• matt studer

Bist du gut genug? Warum Madonna Recht hat und das Evangelium die einzige Antwort ist



Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Mt 9,13)


God's law says, "Be perfect!" - God's gospel says, "Believe in Christ and you will be reckoned perfect before God!."

(Michael Horton, The Gospel Driven Life, S. 60)



Ich habe in meinem vorletzten Beitrag zu zeigen versucht, dass es beim Evangelium in erster Linie um deine und meine bereinigte Beziehung mit Gott geht. Die gute Nachricht lautet: Jesus ist für unsere Sünden gestorben (1 Kor 15,3), damit wir wieder versöhnt mit Gott leben können (Röm 5,10) - jetzt schon und in alle Ewigkeit.


In diesem Beitrag möchte ich veranschaulichen, wie dieses Evangelium und vor allem die Lehre der Rechtfertigung existenziell mit deinem Leben als Christen zu tun hat. Es geht hier nicht um theologische Knobelspiele, sondern um tief-existenzielle Wahrheiten, die jeden von uns betreffen. Meine These ist, dass die Tatsache, dass wir uns eines Tages vor Gott zu verantworten haben, unser Leben ständig beeinflusst. Was meine ich damit?


Bin ich jemand? Bin ich gut genug?

Hast du dich auch schon gefragt, ob du genügst? Ob du so angenommen bist, wie du bist, mit deinen Ecken und Kanten? Wir alle sehnen uns ja nach Beziehungen, die genug vertraut sind, so dass wir unsere Masken fallen lassen und auch mal in den Unterhosen herumlaufen können. Und wenn niemand im Raum ist fragen wir uns, ob wir uns selbst wirklich bejahen können. Was für eine Note würdest du dir selbst geben?


Und doch erlebe ich es oft so, dass wir uns über das definieren was wir tun und erreicht haben, was wir drauf haben, was wir besitzen und was wir sind. Unsere Identität leitet sich aus dem ab, was wir und andere über uns denken, wie wir und sie uns evaluieren. Das ist doch ganz menschlich, magst du einwenden. Jeder Mensch braucht Bestätigung. Jeder Mensch verlangt danach, angenommen zu sein, so wie er ist (oder wenigstens, dass man ein Auge zudrückt und sagt, 'da kannst du noch besser reinwachsen'). Das sehe ich auch so. Nur scheint mir, dass all diese Bestätigung zu schnell wieder verpufft.


Wieso kämpfen wir mit Selbstzweifeln und Selbstabwertung? Wieso brauchen wir eine ganze Industrie von Spruchwahrheiten, um uns aufzupäppeln: 'Liebe dich selbst!', 'Vergib dir selbst!''. 'Umarme deine Schwächen!' Wir bräuchten diese Selbstvergewisserungen ja nicht, wenn grundsätzlich schon alles mit uns in Ordnung wäre.


Der Mensch lebt mit der Angst, nicht zu genügen. Hören wir uns mal Madonna an: [1]

Mein Antrieb im Leben erwächst aus meiner Angst, mittelmäßig zu sein. Diese Angst treibt mich immer voran. Ich überwinde einen Anflug davon und entdecke, dass ich etwas Besonderes bin, aber dann fühle ich mich wieder mittelmäßig und uninteressant, und ich muss etwas Neues machen. Ich bin zwar jemand geworden, aber ich muss mir immer noch beweisen, dass ich jemand bin. Dieser Kampf war noch nie zu Ende und wird es vermutlich auch nie sein.

Natürlich ist Madonna eine exzentrische Künstlerin, die ihr Image tausend mal geändert hat (so dass wir vielleicht nicht einmal sicher gehen können, dass ihre Aussage hier ihrem inneren Empfinden wirklich entspricht, oder ob sie auch damit ein Image-Spiel treibt). Du und ich sind da ganz anders, bodenständiger, weniger abhängig vom Lob der Massen. Und trotzdem glaube ich, dass wir es hier mit einem tief-existenziellen Empfinden des Menschen zu tun haben. Könnte es sein, dass Madonna einfach ehrlicher ist als wir? Geht es nicht auch uns so, dass wir meinen, uns in der einen oder anderen Form immer wieder beweisen zu müssen, vor uns selbst und vor anderen?


Woher also diese existenzielle Unsicherheit? Wieso dieser Drang, uns zu validieren, uns als 'ich bin ok' zu präsentieren? Ich glaube, die Antwort auf diese Fragen findet sich hier:

Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz; Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst. Angst hat man nämlich dann, wenn man mit einer Strafe rechnen muss. (1. Joh 4,18)

Das ist vielleicht nicht unbedingt der Ort, an dem du eine Antwort gesucht hättest. Es ist auf jeden Fall nicht die Antwort, die wir heute offeriert bekommen. Lass mich die Punkte einmal so verbinden. Der Mensch lebt nicht einfach 'neutral' für sich (auch der Schweizer nicht). Er lebt sein ganzes Leben coram Deo (vor Gott). Und 'so wird also jeder von uns über sein eigenes Leben vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.' (Röm 14,12) 'Wir alle werden einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen.' (Röm 14,10b) Was ist unser Problem dabei? All unsere guten Bemühungen und Versuche werden nicht ausreichen, um vor Gott gut dazustehen. Wir werden es nicht zur Perfektion bringen. Gemäss der Bibel reicht schon ein Lapsus, um uns zu diskreditieren: 'Wer das ganze Gesetz befolgt, aber gegen ein einziges Gebot verstößt, macht sich damit am ganzen Gesetz mit allen seinen Geboten schuldig.' (Jak 2,10) Denn Gott sagt: 'Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue!' (5 Mose 27,26) Und nochmals in anderen Worten: Alle 'haben gesündigt, sodass ihnen die Anerkennung vonseiten Gottes fehlt.' (Röm 3,23) Uns geht etwas ab. Wir schaffen es unmöglich, vor Gott gerecht dazustehen (Röm 3,10). All unsere Bemühungen uns für den 'Tag der Wahrheit' schön einzukleiden enden damit, dass wir letztlich nur in den Unterhosen dastehen. Das ist unser Problem! Darum haben wir 'Angst vor der Strafe'.


Ich weiss, dass wir nur selten in diesen Kategorien denken. Wir sind es gewohnt, unsere existenziellen Ängste psychologisch anzugehen: Du musst nur dein inneres Kind lieben, oder kognitiv umdenken lernen. Achtsamkeitstraining könnte auch helfen. Oder vielleicht liegt es ja gar an der falschen Ernährung! Wir haben unser Denken so ins Innerweltliche verlagert, dass es uns schwer fällt einen vertikalen Bezug herzustellen. Wer fürchtet sich schon vor einem kommendem Check-up beim Gericht, vor Gottes prüfendem Blick oder seinem heiligen Gebot (Röm 7,12)? Doch wir alle - Madonna, Trump, die Queen und du - kennen das Gefühl der Unzulänglichkeit. Wir merken ja, dass es uns nicht einmal gelingt, unseren eigenen Erwartungen zufriedenstellend zu entsprechen (Römer 2,1). Das viel gröbere Problem, dass wir nämlich in Gottes Augen 'zu kurz geraten' sind und unserer Sünde wegen nicht vor ihm bestehen können, blenden wir einfach aus. Dabei ist es doch gerade dieses Problem, das uns unterschwellig existenziell 'bedroht'.


Wie wir uns selber erlösen

Wie gehen wir mit unserem tiefsitzenden Gefühl der Unzulänglichkeit um? Ganz einfach, wir tun etwas dagegen (wenn wir nicht depressiv einknicken). Wir fassen neue Vorsätze. Wir geben uns mehr Mühe. Wir versuchen es einfach nochmals, aber diesmal besser. Wir suchen weiter nach der (Er)Lösung. Wir arbeiten an unserem Lieblingsprojekt, bessere Menschen zu werden. Das kann eigentlich nicht allzu schwer sein, oder? Dieses Projekt ist universell menschlich. Wir beobachten es beim Turmbau zu Babel, sowie bei all den grösseren und kleineren 'Türmen' in deinem und meinem Leben. Selbstverständlich gibt es auch die christlichen Varianten davon.


In traditionellen (fundamentalistischen?) Kirchen wird uns klipp und klar vorgeschrieben, was für uns als Christen drinliegt und was nicht. Wenn du dich an diese Regeln hältst, bist du in Sicherheit. Einfach nicht Rauchen, Trinken oder jene Filme gucken und alles ist im grünen Bereich. Michael Horton nennt dies die alte Form von Gesetzlichkeit. Es ging hier nicht darum, 'Gott und den Nachbarn besser zu lieben, sondern von Bars ... fernzubleiben' (aus seinem Buch Christless Christianity, S. 108). Das tönt natürlich sehr nach vorgestern, aber ich bin überzeugt, dass er eine oder die andere Leserin einen Bezug dazu herstellen kann. Neben dieser Form gab und gibt es, was Horton als Easy-Listening-Gesetzlichkeit bezeichnet. Nicht mehr so krass schwarz-weiss oder so drastisch verurteilend, sondern abgeschwächt und 'mit einem Lächeln': 'Du kannst dein bestes Selbst sein (mit Hilfe von Jesus), wenn du diese fünf Schritte befolgst'. Schliesslich gibt es heute eine aktualisierte neue Moral oder Gesetzlichkeit. Diese will sich nicht mehr auf ein paar Kardinalsünden wie Rauchen und Sex vor der Ehe fixieren, sondern uns 'positiv' auffordern, den Lebensstil der Bergpredigt zu leben (so funktioniert Christsein doch!). [2] Merkworte wie Jüngerschaft oder geistliche Disziplin stehen hoch im Kurs. Wir wollen etwas tun und vieles bewegen. Lieber Taten anstatt Worte. Der Slogan heisst ja, 'was würde Jesus tun' und nicht 'was hat Jesus schon getan'. Horton hält fest:

Nicht das Kreuz Jesu, sondern das Tragen unseres Kreuzes [nach Mt 10,38] ... wird zum aufregenderen Thema. (S. 26, meine Übersetzung)

Nun ist es ja nicht falsch, all diese guten Dinge zu tun und die Schlechten zu unterlassen (wobei ich, da kein Fundamentalist, gestehen muss, dass ich während des Schreibens dieses Artikels ein Bier trinke, wenn auch nicht in einer Bar). Das Problem liegt darin, dass die Dinge, die wir tun, zum bestimmenden Inhalt unseres Christseins werden. Und immer lautet die Nachricht sublim: Tu dies und du wirst leben (vgl. 3 Mose 18,5). Wir versuchen unser Problem der Unzulänglichkeit mit menschlichen Mitteln zu (er)lösen. Wir polieren unser Zeugnis, feilen an unserer Karriere, arbeiten an unserem Ruf, füllen uns mit Dingen, die uns endlich vervollständigen könnten. Wir bauen Türme. Diesen Krampf hatten schon die Galater, wenn Paulus ihnen vorwirft:

In der Kraft des Heiligen Geistes habt ihr begonnen, und jetzt wollt ihr aus eigener Kraft das Ziel erreichen? (Gal 3,3)

Das Wort 'erreichen' hat im Griechischen die Konnotation 'sich komplettieren, vollständig oder ganz machen'. Der Mensch ist scheinbar immer wieder versucht, sich aus 'eigener Kraft' zu erlösen. Oder wie die Bibel auch sagt, sich zu rechtfertigen. Um das besser zu verstehen, müssen wir uns wieder mehr in die Vertikale lehnen. Paulus sagt (in Röm 10,5): 'Wenn es darum geht, auf der Grundlage des Gesetzes vor Gott als gerecht zu bestehen, gilt, was Mose schreibt: "Wer die Gebote befolgt, gewinnt dadurch das Leben." In anderen Worten, wer das ganze Gesetz Gottes befolgt, ist gerecht. Nur eben, dass das unmöglich gelingen kann. Und weil wir das intuitiv zu wissen scheinen, schrauben wir entweder die Latte von Gottes Gesetz herunter, oder wir formulieren unsere eigenen 'Hauptgesetze', die wir hauptsächlich befolgen wollen, damit wir 'ok sind' (das ist genau das, was Horton unter Gesetzlichkeit versteht). Dabei bin ich mir bewusst: Keiner redet hier normalerweise vom Gesetz (obwohl wir Christen ja eigentlich das Vokabular dazu hätten). Wir sind uns meistens gar nicht bewusst, dass unser Streben nach Vollständigkeit zutiefst ein Streben nach Konformität mit dem göttlichen Standard ist. [3]


Ich glaube nicht wie Sigmund Freud, dass es unser Über-Ich ist, das uns diesen Streich spielt und wir uns nur davon befreien müssten. Die Welt beweist uns das pure Gegenteil. Vermeintlich von jedem Standard befreit, strebt sie trotzdem so angestrengt danach zu genügen, signifikant zu sein, vollständig zu werden. Wir ahnen unbewusst, dass wir eines Tages werden Rechenschaft ablegen müssen. Wir scheinen instinktiv zu wissen, dass wir dazu 'verpflichtet' sind, einem (dem göttlichen) Maßstab zu genügen (Röm 1,19-20). Es ist evident: Niemand in unserer Gesellschaft denkt in der Kategorie des Gesetzes. Und doch gelingt es uns nicht, uns von seinem Anspruch zu entledigen. Das zeigt sich darin, dass wir unaufgefordert unsere eigenen Standards als 'Bewertungskriterien' aufrichten. Paulus erkannte diese Dynamik schon damals:

Denn wer du auch bist: Indem du über einen anderen zu Gericht sitzt, sprichst du dir selbst das Urteil, weil du genau dasselbe tust wie der, zu dessen Richter du dich machst. (Röm 2,1)

Das alles (Gericht, richten, Maßstab, sich rechtfertigen) sitzt ganz tief in unseren Knochen. Selbst in unserer säkularen Gesellschaft sind wir nicht frei davon. Wir sind programmiert, wie die Galater, das Ruder immer wieder selber in die Hand zu nehmen. Deswegen sind wir auch so froh, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun haben. Daneben peitschen wir uns gerne selber immer wieder an: noch einen Ticken mehr und dann kommt's gut. Wir alle basteln an unserem Selbstverbesserungsprojekt herum, so dass wir am Ende etwas vorzuweisen haben (mehr als Unterhosen jedenfalls).


Doch was können wir schon vorweisen, das uns, andere und vor allem Gott wirklich und zutiefst zufriedenstellt?


Die befreiende Nachricht ist in erster Linie kein guter Ratschlag!

Einer, der in dieser Dynamik gelebt und sie existenziell reflektiert hat, ist der Apostel Paulus. Einst ein gesetzestreuer Pharisäer wusste er haargenau was es hiess, ein 'guter Israelit' zu sein: 'Was die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit betrifft, war mein Verhalten tadellos.' (Phil. 3,6b). Doch dann begegnete ihm Jesus und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Sein ganzes Projekt des 'Gut-Mensch-Seins' entlarvte sich als reiner Müll (im Original steht hier 'Kot'):

Doch genau die Dinge, die ich damals für einen Gewinn hielt, haben mir – wenn ich es von Christus her ansehe – nichts als Verlust gebracht. Mehr noch: Jesus Christus, meinen Herrn, zu kennen ist etwas so unüberbietbar Großes, dass ich, wenn ich mich auf irgendetwas anderes verlassen würde, nur verlieren könnte. Seinetwegen habe ich allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, den Rücken gekehrt; es ist in meinen Augen nichts anderes als Müll. Denn der Gewinn, nach dem ich strebe, ist Christus. (Phil 3,7-8)

Paulus erkannte, in anderen Worten, dass seine menschliche Gerechtigkeit nur Verluste einbringt. Alles menschliche Streben nach Vollständigkeit ist nur Müll, weil es nicht zu Vollständigkeit, nicht in die Beziehung zu Christus führt! Warum? 'Denn auch durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften steht kein Mensch vor Gott gerecht da.' (Röm 3,20) In säkularer Sprache heisst das: Alle deine bemühten Versuche jemand zu sein, all deine Anstrengungen, dich zu 'vervollständigen', scheitern letztlich an den Forderungen des Gesetzes, das Gottes Erwartungen an dich formuliert. Du merkst und weisst innerlich: Es genügt nicht! [4] Der Prophet Jesaja bringt es auf den Punkt:

In deinen [Gottes] Augen sind wir alle unrein geworden, selbst unsere guten Werke sind bloß ein schmutziges Kleid [Unterhosen]. (Jesaja 64,5)

Selbsterlösung funktioniert nicht. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Wie Horton meint:

Die gute Nachricht ist viel besser als 'versuch's einfach noch einmal'. Das ist eigentlich gar keine gute Nachricht, weil Gott ja ... perfekte Gerechtigkeit von mir verlangt, nicht gute Intentionen. Je mehr ich versuche meine eigene Nacktheit in Gottes Gegenwart zu verdecken, desto mehr werde ich Gott hassen und in Selbsttäuschung vor seiner Gegenwart fliehen. Auf mich allein gestellt, werde ich Gott anklagen und mich selbst entschuldigen - und dabei sogar Religion 'benutzen', um meine unauslöschbare Schuld zu verbergen. (S. 121, meine Übersetzung)

Die gute Nachricht dagegen lautet, dass die Gerechtigkeit, die Christus gibt, genügt (2. Kor 5,21). Ich kann mit meinen 'schmutzigen Kleidern', mit allen meinen gescheiterten Selbsterlösungsversuchen zum Kreuz kommen und sie dort abladen. Und dann darf ich die Gerechtigkeit Christi als mein neues Kleid anziehen (Jes 61,10; Eph 4,24). Es ist so: Als Christen bekennen wir nicht nur unsere einzelnen schlechten Taten (so wie lügen oder stehlen). Wir bekennen unser intrinsisch-autonomes Bestreben, ohne unseren Erlöser, ohne die Gerechtigkeit Christi [5], ans Ziel kommen zu wollen. Wir sind grundehrlich und das kostet uns unseren Stolz. Oder wie Paulus es beschreibt:

Darum haben auch wir unser Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt, denn wir möchten vor Gott bestehen können, und das ist – wie gesagt – nur auf der Grundlage des Glaubens an Christus möglich, nicht auf der Grundlage der Gesetzeserfüllung. (Gal 3,16)

Das Evangelium ist kein guter Ratschlag. Wenn dem so wäre, dann würde das Christsein zu einer reinen Coaching-Angelegenheit: Wie kann ich zu meinem besten Selbst werden, mit etwas Hilfe und Anleitung? Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass wir bei Gott angekommen sind (allein wegen Christus) und nun aus der Beziehung mit ihm lernen dürfen ein Leben zu leben, das sowohl ihm gefällt und gleichzeitig uns zutiefst befriedigt, weil wir uns nicht mehr im Hamsterrad der Selbsterlösung abstrampeln müssen. Ist es nicht so, wie Augustinus einst so pointiert geäussert hat? 'Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir [Gott].'


Keiner hätte dies besser sagen können als Martin Luther (in einem Brief an seinen Freund Melanchthon: WA, Briefwechsel 2, Nr. 424):

»Deshalb wirst Du nur in ihm, durch getroste Verzweiflung an Dir und Deinen Werken, Frieden finden. Überdies wirst Du von ihm lernen, dass er, gleichwie er Dich angenommen und Deine Sünden zu den seinen gemacht hat, auch seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht hat. Das heißt: Du musst Dich nicht selbst sündlos machen, Du darfst und sollst an Dir selbst verzweifeln, weil Du auf die alleinige Gerechtigkeit Christi vertrauen darfst und darin Frieden findest. Er nimmt Deine Sünde auf sich und schenkt dir seine Gerechtigkeit.«




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[1] Zitiert in Timothy Keller, Vom Glück selbstlos zu leben.

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[2] Ich überhöre hier manchmal Sätze wie 'wir sind das Evangelium' oder 'wir müssen das Evangelium tun'. Das Evangelium spricht aber von dem, was Christus bereits für uns getan hat. Hoffentlich werden andere Menschen sehen, dass uns diese gute Nachricht bewegt und transformiert und dass wir darum anders leben. Es ist besser, diesbezüglich von den Auswirkungen des Evangeliums in der Kirche oder in unserem Leben zu reden und nicht vom Evangelium per se.

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[3] Um es theologisch ganz genau zu nehmen: Natürlich ist der gerechtfertigte Christ noch nicht 'fix und fertig'. Er ist noch nicht Jesus-konform (Röm 8,29b). Er ist gerechtfertigt und sündig zugleich, angekommen und noch unterwegs zum Ziel. Darum unterscheidet die Bibel zwischen Rechtfertigung und Heiligung. Als Gerechtfertigte müssen wir uns nicht länger abmühen, um Gott zu gefallen. Der ganze Krampf der Selbsterlösung fällt weg, denn Jesus hat uns erlöst und uns seine Gerechtigkeit gegeben. Wir können wieder vor Gott treten. Hier allein liegt wahre christliche Freiheit! Erlöst vom Urteil Gottes, das über unseren Häuptern schwebte (Rechtfertigung), sind wir nun 'befreit' so zu leben, dass wir ihm gefallen (Heiligung). Man kann diesen Unterschied 'von aussen' nicht unbedingt wahrnehmen (sowohl der Christ als auch der Nichtchrist 'geben sich ja Mühe'). Doch die innere Motivation ist grundverschieden: Lebe ich 'gut' aus Dankbarkeit und Freude, oder lebe ich ein gutes Leben, um am Ende gut dazustehen und mich zu rechtfertigen?

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[4] Ich spreche hier von einer biblischen Möglichkeit, das Gesetz zu verstehen: nämlich als Ankläger (Römer 7). Für den Christen wird das Gesetz, losgelöst von Selbsterlösung und befreit von der Anklage Gottes, zu etwas total Gutem und Hilfreichem: Es unterweist im göttlichen Willen, es zeigt, wie man gut leben kann (siehe z.B. Ps 119).

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[5] Du fragst dich jetzt vielleicht, was denn die Gerechtigkeit Christi meint. Dazu bräuchte es mindestens einen weiteren Blogbeitrag. Ganz kurz gesagt: Jesus hat in seinem Leben und Sterben das ganze Gesetz Gottes perfekt gehalten (er hat es erfüllt), so dass er den Segen dafür erbt und diesen an uns weitergeben kann. Gleichzeitig hat er den Fluch des Gesetztes, die Strafe, die sich aus der Gesetzesübertretung ergibt, an unserer Stelle auf sich geladen, so dass wir nicht länger 'Angst vor der Strafe' haben müssen.

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