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  • matt studer

Transformative Ethik von Faix und Dietz: Moderne Zeit, altes Buch, transformierte Welt

Aktualisiert: 16. Aug. 2023


Lass die Realität eine Realität sein. Lass die Dinge auf natürliche Weise vorwärts fließen, wie sie wollen.

(Lao Tzu)


Christliche Ethik verkündigt nicht einfach einen zeitlosen Gotteswillen.

(Faix und Dietz)



Unsere spätmoderne Welt ist nicht mehr das, was sie früher einmal war. Und das meine ich nicht nostalgisch. Vieles wandelt sich und verändert sich immer rasanter. Neue Herausforderungen, auch ethische Herausforderungen, kommen auf uns zu, sind schon da. Wie spricht die Bibel zu all dem? Spricht sie noch? Direkt oder indirekt? Was fordert der gegenwärtige Moment von uns?


Tobias Faix und Thorsten Dietz haben sich vorgenommen, sich den ethischen Anfragen unserer Zeit nicht zu verschliessen. Mit ihrem Buch Transformative Ethik wollen sie eine ethische Grundsatzdiskussion anregen und Leitplanken für eine 'Ethik zum Selberdenken' mitgeben. Ethik ist für sie nicht einfach ein tiefgefrorenes Fertigmenü von gestern, das man schnell mal in der Mikrowelle aufwärmen kann. Christliche Ethik bedingt, dass wir mit den gegenwärtigen Realitäten und mit der Bibel ringen und so nach (neuen) Wegen suchen, wie Bibel und Situation heute zusammenkommen können.


Mein Ziel in diesem Beitrag ist es, ein paar der Grundimpulse des dietzschen-faixschen Projekts aufzunehmen und mindmattisch-kritisch zu reflektieren.



Karte und Gebiet: Was, wenn die alten Landkarten das veränderte Gebiet nicht mehr ganz erfassen?

Faix und Dietz bedienen die Metapher der Landkarte, um die Rolle der Bibel in ethischen Fragestellungen zu beschreiben. Eine Karte gibt uns Orientierung, zeigt mögliche Wege auf und hilft uns, den Überblick über das Gebiet zu behalten. Was aber, wenn sich das Gelände so stark verändert hat, wenn das Flussbett umgelenkt wurde, aber die alten Brücken immer noch da stehen, wo jetzt gar kein Fluss mehr fliesst? Oder wenn sich die Topografie verschoben hat, Hügel am einen Ort abgetragen und am anderen Ort wieder aufgeschüttet worden sind? Dann wird eine alte Landkarte der neuen Realität nur noch teilweise gerecht. Und manchmal funktioniert sie gar nicht mehr. Die Landkarte 'Bibel' wird aber deshalb für die Autoren nicht einfach obsolet: 'Für uns ist sie das zentrale und vertrauenswürdige Buch unserer Lebensreise.' Trotzdem:

Manche Wege aus dem Wanderatlas Bibel [findet man] in der eigenen Wirklichkeit [nicht mehr], während sich gleichzeitig neue Wege und Möglichkeiten auftun, die wiederum in der Bibel nicht zu finden sind. (S. 24) [1]

Fragt sich, wie zentral und vertrauenswürdig die Bibel trotz allem bleiben kann. Auf jeden Fall tut sich hier eine gewisse Spannung auf zwischen Bibel und Situation, zwischen Karte und Gebiet.


Wenn Dietz und Faix uns etwas zeigen wollen, dann dass sich das Gelände im Verlauf der letzten Jahrhunderte massiv verändert hat. Eine Christliche Ethik von heute müsse sich gewahr werden, dass sie in einem Gebiet unterwegs ist, in dem die alten Karten nicht zwingend (und sicher nicht in den Details) mehr taugen. Die Autoren stellen aber gerade bei den Evangelikalen eine Art Wandlungsresistenz - ein starres Festhalten am alten Kartenmaterial - fest. Klassisch Evangelikale würden oft an 'ewigen Prinzipien' festhalten, die sie aus der Bibel deduzieren und dabei übersehen, dass die Dinge sich bewegen. Oder sie würden für heutige Probleme einfach in der Bibel nach der passenden Textstelle suchen, ohne zu sehen, dass die Kontexte damals und heute grundverschieden sind.

In der evangelikalen Debatte zum Verhältnis von Ethik und Bibel dominiert ein schwaches Verständnis von kulturellem Wandel. Das Wesen des Menschen und die grundlegenden Ordnungen der Schöpfung gelten als konstant über die Jahrtausende hinweg. (Seite 143)

Oder hier:

Die Hoffnung, jeder einzelne biblische Text lasse sich mindestens auf der Ebene seiner impliziten Grundprinzipien für heute gebrauchen, setzt ein Verständnis von kulturellem Wandel voraus, der punktuell und peripher bleibt für das grundsätzliche Verständnis ethischer Orientierung. (S. 155)

Die Autoren unterscheiden zwischen einem 'starken und einem schwachen Verständnis von kulturellem Wandel.' Bei einem schwachem Verständnis gehe man davon aus, dass die Rahmenbedingungen einer Kultur grosso modo konstant bleiben, wie Fixsterne am Firmament. Ja, dass es 'überzeitliche Konstanzen' gäbe, die 'über Jahrtausende hinweg Orientierung ermöglichen.' Auch wenn es innerhalb dieses Rahmens zum Teil vielleicht sogar grössere Veränderungen geben mag, blieben diese Grundsätze immer bestehen. Bei einem starken Verständnis von kulturellem Wandel dagegen kann es vorkommen, 'dass Einzelheiten unverändert erscheinen, es aber nicht sind, weil der gesamte Rahmen sich verändert hat.' (S. 156) Für Dietz und Faix ist diesbezüglich klar:

Unser Ansatz einer transformativen Ethik geht von einem starken Verständnis kulturellen Wandels aus. (Seite 156)

Wie dürfen wir das noch konkreter verstehen? Man versetze sich in die Zeit eines Platon oder Aristoteles und führe sich deren Grundverständnis der gesellschaftlichen, antiken Ordnung vor Augen. Damals schien es ganz natürlich und völlig intuitiv, dass Frauen und Sklaven zu einer zweiten Klasse von Menschen gehörten, minderwertiger als die Männer. Wenn Plato oder Aristoteles also von Freiheit und Gleichheit redeten (und solche Dinge waren Thema), waren die Frauen nicht Teil der Gleichung. Freiheit und Gleichheit sollte den Männern zustehen und dafür liess sich kämpfen. Die anderen aber sollten bitte an ihrem gesellschaftlich zugewiesenen Platz bleiben. Wenn wir dieses antike Setting auf heute übertragen merken wir, dass unsere moderne Diskussion der Gleichberechtigung ganz andere Rahmenbedingung kennt. Eigentlich lassen sich diese beiden kulturellen Momente gar nicht wirklich vergleichen. Wir können gewiss etwas von Aristoteles oder Platon lernen, aber wir können ihre Prinzipien nicht einfach übernehmen. Vielmehr wird klar, dass wir 'gerade auf prinzipieller Ebene grundsätzlich anders denken.' (S. 154)


Übertragen auf die Ethik der Bibel bedeutet dies, dass wir nicht einfach davon ausgehen können, dass wir heute mit den gleichen Rahmenbedingungen operieren wie die Apostel damals. Zeigt uns nicht ein Blick in die Geschichte viel mehr, dass sich der Rahmen selbst verändert hat? Für Faix und Dietz ist klar, dass die 'biblische Welt' nur noch recht indirekt mit unserer heutigen Welt zu tun hat. Biblische Ethik ist ihrerseits 'kontextuell'. Und es ist nicht einfach gegeben, dass der damalige und der heutige Kontext derart verschmelzen können, dass wir die biblische Ethik (besser, die biblischen Ethiken im Plural gemäss Faix und Dietz) in unsere Zeit hinüberretten könnten.


Entgegen des schwachen Verständnis' von Wandel, dass eine Kontinuität über die Zeiten voraussetzt, scheint Wandel, oder Transformation wie Dietz und Faix es nennen, gerade selbst zu einem ethischen Kriterium zu werden.

Transformation ist die Grundlage der ethischen Wahrnehmung, wie sie die Basis jeder Handlung und des christlichen Charakters ist. (Seite 77).

Wenn ich das recht verstehe, heisst das, dass unsere (biblische) Ethik mit dem Wandel der Zeit mitgehen muss, wenn sie irgendein Fünkchen Relevanz bewahren will. Entgegen klassisch-evangelikalen Versuchen, die eben versuchen 'mit der Bibel' auf die Zeit (oder manchmal auch gegen die Zeit) zu reagieren, ist es hier die transformierte Realität des Heute, die den ethischen Takt angibt, wobei die Bibel als traditionsreiche Melodie nur noch hier und da im polyphonen Stimmengesang mitsingen darf. So ähnlich wie wir sagen, dass die Jungen heute ihren eigenen Weg in der Welt finden müssen und ihre Grosseltern im besten Fall ein paar alte Lebensweisheiten einstreuen dürfen, die von den Jungen dann selbst in ihre transformierte Lebensrealität integriert werden, oder auch nicht. 'Meine Grossmutter mag zwar ein paar gute Dinge zu sagen haben, aber sie kann meine Herausforderungen in der modernen Welt nicht wirklich nachvollziehen. Was für sie gestern galt und funktionierte, funktioniert heute für mich vielleicht nicht mehr.'



Neue Welt, sich weiterentwickelnde Norm? - Eine transformative Ethik entwickelt sich meistens vorwärts, auch wenn sie manchmal rückwärts schaut

Ich fasse unsere Diskussion bis hierhin nochmals kurz zusammen: Dietz und Faix wollen einerseits an der Bibel als Quelle ethischer Orientierung festhalten. Denn:

Von Anbeginn der Christenheit an wird die Bibel als massgebliche Autorität in ethischen Fragen in Anspruch genommen. (S. 184)

Sie kritisieren gar jene, die die 'Selbstverständlichkeiten der jeweiligen Gegenwart ... allzu unkritisch' rezipieren. (S. 257) Gleichzeitig sehen sie die Bibel eben nicht als eine 'zeitlose Landkarte'. 'Die Welt hat sich auch in den letzten 2000 Jahren weitergedreht.' (S. 190). Es fragt sich also, wie die Bibel ihren Status als ethische Autorität über Zeit behalten kann?


Die Bibel sei insofern wichtig, weil sie uns aufzeige, wie Gott zu unterschiedlichen Zeiten gesprochen und gehandelt hat, meinen Dietz und Faix. Sie könne dadurch zu einer Quelle der Inspiration für uns und unsere eigenen ethischen Herausforderungen werden. Dabei sei es entscheidend zu sehen, dass Ethik in der Bibel selbst nichts Fixes, sondern in Bewegung ist. Die Bibel kenne nicht (nur) absolute und universale ethische Prinzipien. Wir müssen die jeweilige Situation beachten, in der ethische Entscheidungen formuliert oder angewandt wurden. Nun ist diese Erkenntnis alles andere als kontrovers und beschäftigt uns klassisch Evangelikale gleichermassen (siehe dazu einen meiner letzten Beiträge zum Thema 'Entwicklungen in der Bibel', wobei wir wahrscheinlich auf unterschiedliche Lösungen kommen, was genau in der Bibel in Bewegung ist und wie viel sich insgesamt bewegt).


Moral oder Ethik ist für Faix und Dietz in der Bibel also meistens nicht etwas konkret in Stein Gemeisseltes, auch wenn sich dann doch solch übergeordnete Kriterien wie Nächstenliebe, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit finden lassen. Wenn man dann in die Geschichte der Kirche schaue, sehe mann, dass sich die christliche Ethik auch über die Bibel hinaus weiterentwickle. Sie muss es letztlich, weil die Bibel nicht dazu in der Lage sei, 'die heutige Wirklichkeit' zu erklären. Das Beispiel, das Faix und Dietz bringen, ist wenig überraschend die 'Realität' der transidenten Menschen:

Die Realität von transidenten und intersexuellen Menschen ist nicht davon abhängig, ob sie schon in den biblischen Texten bzw. ihrem Umfeld beschrieben wurden. Die Bibel kann nicht dazu gebraucht werden, die heutige Wirklichkeit festlegen zu wollen. Angesichts der Realität gilt es, nach biblischen Deutungs- und Bewertungsmaßstäben zu fragen. Aber man kann nicht aus der Bibel ableiten wollen, wie die Realität beschaffen ist. (S. 266)

Hier wird sichtbar, wie sich Dietz' und Faix' transformatorisches Verständnis auswirkt. Der moderne Kontext hat sich so stark gewandelt, dass er nicht länger innerhalb des biblisch vorgegebenen Rahmens bedacht werden kann. Um der heutigen Wirklichkeit gerecht zu werden, bräuchten wir vielmehr 'natur- sowie sozialwissenschaftliche Evidenzen'. Solche modernen Erkenntnisse dürften wir nicht den biblischen Kriterien nachordnen, weil 'eine solche Nachordnung dem Wesen von Ethik nicht gerecht' würde (S. 266) Ja, in Bezug auf die andauernde Debatte zur Homosexualität und wie die Kirchen heute damit umgehen sollen, meinen Faix und Dietz schlicht:

Es wäre ein völliges Missverständnis der Ethik, die Lösung ethischer Fragen von der Exegese zu erwarten.

Wozu dann aber die Bibel, die ja gemäss Selbstaussage der Autoren nach wie vor eine relevante Rolle spielen soll? Aus ihr werden die 'übergeordneten Prinzipien' wie Liebe, Freiheit oder Gerechtigkeit abgeleitet und in unseren Kontext übertragen. Doch werden auch diese biblischen Prinzipien 'im Horizont der moderne Ethik' (sprich durch die Linse der Aufklärung und der darauffolgenden humanistischen Entwicklung der Freiheit und Autonomie des einzelnen Individuums) gelesen und angepasst. (S. 267). Insofern hallt die Bibel zwar über die Entwicklung der Zeiten bis ins Heute nach, hat sie doch unsere Kultur mitgeprägt, wovon wir bis heute zehren. Und darum kann sie nach wie vor als Inspiration dienen. Inspiration ist aber nicht dasselbe wie Autorität. Wenn ich Dietz und Faix richtig lese, verliert die Bibel ihren Status als norma normans (normierende Norm) in ethischen Fragen. Als 'massgebliche Autorität' würde ich sie im faix-dietzschen Entwurf jedenfalls nicht bezeichnen.


Transformative und evangelikale Ethik - ein Vergleich

Wir sollten jetzt einmal innehalten und uns fragen, in welchem Bezug der Ansatz von Faix und Dietz zu einem klassisch-evangelikalen Ansatz steht.


Evangelikale Ethik kann manchmal die Tendenz haben, einzelne abstrakte und allgemein gültige Prinzipien aus der Bibel herauszuschälen (Walter Kaiser wäre ein Beispiel). Dabei wird der historisch-situative Kontext manchmal zu wenig berücksichtig. Das wiederum heisst nicht, dass sich keine allgemeinen Prinzipien aus dem biblischen Material ableiten liessen. Faix und Dietz selbst finden ja solche 'übergeordneten Prinzipien'. Es fällt bspw. nicht allzu schwer sich vorzustellen, dass ein generelles Prinzip hinter dem sogenannten 'Bruderkuss' (z. B. Römer 16,6) lauten könnte, unsere Glaubensgeschwister herzlich und in einem kulturell angemessenen Sinn 'körperbetont' zu begrüssen (wie dies oftmals durch eine Umarmung geschieht), um unserer besonderen Verbundenheit in der Familie Gottes Ausdruck zu geben.


Die Stossrichtung einer evangelikalen Ethik bewegt sich klar vom biblischen Horizont her in die heutige Situation - und dies selbst, wenn die ethische Reflexion vom 'Problem' von heute ausgeht. Wir gehen davon aus, dass uns die Bibel in ihrer ganzen Fülle genug fürs Heute zu sagen hat (direkt oder indirekt) und dass sie uns gleichzeitig all das Essenzielle mitgibt, das wir von Gott wissen müssen, auch wenn wir vor ethischen Dilemmas stehen, die die Bibel so noch gar nicht kannte (vgl. 2. Tim 3,16). [2] Der Westminster Katechismus im Kapitel 1 zur Bibel fasst diese Haltung schön in Worte (Hervorhebung von mir):

Der gesamte Ratschluss Gottes, der alle Dinge betrifft, die zu seiner eigenen Ehre, der Erlösung, dem Glauben und dem Leben des Menschen notwendig sind, ist entweder ausdrücklich in der Schrift niedergelegt oder kann... aus der Schrift abgeleitet werden; wozu zu keiner Zeit etwas hinzugefügt werden soll, sei es durch neue Offenbarungen des Geistes oder durch menschliche Traditionen.

Der springende Punkt ist hier, dass es sich bei der Bibel um Gottes eigenen Ratschluss handelt, entgegen 'den menschlichen Traditionen', oder 'neuen Offenbarungen', die da kommen mögen. Im Hintergrund dieser Denke liegt die Überzeugung, dass wir die zwei Bücher Gottes (gemäss Calvin), die Bibel und die Schöpfung, unterschiedlich gewichten müssen. Ja, wir können von all dem, was diese Welt an Reichtum hervorbringt so manch Gutes entnehmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir von den Erkenntnissen der Soziologie oder Naturwissenschaft lernen können. Gleichzeitig war stets gegeben, dass das 'Buch der Schöpfung', ja dass jegliche 'menschliche Erkenntnis' der Bibel untertan ist und dass die Bibel solche Erkenntnis auch korrigieren kann, wenn es sein muss. [3] Bei Faix und Dietz geht es aber genau in die umgekehrte Richtung: Die Bibel ordnet sich den modernen Erkenntnissen der Sozialwissenschaften nach (siehe oben). Ulrich Parzany gibt in seiner Buchkritik richtigerweise zu bedenken:

Schließlich hat sich beim Lesen dieses Buches bei mir die Sicht bestätigt, dass die Soziologie inzwischen die Theologie beherrscht. Wir haben seit Jahrzehnten viel durch soziologische Forschungen auch für unseren Dienst als Christen gelernt. Ist der Eindruck falsch, dass die Soziologie aber längst keine Hilfswissenschaft mehr ist, sondern dass sie die theologische Arbeit durch Vorgaben bevormundet, und zwar viel stärker als das Studium und die Auslegung der Bibel?

Auch mich beschlich bei der Lektüre das Gefühl, dass es bei Faix und Dietz die moderne Situation ist, die normierend wirkt, im schlechten Fall eben gegen die Bibel, die - in ihrem historischen Kontext verhaftet - nicht wirklich mehr in unseren Moment hineinzusprechen vermag. Dabei stimme ich mit Faix und Dietz im wesentlichen überein, dass die Bibel gewissen Meta-Prinzipien eine prioritäre Stellung einräumt und dass es in der Bibel um mehr als um Einzelgebote geht. Die Frage 'Welches ist das höchste Gebot?' in Mt. 22,36 macht dies deutlich, um nur ein Beispiel zu nennen. Jesu Antwort lautete kurz: Gott zu lieben! Aber Gott lieben meint ja dann gleichzeitig, seine Gebote zu halten (Joh. 14,21), was dann wiederum sehr konkret werden kann (wie, dass ich nicht stehlen oder die Ehe brechen soll!). Wie ich finde, eröffnen Faix und Dietz uns wertvolle Einblicke (u. a. aus der Bibel) über die Meta-Werte 'Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe'. Trotzdem drückt auch hier immer wieder eine modernisierte Lesart durch. Thomas Jeising meint:

Wenn selbst die Grundprinzipien „Liebe, Freiheit oder Gerechtigkeit“ nicht mehr von biblischen Bestimmungen gefüllt sind, sondern z.B. der Freiheitsbegriff moderner gesellschaftlicher Debatten Maßstab ist, dann ist die Bibel tatsächlich keine Quelle ethischer Orientierung mehr.

Dabei gäbe die Bibel reichlich genug her, um beispielsweise den Begriff und das Konzept der 'Gerechtigkeit' holistisch zu füllen (um es genau zu nehmen, kann uns eigentlich nur die Bibel zu einer ganzheitlichen Sicht von Gerechtigkeit verhelfen, weil sie allein Gottes Meinung in der nötigen Fülle dazu kundtut). [4] Und ist es nicht zudem so, dass, wenn der Kontext regiert, vor allem die 'biblischen' Prinzipien bedacht werden, die gerade in diesen Kontext passen?


Doch wo bleibt bei den Evangelikalen die Sensibilität für die gegenwärtige Situation? John Frame stellt klar, dass wir unsere Situation(en) 'brauchen'. Ohne Kontext könnten wir die Bibel ja gar nicht 'in eine Situation' sprechen lassen, so banal dies tönt. [5] Selbst das simple Gebot 'Du sollst nicht stehlen' braucht einen Kontext: Was gilt als Diebstahl und was vielleicht nicht (was heisst Klauen im Internet)? Und, auch wir selbst sind Teil 'unserer Situation': Unsere Persönlichkeit und kulturelle Prägung und vieles mehr bedingen, wie wir die Realität wahrnehmen. Und weil jede Situation und jeder Mensch verschieden sind, kann die Anwendung des göttlichen Gebots nie hundertprozentig identisch sein. Doch dürfen wir dabei folgendes nicht ausser Acht lassen: Auch Gott und sein offenbartes Wort sind Teil unserer Situation. Denn Gott tut uns seine normativen Ansprüche auf eine Art und Weise kund, so dass wir ihm letztlich nicht ausweichen können.

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Sagen wir es mal so: bei einer ethischen Entscheidung spielen fast unzählige situative Faktoren mit rein. Die Autoren erläutern dies am Beispiel eines Kleidungsdiebstahls. Ob jemand zu einem solchen Diebstahl 'versucht wird' oder nicht, hängt an solchen Dingen wie seiner Erziehung, seiner wirtschaftlichen Situation, dem Einfluss von Freunden, seiner moralischen Grundhaltung oder seinem persönlichen Glauben, nicht zu reden von der Kraft der Sünde, die diesen Cocktail nehmen und damit in ihrem Sinne zum Schlechten wirken kann (und soweit ich wahrgenommen habe, reden Faix und Dietz tatsächlich nicht von Sünde!). Thomas Jeising stellt fest, dass letztlich all diese genannten Faktoren dazu beitragen, ob 'ein Diebstahl vielleicht eine Versuchung darstellt oder völlig außerhalb des persönlichen Horizontes liegt.' Aber ändert diese Feststellung etwas 'am grundlegenden Wert der Achtung des fremden Eigentums und dem Verbot des Diebstahls', wie es die Bibel beschreibt und auch fordert? Das Verbot 'Du sollst nicht stehlen!' (und der Dekalog als ganze Verbotssammlung) galt den allermeisten Christen doch stets als konkrete und allgemein verbindliche Norm für das christliche Leben. Situation und Norm schliessen sich nicht gegenseitig aus.


Aber genau das wollen Faix und Dietz vermeiden: Dass irgendjemand vorgäbe, was eine für alle verbindliche ethische Norm zu sein hat. Jeising meint: Eine 'transformative Ethik will keine Gebote, Weisungen oder Werte als Offenbarung Gottes aktuell anwenden, sondern nur „Reflexion“ über moralische Werte bieten.' Wenn sie zu normierend auftreten würde, würde gemäss Dietz und Faix der 'ethische Diskurs durch autoritative Versuche der Selbstdurchsetzung beendet.' (Seite 84) Die Autoren ziehen darum folgendes Fazit:

Defizitär ist jede christliche Kultur, in der Freiheit im Sinne der Eigenverantwortung und der Selbstbestimmung in moralischen Fragen keinen nennenswerten Raum findet. (Seite 312)

Es ist eben eine 'Ethik zum Selberdenken', klar. Die biblischen Texte sollen uns 'zu eigener ethischer Urteilsfindung inspirieren.' Nicht in dem sie uns sagen, was wir tun oder lassen sollen, sondern indem sie inspirierende Einblicke geben, 'worauf man achten muss, um den richtigen Weg zu finden.' (S. 110). Das Problem bei dieser Auffassung ist, dass Gott selbst auch eine Meinung hat und sich in unser Selbstgespräch einklinken möchte. Ulrich Parzany fragt zur Recht: 'Wird in den Zehn Geboten kein Absolutheitsanspruch erhoben?'


Ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen wenn man, auf missbräuchliche Formen von Ethik-Überstülpungen reagierend, die Verantwortung des Individuums betont. Doch gehen Faix und Dietz mehr als einen Schritt weiter, wie Jeising richtig bemerkt: 'Es scheint so zu sein, dass „Selberdenken“ bei Dietz/Faix nur dann vorliegt, wenn der Mensch sich selber erfindet.' Diese Subjektiviertheit von Ethik hat aber durchaus noch einen anderen Grund. Denn auch wenn die Auslegung der Bibel laut Faix und Dietz 'für jede christliche Ethik ... eine Schlüsselaufgabe' ist, gibt es am Ende des Tages nicht DIE eine Auslegung.

Das eigene Verständnis der biblischen Botschaft ist Grundlage für jede Teilnahme am öffentlichen Diskurs. Dass dabei sowohl die innerchristliche wie die öffentliche Gesprächslage grundlegend und irreduzibel plural ist, ist selbstverständlich. Mit dieser Pluralität leben zu lernen und das gemeinsame Leben in Verschiedenheit kommunikativ zu gestalten, ist eine Herausforderung, der sich angesichts der heutigen Lage der Menschheit niemand mit guten ethischen Gründen entziehen kann. (S. 73, Hervorhebung von mir)

Wenn es Ethik nur im Plural gibt, kann sie auch nicht verbindlich gemacht werden, so viel ist klar. Wenn wir nicht mehr sagen können, was die Bibel zu einem Thema sagt, bleibt es dem einzelnen Individuum oder der Auslegungsgruppe vorbehalten zu definieren, was die Bibel mir oder uns gerade für diesen speziellen Moment sagt. Es fehlt hier der Platz, um diese Diskussion weiter zu vertiefen. Natürlich ist nicht alles und jedes Gebot oder jede Situation in der Bibel gleichermassen eindeutig. Und dennoch waren gewisse Dinge für die Kirche, jedenfalls vor der postmodernen Vernebelung der Wahrheit, offensichtlich klar gegeben. Diese ethische Gewissheit hat sich heute verflüchtigt. Was am Ende bleibt ist der Mensch, mit SEINER Bibel und vor allem in seiner SITUATION.


Evangelikale täten besser daran, auf Kevin Vanhoozer's Vorschlag zu hören, der die Bibel als normatives Skript des Christen sieht. Ja, wir müssen improvisieren. Die Bibel ist keine exakte Schritt-für-Schritt-Anleitung für unser modernes Leben. Vielmehr beliefert sie uns mit dem nötigen Material (Stories, Gleichnisse, prophetische Texte, Gesetzestexte uvm.), um unsere Rolle im Drama Gottes heute gemäss diesem Skript kongruent zu 'performen'. Der Unterschied zu Faix und Dietz? Der Christ taucht hier immer wieder ein in die Welt der Bibel, lässt sich von ihr prägen, ja transformieren und gestaltet sein Leben im Heute 'von diesem Ort her'. Wir brauchen diesen fünften 'kanonischen Sinn', [6] wie Vanhoozer es nennt. Ein immer tieferes geprägt Sein von den göttlichen Gedanken und Wegen, die er uns durch den biblischen Kanon offenbart, damit wir intuitiv so zu denken und zu handeln beginnen, wie es diesem Skript und unserem Gott entspricht. Christoph Raedel und Bernd Wannewetsch bringen dies in ihrer Buchkritik schön zum Ausdruck, indem sie die Metaphorik der Landkarte von Dietz und Faix auf den Kopf stellen:

Die Schrift nicht als Landkarte, sondern eigene Topografie, die es im Leben auszuschreiten und zu explorieren gilt. Im Hebräischen Verständnis wird die Torah nicht nur als Orientierung auf dem Weg, sondern selbst als „Weg“ verstanden: als eine Art heilsamer Korridor, in dem es gilt, sich bewegen zu lernen, und von dem es gilt, nicht abzuirren.


Am Ende Transformation

Ich gebe Dietz und Faix recht. Evangelikale (und ich schliesse mich darin ein) haben wohl ein schwaches Verständnis von kulturellem Wandel, auf jeden Fall zu schwach im Sinne einer transformativen Ethik. Nicht, dass wir wie die Amischen die Zeit einfrieren wollen, in der Hoffnung, dass die neuen Fragen immer im copy paste - Stil durch die alten Antworten gelöst werden können. Man müsste schon eigentlich blind sein um zu übersehen, dass der Shift von einem christlichen zu einem säkularen Europa massive, nicht nur aber auch ethische Auswirkungen hat. Dieser Shift betrifft nicht unbedeutende Randfragen, sondern den Rahmen unserer Kultur an sich.


Und dann stimme ich mit Faix und Dietz auch wieder nicht überein. Denn so gross diese Wellenbewegungen auch sein mögen, der Gott dieser Welt bleibt derselbe. Und so auch der Mensch, geschaffen im Ebenbild Gottes. Transformation hat zu allen Zeiten dasselbe Ziel: Dass wir [die wir zu Gott gehören] in unserem ganzes Wesen so umgestaltet werden, dass wir seinem Sohn gleich sind. (Röm 8,29b) Die kulturellen Vorzeichen mögen anders sein, das Ziel bleibt universell das Gleiche. Egal in welcher Zeit und Kultur wir leben, Gott ruft uns zur Nachfolge auf. Und Nachfolge bringt immer mit sich, der 'Welt' zu entfliehen. Maßstab für ethische Transformation sind darum nicht irgendwelche gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese können gute Elemente beinhalten oder auch nicht. Der Maßstab ist der biblische Kanon, der den ethischen Sauerstoffgehalt des Christen bildet.


Zudem sind alle menschlichen Kulturen im Rahmen der Schöpfung Gottes eingebettet. Gott schuf diese Welt und er erlöst sie. Die Stossrichtung der Transformation bewegt sich von Schöpfung zu Neuschöpfung. Wir sehen dabei Kontinuität und Diskontinuität. Eine Gesellschaft mag sich zwar krass wandeln, so dass wir das Gefühl haben, wir lebten in einer anderen Welt. In Realität ist es aber immer noch die von Gott geschaffene Welt, die ihm gehört und die er zu ihrem von ihm bestimmten Ziel führen wird.



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[1] Die Seitenzahlen entnehme ich der Kindle-Version.


[2] Dazu bräuchten wir pro Thema mindestens einen Beitrag.


[3] Man nennt Schöpfungserkenntnis vis-a-vis der göttlichen Offenbarung auch generelle vs. spezielle Offenbarung.


[4] Siehe dazu bspw. Timothy Keller's Generous Justice.


[5] Frame beschreibt es so: 'In general, a Christian ethical decision is the application of God's revelation (normative) to a problem (situational) by a person (existential).' (S. 131) Oder: 'What does God's Word tell me to do? To answer that question ... we will need to understand the situation about which the question is asked and the person who is asking it.' (S. 132) Siehe sein Buch The Doctrine of the Christian Life.


[6] Das Wortspiel, das Vanhoozer hier braucht, kommt nur im Englischen zur Geltung: Wir brauchen keinen 'common sense', sondern 'canon-sense'.





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