• matt studer

Was wäre, wenn wir nicht ‘in die Kirche gingen’ sondern ‘selbst die Kirche wären’?

Aktualisiert: Juni 21


Es ist Sonntagmorgen. Die Reste des Frühstücks stehen noch auf dem Tisch, schon ist Familie Müller in Eile, um aus dem Haus zu kommen, aufs Fahrrad zu steigen und stadtauswärts zu fahren. Als die Müllers zwanzig Minuten gefahren sind, erreichen sie – und mit ihnen ganz viele andere Menschen – endlich ein großes, kongressähnliches Gebäude. Hier und da hört man ein kurzes ‘Grüezi, wie geht’s?’ Allgemein ist man bestrebt möglichst zügig das Gebäude zu betreten, wo man sich dann im großen Saal einen Platz aussucht und sich bequem niederlässt. Wie im Kino vor dem Film wird auf der Großleinwand ‘Werbung’ gezeigt. Man kann sich noch für das Sommercamp anmelden, ein neues Buch ist erschienen, ein Ehe-Kurs wird diese Woche starten. Familie Müller muss zunächst noch die Kinder unterbringen, jedes woanders, nach Alter zugeordnet. Erst wenn dies getan ist darf sich nun auch das Ehepaar Müller einen Platz im großen Saal aussuchen. Und es geht schon los! Die Band startet den Gottesdienst mit einem lauten und feurigen Song. Die Menschen stehen auf, singen, klatschen und bewegen sich zur Musik. Ein junger Mann betritt die Bühne und predigt. Danach Gebet … und nochmals Musik. Zum Schluss die Infos. Dann möglichst schnell raus aus dem großen Saal und die Kinder einsammeln. Es gibt noch Kaffee und Gipfeli im Foyer-Bereich. Die Zeit reicht gerade für ein paar Smalltalks bevor man sich wieder aufs Fahrrad schwingt und heimfährt. Dies war der allwöchentliche Sonntagmorgen Gottesdienstbesuch der Familie Müller (vor COVID).


Es ist Samstagnachmittag. Familie Meier hat Gäste eingeladen zu Kaffee und Kuchen. Es sind dies Leute aus ihrer kirchlichen Gemeinschaft und ein paar kirchenferne Freunde, die dazu gestossen sind. Man kennt sich bereits, ist sich bei früheren Barbecues, Filmabenden oder auf dem Spielplatz begegnet. Die Stimmung ist gelassen – man schwatzt über alles Mögliche, Gott und die Welt (wortwörtlich!). Jemand greift noch zur Ukulele und stimmt ein Lied an. Die Kinder sind überall am wuseln – ein Baby schreit. In einer kleineren Gruppe entwickelt sich ein tieferes Gespräch – eine alleinerziehende Mutter erzählt von ihren Nöten und Schmerzen. Man hört empathisch zu, spricht Hoffnung in ihr Leben hinein, betet für sie. Am anderen Ende des Tisches ergibt sich ein Gespräch über die Bibel (warum beschäftigt ihr Christen euch mit so einem alten Buch?). Gegen Abend brechen die meisten auf. Ein paar der Gemeinschaft helfen den Meiers noch beim Aufräumen. Beim Einräumen der Spülmaschine wird persönlich ausgetauscht. Am Schluss betet man für all die Menschen, denen man begegnet ist. Danach müssen die Kinder schleunigst ins Bett. Dies war ein ganz normaler Samstag Nachmittag der Familie Meier (trotz COVID, wenn's draussen schön ist).


Welches von beiden Beispielen ist jetzt Kirche? Vorab, um hier nicht falsch verstanden zu werden, Kirche bedeutet auch für mich Gottesdienst, Anbetung, Predigt, Liturgie. Ja, Kirche braucht Struktur, Versammlung, Leitung. Kirche ist bitte mehr als ein fluides, anti-autoritäres, anti-doktrinäres, unbestimmt definiertes und nur-freiwilliges-nicht-die-persönliche-Freiheit-einschränkendes Gebilde. Zu viele enttäuschte Christen haben der organisierten Form von Kirche den Rücken gekehrt, um ein selbst-bestimmtes (selbst-zentriertes?) Christenleben zu führen. Es ist nicht mein Anliegen das Pendel hier ganz auf die andere Seite schwingen zu lassen ... nur ein grosses bisschen.


Die Apostel und die erste Gemeinde trafen sich täglich im Tempel – sie brachen aber auch das Brot in ihren Häusern, und zwar täglich (Apg 2,46). Wir sind gut darin uns (zumindest einmal wöchentlich) im Tempel zu treffen. Nicht so gut schneiden wir ab, wenn es darum geht, uns täglich in den Häusern zu treffen. Was heisst ‘in den Häusern’ und warum ist es so wichtig diesen Aspekt von Kirche für uns zurückzuerobern?


Kirche ist Familie

Ermutigt und ermahnt einander täglich (Heb. 3,13). Seid in herzlicher Liebe miteinander verbunden, gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen (Röm. 12,10). Setzt euch mit euren Gaben füreinander ein (Röm. 12,3-8). Seid freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat (Eph. 4,32). Nehmt einander gastfreundlich auf (1 Petr. 4,9). Jeder soll dem anderen helfen, seine Last zu tragen (Gal. 6,2). Unterweist und ermahnt euch gegenseitig mit aller Weisheit (Kol. 3,16).


Ich beobachte, dass wir unser Kirchenverständnis mehrheitlich auf bestimmten Gemeindebaumodellen (Kirche à la ICF, FreshX, reformierte/katholische Kirche oder Hauskirche) oder, wenn wir theologisch versierter sein möchten, auf ekklesiologischen Fachbegriffen (Kirche ist sakramental, missional, exklusiv oder inklusiv, fluid oder organisiert) abstützen. Dabei übersehen wir das eigentliche Fleisch-und-Blut-Leben der Kirche, das uns in den Texten des Neuen Testaments auf jeder Seite entgegen springt. Kirche war immer eine gelebte Sache, Menschen die gemeinsam unterwegs sind, in einem bestimmten Kontext mit bestimmten Herausforderungen. In diese Realität hinein sprachen die Apostel und forderten die Gemeinde auf als Kirche Jesu zu leben, so dass die gute Nachricht von Christus in ihrer Gemeinschaft verkörpert würde, Hände und Füsse bekäme. Und dieses kirchliche Leben wird häufig mit ‘einander …’ beschrieben. Ich plädiere dafür, dass wir Kirche wieder mehr durch all diese einander-Passagen verstehen und leben. Wir werden schnell merken, dass unsere aktuellen Modelle und unsere gängige Praxis zum Teil recht weit davon entfernt liegen. Die Lösung? Kirche muss wieder mehr wie eine Familie werden. Nur als erweiterte Familie können wir einander täglich ermutigen, einander die Lasten tragen, einander … Alle diese ‘Einanders’ lassen sich eben nicht verprogrammatisieren oder verinstitutionalisieren. Und es ist auch nicht der Pastor allein, der allen anderen ... Dieses 'Einander' kreiert ein Geflecht von Beziehungen, keine Einwegstrasse. Kirche muss eine genug enge und verbindliche Gemeinschaft im Alltag sein damit dieses familiäre Element pulsieren kann. Und wie anders würde sich dann auch der Besuch im Sonntagmorgen-Gottesdienst anfühlen?!


Kirche ist eine Gemeinschaft von Nachfolgern

Wenn Kirche nicht nur Sonntagsversammlung, sondern familiäre Gemeinschaft, nicht nur Programm, sondern geteiltes Leben ist, dann glaube ich, dass wir einen guten Nährboden für Jesus-Nachfolge (nenne es den jüngerschaftlichen, geistlichen oder spirituellen Aspekt von Kirche) kultiviert haben. Programmgemeinden begünstigen auf eine Art und Weise unsere Konsumhaltung (ohne dass sie dies aktiv so wollen). Ich besuche diese Programmgruppe, weil es mir dort am meisten nützt, mich geistlich vorwärts bringt oder gefällt. Ich gehe in diesen Gottesdienst, weil mir die Musik zusagt und weil die Predigt gut ist. Das ist natürlich nicht ganz verkehrt. Wir leben in einer Zeit in der wir uns unsere Gemeinde aussuchen können – und wieso sollten wir uns nicht die beste Gemeinde aussuchen (nach welchen Kriterien wir entscheiden wäre hier die entscheidende Frage). Trotzdem, was dabei hinten unter den Tisch fällt, ist oftmals der Beziehungsaspekt. Wo sind wir in genug eng-verwobenen Beziehungen, dass Menschen in unser Leben hineinsprechen können? Wo sehen uns andere dabei, wenn wir unsere Kinder erziehen, wenn (und wie) wir mit unserem Ehepartner kommunizieren oder sogar streiten, wie wir in freudigen und schwierigen Situationen reagieren? Das Schlüsselwort hier ist ‘Beziehung im Alltag’: wo findet genug Alltag in Beziehung statt, so dass wir unser Sonntagsgesicht ablegen können, ja gar keine Chance mehr haben es aufzusetzen? Könnte es nicht sein, dass wenn wir genug engmaschig mit Menschen unterwegs sind Seelsorge ‘am Ort’ stattfinden könnte – informell und persönlich – anstatt dass wir den Profi aufsuchen, einfach weil jemand, der uns kennt uns durch das Evangelium ermutigt und herausfordert? (siehe Heb. 3,13; Kol. 3,16) Würde nicht unser gemeinsames Gebet tiefer und ehrlicher werden, wenn wir gegenseitig von unseren Freuden, Kämpfen und Schwächen wüssten? Ist es nicht so, dass wir unseren Bruder und unsere Schwester für unsere Nachfolge brauchen, dass der Christus im Bruder manchmal stärker ist als der Christus in meinem Herzen, wie Bonhoeffer meinte? Nur, wir haben Respekt und Angst vor solchen Beziehungen – wir machen uns vielleicht zu verletzlich, wir wollen unser Leben doch lieber unhinterfragt gestalten und autonom entscheiden was für uns gut und richtig ist, wir wollen nicht die Zeit und Energie für solche Beziehungen investieren, wir brauchen Ruhe. Aber wie anders wäre die kirchliche Gemeinschaft und wieviel stärker würde sie nach außen strahlen, wenn Brüdern und Schwestern auf diese Art und Weise miteinander unterwegs sind. Und damit kommen wir zum letzten Punkt.


Kirche ist eine Gemeinschaft von Gesandten

Wann hattest du zum letzten Mal mit einem Nichtchristen ein Gespräch über Christus? Pflegst du regelmässig Beziehungen zu Nichtchristen, so dass sie Teil von deinem Leben sind, deine Familie kennen, dein Christsein im Alltag 'beobachten' können, andere Christen durch dich kennenlernen? In dieser Sache hat die Kirche, haben wir ein gewaltiges Problem. Wir fragmentieren unser geistlich-kirchliches Leben auf eine Art und Weise, so dass Nichtchristen keinen Platz darin finden, oder dann nur ganz gezielt und marginal (sprich, Alpha-Kurs). Klar, wir arbeiten überwiegend mit kirchenfernen Menschen zusammen und gehen auch mit ihnen Minigolf spielen und Crêpes essen - doch hat das alles für uns nichts mit Kirche zu tun. Dabei wäre eigentlich die christliche Gemeinschaft (die Familie von Nachfolgern wie oben skizziert) DER Alpha-Kurs! Stell dir vor, deine nichtchristlichen Freunde kämen in Berührung mit (d)einer christlichen Community und würden von allen Seiten immer wieder mal einen Satz in Bezug auf Gott hören, ein Gebet miterleben, mit dabei sein wenn Christen einander dienen, einander unterstützen und ermutigen, wenn ihre Liebe zu einander sichtbar wird. Würde dies nicht irgendwann die guten Fragen provozieren, auf die wir dann eine Antwort zu geben hätten (1. Petrus 3,15)? Klar, nicht jeder Kirchenfremde ist offen für so was, aber es gibt genug, die offen für Beziehung sind, dass wir uns für sie interessieren, offen dafür dass man sie an unsere Grillfeste einlädt, offen dass ihnen 'auf christliche Weise' gedient wird, dass für sie gebetet wird. Das Problem ist nicht primär die Offenheit derjenigen zu denen wir gesandt sind - ich glaube vielmehr das Problem liegt bei uns. Lassen wir uns senden, auch und gerade gemeinsam? Klar, ein Alpha-Kurs ist gut strukturiert, zeitlich absehbar - es braucht eine Anfangsüberwindung jemanden dazu einzuladen, aber danach kann man sich auf die guten Videos verlassen. Mit der kirchlichen Gemeinschaft ist das etwas anders: es braucht eben Zeit, Commitment, Investition, Intentionalität, Geduld für den Prozess, Beziehung. Kurz, es wird komplizierter und messy! Aber gleichzeitig steckt soviel Leben drin, für unsere nichtchristlichen Freunde und tatsächlich auch für uns selbst. Jesus sprach von einer sichtbaren Stadt auf dem Berg und davon dass andere ihn an unserer Liebe zueinander erkennen werden. Lasst uns sichtbar werden! Lasst unser gemeinschaftlich-kirchliches Leben in dieser Welt stattfinden und nicht fragmentiert in abgeschirmten Kirchenräumen wo keiner hinfindet!


Mein Fazit: Wir müssen mehr Kirche sein als nur in die Kirche zu gehen! Vielleicht und wahrscheinlich müssen wir zuerst umdenken: Kirche ist kein Gebäude und auch nicht primär nur Programm - Kirche sind die Menschen, die miteinander unterwegs sind, mit Christus in ihrer Mitte, in diese Welt hinein gesandt. Ja, Kirche versammelt sich auch für den Gottesdienst (Kirche geht sozusagen auch in die Kirche) - und von dort aus strömt sie in die Woche, an ihre Plätze und Aufgaben, zu den Menschen zu denen sie gesandt ist. Sie tut dies gemeinsam, täglich, in den Häusern und in den Gärten, Spielplätzen, Stadtplätzen, Kaffees, ...!


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