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  • matt studer

Jakobusbrief 1.2-4 - Von Prüfungen, Leiden und Hoffnung

Aktualisiert: 6. Dez. 2022


Seht es als einen ganz besonderen Grund zur Freude an, meine Geschwister, wenn ihr Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst. Ihr wisst doch: Wenn euer Glaube erprobt wird und sich bewährt, bringt das Standhaftigkeit hervor. Und durch die Standhaftigkeit soll das Gute, das in eurem Leben begonnen hat, zur Vollendung kommen. Dann werdet ihr vollkommen und makellos sein, und es wird euch an nichts mehr fehlen.

(Jakobus 1,2-4)



Wann war das letzte Mal, dass du freudig in die Hände geklatscht hast, als dich eine schwierige Situation getroffen hat? Unsere wohlständige Gesellschaft scheint sich mit Herausforderungen im Leben recht schwer zu tun. Haidt und Lukianoff beispielsweise untersuchen den Wandel unter Post-Millenials an unseren Universitäten. Anstatt dass Studenten sich freudig mit konträren Meinungen auseinandersetzen um intellektuell daran zu wachsen, laden sie Gastredner vom anderen Ende des Denkspektrums lieber wieder aus, oder kreieren einen 'Safe Space'. Sie igeln sich in einer Bubble der ignoranten Geborgenheit ein, damit sie nicht durch eine fremde (gefährliche?) Meinung emotional zu Schaden kommen.


Gehen wir ein paar Stufen tiefer. Was ist mit dem Thema Leid allgemein? Kein Mensch betreibt 'leiden' als Hobby. Es ist jedoch hochinteressant, dass sich unsere hedonistisch-westliche Kultur von allen anderen Kulturen aller Zeiten darin unterscheidet, dass sie mit Leiden gar nicht mehr 'konstruktiv' umzugehen weiss. In anderen Kulturen wird Leid als zwar schmerzvoller doch wichtiger Teil dessen gesehen, was es heisst Mensch zu sein. Natürlich wird das menschliche Leid dort manchmal nicht ernst genug genommen oder sogar auf 'unmenschliche' Art und Weise glorifiziert. Der Unterscheid liegt darin, dass Leiden in diesen Denkarten einem bestimmten Zweck dienen. Unweigerlich begegnen sie einen auf der Reise durch das Leben. Sie verhelfen dem Menschen seine Ziele und seine Bestimmung zu erreichen. Bei den Stoikern übte man Charaktereigenschaften wie Geduld oder Durchhaltevermögen gerade in den schwierigen, leidvollen Momenten ein. In anderen Kulturen wieder übernehmen Leiden eine Art läuternde Funktion. Sie reinigen von Schuld und stellen die Lebensberechtigung wieder her. Die Fegefeuer-Theologie geht in diese Richtung. Nur wir modernen Westler wollen mit dem Leiden lieber nichts zu schaffen haben. Wir wollen es möglichst eliminieren, damit wir happy und schmerzfrei leben können. Das macht Sinn, wenn man bedenkt, dass in unserer materialistischen Matrix vor allem das irdische Seligsein zählt. Wir wollen das maximale Lebensglück und wir wollen es am Besten gleich jetzt. Streben nach einer Besserung der Lebensumstände ist etwas Gottgegebenes. Nur, trotz all der modernen Möglichkeiten gelingt es uns nicht, alles Leidvolle aus unserem Leben auszumerzen.



Die Bibel stellt alle unsere Vorstellungen über den Umgang mit schwierigen Umständen, mit dem Leiden, das uns in dieser Welt begegnet auf den Kopf. Sie kultiviert in uns eine neue innere Haltung, wie wir solchen 'Prüfungen verschiedenster Art' in unserem Leben begegnen dürfen, so dass wir uns paradoxerweise sogar mitten im Leid freuen können. Die Formulierung ist hier so allgemein, dass man unter 'Prüfungen' eigentlich alles einsetzen kann, was in irgendeiner Form Mühe bereitet, von der Matheprüfung bis zum Lungenkrebs! Dabei ist die Bibel alles andere als masochistisch, nicht einmal stoisch, was Leiden betrifft. Jesu Reaktion ob dem Tod seines Freundes Lazarus war emotional nicht zurückhaltend: "Seine Augen füllten sich mit Tränen." (Joh 11,35) Die Bibel ist einfach realistisch. Sie gibt der Realität des menschlichen Leidens Platz und sogar eine Art 'Sinn'. Leidvolle Momente werden in der Bibel weder kaschiert noch schöngeredet. Sie werden vorausgesetzt, wenn die Bibel vom Menschsein jenseits des Garten Edens spricht.


Was meint die Bibel aber dann, wenn sie sagt wir sollen uns über die leidvollen Momente freuen? Sicher nicht, dass wir uns an diesen schweren Momenten beglücken sollen. Ich bin überzeugt, es geht hier um eine existenziell so viel tiefgründigere Realität, zu der uns diese Verse von Jakobus einladen wollen.

Wachstum in die Vollkommenheit, wie Gott sie sich gedacht hat, geschieht eben gerade durch die schwierigen Momente im Leben.

Was ist eigentlich Gottes Ziel mit meinem Leben? Dass ich erfolgreich bin, dass ich einen guten Stand im Leben habe, eine schöne Familie, einen guten Job? Wenn ich diese an sich guten und wichtigen Dinge als oberste Priorität in meinem Leben setze, werden mir schwierige Umstände in diesen Bereichen immer wie Steine auf dem Weg vorkommen. Kündigung, Krankheit oder Konflikte in Beziehungen werden mich unweigerlich aus der Bahn werfen. Doch bedenken wir dies: Gottes Ziel für unser Leben ist vor allem anderen Vollkommenheit, geistliche Reife, Wachstum in das Bild seines Sohnes. Und um uns an diesen Punkt zu bringen, arbeitet Gott mit allen Umstände in unserem Leben, den Guten wie eben auch den Schwierigen (siehe dazu auch Röm 8,28-29).


Oftmals entgeht uns diese nicht ganz einfache doch so kostbare Wahrheit, die Jakobus uns hier vermitteln will. Und anstatt Freude und Perspektive im Schweren erleben wir Frustration, Depression und vielleicht auch Wut auf Gott.



Das würde ja bedeuten, dass unsere schwierigen Umstände geheimnisvollerweise zu Gottes Plan für unser Leben gehören. Dass sie Teil (s)einer grösseren Wirklichkeit sind. Gleichzeitig würde es bedeuten, dass wir nicht dem Zufall überlassen sind. Eine solche Vorstellung der göttlichen Souveränität widerspricht unseren kulturellen Sensibilitäten radikal. Wir sind doch diejenigen, die es im Griff haben sollten? Aber zeigen uns nicht gerade die sogenannten Schicksalsschläge, dass dies nicht der Fall ist? Dass wir das Leben eben nicht ganz im Griff haben? Wenn alle leidvollen Umstände ausserhalb des Wirkungsfelds von Gott wären, hätten wir letztlich wenig Hoffnung und noch weniger Anlass zur Freude. Wir wären dann irgendeinem unpersönlichen Schicksal ausgeliefert. Die gute Nachricht ist doch gerade, dass wir in Gottes Händen geborgen sind und dass sein Plan mit uns selbst in und durch diese schwierigen Umstände zum Ziel kommt.


Kurze Verschnaufpause. Damit ist nicht abschliessend erklärt, woher das Leiden kommt und warum Gott es zulässt. Diese Fragen beantwortet die Bibel (leider) nicht endgültig. Doch vielleicht hilft uns diese unvollkommene Analogie minimal weiter. Als Vater mute ich meinen Kindern auch mal herausfordernde Situationen zu. Zumindest versuche ich es (die Versuchung schnell 'bewahrend' einzugreifen ist gross). Ich spüre, dass meine Kinder solche 'Momente des Wachstums' brauchen, in denen nicht ich es bin, der ihre Probleme löst. Ich bin mir schmerzlich bewusst, dass diese Analogie die harten Schicksalsschläge die uns treffen können, nicht befriedigend erklärt. Es ist eben nur eine Analogie. Doch bedenken wir: Gott ist so unendlich viel grösser, weiser und besser als ein irdischer Papi es je sein könnte. Selbst wenn wir das auf dieser Seite der Ewigkeit nie ganz verstehen werden: weiss nicht unser himmlischer Vater am besten, was er uns zumuten kann, was 'gut' für uns ist und wie er uns weiterbringen kann? Vertraue ich diesem Gott wirklich, selbst wenn er solch schwierige Umstände in meinem Leben 'zulässt'? Bin ich bereit, mit Jesus zusammen zu beten 'dein und nicht mein Wille geschehe'?



Welche Perspektive nehmen wir angesichts schwieriger Umstände in unserem Leben ein? Fahren wir mit einer Vermeidungs- und Verdrängungstaktik, oder umarmen wir das Schwere (ohne dabei fatalistisch gar nichts mehr dagegen zu tun)? Wie ging Jesus mit schwierigen Situationen auf seinem Weg um? Er schaute im Vertrauen auf seinen Vater, denn er war sich gewiss, dass sein Vater ganz für ihn ist.


Jesus ist uns auf diesem Weg vorausgegangen, damit wir auf ihn blicken können, wenn wir müde werden (Heb 12,3). Er weiss, was es heisst, versucht zu werden und kann uns darum in all unseren Prüfung beistehen (Heb 2,18). Er ging sogar durch das tiefste aller tiefen Leiden, die schwerste aller Prüfungen, durch das Kreuz hindurch, weil er wusste, welche Freude ihn auf der anderen Seite erwartete (Heb 12,2b). Er setzte alles auf eine Karte, ganz und gar für seinen Vater zu leben und gehorsam seinen Willen zu tun. Dafür nahm er alle Schwierigkeiten in Kauf. Wäre es nicht ein schönes Lebensziel, es ihm gleich zu tun, um am Ende unseres Lebens dies sagen zu können:

Für dich bin ich standhaft gewesen. Ich habe alles auf diese Karte gesetzt und ganz für dich gelebt! Nicht, dass es einfach und schmerzlos war. Aber ich durfte an dir festhalten und im Vertrauen wachsen. Und in allem drin durfte ich lernen, dass du mich begleitest und formst, liebst, führst, tröstest, erneuerst und ans Ziel bringst.

Was könnte das praktisch in Bezug auf unsere Beziehungen heissen?


Es ist einfach meine Mitmenschen zu lieben, wenn ich gut drauf bin (und wenn sie lieb zu mir sind). Schwieriger wird es bereits, wenn ich etwas müde und nervlich belastet bin. Ein paar Stufen schwieriger noch, wenn Schmerzen mich so in Beschlag nehmen, dass es zu einem Kraftakt wird, von mir weg auf andere zu sehen und ihnen etwas Gutes zu tun.


Als Jesus unter Schmerzen am Kreuz hing, kümmerte er sich vor allem um eines - seine Mitmenschen, Freunde wie Feinde: "Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lk 23,34) Er kümmerte sich um das Verbleiben seiner Mutter nach seinem Tod: "Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!" (Joh 19,26-27) Wie wunderschön unser Gott doch ist! Genauso möchte ich auch werden!



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