der Prophet Daniel ermahnte den babylonischen König Nebukadnezzar, er solle von seiner ungerechten Politik ablassen und sich stattdessen um die Armen in seinem Reich kümmern (vgl. Daniel 4,24). Timothy Keller fasst zusammen: 'It is clearly God's will that all societies reflect his concern for justice for the weak and vulnerable.' (Seite 24, Generous Justice) Was heisst das anderes, als dass wir Christen aufgefordert sind, die Gesellschaft (und dabei fangen wir immer in unserem Umfeld an) in eine gerechtere Gesellschaft zu transformieren? Sind nicht viele (alle?) gesellschaftsverändernden Impulse aus einer christlichen Motivation hervorgegangen? William Wilberforce und die Abschaffung der Sklaverei, Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung - und wenn wir die Politik mitbedenken, Bonhoeffer und die bekennende Kirche unter dem Nationalsozialismus? Diese Episode demonstriert ja gerade, dass der 'neutrale' Staat zu einem antichristlichen Biest (siehe das Buch der Offenbarung) werden kann. [4]


Wenn wir dem Transformationsmodell folgen (was ich tue), gibt es folgende Kritikpunkte zu bedenken. Erstens, Transformation kann immer nur vorläufig sein. Das Reich Gottes in seiner Fülle wird sich erst am Ende dieses Zeitalters manifestieren, wenn der König des Reichs zurückkommen wird. Wo christliche Transformation stattgefunden hat, kann sie durch neue politische Systeme und Bewegungen wieder rückgängig gemacht werden. Alles was wir bewegen, ist noch nicht endgültig, aber trotzdem bewegen wir es - und sei es vor allem (wenn es denn nicht viel verändert), um eine prophetische Botschaft in die Welt zu senden: 'Gott hat eine Vorstellung einer gerechten Gesellschaft. Am Ende wird er sie verwirklichen.' Zweitens, die Gefahr einer triumphalistischen Selbstüberschätzung und Hochmut ist akut. Sie kann dazu führen, dass man das politische Schwert ergreift, um seine christlichen Werte und Weltanschauungen durchzusetzen. Auch dazu gibt es genügend historische Beispiele, leider. An der Stelle hilft die Sphärenteilung von Kuyper meines Erachtens wirklich weiter: Jede Sphäre hat ihre Verantwortung vor Gott. Keine Sphäre dominiert oder übernimmt die andere. Christen haben die Möglichkeit, sich dort einzubringen, wo Gott sie hingestellt hat, sei es in Politik, Wirtschaft, Kunst oder wo auch immer (und übrigens sind die 7 Sphären bei Kuyper nicht dasselbe wie die 7 Mountains, wie ich hier jetzt nicht zeigen kann!). Dabei ist die Kirche genau nur eine Sphäre - sie ist von den anderen Sphären getrennt und soll es auch sein. Damit meine ich die Kirche als Institution, als Kollektiv. Dieses Kollektiv kann sich in die Gesellschaft einschalten, durch die guten Werke, durch Social Justive Initiativen (die aber vielleicht sogar besser durch Parachurch-Initiativen getragen werden?) und dadurch, dass sie eine prophetische Stadt auf dem Berg darstellt, die als gegenkulturelle Gemeinschaft in die Welt hineinleuchtet (der täuferische Impuls der Kirche als Gegenkultur). Die Kirche ist ja aber nicht nur ein Kollektiv - sie besteht aus Einzelpersonen, die in den verschiedenen Sphären aktiv sind und dort hineinwirken können (Kuyper spricht von der gathered und scattered church, der versammelten und gesendeten Kirche). Ein christlicher Arzt kann in einem medizinischen Gremium dafür sorgen, dass in der Medizin christliche Werte hochgehalten werden, wie es die kollektive Kirche nicht kann. Ein christlicher Journalist könnte in seiner Zeitung ein prägendes Beispiel dafür sein was es heisst, fairen Journalismus zu betreiben. Und ja, ein Christ in der Politik kann sich dafür einsetzen, dass die Gesellschaft christlicher geprägt wird. Die Kirche als Kollektiv soll keine Partei gründen. Verschiedene Glieder der Kirche würden politisch vielleicht anders wählen (hier wird es meines Erachtens problematisch mit der Religious Right in den USA. Nicht weil sie eine christliche Partei ist, sondern weil sie fast voraussetzt, dass Christen sie wählen müssen, damit sie wirkliche Christen sein dürfen).


Ich weiss, dass ich hier von einer Idealsituation rede. Für mich besteht jedenfalls ein ganz klarer Unterschied zwischen einem christlichen Nationalismus, wie Wolfe (oder die NAR) ihn fordern (siehe meinen letzten Beitrag) und der (christlichen) Vorstellung, unsere Welt, unsere Gesellschaft christlich prägen zu wollen, mit allen komplizierten Verzwickungen, die daraus entstehen können. Fakt ist, unsere Welt wurde vom Christentum geprägt. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass das zu unserem Besten war. Wieso sollten wir also damit aufhören, uns für eine christlichere - und das heisst gerechtere, bessere Welt - einzusetzen?




[1] Vergleiche zu all dem das spannende Buch Defending Constantine von Peter Leithart.


[3] Für mich ist auch die Frage mit dem Naturgesetz nicht so easy zu beantworten: Wie universell sind gewisse Werte wirklich, oder versteckt sich dahinter nicht vielmehr der christliche Einfluss. Vgl. dazu u.a. Peter Leithart, Did Plato read Moses?


[4] Eine knappe Gegenüberstellung von Zwei-Reiche-Lehre und Transformationsmodell findet sich bei Dan Strange: Evangelical Puböic Theology: What on Earth? Why on Earth? How on Earth?, in A Higher Throne: Evangelicals and Public Theology.

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