• matt studer

Starb Jesus wegen mir? Die Bedeutung des Kreuzes bis in die Gegenwart

Aktualisiert: 14. März


Wir haben in den beiden vorangegangen Beiträgen im Dialog mit wichtigen Theologen der Kirchengeschichte erfahren, wie die Bedeutung des Kreuzes über weite Strecken verstanden wurde. Mindestens bis nach der Reformation entsprach es dem christlichen Mainstream, den Tod Jesu immer auch als Stellvertretungstod zu verstehen. In der Zeit nach der Reformation aber, nicht zuletzt aufgrund der gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, wurde die Person Jesu und sein Werk am Kreuz theologisch neu interpretiert und die Stellvertretungsperspektive geriet immer mehr unter Beschuss. Stephen Wellum fasst diese 'moderne' Kritik unter drei Aspekten zusammen (‘Christ Alone’ – S. 180). Erstens, ein Stellvertretungstod ist unnötig, da Gott Sünden auch einfach so vergeben kann. Er braucht keine Opfer, keine Genugtuung dafür. Zweitens, die fehlende Gerechtigkeit, wenn Christus als einziger Unschuldiger für die vielen Schuldigen sterben musste. Schließlich, ein Gott, der stellvertretende Opfer ‘braucht’, damit er vergeben kann, entspricht so ganz und gar nicht dem liebenden und gnädigen Gott der Bibel (vor allem dem Gott des Neuen Testaments). Wie könnte ein liebender Gott den Tod seines Sohnes wollen? So eine Vorstellung wäre doch pervers!


Obwohl diese theologischen Shifts in und nach der Aufklärung durch das Einläuten des sogenannten modernen und aufgeklärten Zeitalters voll in die Blüte kamen, gab es schon kurz nach der Reformation Stimmen, die sich ganz ähnlich dazu äußerten. Die Bewegung des Sozinianismus, zurückgehend auf den Theologen Fausto Sozzini (1539-1604), kann als frühe Form der liberalen Theologie gesehen werden, weil sie die Trinitätslehre, die Göttlichkeit der Person Jesu und andere klassische Dogmen ablehnte. Gott wurde als liebender und barmherziger Gott verstanden, der keine Gerechtigkeit einfordern muss, um vergeben zu können. Gottes Liebe ist nicht an sein heiliges Gesetz und seinen göttlichen Charakter gebunden. Wenn also ein Mensch sündigt und gegen Gottes Gebot (und gegen Gott als Person) verstößt, muss Gott keine Rechenschaft und Genugtuung dafür einfordern. Vielmehr kann er den Menschen aufgrund seiner Liebe rehabilitieren, wie und wann er will. In diesem Sinne ‘braucht’ Gott auch keine Opfer. Jemanden, der an Stelle der sündigen Menschheit vor Gott stehen und die Beziehung Mensch-Gott reparieren müsste. Warum oder wozu ist Jesus dann gestorben? Für den Sozinianismus war der Tod Jesu «das höchste Vorbild eines gerechten Mannes und dient dazu, dass andere [Gottes] Vergebung empfangen.» (Allison, Historical Theology, 402) Man war hier also geneigt, auf die moralische Perspektive des Kreuzes zurückzugreifen. Wie genau aber der Tod Jesu dazu diente, Gottes Vergebung zu empfangen, bleibt dabei unscharf.


Wir müssen geschichtlich gar nicht weiter ins Detail gehen. Das moderne Süppchen wurde in verschiedenen Variationen immer wieder neu aufgekocht. Gott ist gnädig und nicht zornig, liebend und nicht gewalttätig! Was bei allen Varianten nie ganz klar wird ist, warum Jesus im Endeffekt sterben musste, wenn nicht, um sündige Menschen mit Gott zu versöhnen. Wenn Gott einfach so vergibt, warum braucht es dann das Kreuz? Auch die moralische Perspektive hilft hier nicht so ganz weiter. Selbst wenn es vordergründig irgendwie berührend und sogar nobel wirken mag, wenn jemand in Schwachheit stirbt (anstatt gewalttätig zu kämpfen), muss man sich fragen, was das mit Liebe zu tun hat. Macht es Sinn, dass jemand in ein brennendes Haus rennt und dabei sein Leben verliert, wenn sich im Haus gar keiner mehr aufhält? Wem nützt ein solcher Tod? Ein moralisch vorbildlicher Tod, sogar aus Solidarität mit den Schwachen und Unterdrückten, hat mit Liebe eigentlich recht wenig zu tun. Vielmehr gilt: 'Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben (konkret) für seine Freunde und selbst für seine Feinde hingibt,' 'damit alle, die an ihn glauben, gerettet werden.' (Joh 15,13, Röm 5,10, Joh 3,16)


Kann der heilige und gerechte Gott einfach so vergeben? Das würde bedeuten, dass Sünde für Gott letztlich nicht ins Gewicht fällt: «Hauptsache ich liebe dich, vergessen wir was war!» Dabei dürfen wir zwei Aspekte nicht vergessen. Erstens, wenn Gott unsere Sünden und Fehler einfach so zudecken würde, was ist mit den Menschen, die durch unser Verhalten zu Schaden gekommen sind? Sünde gegen Gott ist mehrheitlich auch Sünde gegen einen Mitmenschen, wie die zweite Hälfte der zehn Gebote klarstellt. Stell dir vor, jemand hätte dich hintergangen, schlecht über dich geredet und dich aus deinem Job gemobbt. Und jetzt hörst du Gott zu dieser Person sagen: «Spielt doch keine Rolle, ich liebe dich einfach so, wie du bist und denke nicht weiter an deine schlechten Taten. Schwamm drüber!» Wie würdest du reagieren? Findest du, hat Gott hier Gerechtigkeit wiederhergestellt? Selbst unser Justizsystem baut auf Satisfaktion auf. Wenn jemand gegen das Gesetz verstossen hat, muss er Wiedergutmachung leisten. Dadurch wird Gerechtigkeit so weit wie halt möglich wiederhergestellt (innere Verletzungen lassen sich dadurch nicht beheben, dazu braucht es einen längeren Prozess der Vergebung und Versöhnung). Zweitens, wieviel mehr muss dies angesichts eines heiligen Gottes gelten? Nicht primär, dass Gott durch unsere Sünden zu Schaden gekommen ist, oder seine Ehre dadurch eingebüsst hätte, sondern dass wir nicht länger würdig sind, vor seinem heiligen Thron zu erscheinen. Eine gesunde Furcht vor der Realität der Heiligkeit Gottes ist uns fast komplett abhanden gekommen. Ja, wenn wir sündigen, handeln wir gegen Gottes Charakter, gegen seine Person, gegen sein Gesetz. Aber das grösste Problem dabei ist, dass unser Verhalten uns vor Gott disqualifiziert. Anders gesagt, das Problem liegt vor allem auf unserer Seite!


Aber Gottes Liebe besteht ja gerade darin, dass er seinen Sohn als Opfer gab, damit Gerechtigkeit wiederhergestellt würde. Und zwar zuerst eine Gerechtigkeit, die uns vor Gott rehabilitiert. Denn, der einzig Gerechte, nämlich Jesus, übernimmt die Strafe für alle Ungerechten, damit diese in und durch ihn gerecht würden. Das ist die Logik Gottes (Römerbrief Kapitel 3)! Darin zeigt sich die Liebe Gottes, nicht nur des Vaters, sondern auch des Sohnes! Denn der Sohn ging nicht widerwillig ans Kreuz, um den Zorn eines grimmigen Vaters zu besänftigen. Diese Karikatur wird leider viel zu oft propagiert. Nein, der Vater und der Sohn beschlossen gemeinsam und vor aller Zeit, dass der Sohn Mensch werden und den Weg bis ans Kreuz gehen würde, aus Liebe zu den Menschen (Joh 3,16 und Phil 2,7-8). Da ist nichts Perverses dran! Aber um dies zu sehen, müssen wir die Story des Kreuzes halt durch die biblische Linse betrachten und unsere modernen Vergrösserungsgläser zur Seite legen.


Ist damit nun alles logisch nachvollziehbar geworden? Hoffentlich nicht. Obwohl Gott uns seine Gedanken über das Kreuz, über seine Motivation, seinen Sohn in die Welt und ans Kreuz zu schicken, in der Tiefe offenbart hat, bleibt so manches rund um das Kreuz ein Geheimnis für uns. Zum Beispiel die Frage, ob Gott nicht einen anderen, weniger krassen Weg hätte wählen können? Scheinbar nicht. Doch die Frage nach dem warum dürfen wir demütig in Gottes Hände zurücklegen. Als Menschen haben wir keinen Einblick in den Ratschluss Gottes (Röm 11,34), ausser das, was Gott uns offenbart hat. Und was er uns offenbart hat, versetzt uns ins Staunen und führt uns zur Anbetung seiner Herrlichkeit!


Hier erreicht diese kleine historische Tour ihr Ende. Nachdem wir all diese Schauplätze besucht haben (und es gäbe noch so viele mehr die wir aufsuchen könnten), darf mit gutem Gewissen dieses Fazit geäussert werden: Jesus starb wegen mir (und für mich)! Die Stellvertretungsperspektive des Kreuzes wird, auch wenn sie heute immer wieder hinterfragt, angegriffen und dekonstruiert wird, der Zeit standhalten. Selbst im Himmel noch werden wir Jesus anbeten, weil er sein Leben für uns in den Tod am Kreuz gegeben hat (Offenbarung 5).




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