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  • matt studer

William Webb und evangelikale Hermeneutik - Teil 2: Punkte zum Weiterkauen


Webb bietet eine hermeneutische Methode feil, die verspricht, den 'Bewegungen' in der Bibel gerecht zu werden, ohne ihre Einheit dabei zu gefährden oder den göttlichen Autor der Gesamtkomposition als schizophren zu bezeichnen. Im letzten Blog habe ich seinen Ansatz kurz vorgestellt und kritisch Stellung bezogen. Hier nun möchte ich ein paar der wichtigen Fragen, die Webb aufwirft aufs Tapet zeichnen. Es gäbe manche Tiefbohrung zu machen, was ich in diesem Artikel nicht zu tun beabsichtige. Vielmehr geht es mir darum, das Gespräch unter evangelikal-gesinnten Hermeneutikern anzuregen. Die Bibel ist für uns bekanntlich überlebenswichtig, autoritative Richtschnur für unser Leben und unseren Glauben. Gerade darum, sowie angesichts der post-evangelikalen Anfragen an unsere evangelikale Hermeneutik ist es von Nöten, dass wir uns Rechenschaft geben, mit welchem Methodenkasten wir an die Bibel herangehen und warum das Sinn macht.



1) Was impliziert das Redemptive in Webb's Redemptive-Movement-Hermeneutik?

Gottes Heilsgeschichte ist eben das, eine Geschichte. Und Geschichten bewegen sich nun mal vorwärts. Niemand im evangelikalen Lager bestreitet dies. Auf dem Hintergrund des ersten Kapitels - Schöpfung, Sündenfall und Proto-Evangelium (Gen. 3,15) - schreibt Gott seine Geschichte mit den Menschen und seiner Welt weiter. Diese Story hat Kapitel: Noah, Abraham, Israel. Ebenfalls unstrittig ist der Fakt, dass die Story in Jesus Christus, seinem Wirken, Sterben und Auferstehen (und seiner Sendung des Heiligen Geistes, der die Kirche konstituierte) gipfelte. Webb hat das Wort redemptive (diese Heilsgeschichte Gottes betreffend) in seinem Arbeitstitel drin. Es ist darum doch erstaunlich, dass er insgesamt wenig Bezug auf diesen Aspekt nimmt. Denn ich würde meinen, dass sich einige der Probleme (auch 'Probleme' ethischer Art), die Webb anspricht, mit Bezug auf diesen 'heilsgeschichtlichen Shift' fast automatisch lösen würden. Warum? Weil sich das mosaische Gesetz in Christus erfüllte und für uns Christen des Neuen Bundes nicht mehr gleichermassen bindend ist. Was so einfach tönt ist in Wirklichkeit natürlich komplex (und darum verweise ich auf diesen Artikel hier). Eins ist klar. Die radikalen hermeneutischen Umwälzungen, die durch das Kommen des Messias ausgelöst wurden, galten stets als zentrale Dimension einer evangelikalen Hermeneutik, mit flächendeckender Auswirkung auf unsere Auslegung des Alten Testamentes (Stichwort Christus ist die Mitte der Schrift). Ist es nicht so, dass viele der Alttestamentlichen Trajectories in Christus ihre Erfüllung und ihr Ziel finden? Dass die Flugbahn des Alten Testaments auf Jesus Christus zuläuft? Und dass wir im Neuen Testament die Apostel am Werk sehen, wie sie darum rangen, diesen Meta-Shift hermeneutisch einzuordnen?


Eine evangelikale Hermeneutik muss unbedingt mehr mit dem Spannungsfeld zwischen Altem und Neuem Bund ringen. Dabei sind es die Apostel, die uns an die Hand nehmen sollten. Plus sollten wir die Bibel vermehrt als ganze Story lesen, nicht nur in Einzelteilen oder 'Proof-Texten', die wir schnell als Beleg für unsere Themenpredigten heranziehen (ja, könnten sich unsere Themen nicht mehr aus der Bibel selbst ergeben?). Damit wir ein Gespür für das grosse Bild haben und die Bewegungen, die es in der Bibel ja wirklich gibt dementsprechend einordnen können. In diesem ganzen Unterfangen muss Christus die Mitte der Schrift bilden. Das Alte Testament bewegt sich auf diese Mitte zu und das Neue Testament entfaltet sie.


2) Zur Frage nach Bewegung in der Bibel: ist Bewegung (Movement) die richtige Linse, um zu einer biblischen Ethik zu gelangen?

Für W. Webb ist Bewegung eine der wichtigsten Ingredienzen seines hermeneutischen Cocktails. Bewegung ist es, was die fortschreitende Offenbarung Gottes charakterisiert. Gott gibt manchmal nur einen Teilaspekt seines Plans und seines Willens preis. Später zeigt er dann mehr. Gerade eben hatten wir den heilgeschichtlichen Paradigmenwechsel im Blick, der der biblischen Story den entscheidenden Twist gegeben hat. Dieser Twist hat natürlich Auswirkungen auf die Frage, welche Teile des mosaischen Gesetzes man wie und ob überhaupt anzuwenden habe. Webb will genau auf diese ethischen Themen heraus. Dazu erlaube ich mir diese ketzerische Frage zu stellen: Wie stark bewegt sich die biblische Ethik über beide Testamente hinweg, einmal abgesehen von ihrer spezifisch kulturellen Ausdrucksweise? Anders gefragt, reden wir von zwei ganz unterschiedlichen ethischen Entwürfen, einer Ethik des Alten Testaments und einer des Neuen? Messen wir die 'Entwicklung' des biblisch ethischen Teaching besser unter dem Stichwort Bewegung oder unter dem Stichwort Kontinuität?


Webb arbeitet grundsätzlich mit diesem hermeneutischen Default-Mode: Gott hat nicht an einem bestimmten Punkt in der Heilsgeschichte sein komplett fertiges Programm für eine christliche Ethik heruntergeladen. Vielmehr hat er als guter und weiser Pädagoge anfangs bestimmte Dinge nur angestossen, um die Menschen in ihrer Situation nicht zu überfordern. Solche Dinge durften sich im Verlauf der Geschichte Gottes mit seinem Volk dann fortentwickeln. Unsere hermeneutische Aufgabe besteht nun vor allem darin, diese Stossrichtungen (trajectories) innerhalb der Bibel zu entdecken und über die Bibel hinaus weiterzudenken (siehe dazu auch meinen letzten Blogbeitrag).


Frage: Wenn 'Bewegung' zu einem Hauptkriterium unserer Hermeneutik wird, machen wir dann nicht fast automatisch und überall Bewegung aus?


Nehmen wir als Beispiel die Frau und ihre Stellung im Alten Testament. Ich gebe Webb völlig recht, dass wir den patriarchalen Kontext des alten Orients nicht einfach von der Gleichung abstrahieren dürfen (als hätte sich Gott in einen luftleeren Raum offenbart). Das Volk Israel lebte nun mal in einer patriarchalen Zeit. Dieser patriarchale Farbton zeigt u. a. in der sogenannten Leviratsehe, um nur ein Beispiel zum nennen (Deut. 25,5-10). Dabei sollte der Bruder des verstorbenen Ehemannes dessen Witwe zur Frau nehmen - ein Setting, wie es in patriarchalen Kulturen vorkam. Doch beachten wir: Was Gott hier letztlich beabsichtigte war, die soziale Stellung der Frau zu sichern, so dass sie nach dem Tod ihres Mannes nicht sozial benachteiligt würde. Sein Augenmerk galt also der Frau, ihrer Würde und ihrem Schutz, in einem 'patriarchal eingefärbten' Setting. Die Frau sass gegenüber dem Bruder ihres verstorbenen Mannes sogar am längeren Hebel, würde dieser eine Hochzeit verweigern, wie die für uns doch recht schräge 'Sandalen-Episode' deutlich macht (bitte in Deut. 27,7-10 nachlesen). Auch wenn die Situation für die Frau in dem Sinne noch nicht ideal war (ist eine Leviratsehe die beste Lösung für das Problem?), wird hier doch keine patriarchale Unterdrückung der Frau geboten, sondern - ganz im Gegenteil und in einem gegenkulturellen Sinn - die 'Gleichheit und Gleichwertigkeit' der Frau gefördert, ja gesetzlich geregelt!


Was ich mit diesem Beispiel zum Ausdruck bringen wollte ist dies: Ich stimme mit Webb überein, dass Gott seinen Willen in eine spezifische Kultur 'hinein' offenbarte, ohne diese Kultur gerade zu überfahren. Er stellte nicht das ganze Mobiliar auf einmal um. Er wirkte 'innerhalb' dieses Raumes - und dies selbst dann, wenn die Anordnung der Möbel noch nicht seinem Ideal entsprachen. Heisst das, dass Gott sich angepasst hat? Auf eine Art und Weise muss man sagen, ja, Gott passte sich den räumlichen Begebenheiten an, die er vorfand. Doch was heisst anpassen? Sich unwillig in eine Situation hineinzwängen? Den eigenen Willen so stark biegen, damit dieser wenigstens ansatzweise gehört wird? Die biblischen Texte wirken irgendwie anders auf mich. Sie bringen zum Ausdruck, dass Gott es verstand, sein Anliegen für die Frau selbst in patriarchalen Strukturen geltend zu machen. Ich würde diesen Leitsatz formulieren: Gottes (ethischer) Wille drückt selbst im AT schon deutlich genug durch! Klar, dass wir auch das NT brauchen. Aber bedenken wir, auch die Apostel hatten 'nur' das AT als ihre Schrift (plus natürlich die überlieferten Worte Jesu!). Und für sie war das Alte Testament genug, um zu einem vollkommenen Leben vor Gott anzuleiten (2. Tim. 3,16).


Was bedeutet es, dass die Bibel in Bewegung ist? Keinesfalls, dass Gott seine Meinung schnell mal ändert. Auch nicht, dass seine Meinung im Alten Testament noch gar nicht richtig zum Ausdruck kam. Ich bin mir nicht sicher, ob 'Bewegung' das richtige Raster ist, um eben z. B. eine Ethik der Genderrollen in der Bibel zu entwickeln. Die Frau steht von allem Anfang an absolut ebenbürtig dem Mann gegenüber (man beginne bitte bei der Schöpfung!) - und auf dieser Flugbahn fliegt das ganze Alte Testament weiter. Ja, selbst in patriarchalen (sündigen?) Settings drückt diese Ebenbürtigkeit im Gesetz Gottes weiter durch, auch wenn sich die Umgebungskultur nicht daran hält. Sicher ist es zentral, dass wir eine biblische Aussage in ihrem historischen Kontext verstehen, um sie zu verstehen. Gleichzeitig ist der Gott, der sich vorvorgestern dem Volk Israel offenbarte, heute immer noch derselbe. Ich meine, dass Gottes Ansichten und Absichten über und zur Rolle und Stellung der Frau (so wie auch über alle anderen grundsätzlichen Themen) in beiden Testamenten klar zum Ausdruck kommen. Was sich bewegt (verändert) ist der Kontext, nicht die Idee Gottes. [1]



Kontext, Kontext, Kontext - Die altorientalische Situation als Ausgangspunkt

Wir bleiben noch ein bisschen bei der historischen Ausgangslage der biblischen Texte. Webb erfindet das Rad nicht neu. Der historisch-kulturelle Kontext ist bei einer klassisch-evangelikalen grammatisch-historischen Exegese im Arbeitstitel ja bereits enthalten. Wir müssen den Text in seiner historischen Situation verstehen, um ihn richtig zu verstehen. [2] Eine Schwierigkeit für unser heutiges Verstehen und Anwenden dieser uralten Texte liegt darin zu unterscheiden, was kulturgebunden und was transkulturell ist und auf die heutige Situation übertragen werden kann. Nehmen wir als Beispiel die Perikope aus 1. Korinther 11, die von der Verschleierung der Frau spricht. Schleier tragen ist zweifellos ein kulturelles Element. Bei uns verschleiern sich Frauen nicht. Müssen wir diese Stelle also abschreiben? Oder was von dem, was Paulus hier sagte, könnte auch für uns 'indirekt' relevant und nützlich sein, vor allem wenn wir gemäss 2. Tim. 3,16 davon ausgehen, dass ALLE Schrift essentiell für uns ist? Die Problematik ist nicht neu und es gibt dazu gute evangelikale Entwürfe. Die Herren Blomberg, Klein und Hubbard schlagen zum Beispiel diese vier Schritte (mit verschiedenen Unterschritten, die euch hier leider vorenthalte) vor (Introduction to Biblical Interpretation): [3]

  • Bestimme die ursprüngliche Anwendung, die mit der Passage beabsichtigt ist.

  • Bewerte den Grad der Spezifität dieser Anwendungen in Bezug auf ihre ursprüngliche historische Situation. Wenn die ursprünglichen spezifischen Anwendungen zeitlich und räumlich auf andere Zielgruppen und Situationen (heute) übertragbar sind, wende sie auf kulturell angemessene Weise an.

  • Wenn die ursprünglichen Anwendungen nicht übertragbar sind, dann identifiziere ein oder mehrere umfassendere interkulturelle Prinzipien, die sich in den spezifischen Elementen des Textes widerspiegeln.

  • Finde die passenden Anwendungen für heute, die diese Prinzipien umsetzen.

Fazit: Das einmalige kulturelle Setting eines Textes wahrzunehmen und trotzdem nach den allgemeinen (transkulturellen) Prinzipien seiner Anwendung zu fragen, gehört zum Standardrepetoire jeder evangelikalen Hermeneutik dazu. Natürlich sollten wir auch auf das Votum eines Kevin Vanhoozer's hören, dass sich der universelle Kern nicht so leicht aus der kulturellen Schale schälen lässt (aus Moving Beyond the Bible - Four Views).

Ja, die Bibel wurde für eine bestimmte Kultur geschrieben. Dennoch hat sie dauerhaften (transkulturellen) Wert und Autorität, gerade indem sie ein konkretes Beispiel dafür ist, wie man den Geist Christi in einer bestimmten Situation verkörpern kann ... Die Festlegung von [abstrakten] Prinzipien birgt die Gefahr, die Bibel zu entdramatisieren: sich für Moral ohne die Fabel, den Inhalt ohne die Form, die Seele ohne den Körper des Textes zu entscheiden.

Vanhoozer erinnert uns Evangelikale zu recht daran, dass wir nicht einfach ein abstraktes Prinzip 'hinter dem Text' freizuschaufeln brauchen um den Rest wegkippen zu können. Wir brauchen die biblischen Texte in allen verschiedenen Genres, um zu verstehen, was Gott uns mitteilen will. Trotzdem - und gerade in ethischen Belangen - dürfen und sollen wir schon nach dem 'Prinzip dahinter' fragen (etwas, das uns auch Vanhoozer zugesteht, einfach im richtigen Mass).


Die eigentlich relevante Frage hinter der ganzen Diskussion von kulturell - transkulturell lautet doch: Verstehen wir, was Gott uns durch diese Texte heute zu sagen hat, trotz und mit all der kulturellen Patina? So dass wir mit Paulus optimistisch sagen können: 'Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.' (Römer 15,4) Oder schränkt die menschlich-kulturelle Situation Gottes Wort so ein, dass es verschwommen bleibt?


Webb und die Akkommodation Gottes - Wie fähig ist Gott zu kommunizieren?

Damit kommen wir meiner Meinung nach zum eigentlichen Knackpunkt bei Webb, der Anpassung (Akkommodation) Gottes. Ein wichtiger Aspekt, mit dem wir Evangelikalos unbedingt ringen sollten. Dabei gibt es Varianten von Gottes Akkommodation auf einem Spektrum. Spontan kommt mir Gregory Boyd in den Sinn, der von einem aktuellen versus einem textuellen Gott redet (actual vs. textual). [4] Laut Boyd müssen wir zwischen dem Gott, der im Text beschrieben wird (wie wenn er einen Heiligen Krieg anordnet) und dem wahren Gott, wie er wirklich ist (wie Jesus, der seine Feinde liebt, anstatt sie zu killen), unterscheiden. Denn Text und Realität klaffen auseinander. Der biblische Text bildet eher die Gottesvorstellung der damaligen Zeit ab, während der wahre Gott, der sich ultimativ in Jesus Christus offenbarte, ganz anders ist. Wenn Boyd die Bibel (vor allem das AT) liest, findet er viel 'Rückständiges', von Menschen 'hinein Transportiertes', das wenig mit dem realen Gott zu tun hat. Genau genommen müsste man nicht von einer Anpassung Gottes an den Menschen, sondern von einem 'menschlich-verzerrten Gottesbild' sprechen. Die Autoren der Bibel (vor allem im AT) haben den wahren Gott ihrem Bild angepasst.


Ganz klar, dass Webb nicht soweit gehen möchte. Nicht die Menschen 'passen' Gott in ihr System, sondern Gott passt sich den Menschen in ihrer jeweiligen Situation an. Dabei tönt es in webbianisch dann trotzdem manchmal recht ähnlich wie bei Boyd. So wie dass Gott sich dem altorientalischen Kontext so stark angepasst habe (hat anpassen müssen), dass seine Message nur ansatzweise durchdrücke. Frage: Steht hier nicht de facto wieder ein 'aktueller Gott' hinter dem Text, einem Text, der sich der historischen Situation assimiliert hat? Webb differenziert zwar keinen realen Gott von einem Gott, wie der Bibeltext ihn darstellt. Und doch spricht er in verblüffend ähnlichem Terminus von dem unter dem Text liegenden Geist (redemptive Spirit) und fordert uns auf, den Bibeltext nicht einfach statisch als geschriebenes Wort zu lesen, sondern nach der unterschwelligen Bewegung im Text zu fragen. In all dem ist es sein Anliegen, die evangelikalen, hermeneutischen Perimeter nicht zu verlassen. Doriani bestätigt und hinterfragt diese Absicht:

Er möchte seine Identität als Evangelikaler bewahren und an der Irrtumslosigkeit [der Schrift] festhalten. Darum ist der „Redemptive Spirit“, der notwendigerweise über den Text hinausgehen muss, bereits schon im Text vorhanden, jedoch nur implizit und in Form einer „Grundidee (seed idea)". Während sich das Christentum im Laufe der Jahrhunderte ausdehnt, wächst diese Keimidee immer mehr in Richtung des göttlichen Ideals. Dieses Ideal steht jedoch möglicherweise im direkten Widerspruch zu dem, was die entgegengesetzte „statische“ Methode in den klaren „Wörtern des Textes isoliert“ sieht.

Ich frage mich also, ob wir nicht am Ende mit Gregory Boyd in derselben Ecke landen? Der biblische Text beschreibt nicht Gott, wie er tatsächlich ist und was er wirklich will. Die historische Situation färbt so stark mit rein, dass das Bild von Gott verdunkelt bleibt.


Das Thema ist zu komplex, um es abschliessend zu behandeln. Es genügt, wenn wir hier festhalten, dass eine Akkommodation, eine Anpassung Gottes an unsere Situation im Grunde nichts Kontroverses ist. Anthony Lane formuliert ganz allgemein: 'Gott spricht zu uns in einer Form, die der Fähigkeit des Hörers entspricht.' [5] Denn unsere menschliche Kapazität Gott zu begreifen ist begrenzt. Gott muss sich uns anpassen, damit wir ihn verstehen können. Vielleicht ganz ähnlich, wie wenn ein Vater mit seinem kleinen Kind spricht, in Worten und Zeichen, die es versteht. Wohlgemerkt ging man in der Geschichte der Kirche stets davon aus, dass wir Menschen Gott trotzdem 'wahrhaftig' und 'richtig' verstehen können, selbst wenn wir ihn nie erschöpfend begreifen. Gott passt sich uns ja gerade aus Gnade an, damit er uns in seinem Wort wahrhaftig und ganz real begegnen kann und wir seinem Wort vertrauen und es verstehen können. Vern Poythress meint:

„Anpassung“ bedeutete nicht, dass Gott einen Prozess tolerierte, in dem menschliche Verfasser der Heiligen Schrift fehlerhafte Vorstellungen ihrer Zeit in ihre Schriften einbezogen.

Poythress macht in seinem gelungenen Artikel auf ein paar Gefahren aufmerksam, wenn wir von Akkommodation reden. So besteht die Gefahr, dass wir Gottes Transzendenz nicht richtig einordnen. Greifen wir das Beispiel des Vaters mit dem Kind auf. Poythress meint:

Wir als Beobachter können den Vater oder den Lehrer beobachten und verstehen, was vor sich geht. Wir schätzen die Art und Weise, wie der Vater oder der Lehrer mehr weiß und tiefer weiß. Mit Wertschätzung beobachten wir alles, was er zurückhält, um es dem Jugendlichen auf einfache Weise mitzuteilen.

Die Analogie lässt sich nicht direkt auf Gott übertragen, es sei denn wir wären in der Lage (vom heutigen Standpunkt her) genau zu erklären, wo und wie Gott sich in der damaligen Situation angepasst hat. Wir könnten dann sagen, was Gottes eigentlicher Wille und was die 'fehlerhafte kulturelle Wahrnehmung' von damals gewesen wäre. Wir wären dann in der Lage zu eruieren, was Gott eigentlich sagen wollte, oder was er damals weggelassen hat, um sich in der Situation 'kindergerecht' zu verhalten. Wir wüssten dann auch, was Paulus heute sagen würde, wenn er heute leben würde. Damit stünden wir aber auf der Ebene von Gott. Wir hätten eine (gnostische?) Einsicht über die wahren Absichten Gottes, was er hinter dem Vorhang seines geschriebenen Wortes tun würde. Poythress stellt fest:

[Unsere] Spekulation darüber, was Gott wirklich tut, könnte dann als ultimativere Autorität fungieren als die Heilige Schrift selbst. Die Heilige Schrift hätte dann nur für das 'Kindliche' eine qualifizierte Autorität.

Auf der anderen Seite lauert die Gefahr, dass wir Gottes Immanenz überbetonen (es geht hier letztlich um die urchristliche Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf!). Wir sehen Gott wie einen menschlichen Vater 'an eine Situation gebunden'. Poythress meint:

Wir schließen daraus, dass Gott wie ein menschlicher Vater ist und daher gegen seinen Willen durch die Umstände und die Grenzen menschlicher Fähigkeiten eingeschränkt wird.

Aber Gott ist nicht so. Er wird nicht durch unsere Situation limitiert, weil er immer Herr der Situation (sprich transzendent) bleibt. Gott passt sich nicht irgendwelchen Umständen an, die auf eine Art und Weise ausserhalb seiner Kontrolle liegen. Seine Kommunikation gelingt vor allem darum, weil er Gott ist, der Schöpfer, der mit seinen Geschöpfen spricht. Noch einmal Poythress:

[Gott] muss sich nicht an eine Situation „anpassen“, die außerhalb seiner Kontrolle liegt, oder an menschliche Fähigkeiten, die er nicht spezifiziert hat. Gerade weil Gott der absolute Schöpfer ist, bietet die menschliche Endlichkeit keinen Widerstand, kein „Problem“ für die Kommunikation.


Ein letztes Fass - kurz geöffnet

Warum besteht der biblische Kanon gerade aus diesen Büchern? Warum sah die Kirche diesen Kanon als abgeschlossen an? Die einfache Antwort lautet: Hier, in diesem Kanon der biblischen Bücher haben wir die ganze christliche Lehre formuliert. Und es soll weder etwas hinzugefügt noch etwas subtrahiert werden. [6]


Webb positioniert sich gewiss nicht als Häretiker, was den abgeschlossenen Kanon der Bibel betrifft. Dennoch wirft seine Hermeneutik die Frage auf, wie fertig die Bibel ist (oder genauer, wie Kanon und Anwendung oder Übertragung des kanonischen Materials auf heute zusammenspielen, so dass die Suffzienz der Schrift berücksichtig wird). Ich will das Problem mal so formulieren: Begegnet uns im NT eine voll ausgefeilte (ideale) Ethik, oder müssen wir eine solche Ethik 'über die Bibel hinaus' in die heutige Zeit weiterspinnen? Manche würden die Frage so wie Doriani beantworten:

Grundsätzlich meine ich, dass Webb behauptet, dass die Heilige Schrift allein nicht ausreicht, um uns innerhalb ihres vollständigen Kanons eine endgültige und maßgebliche ethische Perspektive zu geben. Die Ethik im Kanon nennt er eine „weniger als ultimative Ethik“.

Auch diese Frage ist vieldimensional. Folgende Punkte sind meiner Meinung nach zu beachten:

  • Ich würde meinen, dass Gottes Wille für die Menschen in der Situation, in der sie seinen Willen vernahmen, jeweils ausreichend kommuniziert war. Gott gab den Menschen soviel mit, wie sie brauchten, um gemäss seinem Willen zu leben. Als Mose das Gesetz Gottes überlieferte, ging er davon aus, dass dieses Gesetz ein hinlänglicher Führer für sein Volk war (siehe Deut. 4-11). Und wenn Jesus seinen Jüngern auftrug, dass sie Menschen zu Jüngern machen und sie ALLES lehren sollten, was er ihnen geboten hatte, so tönt das so ziemlich nach dem kompletten Programm (Mt. 28,20). Natürlich spricht die Schrift nicht jedes heutige Problem (wie A.I. oder Klonen uvm.) direkt an. Doch gingen die Apostel davon aus, dass die Bibel (implizit) genug ist, um uns zu einem ganzheitlich heiligen Leben auf diesem Planeten auszurüsten (2. Tim. 3,16).

  • Wir Christen, die wir die Kirche von heute bilden, sind nicht an einem wesentlich anderen Punkt in der Heilsgeschichte Gottes als die Kirche der Apostel. Natürlich ist die letzten 2000 Jahre viel Wasser den Bach heruntergeflossen. Und doch sind wir immer noch in dem Stadium, in dem wir auf das zweite Kommen des Messias warten und als Gottes Gemeinde wie Lichter in einer 'verdorbenen' Welt leben sollen (Phil. 2,15). Der ethische Auftrag ist immer noch derselbe. Und dieser Auftrag wird immer noch im Kampf gegen die Sünde auf der Bühne einer gefallenen Welt, die vom 'Fürst der Lüfte' beeinflusst wird, ausgetragen.

  • Sprich, die Ethik, die Gott sich für sein Volk, seine Familie vorstellte, nahm im NT und darauffolgenden in der ersten Kirche bereits definitive Züge an. [7] Nicht, dass die apostolischen Gemeinden immer vorbildlich gelebt hätten. Wozu hätten wir sonst die Briefe der Apostel, die die Gemeinde zu einer idealen Ethik gemäss dem Willen Gottes zurück riefen? Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Kirche von heute diesbezüglich an einem fortschrittlicherem und ultimativeren Punkt sein sollte.

  • Was in der Gesellschaft passiert, ist eine ganz andere Geschichte. Es mag ja sein (und viele Indizien sprechen dafür), dass das 'christliche Abendland' gerade wegen des Einflusses der Kirche zu einer insgesamt 'besseren Gesellschaft' geworden ist (wenn auch bei weitem nie perfekt). [8] Aber sollten wir die Entwicklungsstufe der Gesellschaft als Gradmesser für den Stand einer ultimativen Ethik nehmen? Nein!



Abschliessende Gedanken zur Natur der Bibel und der Tatsache, dass Gott hier redet

Würde Paulus, wenn er heute unter uns leben würde, einige seiner Aussagen anpassen oder updaten? Was, wenn die Bibel heute geschrieben würde? Würde sie etwas anderes sagen als damals? Webb wirft der evangelikalen Hermeneutik vor, dass sie zu 'statisch' einfach den Text läse um das, was da steht möglichst direkt auf heute zu übertragen.


Wir haben gesehen, dass wir der Geschichtlichkeit der biblischen Texte gerecht werden müssen, damit wir ihren Sinn richtig erfassen können. Gott offenbarte sich in konkrete, historische Situationen, nicht in einen abstrakten, luftleeren Raum. Gleichzeitig wurde auch klar, dass weder diese historische Bedingtheit noch die limitierte Kapazität des Menschen ein Hinderungsgrund für Gottes Kommunikation sind. Gott schafft es, zu uns durchzudringen, egal wo wir uns befinden. Es mag sein, dass wir, die wir den Bibeltext auslegen, mit den kulturellen Aspekten des Textes (und der zeitlichen Distanz) zu ringen haben. Und auch die Bewegung innerhalb der Bibel zu verstehen erfordert unser ganzes hermeneutisches Geschick (wie es auch das Geschick der Apostel erforderte). Trotzdem bin ich auch nach Webb's Vorschlag immer noch der Überzeugung, dass Gott in seinem Wort ausreichend klar zu seinen Leuten spricht - auch heute noch.

Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. Haltet euch an diese Botschaft, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt. (2. Petrus 1,18-19)

Zudem glaube ich, dass wir in der Bibel alles haben, was wir an 'göttlicher Information' brauchen, um unser Leben diesseits der Ewigkeit gemäss dem Willen Gottes zu gestalten. Natürlich wenden wir die Bibel auf immer neue Situationen an. Aber was wir anwenden, ist nicht irgendeine Neuerung von heute, sondern das alte Wort von gestern. Um es abschliessend mit dem Westminster Katechismus (Punkt 1 zur Bibel) zu sagen:

Der gesamte Ratschluss Gottes, der alle Dinge betrifft, die zu seiner eigenen Ehre, der Erlösung, dem Glauben und dem Leben des Menschen notwendig sind, ist entweder ausdrücklich in der Schrift niedergelegt oder kann... aus der Schrift abgeleitet werden.

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[1] Zu diesem Thema ist Richard M. Davidson, Flame of Yahweh: Sexuality in the Old Testament empfehlenswert. Wer es kürzer möchte siehe die Kapitel in Paul Copan, Is God a Moral Monster.


[2] Manchmal haben Evangelikale eine Tendenz, die historische Situation zu wenig zu berücksichtigen, als ob der Bibeltext nur Gotteswort (direkt aus dem Himmel) und nicht auch gleichzeitig Menschenwort sei. Siehe dazu den kürzlich erschienen Artikel von Markus Till.


[3] Die Autoren meinen, dass die vielen Kasualgesetze oder Fallgesetze im AT häufig eine konkrete Anwendung eines generelleren Prinzips seien. All diese Fallbeispiele können uns helfen zu lernen, wie ein generelles Prinzip spezifiziert wird. Hier gibt es keine direkte Übertragung (Schleier tragen = Schleier tragen), sondern eine analoge Übersetzung auf. unseren heutigen Kontext.


[4] Eine gute Kritik von Boyd findet sich hier. Für mich geht Martin Benz in eine ähnliche Richtung wie Boyd. Ich habe schon zum Benzen Bibelverständnis geschrieben.


[5] Siehe Anthony Lane in Dictionary of Doctrinal and Historical Theology.


[6] Das meiner Meinung nach aktuell beste Buch zur Autorität und Finalität des biblischen Kanons ist Michael Krueger's Canon Revisited.


[7] Alan Kreider erzählt etwas davon, wie die erste Kirche inmitten der römischen Welt die (ultimative) Ethik des Königreichs gegenkulturell verkörperte und wie sich dies auswirkte.


[8] Sie aktuell vor allem Tom Holland, Dominion.

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