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  • matt studer

Benz und Bibel 3#b: Trendsetter progressive Hermeneutik. Die Bibel progressiv anwenden

Aktualisiert: 7. Mai




Auch wenn die Bibel die Liebe, Ehe und Sexualität zwischen Mann und Frau als göttliche oder eigentliche Ordnung beschreibt, glaube ich, dass es auch für Menschen, die sich homosexuell vorfinden, eine Ordnung geben muss: eine Neuordnung.

(Martin Benz, S. 168)



Nach einer kleinen Pause soll meine Serie zum progressiven Bibelverständnis, wie Martin Benz es in seinem Buch 'Wenn der Glaube nicht mehr passt' darlegt, mit diesem Beitrag zu einem vorläufigen Abschluss kommen. Wer die bisherigen Artikel sichten möchte, der klicke auf START.


Im letzten Beitrag wurde die 'Progressivität' der Bibel thematisiert. Kaum jemand würde verneinen, dass es innerhalb der Bibel Fortbewegung und Entwicklung gibt, erzählt sie doch die Geschichte Gottes mit den Menschen durch die Zeiten hindurch (auf jeden Fall umfasst sie die Zeitspanne von Adam bis Christus und dem Anfang der Kirche). Es gehört zu den hermeneutischen Herausforderungen des Bibellesens, wie wir mit Entwicklungen in der Bibel umgehen wollen. Ich habe plädiert, dass die Bibel sich trotz aller Diversität und zum Teil Diskontinuität als grosse Einheit versteht und dass wir darum nicht die Bibel gegen die Bibel ausspielen dürfen. Das war das Hobby des ersten grossen Bibelkritikers Markion, der das Neue gegen das Alte Testament, oder Jesus gegen Mose übervorteilen wollte. Er wurde als Häretiker von der Kirche abgelehnt. Die grosse Frage ist: Was bewegt sich in der Bibel und wie bewegt es sich, respektive wie ordnen wir diese Bewegung ein?


Da diese Frage heute alles andere als unisono beantwortet wird (wie mir die Reaktionen auf meinen letzten Beitrag zeigten), möchte ich nochmals vertieft darauf eingehen. Und zwar unter dem Stichwort 'welche Gesetze des AT sollten Christen heute noch befolgen?'



Die Entwicklung der Bibel von Mose und Israel hin zu Jesus und der Kirche

Jesus ist DER hermeneutische Schlüssel, um die Bibel richtig zu lesen. Da gebe ich Benz völlig recht. Jesus sagte ja selbst, dass das Alte Testament von ihm spreche (Lk 24,25). Dem sollten wir unbedingt Rechnung tragen. Um das Alte Testament gut zu verstehen, müssen wir es so lesen, wie Christus und die Apostel es gelesen haben. Dabei stellen wir uns die Frage, wie das Kommen des Menschensohns unser Lesen leiten will. Wie kann der Schlüssel 'Christus' Licht auf unser Verstehen des Alten Testaments werfen? Ich spreche hier mal 'nur' von den Gesetzestexten, da sich diesbezüglich immer wieder die Frage aufdrängt: Gilt denn dieses Gesetz auch heute noch? Wenn es zum Beispiel heisst, dass wir unsere Felder nicht mit zweierlei Saatgut besähen oder keine Kleidung aus Mischgewebe tragen sollen (Levitikus 19,19). Ein besonders Bibeltreuer könnte sich vielleicht noch zu solchen Massnahmen verpflichten lassen. Etwas brenzliger würde es für ihn, wenn er die gebotene Todesstrafe bei einem Ehebrecher vollziehen müsste. [1] Der Vorwurf der Progressiven lautet hier stets, dass diejenigen, die die Bibel wörtlich läsen, beim mosaischen Gesetz Abstriche machen müssten. So auch wieder bei Benz:

Es ist ziemlich billig, sich als bibeltreu zu bezeichnen, wenn man in Wirklichkeit nur einem Teil der Bibel treu ist, und man zuvor den Teil ausgeschieden hat, dem man nicht treu sein möchte. (Benz, Seite 59)

Benz lässt die gängige Unterteilung in Zivilgesetz, Zeremonialgesetz und Moralgesetz nicht gelten. Denn ...

wenn wir [die Gesetze] in Kategorien einteilen, um zu bestimmen, welchen wir noch gehorchen müssen und welchen nicht, werden wir dies oft unbewusst so tun, dass unser eigenes Verhalten oder unsere Tradition gerechtfertigt und die Verhaltensweisen anderer verurteilt werden können. (S. 64)

Diese Gefahr mag bestehen, was es umso wichtiger macht, dass wir diese Gesetze durch die Jesus-Linse lesen, wie es die Apostel taten. Zunächst stimme ich Benz zu, dass eine solche Dreiteilung des mosaischen Gesetzes eine ausser-biblische Kategorie ist. Sie kann einfach als grobe Verstehenshilfe gesehen werden, um besser einordnen zu können, was für Gesetze es gab und wozu es sie gab. Bestimmte Gesetze betrafen den zeremoniellen Ritus rund um den Tempel. Andere betrafen das Zusammenleben des Volk Israels als Nation. Wieder andere sprachen allgemeiner vom 'richtigen' moralischen Verhalten, so wie Gott es sich für sein Volk wünschte. Selbst wenn diese Dreiteilung etwas künstlich und im Einzelfall manchmal nicht hilfreich ist, hilft sie einen groben Überblick zu geben. [2]


Wie lesen wir diese Gesetzkataloge nach Christus? Zum einen macht der Schreiber des Hebräerbriefs ausreichend klar, dass die ganzen Opferrituale mit dem einmaligen Opfer Jesu überflüssig geworden sind. Durch das Blut Jesu können wir nun 'in das Allerheiligste treten', ohne die komplizierten und vielfältigen Vorbereitungsrituale zu erfüllen (Hebräer 10,19). Tim Keller meint:

Es wäre äusserst inkonsistent, wenn wir entgegen der Bibel darauf beharren würde, dass all diese zeremoniellen Gesetze weiterhin befolgt werden sollen.

Ähnliches geschieht mit den Speisevorschriften, die Jesus selbst aufhob (Mk. 7,19) und damit zusammenhängend den unreinen Speisen, die Gott als rein erklärte (Apg. 10). [3] Das mit dem Saatgut oder dem Mischgewebe gehört ebenfalls lose in diese Kategorie. Das Gesetz des Mose legte Wert darauf, dass sich das Volk Gottes nicht mit den anderen Völkern und ihren sündigen Gebräuchen 'vermischte' (etwas, das in den Gesetzen, bei denen man zwei verschiedene Kategorien nicht vermischen sollte, Ausdruck fand). Das Neue Testament betont auch, dass Christen nicht länger so leben sollen wie die sündige Welt (sich mit ihrer Sünde vermischen sollen - siehe. 1. Joh. 2,15). Dies betrifft nicht mehr irgendwelche Speisen oder sonstige kulturelle Artefakte, so wie Kleidung und materielle Gegenstände, sondern den moralischen Lebenswandel vor Gott. Die 'Mischgesetze' im Alten Testament standen symbolisch für diese Realität, so wie die Stiftshütte symbolisch für das himmlische Heiligtum stand (Hebräerbrief Kapitel 8). Eine christozentrische Linse trägt dieser Dynamik Rechnung.


Weiter müssen wir sehen, dass Israel ein Gottesstaat war und dass dieser Staat durch das göttliche Gesetz geregelt wurde. Jesus befreite Israel wider allen Erwartens nicht von den Römern, was die Rückeroberung des Landes und seine Amtseinsetzung als König über das Land bedeutet hätte. Vielmehr 'gründete' er die Kirche, ein Volk aus Juden und Heiden und inaugurierte ein Königreich, das nicht von dieser Welt ist (jedenfalls jetzt noch nicht). Das bedingte, dass es nicht länger nötig war Jude oder 'jüdisch' zu werden, um Gott anbeten und ihm nachfolgen zu können. Wenn Paulus im Galaterbrief davon spricht, dass die Christen in Galatien nicht mehr 'unter dem Gesetz' standen, bezog er sich u. a. auf das 'jüdische Initiationsritual' der Beschneidung. [4] Dieses Ritual war nach dem Kommen Jesu nicht weiter erforderlich. Es ging nicht mehr um eine äusserliche Beschneidung, sondern um die Beschneidung des Herzens (Röm. 2,19). Ein Teil der mosaischen Gesetze ergaben ihren Sinn also nur im Kontext des theokratischen Staats Israel und dem (politischen) Zusammenleben seiner Bürger (was nicht heisst, dass sie für uns gar keine Bedeutung mehr haben, sondern dass es mit der direkten Anwendung hier nicht so ganz hinkommt). Wir müssen genau hinschauen, wie die Apostel Gesetze wie die Beschneidung oder die ganzen juristischen Themen rund um den Rechtsstaat Israel neu interpretierten. [5]


Das Gravitationszentrum des 'moralischen Gesetzes' sind die 10 Gebote. Das sieht auch Benz so (S. 122). Und diese 10 Gebote fanden ohne viel Bewegung Einzug ins Neue Testament (vielleicht mit Ausnahme des Sabbatgebots) [6]. Paulus verdeutlicht dies im Römerbrief:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Römer 13,8-10)

Wie im Alten Testament fasste Paulus das Gesetz unter dem Liebesgebot zusammen (5. Mose 6,5). Viele der zunächst komisch anmutenden Gesetze im AT sind eine direkte und spezifische Anwendung des Liebesgebots. So zum Beispiel, dass man eine Brüstung um seine Dachterrasse ziehen sollte. Der Grund dafür? 'Du sollst nicht dadurch, dass jemand herunterfällt, Blutschuld auf dein Haus legen.' (5. Mose 22,8) Die Anwendung ist historisch bedingt, eine Übertragung auf heute - vielleicht indem wir in steilen Kurven Leitplanken anbringen - möglich. Wir lieben unsere Nächsten, wenn wir ihre Sicherheit gewährleisten.


Diese Diskussion macht deutlich: (bibeltreue) Evangelikale treffen Unterscheidungen. Sie lesen die Bibel nicht zweidimensional. Sie untersuchen den historischen Kontext eines Gebots. Sie fragen nach hermeneutischen Kriterien, wie und ob ein bestimmtes Gebot auf einen neuen Kontext (und vor allem auf den Kontext des Neuen Testaments) zu übertragen ist. Sie wollen die Bibel lesen, wie Jesus und die Apostel es uns vormachten (ja vorgaben!). In dem sie nach Kriterien der Interpretation suchen, unterscheiden sie sich eigentlich nicht von den Progressiven, die ihrerseits mit ihrem Kriterienkatalog operieren (siehe Benz' Kapitel 'Ethische Prinzipien', S. 122-144). Da ist wie gesagt nichts Verkehrtes daran, insofern sich unsere Kriterien mit der Hermeneutik der Apostel decken.


Die Bibel ist in Bewegung - ein Zwischenfazit

Das Alttestamentliche Gesetz zu verstehen ist nicht ganz so einfach und ich masse mir nicht an, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Wir haben gesehen, dass die Apostel das Alte Testament nach Jesus neu lesen und verstehen durften. So gross war diese Bewegung vom Alten zum Neuen Testament, dass die Jünger mehr als eine Nachhilfe-Lektion brauchten. Doch selbst wenn sich gewisse Dinge zunächst unlogisch anfühlten, löste sich die Spannung in Christus auf. Jesus Christus war gekommen, um das Gesetz zu erfüllen, nicht um zu sagen, wie widersprüchlich und ungöttlich es doch gewesen war.


Sowohl Konservative als auch Progressive sollten sich an der Stelle ehrlich fragen, ob ihre Kriterien zu 'was heute noch gültig ist und was nicht mehr' mit den Kriterien der Bibel selbst übereinstimmen. Auf jeden Fall gilt das für alle, die die Bibel ernst nehmen wollen. Das (progressive) Argument, dass Konservative nicht alles konsequent wörtlich nehmen und darum mit ihren eh nur subjektiven Listen hantieren, hält bei genauerem Hinschauen nicht stand. Man könnte das Argument auf die Spitze treiben: 'Weil wir heute nicht mehr darauf achten, keine Kleider aus Mischgewebe anzuziehen, kommt es auch nicht darauf an, ob ich mal ab und zu fremdgehe. Konsequent befolgen können wir eh nicht alles. Die eine ist halt eure subjektive Liste, die andere meine.' Doch wer entscheidet, was gilt und was nicht mehr gilt? Das Beispiel war zu spitz, vielleicht. Aber genau dasselbe Argument wird ins Feld geführt, wenn es um homosexuelle Beziehungen geht: 'Wie könnt ihr immer noch darauf beharren, dass homosexuelle Beziehungen sündig oder unrein sind (nach Levitikus 18,22; 20,13), wenn ihr nicht all das befolgt, was sonst noch so im Buch Levitikus steht? (siehe bei Benz S. 154-159) [7]


Schauen wir doch ehrlich hin! Unsere Kriterien (unsere Listen) müssen sich nachweislich aus der Bibel selbst ergeben und sich an ihr messen. Tim Keller fasst zusammen:

Ja, es gibt Dinge in der Bibel, die für Christen nicht länger bindend sind. Aber wenn die Bibel unsere letzte Autorität ist, kann nur sie uns sagen welches diese Dinge sind.

Ein kurzer Einschub: Wer das Alte Testament überhaupt noch liest, wird über einige recht happige Stellen stolpern, in denen es, nach unserem Ermessen, um recht krasse Strafen oder um 'legitimierte' Gewalt geht. Solche Stellen sind schwer zu fassen. Das eine wäre zu sagen, dass Gott sich hier den Umständen 'angepasst' hat. Ja, dass er mit dem 'menschlichen Material', wie er es vorfand, gearbeitet hat, arbeiten musste. Und dass sein eigentlicher Wille erst im Laufe der Heilsgeschichte so richtig offenbar wurde, als die Menschen dies besser fassen konnten. Zwei kurze Gedanke dazu: Das betrifft nur wenige Stellen und nicht, wie es manchmal so tönt, das ganze Alte Testament, das gegenüber dem Neuen Testament insgesamt primitiv und archaisch sei. Zweitens, selbst wenn Gott sich hier anpasste, haben wir es mit seinem Wort und seinem Gesetz zu tun. Das heisst, wir nehmen auch diese Stellen ernst. Wir ringen darum sie (und Gott) zu verstehen. [8]



Die Bibel ist ein fertiges Buch, ein abgeschlossener Kanon. Aber was heisst das für die Anwendung der Bibel auf unsere heutige Situation?


Am Beispiel der Sexualethik

Ich denke, wir brauchen unbedingt eine gute Sexualethik. Die Bibel mit ihren Geschichten, ihrer Sicht des Menschen, ihrem Bild von Gott und ihrer Darstellung des Lebens Jesu, bietet eine wunderbare Grundlage für eine gute Sexualethik. (Benz S. 154)

Und trotzdem eigne sich die Bibel nicht so ganz für eine Sexualmoral (jedenfalls nicht für die Fundamentalisten), meint Benz. Man könne nicht so einfach einen Blumenstrauss aus (subjektiv gewählten) Versen zusammentragen und daraus eine Sexualethik ableiten (S. 159). Einverstanden. Wir müssen jede Bibelstelle in ihrem historischen Kontext aber auch im Kontext der ganzen Story Gottes lesen und verstehen. Für Benz sind viele dieser Alttestamentlichen Sexualgebote einfach nur Ausdruck der damaligen (primitiven) Kultur. Gott musste sich halt anpassen. Was damals war, ist nicht sein Wille für uns heute.


Es stimmt, dass Gott gerade in Punkten der Sexualität den Menschen manchmal ziemlich grosszügig 'entgegenkam'. Der Grund war, dass sie in ihren Sünden nicht zurechtkamen, 'wegen der Härte ihres Herzens', wie Jesus es viel besser sagte (Mt. 19,8). Benz stellt fest - und ich gebe ihm grundsätzlich recht:

In der Beziehung zu den Menschen ist Gott hin und wieder bereit, seine eigenen Vorstellungen hintenanzustellen. Er ist bereit, seinen ewigen Willen und seine ewigen Ordnungen zeitweise durch irdische Neuordnungen zu ersetzen. (S. 160)

So hatte Mose die Scheidung erlaubt, obwohl 'es von Anfang an nicht so gewesen war'. (Mt. 19,8) Was Gott zusammengefügt hat, sollte eigentlich nicht wieder getrennt werden (Vers 6). Ähnliches könnte zum Thema Polygamie gesagt werden. [9] Gott kam hier den Menschen entgegen. Doch würde ich nicht von Neuordnung, sondern von Notordnung sprechen. Neuordnung tönt zu positiv, zu fortschrittlich. Dabei rückte Jesus ja die 'alte' und ursprüngliche Ordnung wieder ins Zentrum - 'Ich aber sage euch!' - und setzte so die Intention Gottes ein für allemal fest. Wenn wir die Bibel von Anfang bis Ende lesen, wird ganz klar, was Gott in Bezug auf die Ehe beabsichtigt hat: Dass sie zwischen einem Mann und einer Frau sein soll (versus Polygamie) und dass sie nicht aufgelöst werden soll (versus Scheidung) [10], auch wenn es aufgrund der Sündhaftigkeit der Menschen einige Zwischenspiele gab. Wenn wir von Notordnung anstatt von Neuordnung sprechen, wird klar, dass Gott nicht nach und nach erst mit der Katze aus dem Sack gerückt ist was seine Gedanken zum Thema Ehe sind.


In einer biblischen Sexualethik berücksichtigen wir, wie sich Gottes Gedanken über die menschliche Sexualität von der Schöpfung und durch alle Wirren hindurch bis ins Neue Testament hinein entfalteten (nicht, dass es im Neuen Testament keine Wirrungen gab, wie dass ein Mann mit seiner Mutter schlief - siehe im ersten Korintherbrief). Wir fragen: Welche Ordnungen werden durch Jesus und die Apostel bestätigt? Wo ergänzen sie sich und welche konkreten Punkte stehen im Blick?


Wie ist das nun mit dem Thema Homosexualität? Benz hält 'Homosexualität nicht für die übliche oder die dem Menschen zugedachte Form der Sexualität,' obwohl er dies nicht an 'irgendwelchen Bibelstellen', sondern an biologischen und anatomischen Merkmalen festmacht (S. 167). Und es scheint auch für ihn der Fall zu sein, dass die Ehe zwischen Mann und Frau die 'göttliche oder eigentliche Ordnung' ist (S. 168). Trotzdem gibt es nun einmal einen kleinen Prozentsatz von Menschen, die homosexuell empfinden. Wie gehen wir mit ihnen um? Kurz, wir brauchen eine Neuordnung, im Geiste aller Neuerungen, die Gott (entgegen seines ursprünglich geoffenbarten Willens) über die Zeit eingeführt habe. Benz kommt aus zwei Gründen zu diesem Schluss:

  • Der heutige Kontext bedingt es: Da das Phänomen der Homosexualität ein Thema ist, das Menschen heute betrifft - Menschen, die wir selbst kennen oder in unseren Kirchen haben - müssen wir irgendwie darauf reagieren. (S. 165-167)

  • Die biblische Lehre zum Thema Homosexualität (selbst wenn die einschlägigen Stellen sich klar dazu äussern) kann nicht dazu missbraucht werden, dass wir die 'Eigenart' dieser Menschen mit solchen Stellen übergehen - Es braucht für sie eine Neuordnung! (S. 169)


Gemäss Benz gibt es also die 'einschlägigen Stellen'. Die Bibelworte, die sich eigentlich klar zum Thema äussern. Warum gelten diese Worte aber für heute nicht mehr? Warum können wir sie nicht 'direkt' lesen (und es handelt sich hier wohlgemerkt auch um Stellen im Neuen und nicht nur um Worte des Alten Testaments!)? Weil wir laut Benz bedenken müssen, dass Gott uns gerade hier und heute entgegen kommen könnte, dass er etwas Neues verordnen könnte, das der 'Eigenart' dieser Menschen entspricht. Gott lässt sich auf diese Menschen ein und 'ermöglicht ihnen einen Lebensentwurf, der dieser Identität gerecht wird.' (S. 169)


Zusammengefasst: Die Bibel verurteilt Homosexualität zwar klar [11], aber wir können heute trotzdem erkennen, dass Gott (entgegen der Bibel) eine Neuordnung vorschlägt. Wie erkennen wir das? Nicht direkt aus der Bibel jedenfalls, denn die Bibel deutet eine solche Neuordnung nirgendwo an [12]. Den Takt gibt nicht die Bibel an, sondern die heutige Situation. Es leuchtet uns nicht ein, dass Gott zwei sich liebenden Menschen verbieten sollte, in einer sexuellen Beziehung zu leben. Das Moment der Wahrheit liegt in der gegenwärtigen Stunde, nicht in der Bibel. Damit schlägt Benz eine Entwicklung vor, die weit über die Bibel hinausführt. Wer dieses Fass auftut, kann auch mit ganz anderen Nummern kommen. Was, wenn es der heutige Kontext plötzlich bedingt, dass es ok ist, wenn wir polyamorös leben (weil man 'Liebe' nicht in eine feste Form einzwängen kann)?


Evangelikale gingen gewöhnlich davon aus, dass die Kanonisierung der Bibel längst abgeschlossen ist. Dass der Bibel nichts mehr hinzuzufügen ist. Ja, dass die Bibel alles enthält, dass wir brauchen, um ein gerechtes Leben vor Gott zu führen (2. Tim 3,16). Wir werden hellhörig, wenn plötzlich davon die Rede ist, dass die Ethik der Bibel noch nicht ausgereift genug sei und wir 'über die Bibel hinaus' eine bessere Ethik entwicklen sollen. Der Punkt ist der: Wenn wir von der Suffizienz der Schrift abrücken - auch in ethischen Fragen - dann geben wir auch die Autorität der Schrift mit preis. Denn wenn wir unsere Ethik nicht mehr an der Bibel selbst festmachen (am geschlossenen Kanon), dann bleibt es letztlich an uns und unserem Kontext zu bestimmen, was gilt oder was nicht gilt und welche Neuordnung heute gerade angebracht ist. Dann sind wir auch nicht mehr offen dafür, dass die Bibel uns heute hinterfragen und vielleicht sogar korrigieren könnte.



[1] Manch einer mag sich an A. J. Jacobs' Experiment erinnern, bei dem er versuchte ein Jahr lang (fast) exakt gemäss der Bibel zu leben (nachzulesen in seinem Buch The Year of Living Biblically). Mir blieb die absurde Episode, wo er Gesetzesbrecher mit Kügelchen aus Papier 'steinigte'.


[2] Christopher J. H. Wright meint, dass man die mosaischen Gesetze besser ganz anders klassifizieren würde, als 'criminal law, case law, family law, cultic law(s)'. Da ist was dran. (Siehe Kap. 9 in seinem Buch Old Testament Ethics For the People of God). Der Punkt aber bleibt der gleiche: wir unterscheiden und teilen ein. Wir sollten zudem auch auf John Frame hören, der meint, dass wir ob all den Einteilungen nicht vergessen sollten, jedes der Alttestamentlichen Gesetze als spezifisches Gesetz in seinem Kontext anzuschauen (Seite 214 in The Doctrine of the Christian Life).


[3] Warum gab es überhaupt solche Speisegebote oder unreine Speisen im AT? Das hat mit dem zu tun, was Christopher Wright als die 'symbolische Welt' des AT bezeichnet: Die Unterscheidung in heilig und profan, rein und unrein (durch die Sünde verunreinigt).

[4] Die nun nicht mehr so Neue Paulusperspektive hat uns diesen Aspekt des mosaischen Gesetzes gut in Erinnerung gebracht.


[5] Inner-evangelikal gilt es hier die Diskussion mit der theologischen Richtung, die sich Theonomy nennt zu beachten. Die Theonomisten drängen darauf, sämtliche Gesetze (bis hin zur Todesstrafe) in einem demokratischen Rechtsstaat wieder einzuführen. Damit sind es die Theonomisten, die am ehesten der 'wörtlichen' Anwendung der Bibel, wie Benz sie kritisiert, nahe kommen.


[6] Das Sabbatgebot wird im NT nicht ausdrücklich erwähnt, doch schwingt das Konzept mit: z. B. im Hebräerbrief Kapitel 4.


[7] Ein Argument wäre, dass auch diese sexuellen Gebote zum Reinheitsgesetz gehören und darum im Neuen Testament aufgehoben sind. Es stimmt, gewisse Bestimmungen im sexuellen Bereich (dass eine Frau nach ihrer Menstruation für ein paar Tage unrein wurde) gehörten zu den Reinheitsgesetzen und haben heute so direkt keine Gültigkeit mehr. Wir entwickeln eine Sexualethik aber nicht nur aus diesen Gesetzen, sondern vor allem aus der Schöpfungsordnung (die auch Martin Benz anzuerkennen scheint) und wie sich diese Ordnung über das Alte in das Neue Testament hinein entfaltet und dort bekräftig wird.


[8] Ich möchte mich dieser schwierigen Thematik in Zukunft noch näher widmen (in Auseinandersetzung mit William Webb's Buch Brutal, Bloody, Barbaric?).


[9] Benz vergleicht hier Äpfel mit Birnen. Das Königsgesetz (in 1. Samuel) kann als eine Art Konzession Gottes an sein Volk verstanden werden (oder aber als elegante Einführung des Thema 'König' via David, das ja dann in Jesus gipfelte). Aber die Ehelosigkeit, wie Paulus sie pries, war keine Anpassung Gottes an uns, sondern die göttliche Bekräftigung einer durchaus validen Option für manche von uns. Auch finde ich seine Aussage, dass Gott von Anfang an geplant hatte, dass seine Schöpfung 'vegetarisch lebe' als etwas biblizistisch. Könnte es sein, dass sie einer zu wörtlichen Lesart des Schöpfungsberichts entstammt?


[10] Natürlich muss betont werden, dass Mose die Scheidung aufgrund der Hartherzigkeit der Herzen erlaubte ('wenn die Frau einem Mann nicht mehr passte!') und dass Jesus diese Hartherzigkeit kritisierte. Unter welchen Umständen eine Ehescheidung möglich wird, ist ein weiteres Thema (zumindest nannte Jesus einen Grund: Mt 19,9).


[11] Wenn ich Benz richtig lese, nimmt er dies an (indem er von den einschlägigen Stellen spricht). Mir ist klar, dass man hier zuweilen auch anders vorgeht, indem man diese Stellen anders interpretiert (im Sinne von 'Paulus hat sich hier nicht auf gegenseitige Liebesbeziehungen bezogen, sondern auf Situationen, in denen eine Partei die andere ausnutzt).


[12] Benz bezieht sich immer wieder auf Neuordnungen, die er in der Bibel wahrnimmt und stützt sein Argument darauf, dass Gott dies heute auch wieder tun könne. Doch bei all den Beispielen, die er anführt, erklärt die Bibel ja selbst ausreichend, warum Gott sich anpasste (wie beim Thema Ehe wie oben besprochen).

388 Ansichten3 Kommentare

3 comentarios


Invitado
26 may 2023

Lieber Joerg,


Nun endlich. Für mich macht dein Geländer grundsätzlich Sinn. Wobei ich mit der Einstufung der Autorität (Jesus - NT - AT) vorsichtiger wäre. Jesus berief und stützte sich ja explizit und implizit aufs AT (wenn das AT von Gott inspiriert ist, kann es nicht weniger Autorität haben), die Apostel 'arbeiteten' mit dem AT und fanden darin alle Grundlagen, die sie für ihren Dienst brauchten etc. ... (Eine gute, gründliche Diskussion zum Verhältnis vom AT-Gesetz und dem NT findet sich bei Schirrmacher, Ethik Band 4, die ersten Kapitel) ...


Was dein gewähltes Bsp. betrifft stimme ich dir zu. Wir steinigen natürlich niemanden, der gegen die moralische Dimension des Gesetzes verstösst (und man müsste sagen, dass selbst im AT eine…


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matt.studer80
29 abr 2023

Hallo Joerg,

Danke dir für deinen Kommentar. Da ich im Moment über-ausgelastet bin, melde ich mich gerne etwas später auf deinen Vorschlag ;-)


Glg, Matt

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Invitado
20 abr 2023

Moin Matt,


was haelst Du von diesem Gelaender / strukturelle Anleitung, wie ein Jesus-Nachfolger generell herausfinden kann, was die Bibel zu einem Thema sagt und was es fuer mich heute bedeutet (Denken, Reden, Handeln).


Nach Autoritaet/Prioritaet (1 > 2 > 3) geordnet:

1) was sagt Christus (v.a. d. vier Evangelien)?

2) was sagt das Neue Testament insgesamt (Lehrtexte etc)?

3) was sagt das hebraeische Testament?


Jetzt zu Abarbeitung des Schemas fuer das Bsp aus Leviticus 20: Sollen in flagranti erwischte "Schwule getoetet werden"?


1) Evangelien: "Schwule sollen nicht getoetet werden", weil: kein Hinweis bei Christus, waere entgegen dem Evangelium, vgl. Umgang mit der Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde. Dafuer: Definition von Ehe in Matth.19 (Mann + Frau, Sex nur…


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