• matt studer

Wie wir miteinander streiten - Konflikt, Versöhnung und das Evangelium

Aktualisiert: 27. Okt. 2021


Ich geb's zu. Wir haben relativ viel gestritten, meine Frau und ich. Über die Jahre glätteten sich die Wogen dann etwas. Natürlich ist unsere Beziehung kein stilles Binnengewässer geworden. Das wäre vielleicht auch gar nicht gesund, weil kultiviertes Streiten für eine gesunde Beziehung wichtig ist. Auf der anderen Seite haben sich unsere unterschiedlichen Persönlichkeitstypen wahrscheinlich allmählich akklimatisiert. Es könnte aber auch sein, dass wir auf leisere Strategien der Konfliktbewältigung umgestiegen sind, so wie einander ignorieren, schmollen oder Liebesentzug. Konfliktmomente gibt es jedenfalls immer noch in genügender Anzahl. Zudem dürfen wir sehen, dass das Evangelium von Jesus Christus uns über die Zeit manchmal unmerklich, aber wirklich transformiert hat, auch wenn wir noch nicht 'fertig' und vollkommen sind. Wir haben gelernt einander besser zuzuhören, einander mehr stehen zu lassen, einander schneller zu vergeben. Deswegen ist das, was ich hier über Konflikt und Versöhnung schreibe keine vage und märchenhafte Hoffnung, sondern eine starke Gewissheit, dass Gott sein angefangenes Werk in uns zu Ende bringen wird (Phil 1,6).


Streit in einer Beziehung scheint unvermeidlich. Warum streiten wir überhaupt, manchmal sogar häufig? Auf einer Seite für Paartherapie fand ich folgende Begründung: "Streit ist häufig Ausdruck ungelöster Meinungsverschiedenheiten oder unterschiedlicher Wünsche und Bedürfnisse." (siehe Link unten) Soweit so gut. Müssen wir demzufolge lediglich unsere Meinungsverschiedenheiten begleichen, irgendwie einen Konsens finden? Müssen wir nur unsere Bedürfnisse abgleichen oder anpassen? Wenn es so einfach wäre, warum gehen dann so viele Beziehungen in die Brüche oder kühlen über die Zeit ab?


Ich verfolge zwei Ziele mit diesem Artikel. Erstens möchte ich ergründen, was die Bibel über unsere Meinungsverschiedenheiten, Wünsche und Bedürfnisse - über unser Streiten zu sagen hat. Zweitens ist es mein Anliegen zu zeigen, wie das Evangelium sowohl unsere Streitkultur, als auch den hoffentlich darauf folgenden Versöhnungsprozess transformieren kann.

Woher kommen die Auseinandersetzungen unter euch, woher die Streitigkeiten? Kommen sie nicht daher, dass in euch selbst ein Kampf tobt? Eure eigensüchtigen Wünsche führen einen regelrechten Krieg ´gegen das, was Gott von euch möchte`! Ihr tut alles, um eure Gier zu stillen, und steht doch mit leeren Händen da. Ihr seid bereit, über Leichen zu gehen, ihr seid erfüllt von Neid und Eifersucht, aber nichts davon bringt euch euren Zielen näher. Ihr streitet und kämpft, und trotzdem bekommt ihr nicht,´was ihr wollt,` weil ihr euch mit euren Anliegen nicht an Gott wendet. Und selbst wenn ihr euch an ihn wendet, werden eure Bitten nicht erhört, weil ihr in verwerflicher Absicht bittet: Das Erbetene soll dazu beitragen, eure selbstsüchtigen Wünsche zu erfüllen! (Jak 4,1-3)

Wie gewohnt klatscht Jakobus uns die Wahrheit direkt ins Gesicht - kein Tätscheln und Verhätscheln. Dies ganz im Gegenteil zum gesellschaftlichen Usus, die Wünsche und Bedürfnisse des Individuums mit Samthandschuhen anzufassen. Können persönliche Bedürfnisse überhaupt falsch sein, wenn ein Mensch doch so empfindet? Kann mein Bedürfnis nach Ruhe oder Erholung je ungerechtfertigt sein? Oder kann mein Wunsch nach Respekt und Anerkennung fehlgeleitet sein? Wie ist es mit ihrem Bedürfnis nach Intimität und Empathie, oder seinem Bedürfnis nach Sex? Diese Dinge sind doch einfach wie sie sind, angeboren und natürlich? Die Bibel sagt eigensüchtig, selbstsüchtig. Beruht diese Bilanz nicht auf einem zu negativen Menschenbild? Oder ist es vielmehr unsere Gesellschaft, die realitätsfern lebt? Sind wir nicht bereit wirklich hinzuschauen?


Es ist eigentlich ganz simpel. Die Wurzel unserer Konflikte liegt tief vergraben in den Be-dürfnissen und Sehnsüchten, die unser Herz hegt und pflegt (siehe Mark 7,20-23; Lk 6,43-45; Eph 4,17-24). Wenn diese Sehnsüchte durchkreuzt werden und keine Erfüllung finden, reagieren wir mit Krach und Zoff. Wir werden wütend, schmollend, bitter, böse, jammernd und anklagend. Was regiert und bewegt dein Herz, wenn du so anspringst? Es ist klar, unsere Bedürfnisse nach Respekt, Liebe, Annahme, Intimität & Co. sind bis zu einem gewissen Grad natürlich, gut und völlig normal. Sie geraten dann aus der Bahn, wenn wir ihnen einen ultimativen Status verleihen und sie gegen das stehen, was Gott von uns möchte (Jak 4,1). Nämlich, dass wir unseren Nächsten über unsere eigenen Bedürfnisse setzen und ihn so lieben, wie wir uns selbst schon lieben (Phil 2,3 und Mk 12,31). Wenn wir unseren eigenen Bedürfnissen zu viel Platz einräumen, verdrängen sie die Bedürfnisse unseres Gegenübers. Und gerade als Ehepartner sind wir dazu aufgerufen, auch für das Wohl unseres Partners zu sorgen (Phil 2,4; Eph 5,28 für uns Männer!). Eigentlich dürfen wir Gott dafür dankbar sein, dass er uns in solch eine Nähe zu einem Gegenüber stellt, das über unsere überdimensioniert gross gewordenen Bedürfnisse stolpert. Gerade die Ehe ist ein von Gott eingesetztes Mittel, um unsere zu gross gewordenen Wünsche und zu selbstbezogen-gelagerten Bedürfnisse ans Tageslicht zu befördern - sie zu adressieren und zu transformieren! Wo sonst würde mein zu egozentrisches Komfortbedürfnis, oder mein ungesundes Kontrollverlangen so publik werden? Wer sonst würde mich mit meiner zu krassen Abhängigkeit vom Urteil anderer Menschen, oder meinem übergrossen Hunger nach Respekt konfrontieren?


Um dem mal ein bisschen nachzuspüren, was dich in der Tiefe deines Herzens wirklich bewegt und warum es zu Konflikten in deiner Beziehung kommt, kannst du dir folgende Fragen stellen:

  • In welchen Situation reagierst du gereizt oder genervt, aufbrausend oder bitter, gekränkt oder betupft?

  • Wie sieht deine Reaktion aus? Nicht alle Menschen eruptieren gleich wie ein Vulkan. Vielleicht reagierst du mit Sarkasmus oder schmollendem Schweigen, mit Liebesentzug oder fiesen Bemerkungen.

  • Was sind die Folgen deiner Reaktion bei deinem Gegenüber und bei dir? Eigennutz resultiert in 'Unordnung und lauter bösen Dingen' (Jak 3,16). 'Die Weisheit hingegen, die von oben kommt, ist in erster Linie rein und heilig, dann aber auch friedfertig, freundlich und bereit, sich etwas sagen zu lassen. Sie ist voll Erbarmen und bringt eine Fülle von Gutem hervor; sie ist unparteiisch und frei von jeder Heuchelei' (Jak 3,17). An den guten oder schlechten Früchten erkennen wir die wahre Beschaffenheit des Baumes (Jak 4,1-4).

  • Die 'Wurzelfrage': Warum reagiere ich so? Wie heisst die schlechte Wurzel, die eine solch faule Frucht hervorbringt? Welches überdimensioniert grossgewordene 'Bedürfnis' verleitet mich dazu, Krieg zu führen (Jak 4,1-2) anstatt Frieden zu stiften (Jak 3,17-18)?

Die 'Wurzelfrage' läuft gegen den Strich unserer selbstzentrierten Natur. Wir sind im Streit so schnell dabei, von uns weg zu zeigen (Adam und Eva lassen grüssen). Tim Chester bemerkt, dass die Ironie von Konfliktsituation gerade darin liegt, dass wir unser Gegenüber für seine und für unsere Fehler verantwortlich machen. 'Er hat mich doch provoziert, deshalb wurde ich so wütend.' 'Sie hat mich unfair behandelt und darum war ich halt grob.' Wir urteilen über die anderen, aber nicht über uns. Wir spielen uns als selbstgerechte Richter auf und 'spielen dabei Gott' (Jak 4,11-12). Die Bibel weist uns einen anderen Weg. Selbst wenn die andere Person mitschuldig ist (und das wird sie normaler-weise sein), wir sollen zuerst für unseren Anteil geradestehen (Mt 7,1-5).


Der biblische Prozess der Konfliktlösung und Versöhnung sieht oberflächlich gar nicht so anders aus wie andere, säkulare Varianten, wie z. B. 'Gewaltfreie Kommunikation'. Auch bei GfK geht es um Selbstwahrnehmung, um Gefühle und Bedürfnisse und um einen friedfertigen Weg des Miteinanders. Einfach ohne Gott, ohne das Kreuz und ohne persönliche Umkehr von seinen sündigen, zu egoistischen Bedürfnissen. Bei GfK habe ich keinen Anlass einzusehen, wo ich zu selbstzentriert bin - keine Intention, mein Herz von Gott adressieren zu lassen. Bei GfK musste Christus nicht für meine selbstsüchtigen Wünsche ans Kreuz gehen.


Wie sieht also dieser biblische Prozess der Konfliktlösung aus?

  • Ich bitte Gott, dass er mir Einblick in mein Herz gewährt: welche egozentrischen Bedürfnisse regieren mich? Ich bete um Weisheit, mein Fühlen und Verhalten biblisch-realistisch einordnen zu können (Jak 1,5). Wie hängt mein streitbares, verletzendes Verhalten mit meinen überdimensionierten Bedürfnissen zusammen? (siehe dazu die Fragen, die ich oben formuliert habe ...)

  • Ich komme in einer demütigen Haltung vor Gott: 'Sucht die Nähe Gottes, dann wird er euch nahe sein! Wascht ´die Schuld` von euren Händen, ihr Sünder! Reinigt eure Herzen, ihr Unentschlossenen! Klagt ´über euren Zustand`, trauert und weint! Aus eurem Lachen muss Traurigkeit werden, aus eurer Freude Bestürzung und Scham. Beugt euch vor dem Herrn, dann wird er euch erhöhen (Jak 4,8-10). Regiert von unseren selbstsüchtigen Wünschen dreht sich alles um uns, uns, uns! Im Streit schauen wir von unserem hohen Ross auf unser Gegenüber herunter. Aber Gott schenkt denen Gnade, die die Position ihres selbsternannten Königtums verlassen: 'Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen, aber wer gering von sich denkt, den lässt er seine Gnade erfahren' (Jak 4,6; siehe auch Jak 4,10).

  • Ich bekennen mein Fehlverhalten und die darunter liegende Selbstbezogenheit und bitte um Vergebung, sodass mein Partner mir vergeben kann und wir uns versöhnen können. 'Tut mir leid, dass ich dich durch meine Worte verletzt habe ... und dass ich dabei eigentlich nur an mich selbst gedacht habe (an meinen Komfort, meinen Ruf, mein Kontrollbedürfnis)'. Bezeichnenderweise schleicht sich bei mir selbst an diesem Punkt, dem eigentlichen Tiefpunkt für das Ego, doch immer wieder mal der alte Adam ein: 'Ok, ich habe böse Worte gesagt und das tut mir leid - aber du hast mich auch nicht respektiert' ist eine indirekte Schuldzuweisung und Selbstrechtfertigung, kein wahres Bekenntnis. Aber hier darf es nicht um Lippen-bekenntnisse gehen, sondern nur um wahre Reue, die wir im Schatten des Kreuzes gewinnen. Und wenn wir die Dinge wirklich beim Namen nennen, wenn wir zu unseren Fehlern stehen und unsere Ego-Einstellung bekennen, dann kann auch wirklich und von Herzen vergeben werden!

Wenn wir das Evangelium vor Augen haben - dass Jesus wegen unserem Egoismus, der zum Streit führt, am Kreuz gestorben ist - merken wir, dass jegliche Formen von Selbstrechtfertigung und Schuldverleugnung fehl am Platz sind. Dann wäre Jesus ja umsonst gestorben (Gal 2,21). Jesus musste wegen meinen egoistischen Bedürfnissen am Kreuz hangen - alle meine Schuld lag auf ihm. Warum sollte ich meine Schuld noch dementieren? Ebenso erbe ich seine Gerechtigkeit. Was habe ich dann noch mit Selbstrechtfertigung zu schaffen? Ich muss mich nicht besser darstellen, als es tatsächlich der Fall ist. Und das Wunderschöne dabei ist, dass wenn ich erkenne, dass Christus alle meine selbstsüchtigen Wünsche ans Kreuz hinaufgetragen hat (1 Petr 2,24), mich dies nicht nur demütig macht, sondern mich von mir selbst befreit.


Jesus starb aber auch für meinen Partner. Es ist nicht an mir, eine Strafe zu vollziehen, sei es durch Liebesentzug, die kalte Schulter zeigen, anschreien oder weglaufen. Wie Tim Chester schreibt, ist 'Vergebung nicht optional. Sie ist Ausdruck des Glaubens an die Suffizienz des Erlösungswerks Christi.' Jesus trug die Strafe, auch für mein Gegenüber. Mit Blick auf Jesus am Kreuz erlangen wir die Demut, von uns wegzuschauen, auch von unserem 'vermeintlichen' Recht auf Respekt, Annahme, Lob und Lorbeeren. Was mich definiert ist Christus, selbst dann, wenn mein Gegenüber an mir sündigt (wenn die überdimensioniert grossen Bedürfnisse meines Gegenübers mir wehtun, mich verletzen oder mich direkt angreifen). Christus hat es vollbracht, auch für meinen Streitpartner - ich darf lernen, loszulassen und zu vergeben!


Zugegeben, das Ganze ist einfacher geschrieben als umgesetzt. Aber auch für unser Scheitern auf dem Weg gibt es genug an Gnade (Jak 4,6). Und dann dürfen wir immer wieder aufstehen und es weiter versuchen, im Wissen, dass Gott uns seinen Geist eingepflanzt hat (Jak 4,5), der in uns den guten Willen und die Tat bewirkt (Phil 2,13).



Dieser Beitrag hat die drei Kapitel 'conflict', 'reconciliation' und 'forgiveness' aus Tim Chester's Buch 'Gospel-centred Marriage' als Paten.


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http://www.sexualmedizin-paartherapie.de/paarkommunikation/lieben-und-streiten/





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