• matt studer

Post-evangelikal #3 - Bibel erster Teil: Gotteswort oder Menschenwort?


Ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist und daß wir nur anhaltend und demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen.

(Dietrich Bonhoeffer)



Ich muss zugeben, dass mir das Schreiben dieses Beitrags nicht ganz leicht fällt. Nicht weil mir das Thema nicht liegen würde. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit Hermeneutik (dies eine biografische Selbstoffenbarung für den interessierten Leser). [1] Doch ist das Thema nicht nur irgendwie entscheidend und darum auch entscheidend wichtig in der ganzen Frage 'evangelikal-postevangelikal'; es ist auch hochkomplex. Mir wurde zudem bewusst, dass die Bibel für euch Postevangelikale nicht zweitrangig ist. Auch ihr bezieht euch auf die Bibel, wollt sie verstehen, werdet durch sie inspiriert und geformt. Zwei gemeinsame Startpunkte kommen in den Sinn, bei denen Evangelikale und Post-Evangelikale mit demselben Spannungsfeld ringen:

  • Die Bibel wurde von Menschen geschrieben und ist (oder bezeugt) gleichzeitig das Wort Gottes (Spannungsfeld 'Gotteswort - Menschenwort')

  • Die Bibel muss man auslegen. Man kann ihren Inhalt nicht einfach per Klick auf die Festplatte downloaden. (Spannungsfeld 'wie können wir überhaupt verstehen'?)

In diesem Beitrag widmen wir uns dem ersten Punkt. Weil sonst zu lang, behandle ich den zweiten Aspekt in einem nächsten Beitrag.


Was ist die Bibel für Post-Evangelikale?

Post-Evangelikale wie Martin Benz tun sich schwer damit, wenn Evangelikale behaupten die Bibel sei 'die (nackte) Wahrheit' (so oft gekoppelt mit der Behauptung, dass sie diese Wahrheit zweifelsfrei verstanden und gepachtet hätten!). Die Bibel ist ja zunächst einmal ein Buch von Menschen. Und Menschen sind immer Kinder ihrer Zeit und bringen ihre subjektive Perspektive mit ein. So auch in der Bibel, oder etwa nicht? Aus diesem Grund ist es für Post-Evangelikale unbedingt notwendig, die Bibel historisch-kulturell zu lesen. Was haben die Menschen von damals eigentlich geglaubt? Wie hilft ein Verständnis des kulturellen Backgrounds der Bibel, die Texte besser einzuordnen und dann auszulegen? Man reagiert allergisch auf anachronistische Textauslegung (ein Fehler, den man den Evangelikalen gerne unterschiebt), als ob die Bibel auf eine direkte Art und Weise gerade heute zu dir reden würde! Damit zusammenhängend sehen Post-Evangelikale es kritisch, die Bibel als zeitloses Dokument zu lesen und daraus ewige, dogmatische Wahrheiten abzuleiten. Als ob die Bibel vor allem ein Lehrbuch ist, dessen Lehren nur richtig zusammengetragen werden müssen! Und womit man vor allem Mühe bekundet ist, wenn Evangelikale behaupten, sie hätten die eine wahre Substanz der Bibel extrahiert. Als wenn die Bibel eine widerspruchsfreie Einheit bilden würde! Zeigt sich nicht bei genauerem Hinschauen, dass die biblischen Texte an sich paradox, vielleicht sogar widersprüchlich sind? Gibt es nicht eine Theologie des Paulus und eine des Johannes? Und wie kann man diese beiden einfach so ein den gleichen Topf werfen? Wie einheitlich ist die Bibel wirklich? Muss man der Bibel nicht vielmehr zugestehen, dass sie sich progressiv weiterentwickelt? Vom 'richtenden Gott' des Alten Testaments zum 'gnädigen Gott' des Neuen, von einem primitiven Gottesbild zum hoch-entwickelten Gottesbild, das Jesus uns offenbarte? Und noch einen Aspekt dürfen wir nicht vergessen: Was ist mit den sogenannt faktischen Aussagen der Bibel (oder den Texten, welche die Evangelikalen gewöhnlich als historische Tatsachenberichte sehen)? Muss der Schöpfungsbericht faktisch gelesen werden? Waren Adam und Eva tatsächlich die ersten Menschen (und ist das überhaupt wichtig)? Ist die Sintflut als eine poetische Darstellung zu verstehen, oder ist sie wirklich so geschehen? Ist das evangelikale Bibelverständnis diesbezüglich nicht zu naiv und anti-wissenschaftlich, als ob wissenschaftliche Erkenntnisse dabei gar keine Rolle spielen würden?


Nun habe ich hier viele (und noch nicht alle) Elemente der Diskussion rund um die Bibel skizziert. Im Grundsatz könnte man es vielleicht so sagen: Post-Evangelikale wollen sich von einem naiven, anti-wissenschaftliche, anti-historischen, zu einförmigen, sprich also 'evangelikalen' (?) Bibelverständnis distanzieren. Die Bibel ist nicht einfach faktische und dogmatische 'Wahrheit', die sich so eindeutig ergibt. Sie ist auch Poesie und Story, Frage und Geheimnis, menschliches Ringen und Missverstehen. Die Bibel ist nicht die nackte, unverpackte Wahrheit. Vielmehr spricht sie von einer Person, die von sich sagt, dass sie die Wahrheit ist. Wahrheit muss darum unbedingt personaler verstanden werden, nicht dogmatisch und wortlastig, abstrakt und körperlos.


Was in der ganzen Diskussion halt schon mitschwingt, ist die Frage nach der göttlichen Dimension der Bibel. Wie redet Gott in der Bibel? Ist sie Gottes Wort in den Buchstaben, oder wird sie einfach dann zu Gottes Wort, wenn der Geist es so will (und wenn er nicht will, bleibt sie menschliches Wort)? Ist sie direkt göttliche Offenbarung oder bezeugt sie diese nur indirekt? Post-Evangelikale sind generell weniger klar und ausgesprochen, was diese Fragen, respektive ihre Antworten betrifft. Ich meine die Tendenz herauszuspüren, dass man lieber vom Menschenwort ausgeht. Man will am Schluss schon irgendwie beim göttlichen Element dieses Wortes landen, hält sich diesbezüglich aber bedeckter, anstatt vorneweg mit den Evangelikalen zu sagen: 'Der ganze biblische Text ist von Gottes Geist eingegeben' (2Tim 3,16).



Was ist die Bibel für Evangelikale?

Evangelikale setzen die Bibel mit Gottes Offenbarung gleich. Sie enthält nicht nur Gottes Wort, sie ist Gottes Wort, bis zum letzten Buchstaben. Sie zeugt nicht nur von Gottes Offenbarung in Christus oder in der Geschichte, sie selbst ist diese massgebliche und autoritative Offenbarung über Gott (woher sollten wir sonst wissen, wer Jesus ist oder was Gottes Gedanken und Pläne sind?). Für Evangelikale ist diese Grundvoraussetzung von entscheidender Bedeutung: Was die Bibel über sich selbst aussagt, ist unbedingt zu beherzigen, denn es prägt die persönliche Haltung und Lesart der Bibel. Wie sich die Bibel selbst versteht, so will sie gelesen und verstanden werden. Wenn die Bibel sich selbst als wahr, verlässlich, wirksam, treu, klar, gerecht, rein und zuverlässig beschreibt, lädt sie uns ein, ihr auf dieser Grundlage zu begegnen!


Ist das evangelikale Bibelverständnis naiv? Nicht zwingend! Dieses Bibelverständnis ist nicht nur historisch gut begründet und stringent argumentierbar (für einen guten Anfang lies Markus Till's Beitrag dazu). Es stimmt eben auch so schön mit den Selbstaussagen der Schrift überein. Wenn das für post-evangelikale Ohren arrogant klingt, kann ich das verstehen. Und ich muss schon auch zugeben, dass man mit der Bibel im evangelikalen Kuchen öfters zu simpel, selbstbewusst, gedankenlos, anachronistisch (... bitte selber ein Adjektiv einfügen) verfahren ist. Wir sollten also unbedingt von der post-evangelikalen Kritik lernen. Denn diese Kritik zwingt uns nachzudenken (und Evangelikale sind einfach manchmal zu denkfaul!).


Lesen Evangelikale die Bibel a-historisch? Das ist sicher zuweilen der Fall. Die Bibel wird manchmal so sehr zu 'meiner Bibel', dass sie jeglichen historischen Bezug verliert. Das ist im grösseren evangelikalen Kontext (zumindest dort, wo man sich reflektiert), aber sicher nicht so. Man ist auch nicht per se gegen die historisch-kritischen Methoden. Aber man liest die Bibel nicht 'limitiert' historisch, sondern eben auch theologisch, nicht nur als Menschenwort, sondern auch als Gotteswort. Eine ausgewogene Hermeneutik beachtet sowohl die historisch-kulturelle Verortung der Texte, als auch ihren Platz im biblischen Kanon. Wir lesen die Bibel nicht zusammenhangslos, sondern gehen davon aus, dass Gott 'durchs Band' redet, von Adam bis Zion, von Josef bis Jesus. Anders gesagt geht eine evangelikale Hermeneutik von der Einheit der Bibel aus, weil die Bibel nicht nur von menschliche Autoren, sondern vor allem von dem einen göttlichen Autor 'verfasst' wurde. Das schliesst nicht aus, dass sich gewisse Dinge innerhalb der Bibel progressiv weiterentwickeln oder sogar verändern (das erste Kommen Jesu war auch für die Apostel ein hermeneutischer Schock). Gleichzeitig ist 'progressiv' aber nicht mit 'widersprüchlich' gleichzusetzen. Ist die Bibel spannungsvoll? Ja, absolut. Ist sie widersprüchlich? Daran glauben Evangelikale nicht.


Ist die Bibel also Dogmatik pur, reine Lehre, befreit vom historischen Staub der Zeit? Die Bibel ist vieles, was ihr Genre betrifft: Geschichte, Gedichte, Gesetz, Theologie, Prophetie, und einiges mehr und alles zusammen. Für Evangelikale kommt die biblische Lehre nicht als abstraktes Lehrgebäude daher. Gott offenbart seine Wahrheit genauso treffend in den biblischen Geschichten wie auch in den ober-theologischsten Paragraphen (Römerbrief lässt grüssen). Und ja, Gottes Wahrheit ist an die Person Jesus Christ geknüpft. Aber alles, was wir über diese Person wissen, wissen wir ja hauptsächlich aus der Bibel. Denn die ganze Schrift spricht explizit und implizit von Jesus (Joh 5,39; Lk 4,25). Es gibt (evangelikal gesehen) keine personale Wahrheit ohne Worte. Dann wären wir bei einer apophatischen Mystik, bei einem wortlosen Glauben, bei reiner Intuition gelandet - und das wäre ganz und gar un-evangelikal.


Das Problem der Wissenschaftsfeindlichkeit und die schlummernde anti-intellektuelle Tendenz in evangelikalen Kreisen hätten mindestens einen eigenen Beitrag verdient. Mich schmerzt es selbst, wenn ich konservative Christen argumentieren höre, dass weil 'hier 6 Tage steht, auch wortwörtliche 6 Tage gemeint sein müssen' und noch mehr, dass man diese Wahrheit auf eine Stufe der allerhöchsten Wichtigkeit erhebt, so dass man Andersdenkende inquisitorisch 'verfolgen' kann. Dabei geht vergessen, dass man in der Geschichte des Evangelikalismus gewöhnlich zwischen den Kernsätzen des Glaubens und den Randdingen (Adiaphora) unterschieden hat, was zu einer Einheit trotz Diversität beigetragen hat. Ein weiteres Beispiel ist, wenn biblische Prophetie wortwörtlich (literal) verstanden, oder sogar noch besser auf aktuell politische Ereignisse übertragen wird (als ob der Text sich selbst so verstehen würde). Es gibt eine hölzerne Bibelauslegung in evangelikalen Kreisen, die ich nicht unterschreiben kann. Es gibt zuweilen aber auch ein wissenschaftliches Bewusstsein, das die biblische Offenbarung und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als zwei sich bekämpfende Opponenten sieht (und wenn beide Seiten sich vordergründig widersprechen, hat man entweder die eine oder die andere Seite noch nicht ausreichend verstanden). Natürlich ist das Verhältnis komplex. Aber in der besten evangelikalen Hermeneutik weicht man dieser Komplexität nicht aus, selbst wenn man die Bibel als Autorität über der Wissenschaft versteht.


Was sagt uns all das? Dass Evangelikale generell keine grosse Mühe haben, die Bibel als die göttliche Wahrheit zu sehen und zu empfangen, weil sie glauben, dass sie es hier in all den menschlichen Formen und Formeln ganz und gar mit Gottes Wort zu tun haben.



Ein erfundenes Beispiel aus der Praxis

Wir haben über die 'Natur der Bibel' gesprochen, ihre Qualitäten, ihre Beschaffenheit, ihre Eigenschaften. Ist sie Gotteswort oder Menschenwort, oder beides zugleich? Oder ist sie vielleicht mal mehr das eine als das andere? Ist sie zuverlässig, wahr, kohärent, stimmig, sogar irrtumsfrei? Oder ist sie widersprüchlich? Sagt sie's mal so und dann doch wieder anders? Entfaltet sich ihre Message progressiv weiter und wenn ja, bleibt diese Message kongruent? Oder widerlegen 'neuere Stellen' die 'älteren, archaischen Stellen'?


Was mich jetzt vor allem interessiert: Wie beeinflussen unsere Grundannahmen zur Bibel unsere Herangehensweise an den biblischen Text? Folgendes halberfundene Beispiel ist ein Versuch, dies zu zeigen. Vielleicht etwas schwarz-weiss, vielleicht auch nicht.


Nehmen wir also die berühmt-berüchtigten Stellen über die Landnahmen im Buch Josua (Landnahme heisst, etwas real-plastischer ausgedrückt, Eroberung von Feindesland durch Ausrottung des Feindes!). Diese Stellen sind für beide Seiten hartes Brot. Ich kenne bis jetzt niemanden, der sich eine solche Jihad-Stelle über das Bett hängen oder auf den Arm tätowieren würde. Bleibt noch anzufügen, dass wir dieses heikle Thema nicht so einfach loswerden. Denn die Psalmen sind vollgespickt mit Racheworten, dass Gott doch endlich den Feind vernichten und ausrotten möge. Der oft auf blumigen Segenskarten stehende Psalm 139 endet auf krasse Weise (nur dass uns dies auf den Blumenkarten vorenthalten wird): 'Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten!' (139,19) Auch im Neuen Testament ist das Thema nicht abwesend (siehe vornehmlich das Buch der Offenbarung). Es handelt sich also insgesamt um ein doch recht prominentes Thema in der Bibel.


Wie reagiert ein Evangelikaler darauf? Er stösst seinen Kopf daran und denkt: sollte man diesen Stein des Anstosses nicht wegräumen? Doch dann hört er auch auf diesen Impuls: 'Haben nicht auch diese Stellen Wort-Gottes-Status?' Schliesslich war es ja Gott selbst, der Josua den militärischen Erfolg versprach (siehe Josua 1,3)! Fungierte Gott hier etwa als Militärberater? Wie dem auch sei, er lässt die Stelle mal so stehen (vielleicht weiss der Pastor noch eine gescheite Erklärung dazu?). Im Idealfall beginnt er mit solchen Stellen zu ringen. Was sagt die Bibel sonst noch zum Thema? Er ringt im Gebet. Was willst du Gott mir zeigen? Kann das sein, dass du auch so bist, wie du dich hier zeigst? Er merkt, dass die Sonntagsschule, die er geniessen durfte, themenmässig zu jugendfrei war. Denn dort wurde Gott als immer-liebender Papi präsentiert und Jesus als 'mein Homeboy'. Ok, die Story mit der Arche Noah war eigentlich auch ganz krass, nur dass er als Kind mehr an der Frage herumgerätselt hat, wie denn Löwe und Zebra ihre Mittagspause, Stall and Stall, wohl so verbrachten. Harmonisch? Apropos, wie lassen sich diese Gerichtsworte mit den göttlichen Gnadenworten harmonisieren? Wenn doch die ganze Bibel Gottes Wort ist und der göttliche Autor sich im Ganzen nicht widerspricht? Darum, wenn es hier ein Verständigungsproblem gibt, muss es auf seiner Seite liegen. Vielleicht versteht er einfach noch zu wenig von der Materie?


Wie reagiert denn ein Postevangelikaler hier? Er stösst seinen Kopf daran und denkt: komm, wir räumen diesen Stein des Anstosses endlich einmal weg! Zunächst einmal: Sind solche Stellen nicht primär historisch-kontextuell einzuordnen? Zur Zeit von Josua war es halt gängiger Usus, dass man sich abmurkste. Man sollte hier nicht vorschnell eine göttliche Agenda hineinlesen. Nur weil der Text angibt, Gott habe diese Eroberungszüge angezettelt, impliziert nicht unbedingt, dass wir es hier mit einem göttlichen Wesenszug zu tun haben. So haben die Menschen damals Gott halt verstanden und diese Rambo-artigen Eigenschaften auf ihn projiziert. Jesus nimmt hier Josua den Wind aus den Segeln (oder besser das Schwert aus der Hand): Liebe deine Feinde und stirb sogar für sie! Warum aber stehen diese Josua-Worte dann in der Bibel, fragt sich auch der Post-Evangelikale? Vielleicht, weil die Bibel Gottes Geschichte mit seinem Volk ehrlich und ungeschminkt zeigen will. Eine Geschichte, die an vielen Ecken und Enden menschelt, aber letztendlich in Christus gipfelt, der uns mit der vollen Wahrheit Gottes konfrontiert. Post-Evangelikale lesen die Bibel eben progressiv und leben eigentlich recht gut mit der Diskrepanz, die sich hier auftut.


Noch eine Note an uns Evangelikalos. Ich sprach im obigen Beispiel von einem Idealfall. Leider ist auch bei uns Evangelikalen ja selten alles ideal. Denn meistens würden wir solch 'problematische' Bibelstellen unter den Teppich kehren. Wir blenden sie aus und hoffen insgeheim, dass keiner nachfragt. Wir sollten ehrlicher sein! Wir sollten zugeben, dass wir Mühe haben, diesen Aspekt der göttlichen Offenbarung zu verstehen und zu integrieren! Und dann sollten wird unbedingt wieder beginnen, mit der Bibel zu ringen und zu diskutieren und diesen Dialog nicht mehr abzubrechen!



Quintessenz: Ist die Bibel meine Autorität oder meine Inspiration?

Autorität ist gerade kein Modewort. Ich meine damit so etwas in diese Richtung: Für Evangelikale ist die Bibel die Autorität in allen Fragen, die Gott und den Glauben, sowie das christliche Leben betreffen (siehe dazu auch diesen Beitrag). Sie stellen die Bibel zumindest theoretisch über ihr eigenes Urteil, über ihren eigenen Geschmack, wie sie's gerne hätten. Die Bibel nimmt diese prominente Stellung ein, weil ihre Autorität für Evangelikale bindend ist. Sie ist Orientierungspunkt, Offenbarung des göttlichen Willens, Kompass für das Leben in dieser Welt. Darum üben Evangelikale (zumindest eben in der Theorie) keine Sachkritik an der Bibel - sie stellen sich nicht über die Bibel.

Wenn es in der Bibel steht, dann ist es von Gott!

Wie verhält sich dies bei Post-Evangelikalen? Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich meine zu beobachten, dass Post-Evangelikale generell kulturell sensibler gestimmt sind als ihre evangelikalen Geschwister und dass sie darum bei kulturell anstössigen Themen nach progressiveren Interpretationsmöglichkeiten suchen. Es könnte doch gut sein, dass traditionelle Auslegungen bis anhin fehlgeleitet waren und darum korrigiert werden müssen. Vielleicht. Doch glaube ich, dass diese kulturelle Sensibilität, gepaart mit einem 'skeptischeren' Verständnis über die Natur der Bibel (ist die Bibel wirklich Gottes Wort?) zu einer Haltung führen kann, bei der man sich selbst letztlich über die Bibel stellt (ist die Bibel wirklich in allen Fragen die einzig massgebliche Autorität?). Dann, fürchte ich, ist der Weg zur Sachkritik an der Bibel nicht mehr weit (ich beurteile, was in der Bibel relevant und gültig ist und was nicht).

Wenn es in der Bibel steht, heisst das noch lange nicht, dass wir es hier mit Gottes offenbartem Willen zu tun haben.

Vielleicht könnte man den Unterschied so formulieren: Für Evangelikale ist die Bibel Autorität und für Post-Evangelikale ist sie Inspiration. Wobei die Bibel natürlich auch für die Evangelikalen eine Quelle der Inspiration, ja, der Spiritualität bietet, vielleicht sogar fast noch mehr, weil sie die Bibel als Gottes aktuelle und persönliche Anrede verstehen. Gilt dasselbe auch umgekehrt? Ist die Bibel doch auch irgendwie eine bindende Autorität für Post-Evangelikale? Oder ist sie vor allem inspirativ in dem Sinne, dass man sich davon nimmt, was einem grad persönlich etwas gibt? Das sind kalorienreiche Fragen und ich behaupte sogar, dass hier die Crux des Spannungsverhältnisses zwischen evangelikal und post-evangelikal liegt.



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[1] Mit Hermeneutik meine ich unser Verständnis der Natur der Bibel (was dieses Buch genau ist) und wie wir sie auslegen wollen/sollen (was dieses Buch sagt und wie wir es verstehen können).



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