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  • matt studer

Hat Gott ein Drehbuch oder improvisiert er ins Blaue? Ein Plädoyer für die göttlichen Attribute der Allwissenheit und Allmacht

Aktualisiert: 13. Mai



Wenn der HERR, der allmächtige Gott, sich etwas vorgenommen hat, wer kann seinen Plan dann noch durchkreuzen?

(Jesaja 14,27)


Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Gedanken seines Herzens von Generation zu Generation.

(Psalm 33,11)



Ich schreibe diesen Blog anlässlich eines Podcast-Gesprächs, das ich mit Manu Schmid bei ERF hatte. Unser Thema war, ob Gott mein Leben von A-Z durchgeplant hat, oder ob er mit Wissenslücken über meine Zukunft und der Zukunft der Welt zu leben hat. Ist Gott allwissend? Steht er allmächtig wirkend hinter meinem Leben und dem Lauf des ganzen Kosmos, so dass kein Spatz vom Dach fällt, wenn ER das nicht will? Oder überlässt Gott seinen Autoschlüssel uns Menschen und sagt: 'Fahrt mal los! Wenn nötig werde ich hier und da eine Leitplanke für euch aufstellen, damit ihr nicht vom Weg abkommt.'


Das sind recht komplexe Fragen, die sich alle darum drehen, ob Gott wirklich allmächtig und allwissend ist, wie das mit dem menschlich freien Willen aussieht und wie 'Freiheit' definiert werden soll. Überhaupt, wie das 'Zusammenspiel' zwischen Gott und Mensch dabei aussehen könnte. Ich möchte hier vor allem der ersten Frage nachgehen: Weiss Gott alles und wirkt er alles nach seinem Plan? Ich meine, dass wir diese zwei Merkmale Gottes - allwissend und allmächtig - keinesfalls von der Liste der göttlichen Attribute streichen sollten. Weil wir sonst am Ende bei einem ganz anderen Gott als dem Gott der Bibel landen werden, fürchte ich. Dies noch als Teaser: Ich plane in zwei Folgeartikeln noch vertiefter auf die herausfordernden Fragen einzugehen, die in dieser Diskussion unweigerlich aufkommen. Nämlich das Problem des freien Willens und das Problem des Bösen. Lauter Probleme also.


Manuel Schmid wird gerne mit einer theologischen Richtung assoziiert, die sich offener Theismus nennt. Die offenen Theisten argumentieren, dass Gottes Wissen der Zukunft begrenzt ist und dass er seine Gedanken und seine Pläne aufgrund unvorhergesehener Ereignisse manchmal (oder immer wieder) neu überdenken und adaptieren muss. Nicht einmal Gott kennt also die Zukunft, weil sie noch nicht aufs Blatt geschrieben worden ist. Die Zukunft ist eine Art Summe von allen zukünftigen menschlichen Entscheidungen und Handlungen, die Gott aber nicht voraussehen kann, sowie sein Mitwirken darin. Um das Bild eines Fussballspiels zu nehmen: Gott weiss nicht im Voraus, welche Pässe wie gespielt und wie viel Tore letztendlich geschossen werden. Aber er spielt mit und kann so (vor allem weil er der allerbeste Fussballer ist) das Spiel zu seinen Gunsten mitprägen.


Oder, stellen wir uns vor, was alles passieren könnte, wenn ich heute mein rotes T-Shirt anziehen würde (meine freie Entscheidung, die Gott nicht voraussieht), anstelle meines grünen Shirts. Die Verkäuferin an der Kasse würde mich ansprechen, weil ihr die Farbe rot (und vielleicht auch der Träger des Shirts) gut gefällt. Aber dadurch verzögerte sich der ganze Einkaufsprozess und Herr Müller hinter mir verpasste daraufhin seinen Bus und müsste ein Taxi nehmen, um noch zur rechten Zeit am Flughafen zu sein. Weil er dem Fahrer einschärfte mehr Tempo zu geben, verursachte dieser einen Auffahrunfall, woraufhin der Rückspiegel des vorderen Autos wegflöge, auf dem Dach des nächsten Hauses landete und dort einen Spatz träfe und dieser tot zu Boden fiele). Und das alles nur, weil ich mein rotes und nicht mein grünes T-Shirt angezogen habe. Wer hätte das voraussehen können? Für einen offenen Theisten lautet die richtige Antwort: Keiner! Die Antwort, die uns die Bibel gibt lautet aber:

Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. (Matthäus 10,29)

Mein Hauptproblem mit dem offenen Theismus ist, dass er meines Erachtens dem Bild von Gott widerspricht, das die Bibel zeichnet. Also wollen wir als erstes eine Streiftour durch die Bibel unternehmen. Als zweiten Schritt nehmen wir uns die 'Problemstellen' vor (denn diese gibt es immer, egal welche Position man vertritt), also Passagen in der Bibel, die vermeintlich eher für ein offenes Bild von Gott sprechen.




Gott weiss alles - Gott kann alles! [1]

Starten wir unsere Tour mit einem Fokus auf die sogenannt 'natürlichen Abläufe' in der Welt. Wir wissen selbstverständlich, dass der Grund des Wachstums einer Pflanze mit dem Saatgut, dem Boden und einer gesunden Mischung aus Regen und Sonne zu tun hat. Wenn all das zusammenspielt kann die Pflanze gedeihen. Die Bibel verrät uns, dass Gott in solch natürlichen Prozessen seine Hände mit im Spiel hat: 'Das Getreide lässt du gut gedeihen, weil du das Land entsprechend vorbereitest: Du wässerst die Furchen des Ackers und lockerst seine Schollen. Durch Regen machst du den Boden weich und segnest sein Gewächs.' (Psalm 65,10-11) All diese natürlichen Prozesse unterstehen Gott, dem Schöpfer und Herrscher über den Kosmos:

Alles, was dem HERRN gefällt, das vollbringt er, im Himmel oder auf der Erde, im Meer oder in den tiefsten Tiefen. Er führt Wolken herauf vom Ende der Erde, Blitze lässt er dem Regen folgen, er holt den Wind hervor aus seinen Vorratskammern. (Psalm 135,5-7)

Gott kontrolliert die scheinbar kleinsten Details in der Natur, wie wann ein Spatz (der ja im Vergleich zum Menschen nicht so wichtig ist) tot zur Erde fällt (Mt 10,29). Er sitzt auch am Regiepult wenn es dramatischer zu und her geht, wie bei Blitz und Sturm. Wieviel mehr wird Gott sich um die Menschen kümmern und dafür sorgen, dass sie nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert sind?


Gott reguliert auch die Menschheitsgeschichte: 'Schließlich ist er es, der allen das Leben gibt und was zum Leben notwendig ist. Aus dem einen Menschen, den er geschaffen hat, ließ er die ganze Menschheit hervorgehen, damit sie die Erde bevölkert. Er hat auch bestimmt, wie lange jedes Volk bestehen und in welchen Grenzen es leben soll.' (Apg 17,25-26) Und wenn jemand (durch einen Unfall) stirbt, dann nur weil Gott es so bestimmt hat (Exodus 21,12-13). Also nicht nur Spatzen, sondern auch Menschen.


Es wird noch eine Spur krasser: Gott führt menschliche Entscheidungen herbei, sogar wenn diese sündig sein sollten! [2] Ein erstaunliches Beispiel dafür finden wir bei Josef, der von seinen zornigen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, sicher nicht als Akt der Bruderliebe. Doch so sieht es Josef zu einem späteren Zeitpunkt: 'Nicht ihr habt mich hierhergeschickt, sondern Gott!' (Gen 45,8) Im ähnlichen Stil bei Samson: Als dieser sich entgegen Gottes Gesetz für eine anmutige Philisterin (anstatt einer Israelitin) entschied, wussten seine Eltern nicht, 'dass dies vom Herrn war' oder 'dass Gott dabei seine Hand im Spiel hatte'. (Richter 14,4) Das Paradebeispiel im Neuen Testament ist wohl Judas, der Jesus verraten hatte, weil dies der Weg war, den Gott für den Menschensohn bestimmt hatte. (Lk 22,22) Oder lesen wir diese Stelle:

Was dann geschah, wusste Gott schon lange im Voraus; er selbst hatte es so geplant: Jesus wurde verraten und an euch ausgeliefert, und ihr habt ihn durch Menschen, die nichts vom Gesetz Gottes wissen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. (Apg 2,23)

Es ist für die Bibel überhaupt kein Problem, gleichzeitig von Gottes Plan und von einer durch menschlich freie Entscheidungen herbeigeführten (bösen) Aktion zu sprechen. [3]

Weiter kann Gott das Herz eines Pharao verhärten (Exodus 4,21; 7,3), oder auch das von weniger wichtigen Persönlichkeiten (siehe Deut 2,30; Josua 11,20). Er tut dies für seine eigenen Zwecke (Römer 9,17). Gott ist auch der Grund und die Ursache dafür, dass wir überhaupt glauben (Joh 6,37; Eph 2,4-10) und Busse tun (Apg 11,18). Gott wirkt hier sehr stark in die menschliche Autonomiezone hinein, könnte man sagen. Auf jeden Fall steht er nicht ausserhalb.


So können wir ganz generell sagen, dass Gott 'alles nach dem Ratschluss seines Willens wirkt' (Epheser 1,11) und dass alles, was er sich vornimmt auch gelingt: 'Denn der HERR der Heerscharen hat es beschlossen. Wer wird es ungültig machen? Und seine Hand ist ausgestreckt. Wer wendet sie zurück?' (Jesaja 14,27)

 

Und weil Gott alles 'kontrolliert', weiss er auch alles, bis in die ferne Zukunft. Es gehörte ja zur Prüfung eines echten Propheten, dass dieser die Zukunft richtig vorhersagen kann (Deuteronomium 18,22).

Der HERR, der König Israels, sagt zu den Göttern der Völker: »Jetzt habt ihr Gelegenheit, euch vor Gericht zu verteidigen. Legt eure Beweise vor! Zeigt eure Macht und lasst uns wissen, was sich alles ereignet. Ihr wisst doch, was in der Vergangenheit geschah. Was hat es zu bedeuten? Erklärt es uns, damit wir es verstehen können! Oder sagt uns jetzt die Zukunft voraus, damit wir sehen, ob es eintrifft. Kündigt an, was einmal geschehen wird, damit wir erkennen, dass ihr Götter seid! Sagt uns, was kommt, ganz gleich ob es etwas Gutes oder Schlimmes ist. Dann werden wir große Achtung vor euch haben. (Jesaja 41,21-23)

Diesen Test bestand der Gott Israels mühelos, sagte er die Zukunft doch bisweilen bis zu mehreren Jahrhunderten voraus (siehe z. B. Gen 9,26-27) und antizipierte menschliches Verhalten bis ins kleinste Detail (als Bsp. 1. Sam. 10,1-7).

Wir sehen also: Gott weiss alles - Gott vermag alles zu tun was er will!



Und doch sagt die Bibel ja auch, dass Gott reagiert, sich anpasst, sich verändert, oder nicht? - Ein Blick auf die Problemstellen

Wer die Bibel aufmerksam liest, dem fallen früher oder später auch solche Stellen auf, die Gott nicht nur als souverän bestimmenden, sondern auch – so scheint es zumindest – als auf bestimmte Situationen reagierenden (Fussballspieler) porträtieren. Oder wie ist es mit jenen Stellen, die aussagen, dass Gott seine Meinung plötzlich geändert und mit der neuen Situation abgeglichen hat? Beweisen solche Stellen nicht konträr zum oben skizzierten Bild, dass Gott eben doch nicht alles weiss, ja, dass er manchmal dazulernen oder abwarten muss, wie sich die Menschen entscheiden, bevor er die nächsten Schritte seines Plans einleiten kann?


Nehmen wir zum Beispiel die Abraham und Isaak Geschichte. Als Abraham gehorsam war und Isaak auf den Altar gebunden hatte, sprach Gott: «Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.» (Gen 22,12) Wusste Gott also vorher nicht, ob Abraham wirklich so konsequent und gehorsam handeln würde? Waren ihm die Motivation und die Absichten Abrahams nicht bereits offenbar, so dass er zuerst testen musste, wie Abraham sich entscheiden würde? Stellen wie diese suggerieren für den offenen Theisten gerade, dass Gott eben nicht alles weiss.

 

Ein anderes Beispiel bietet der Turmbau zu Babel. Dort wirkten die Menschen ‘unten auf der Erde’ darauf hin, einen Turm zum Himmel hin zu bauen. Wo aber war Gott? Natürlich im Himmel. Und von dort her 'fuhr er herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten.' (Genesis 11,5) Heisst das nun, dass Gott die Stadt und den Turm vorher nicht ‘gesehen’ hatte, dass es ihm nicht bekannt war, was die Menschen ‘da unten’ so trieben? Musste er zuerst herabsteigen um zu lernen, was sich hier ereignete?

 

Bibelstellen wie diese könnten uns dazu bringen, zusammen mit den offenen Theisten zu nicken und zu sagen, ‘Gott weiss nicht alles. Er muss sich die nötigen Informationen auch zuerst einmal beschaffen.’ Das Bild eines Schachspiels würde hier gut dazu passen. Gott kann zwar schon wie ein vorausschauender Schachspieler alle möglichen Züge und Gegenzüge berechnen. Aber wirklich ziehen kann er erst dann, wenn er an der Reihe ist. Und je nach dem, wie sein Schachpartner zieht, wird das Spiel unterschiedlich verlaufen. Keiner weiss es im Voraus so genau.

 

Ist die Bibel also inkongruent, was ihr Gottesverständnis anbelangt? [4]


Gott findet etwas heraus:

Häufig wenn Gott etwas ‘herausfinden’ möchte, dann handelt es sich um eine juristische Angelegenheit. Gott tritt als Richter auf die Bühne und ‘sammelt’ die Fakten, um dann sein gerechtes Urteil zu vollstrecken. Das heisst jedoch nicht, dass Gott die Fakten nicht schon vorher gekannt hätte. Wenn Gott Adam nach dem Sündenfall ‘sucht’ (wo bist du Adam?) meint das nicht, dass Gott Verstecken und Suchen mit Adam spielt. Vielmehr will er Adam für seine Sünde zur Rechenschaft ziehen. Ähnlich verhält es sich beim Turmbau zu Babel. Sicher wusste Gott, dass die Menschen einen Turm bauten. Die Wolkendecke zwischen dem Turm und Gott war ja nicht so undurchsichtig, dass sie ihm den Blick vernebelt hätte, ihm, der selbst in die Herzen der Menschen hinein sieht. Aber dann ‘kam er vom Himmel herab’ um die Menschen beim Wickel zu packen und sie zu richten. Gott wusste bereits um die Fakten. Nur die Menschen waren sich ihrer Schieflage zu wenig bewusst und mussten aufgeklärt werden. Psalm 44,21 bringt es schön auf den Punkt, wie ich finde:

Hätten wir den Namen unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu einem fremden Gott ausgestreckt, würde Gott das nicht erforschen? Denn er erkennt die Geheimnisse des Herzens.

Gott erinnert sich an etwas (das er zwischenzeitlich vergessen hat?):

Ganz ähnlich können wir die Aussagen einordnen, dass Gott sich an etwas ‘erinnert’ oder ‘vergisst’. Die Bibel will hier ausdrücken, dass Gott seine Bundesversprechen wahr macht. So sagt Gott in Exodus 6,5 zu Israel: 'Ich habe auch das Ächzen der Söhne Israel gehört, die die Ägypter zur Arbeit zwingen, und ich habe an meinen Bund gedacht.' So bekräftig Gott, dass er den Bund mit Abraham nicht vergessen hat und dass er seine Versprechen ganz sicher einlösen wird. Also, selbst wenn es aus der menschlichen Warte vielleicht so scheint als hätte Gott vergessen, ist das pure Gegenteil der Fall: Gott vergisst nicht! Und so finden wir in den Psalmen all jene Gebete, die mit Gottes vermeintlichem Vergessen ringen, damit, dass Gott eben noch nicht eingegriffen hat: 'Bis wann, HERR? Willst du für immer mich vergessen?' (Psalm 13,1) Damit verbunden ist die Hoffnung, dass Gott seine Versprechen noch einlösen wird, weil er sie nicht vergessen hat.

 

Gott lernt etwas dazu(?):

Und was tun wir mit einer solchen Aussage? 'Sie haben die Höhen des Tofet gebaut, das im Tal Ben-Hinnom ist, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nicht geboten habe und mir nie in den Sinn gekommen ist.' (Jer 7,31) War Gott überrascht, dass Menschen soweit gehen würden, dass sie ihre eigenen Kinder dem Baal opferten? Gerade nicht, denn Yahweh hatte solch abscheuliche Praktiken bereits antizipiert und in seiner Torah verboten (vgl. Lev 18,21 oder Deut 18,19). Also kam ihm solches zuvor schon in den Sinn. Ich glaube, was diese Jeremia-Stelle aussagen will ist, dass solch horrende Praktiken zu Hundertprozent gegen Gottes heiligen Standard gehen, dass er sich nie und nimmer damit identifizieren könnte. Denn Sinn steht im Hebräischen häufig für Herz und meint damit die innerste Intention einer Person, was diese Person beabsichtig und im Herzen für Pläne schmiedet. In dem Sinne würde es Gott niemals in den Sinn kommen Kinder opfern zu lassen. Er würde so etwas nie wollen, nie planen, nie implizieren.

Gott ändert seine Meinung:

Und dann gibt es da noch eine Reihe von berühmten Passagen, die davon berichten wie Gott seine Meinung 'plötzlich' ändert. So wie Genesis 6,6: 'Es reute den HERRN, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein.' Ganz ähnlich 1. Samuel 15,35: 'Es reute den HERRN, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte.' Impliziert das also, dass Gott plötzlich realisierte, dass die Menschen ihn unvorhergesehen enttäuscht haben? Dass er nicht damit gerechnet hat und nun spontan umdisponieren muss?


Eher nicht. Gottes Reue wird manchmal mit seinen Bundesverheissungen in Verbindung gebracht. So lesen wir in Jeremia 18,7-10:

Einmal rede ich über ein Volk und über ein Königreich, es ausreißen, niederreißen und zugrunde richten zu wollen. Kehrt aber jenes Volk, über das ich geredet habe, von seiner Bosheit um, lasse ich mich des Unheils gereuen, das ich ihm zu tun gedachte. Und ein anderes Mal rede ich über ein Volk und über ein Königreich, es bauen und pflanzen zu wollen. Tut es aber, was in meinen Augen böse ist, indem es auf meine Stimme nicht hört, so lasse ich mich des Guten gereuen, das ich ihm zu erweisen zugesagt habe.

Solche Worte müssen ‘konditional’ verstanden werden. Ob sie letztendlich erfüllt werden hängt davon ab, wie die Menschen auf sie reagieren. Wenn es Gott dann gereut, bringt das zum Ausdruck, dass er gemäss seines Bundesbeschlusses handelt, zum Segen oder zum Fluch. Wir könnten es so formulieren: zu Gottes Plan gehören alle Entscheidungen und Reaktionen der Menschen mit dazu. Gott plant ein, seinen zuvor kommunizierten Plan zu ändern, wenn die Menschen sich nicht an die Abmachungen halten. Das ist nicht widersprüchlich, sondern zeigt, dass Gott uns ernst nimmt und dass unsere Entscheide (vorausgeplante und sogar verheissene) Konsequenzen mit sich bringen.


Darüber hinaus könnte man auch ganz allgemein argumentieren, dass Gottes Reue ('ich bereue, dass ich Menschen geschaffen habe') simpel ein Ausdruck dafür ist, dass Gott hier die Verdorbenheit des Menschen anprangert und von Herzen verurteilt, nicht dass er davon überrascht wurde und diese Misere nicht kommen sah. Gott ist nicht kaltblütig, selbst wenn er voraussieht was kommt.

Gott lässt mit sich feilschen und passt sich an:

Anfügen könnte man hier noch alle die Momente, wo Menschen mit Gott feilschten, mit der Hoffnung bei ihm etwas herauszuholen, was entgegen seiner ursprüngliche Absicht war. Wenn es Gottes Plan war, Sodom und Gomorra zu zerstören, dann hätte er sich auf Abraham eingelassen, wenn dort wenigstens zehn gerechte Menschen gelebt hätten (Genesis 18,16-33). Ähnliches mit Mose in Exodus 32,9-14: Gott hätte im Sinn gehabt, das Volk ob ihrer Halsstarrigkeit zu vernichten, liess sich dann aber auf Mose Argumentation ein und hielt seinen Zorn zurück. Zeigen denn nicht wenigstens solche Stellen, dass Gott seinen ursprünglichen Plan über Bord wirft und sich anpasst?

 

Gott handelt in Raum und Zeit, wenn er sich in die menschliche Geschichte 'begibt'. Die Fehlannahme des offenen Theismus liegt nicht darin, dass er Gott als jemanden sieht, der in der Geschichte mit den Menschen zeitlich bedingt handelt und manchmal auf die menschliche Situation reagiert. Gott ist kein Marmorblock, kein unbewegter Beweger, der den Lauf der Dinge einst angestossen hat und jetzt aus der Distanz zuschaut, wie die Dinge sich entwickeln. Die Fehlannahme liegt darin daraus zu schliessen, dass Gott nur reagiert. Wenn Gott auf Mose oder Abraham 'reagiert' wirkt das schon fast so, als ob er sich selbst hinterfragen würde: 'Dann gehe ich eben auf Mose ein und gewähre ihm was er von mir erbittet, obwohl ich mir das anders vorgestellt hatte'. Das wäre wie wenn ich als Vater heute Nachmittag einen Ausflug geplant hätte, aber mein Programm anpasse, weil meine Kinder lieber im Garten spielen möchten.


Aber ich bin Mensch und Gott ist Gott. Gott ist sowohl transzendent und immanent - er steht über dem Weltgeschehen, in das er sich gleichzeitig 'einklinkt'. Und wenn es aus unserer Sicht so aussieht als würde Gott auf das Gebet von Mose ‘spontan’ reagieren und seinen Plan dementsprechend 'anpassen', könnte es doch auch sein, dass Gott exakt in diesem Moment, aufgrund des Gebets des Moses, bewusst so handelt, dass gerade dieses Gebet den von ihm intendierten 'Einfluss' auf die Situation haben kann? Theologisch würde man hier sagen, dass Gott von allem Anfang an mit eingeplant hatte, seinen Willen nicht nur direkt, sondern auch durch sekundäre und ‘kreatürliche Mittel’, wie eben das Gebet eines Moses (und unsere Gebete) zu verwirklichen. Der Theologe John Frame drückt diese komplexe Angelegenheit so aus:

Wir können den offenen Theisten dafür dankbar sein, dass sie gezeigt haben, wie allgegenwärtig das Thema der göttlichen Reaktionsfähigkeit in der Heiligen Schrift ist. Aber unsere Schlussfolgerung sollte trotzdem nicht darin bestehen, Gottes umfassende Souveränität und sein Vorherwissen zu leugnen. Vielmehr sollten wir ihn als noch souveräner betrachten, als wir bisher gedacht hatten: Er regiert nicht nur von einem zeitlosen transzendenten Bereich aus, sondern auch als zeitlich allgegenwärtiger Gott, der in und mit allen sich verändernden Ereignissen der Natur und Geschichte existiert und das Geben und Nehmen der Geschichte nutzt, um seinen unveränderlichen ewigen Plan zu erfüllen.

Gott hat einen festen Plan, der von uns Menschen nicht durcheinandergebracht werden kann. Doch dieser unveränderliche Plan beinhaltet geplante Veränderung in dem Sinne, dass er aus unserer Sicht nicht unbedingt linear oder Dominosteinartig verläuft.



Was macht das mit unserem Glauben, wenn Gott weder allwissend noch allmächtig ist?

Was ändert sich für unser Gottesbild, wenn wir dem offenen Theismus folgen wollen? Nicht unbedingt, so würden viele offene Theisten sagen, dass Gott mit dir und mir gar keinen Plan verfolgt. Das tut er irgendwie schon. Aber er ist dabei nicht allmächtig. Er reagiert, improvisiert und geht das Risiko ein, dass die Dinge schieflaufen könnten. Er hat schon einen Plan und ‘versucht’ diesen Plan zu verwirklichen. Er muss aber ständig damit rechnen, dass wir Menschen ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Dann muss er umdisponieren, neu justieren, mit der neuen Faktenlage zurechtkommen.


Warum wollen die offenen Theisten lieber einen solch offenen Gott? Wenn ich sie recht verstehe, wollen sie einem für sie anrüchigen theistischen Gottesbild eines allmächtigen und allwissenden Gottes, der auf eine Art und Weise hinter und über allem steht und der alles minutiös lenkt, einen Gott entgegensetzen, der das unkalkulierbare Risiko eingeht eine Welt zu erschaffen, die aus den Fugen geraten kann, einfach weil er die Beziehung mit dem Menschen riskieren möchte. Dass diese Beziehung überhaupt möglich wird, ist es ihm wert, diese Welt zu schaffen - mit der potenziellen Möglichkeit des Bösen, das durch all die menschlich freien Entscheidungen geschehen kann. Dieser Gott plant das Böse nicht minutiös in seinen Plan ein - das wäre ja durch und durch zuwider - aber er riskiert es, weil er sich erhofft, dass die Menschen sich ihm zuwenden.

 

Damit kritisieren die offenen Theisten einen Gott, den die Bibel so gar nicht beschreibt. Natürlich ist der biblische Gott souverän, allmächtig und in Bezug auf seine Schöpfung der Herr. Gott ist Autor der ganzen Story, die er schreibt (meinetwegen minutiös [5]). Aber trotz seines souveränen Wirkens als Autor findet das Drama mit 'freien' menschlichen Darstellern statt, die gute wie böse Dinge tun. Nirgendwo wird Gott in der Bibel für alle bösen menschlichen Entscheidungen verantwortlich gemacht oder behauptet, dass er das Böse aktiv wollen würde. Gott ist gut und von ihm kommt nur Gutes! Aber er lässt das Böse aus den nur ihm bekannten Gründen zu (nehmen wir Hiob als Paradebeispiel) und malt auch diese dunklen Farben in das Bild mit ein. [6]


Dabei ist Gott eben gerade allmächtig. Das bedeutet zwei Dinge: Erstens darf das Böse nicht ungestraft bleiben. Gott wird richten und Gerechtigkeit herstellen. Gerade weil er der alleinige und allmächtige Herr über die Welt ist, hat er die Möglichkeit dies am Ende zu richten. Und zweitens, in seiner Souveränität begrenzt Gott das Böse. Wenn er nicht allmächtig sondern risikobereit wäre, wie hätten wir dann die Gewissheit, dass das Böse nicht doch einmal die Überhand übernimmt und am Ende gar gewinnt? [7]


Vielleicht könnte man noch einen dritten Punkt anfügen: Gott garantiert uns, dass uns ALLES zum Besten dienen muss! Wie kann er das garantieren, wenn er nicht Herr der Lage ist? Dann könnten doch gewisse Dinge zumindest so entgegen Gottes Willen und Handeln laufen, dass sie nicht zum Besten, sondern zum Übelsten führen könnten? Ich stimme überein, dass Gott die Beziehung mit uns Menschen will und dass er dazu diese Welt als Theater für dieses Beziehungsgeschehen geschaffen hat. Doch der biblische Gott pokert nicht. Seine Liebe erreicht ihr Ziel. Ich behaupte nicht, dass das immer leicht zu begreifen ist und dass wir immer befriedigend deduzieren könnten, wie uns vielleicht etwas sehr Schmerzvolles zum Besten dienen kann.

 

Meine Befürchtung ist letztlich, dass der offene Theismus so stark an den Attributen der Allmacht und Allwissenheit Gottes herumschraubt, dass am Ende ein anderer Gott dabei herauskommt. Ein Gott, der zwar liebt, der aber in letzter Konsequenz handlungsunfähig bleibt, wenn die Umstände für ihn nicht stimmen. Wir lebten dann in einer Welt, deren Geschichte gut aber auch weniger gut enden kann. Ich weiss nicht, ob ich so einem Gott mein Leben geben möchte, weil ich nicht versichert wäre, ob er das Ding gut schaukelt. Vielleicht möchte ich so dann doch lieber selber bestimmen und das Steuer in der Hand haben? Wie hoffnungsvoll anders da Gottes Zusagen in der Bibel, wie der Heidelberger Katechismus sie zusammenfasst tönt, wenn es dort heisst, dass er mich so bewahrt,


dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel

kein Haar von meinem Haupt kann fallen

ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.





[1] In diesem Abschnitt stütze ich mich sehr stark auf diesen Artikel von John Frame.


[2] Hier taucht natürlich sofort die Frage auf, wie Gott gut sein kann, wenn er sündige menschliche Entscheidungen herbeiführt? Wir werden dieser Frage im übernächsten Artikel gebührend Aufmerksamkeit widmen.


[3] Das Problem des freien Willens wird im folgenden Blog thematisiert.


[4] Auch hier bin ich John Frame verpflichtet, der so gute Denkarbeit dazu geleistet hat. Zurück zum Text


[5] Offene Theisten unterscheiden manchmal zwischen einer generellen Souveränität Gottes – Gott ist Herr der Geschichte in ihren groben Zügen, er weiss wo er hinwill und wird am Ende auch dort angelangen - und einer spezifischen Souveränität Gottes – Gott ist Herr über jedes kleinste Detail. Die zweite Variante wird dann abgelehnt. Das Problem liegt meines Erachtens darin, dass manchmal die minutiösesten Details über kurz oder lang ganz gewaltige Veränderungen bewirken können. Dazu schaue man den Film ‘Lola rennt’, der dies schön illustriert. Mein Fazit: Wenn Gott der Herr über die grossen Bögen der Geschichte sein will, dann müssen auch die kleinsten Details stimmen.


[6] Mehr zum ‘Problem des Bösen’ wie gesagt in einem Folgeartikel, auch zur Frage, wie genau Gott hinter sündigen menschlichen Entscheidungen stehen kann, ohne selber für diese Entscheidungen verantwortlich gemacht werden zu können. Zurück zum Text


[7] Wir müssen uns bewusst sein, dass auch der offene Theismus keine befriedigende Antwort auf die Frage hat, woher das Böse kommt und warum es da ist. Sein Anliegen ist es, Gott soweit wie möglich vom Bösen wegzuhalten, indem die menschliche Freiheit (und, wenn ich es recht verstehe, die Potenzialität zum Bösen in der Schöpfung) auf die gleiche Ebene wie Gott gestellt werden. Gott stünde also nicht über den menschlichen Entscheidungen und auch nicht über dem Bösen, sondern eher daneben und er agierte und reagierte dann fast genauso wie wir: überrascht, überrannt, enttäuscht usw.

 

 

 


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