• matt studer

Schuld-basierte Erziehung - Behaviorismus, Gesetzlichkeit und das Evangelium


Eine Person, die bestraft wurde, ist dadurch nicht einfach weniger geneigt, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten; sie lernt bestenfalls, wie sie sich einer Bestrafung entziehen kann.

(B. F. Skinner)


Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten. (Joh 14,15)



Wer einen Haushalt mit kleinen (und älteren?) Kindern zu managen hat weiss wohl, dass es ein gesundes Mass an Regeln braucht. Kinder, wir putzen die Zähne täglich. Und wir waschen die Hände vor dem Essen. Wir lernen, dass wir unsere Spielsachen teilen. Es braucht Regeln, um das natürliche Chaosprinzip aufzuhalten: Zähne bekommen Löcher, Hygiene bewahrt vor Krankheit. Darüber hinaus hoffen wir, dass bestimmte Regeln das Verhalten unserer Kinder schlussendlich in eine menschenfreundliche Richtung lenken, so dass sie eines Tages gelernt haben werden nicht nur für sich selbst sondern auch für andere zu denken und zu handeln. Wenn die Kinder es zu Hause nicht gelernt haben, wo lernen sie es dann? So sagt man jedenfalls.


Bringen simple Regeln unsere Kinder auf Kurs? Als Vater fallen mir zwei unterschiedliche Dynamiken auf, die gleichzeitig am Werk sind. Erstens, mein Kind will kooperieren. Es will mitmachen, helfen und gehorsam sein. Vielleicht weil es intuitiv fühlt, dass Kooperation die Beziehung zu seinen Eltern stärkt? So postuliert es jedenfalls die Bindungstheorie. Zweitens, mein Kind will nicht kooperieren. Es will unbedingt widersprechen und seinen eigenen Willen durchsetzen. Bei dieser zweiten Variante kommt unser Regelwerk hart an seine Grenzen. Unsere so guten und weisen Regeln scheinen einfach nicht selbstevident und universell anwendbar zu sein. Also greifen wir zu weiteren Massnahmen. Wir locken mit positiven Belohnungen oder drohen mit negativen Konsequenzen. Das Kind muss zu seinem Glück 'gezwungen' oder zumindest in die richtige Richtung 'motiviert' werden.


Wie verändert sich ein Mensch - oder eben nicht?

Die Schritte eines Esels lenkt man, indem man ihm lockend eine Karotte vors Maul hält. Und wenn das nicht hilft, nimmt man den Stock. Kindererziehung funktioniert manchmal ganz ähnlich: Eine Belohnung oder dann eine Bestrafung, damit das Kind das macht, was man will. Die behavioristische Verhaltenstheorie behauptet, dass der Mensch vor allem durch Reiz-Reaktions-Muster lernt. Erwünschtes Verhalten wird dabei durch Belohnung verstärkt, unerwünschtes Verhalten durch Bestrafung oder auch nur durch Androhen der Strafe unterdrückt. [1] Ich gebe zu, dass wir zeitweise auf diese Methode zurückgreifen. Es gibt einfach die Momente, in denen das Pyjama zügig angezogen und die Bettroutine erledigt werden soll, damit Mami und Papi noch zwei kinderlose Stunden miteinander verbringen dürfen. Dann fehlt es manchmal an Geduld, den gleichen Punkt zwanzig mal zu wiederholen, bis das Kind endlich die Notwendigkeit unseres Anliegens einsieht. Mit einem Esel lässt sich schlecht diskutieren wenn er störrisch sein will.


Wo liegt dann das Problem dieser 'behavioristischen Erziehung'? Simpel darin, dass die innere Motivation eines Menschen nicht wirklich berührt wird. Intrinsisch mag das Kind etwas völlig anderes wollen. Aber weil die Belohnung lockt und die Strafe abschreckt, kooperiert es 'freiwillig' (oder eben nicht ganz). Der Behaviorismus als Erziehungstrategie kreiert keine wirklich besseren Menschen, nur gerissenere Systemgänger. Gravierender, er verstärkt den sowieso schon intrinisischen Hang zum Egoismus, der uns Menschen von Geburt an mitgegeben ist. Das Kind lernt das 'Richtige' zu tun, wenn eine Belohnung herausspringt. Und es wird 'das Falsche' unterlassen, wenn die Strafe sich nicht lohnt. In beiden Fällen denkt es vor allem an seine eigenen Ziele, sein eigenes 'Wohlbefinden. Ein Mutter-Theresa-Instinkt ist das gerade noch nicht. Ja, Verhalten lässt sich auf jeden Fall behaviorstisch steuern (bis zu einem gewissen Grad zumindest). Nur, ist es wirklich das, was wir für unsere Kinder wollen? Wünschen wir uns nicht vielmehr, dass sie lernen eben intrinsisch, 'aus sich selbst heraus' und ohne an Belohnung oder Bestrafung zu denken das 'Richtige' zu tun?


Die behavioristische Motivations-Theorie liegt gar nicht so weit weg vom Phänomen des Pharisäers, wie er in der Bibel häufig dargestellt wird. Der Pharisäer verrichtet seine 'heiligen Dienste' primär, weil er unter dem Strich davon profitiert. Vielleicht wird er von anderen gesehen und bewundert. Oder er verschafft sich eine soziale Stellung, die es ihm erlaubt auf andere herabzublicken. Sein Antrieb für ein 'heiliges Leben' ist nicht, Gott zu gefallen (wenn dann schon eher sich selbst und seinen Mitmenschen).


Nenne es Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit bedeutet im Kern, dass man das Gesetz gar nicht wirklich liebt und nur der Konsequenzen wegen danach handelt. Das Gesetz funktioniert als äusserer Stimulus: Tue dies und du wirst belohnt werden. Tue das andere nicht und du wirst verschont bleiben. Wie anders ist da die Herzenshaltung des Psalmisten, der eine instrinsische 'Freude an der Weisung des Herrn' bekundet und 'darüber bei Tag und bei Nacht sinnt.' (gemäss Psalm 1,2)


Es braucht mehr (aber nicht unbedingt weniger) als die Karotte und den Stock, damit sich unsere Kinder intrinsisch motiviert 'richtig' zu verhalten lernen.


Mehr als blanke Regeln - Beziehung, Gnade und die innere Motivation des Kindes

Regeln haben ein Ziel: Sie wollen das Verhalten steuern, kontrollieren und in bestimmte Bahnen lenken. Damit wir uns richtig verstehen, Regeln sind wichtig. Sonst hätte Gott ja seinem Volk Israel in der Wüste keinen Regelkatalog mit auf den Weg gegeben. Regeln setzen Leitplanken und bewahren vor dem Absturz. Sie geben eine Leitlinie vor. Regeln sind nötig und wichtig, aber nie ausreichend. Als Eltern stehen wir vor der unglaublich wichtigen und schwierigen Aufgabe nicht nur das Verhalten, sondern auch das Herz des Kindes zu adressieren. Oder wie es der Autor Timothy Paul Jones sagt:

Als Eltern tun wir viel mehr als lediglich das Verhalten unserer Kinder zu managen und für ihre Bedürfnisse aufzukommen ... Wir sind verantwortlich, ihnen das Evangelium zuzusprechen und ihnen die Gedanken und die Wege Christi aufzuzeigen (gemäss Mt 28,19-20). (The Gospel & Parenting, Seite 30, meine freie Übersetzung) [2]

Der Vorteil einer Familie gegenüber einem Unternehmen ist, dass es bei Familie um ein beziehungsmässiges Miteinander und Füreinander geht. Das Investment der Eltern in ihre Kinder geht weit über das Regeln des Haushaltes hinaus. Wir wollen unseren Kindern 'unsere Welt' nahebringen, sie prägen, sie zum Menschsein anleiten. Und das geschieht vor allem in Beziehung über Zeit. Wenn ich mir vorstelle, wie unglaublich viele Stunden ich schon mit meinen Kindern verbracht, wie viele Gespräche wir schon geführt, wie viel Energie bereits in dieses Projekt geflossen ist, merke ich wie dies das ganze Thema der Regeln erst in das rechte Licht rückt. Und Regeln stehen bei uns nicht im Rampenlicht, auch wenn sie wichtig sind. Sie sind eingebettet in einen Beziehungsrahmen, in dem sich das Kind geliebt fühlt, selbst wenn es die Regeln ab und zu bricht.


Die Karotte und der Stock auf der einen Seite sind es die 'Momente des Evangeliums', die so unglaublich kostbar sind. Es sind die (raren) Momente, in denen das Kind seinen Fehler ehrlich einsieht. Wenn es sich zu fragen beginnt, wie Veränderung wirklich möglich wird. Die Momente, in denen nicht nur die Regeln gebrochen, sondern auch das Herz zerbricht und ein Gefühl der Reue einsetzt. Augenblicke der Ehrlichkeit, wo auch Papi mal zugeben kann, dass er nicht immer alle Regeln befolgt. In solchen Momenten vermag letztlich nur das Evangelium das menschliche Herz zu besänftigen. Dieses Evangelium von Jesus, der unserer Regelbrüche wegen ans Kreuz genagelt wurde, um unsere Strafe zu tragen und uns vom Anspruch des Gesetztes 'Du musst alles richtig machen! zu befreien. Vor dem Kreuz geschieht eine Umkehr, die von Herzen kommt. Hier liegt der Schlüssel zur realen Veränderung unserer intrinsischen Motivation. Das Evangelium befähigt uns, das Richtige aus Dankbarkeit und Liebe zu tun.


Das Thema Schuld in der Erziehung bleibt ein Thema

Wenn es stimmt, dass der Mensch im Grunde danach strebt sich zu rechtfertigen, indem er es 'richtig' macht, haben wir hier ein Problem (zu dieser These siehe meine Beiträge hier und hier). Dann würde eine behavioristisch-orientierte Regelerziehung nur dazu führen, das sowieso schon vorhandene Schuldbewusstsein (ich mache es falsch!) zu verstärken. Nun wäre das ja nicht nur schlecht. Auch Gottes Gesetz ist dafür angedacht, uns zur Verzweiflung und letztlich zum Kreuz zu führen, wie Paulus schreibt:

Denn durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften steht kein Mensch vor Gott gerecht da. Das Gesetz führt vielmehr dazu, dass man seine Sünde erkennt. (Römer 3,20)

Dies zu erkennen ist häufig der erste Schritt, um die Gnade Gottes viel tiefgründiger und persönlicher zu erfahren (Röm 3,21-26).


Ich schlage vor, dass wir selbst unsere Erziehung und 'Disziplinierung' der Kinder in die viel grössere Matrix von Sünde und Gnade, von Gesetz und Evangelium einbetten. Wir werden unseren Kinder die Gelegenheit geben zu entdecken, dass es wichtig aber nicht matchentscheidend ist, sich an die Regeln zu halten. Denn wer versagt darf Gnade und Vergebung erfahren. Jeder Moment der Erkenntnis des eigenen Versagens wird so zu einer Chance für das Evangelium: 'Jesus hat es bereits für dich vollbracht. Du musst nicht alles richtig machen, um geliebt und sicher zu sein. Er hat für all deine Schuld bezahlt.' Als Eltern dürfen wir die gnädige Haltung unseres Vaters im Himmel imitieren, indem wir den 'Stock' nicht unbarmherzig und brachial gegen unsere Kinder fahren lassen, sondern indem wir selbst negative Konsequenzen in Liebe und Gnade kommunizieren.


Wie wunderbar sind diese Momente, wenn unsere Kinder auch nur einen Bruchteil dieser Realität des Evangeliums erkennen und ihr Herz dabei berührt wird. Ich will mich daran erinnern und für solche Momente beten, wenn ich wieder mit der Karotte und dem Stock hantiere.


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[1] Man nennt dies eine operante Konditionierung: das Verhalten des Kindes wird durch die äusseren Stimuli von Belohnung und Bestrafung konditioniert. Diese Theorie wird zurecht als einseitig kritisiert, weil sie das intrinsisch motivierte Verhalten nicht beachtet. So lernen Kindern oftmals auch ohne diese äusseren Stimuli, einfach aus purer Neugier und Freude an einer Sache.

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[2] Aus der Serie The Gospel for Life, editiert von Russell Moore und Andrew T. Walker.

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