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Nolan's The Odyssee - Griechischer Wein für eine säkulare Welt?

  • matt studer
  • vor 3 Stunden
  • 11 Min. Lesezeit

Denn nichts ist doch süßer als unsere Heimat und Eltern, wenn man auch in der Fern' ein reiches Haus bewohnt, in fettem Lande, wenn fern auch die Heimat liegt.

(Odyssee, 9. Gesang)


As a filmmaker, you are looking for a gap in the culture and this felt like an important one.

(Christopher Nolan, aus einem Interview in der Los Angeles Time)



Ich finde es bemerkenswert, dass ein Epos wie die Odyssee unsere modernen Gemüter neu ergreift. Auf der anderen Seite waren wir ja schon immer storytelling animals und Mythen, Epen, Märchen und Geschichten gehören zu unserem Grundvokabular. Ich habe die Ilias von Homer in meiner Gymnasialzeit gelesen und war sehr angetan von der rauen Welt dieser griechischen Helden wie Achilles oder Odysseus und ihres Kampfes in einer Welt, die von den Launen der Götter (mit)bestimmt wird.


Nach seinem letzten Film Oppenheimer hat sich Christopher Nolan des Odysseus-Epos angenommen und es diesen Sommer in starken Bildern auf die Leinwand gebracht. Gedreht wurde ausschliesslich mit IMAX-Kameras und ohne Greenscreen in der freien Natur. Die Schauspieler lernten tatsächlich zu segeln und zu rudern. Die Dreharbeiten fanden über Monate auf dem Schiff statt. Gemäss Nolan wurde die Odyssey zuweilen fast so gedreht wie ein Dokumentarfilm: 'We were months on that boat, it became a character in the movie, we figured out things we’d never have known the answer to if we were on a sound stage.' Die Kamera funktioniert dabei wie ein menschlicher Beobachter inmitten der realen Welt und nicht wie ein Zuschauer von der Tribüne her. Die Szenerie ist nicht so komponiert wie in anderen Epenfilmen, wie zum Beispiel Gladiator, wo Ridley Scott mit Elementen wie dramatischem Gegenlicht, Rauch, Staub, Feuer und aufwendig und bewusst gestalteten Weitaufnahmen arbeitete. Die Bildsprache in The Odyssee wirkt chaotischer, intimer und dadurch unmittelbarer. Man ist mitten drin statt nur dabei. Man sieht die Ereignisse aus der Perspektive jener Menschen, für die das Göttliche direkt in die Welt hineinwirken konnte. Hier wird etwas von der rauen Natur des homerischen Epos abgebildet. Der Zorn des Poseidon, dem Gott der Meere, lässt sich auch am besten auf einer rauen See filmen (was gemacht wurde, auch wenn zusätzliche Spezialeffekte notwendig waren, um die Sturmszenen weiter aufzubauschen). In einem Interview in der LA-Times sagt Nolan:

We think of the Mediterranean as it is in summer holiday calm, but I’m here to tell you it’s not like that the rest of the year.

The Odyssee erzählt aber zuerst einmal eine Geschichte, die Geschichte des Königs von Ithaka und Kriegsveteranen des trojanischen Krieges, von Odysseus, der eigentlich nur eines, nämlich nach Hause will. Es ist ein Epos der Sehnsucht nach Heimat, des mutigen Kampfes gegen die Naturgewalten (und die Götter) und der unermüdlichen Suche nach dem eigenen Zuhause. Der griechische Poet Homer spricht in diesem Epos menschliche Grundthemen wie Mut, Sehnsucht, Heimat, Treue oder Identität an. Und das ist genau der Stoff den wir brauchen, um uns mit unserer eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Christopher Nolan geht es nicht nur um pure Unterhaltung. Er möchte die existenziellen Themen aufgreifen und für ein modernes Publikum neu zugänglich machen: 'I wanted to tell it in a fresh and modern way, to make it as accessible for a modern audience as it was for Homer’s.' Nolan will, dass der Mythos weiterlebt, sich in unserer modernen Welt, jenseits der griechischen Antike reinkarniert.



Was an Nolan's The Odyssee ist modern?

In Homers Ilias tummeln sich die Götter im Olymp und mischen sich öfter auch unter die Menschen. Sie ergreifen Partei, verkleiden sich als Menschen und spielen in Kriegen mit. Die Götter sind aktiv handelnde Agenten, die in der Weltgeschichte flott mitmischen. In der antiken Welt verschwimmt die Grenze zwischen menschlicher und göttlicher Welt. Die menschliche Welt ist eng mit einer göttlichen Ordnung verbunden. Wo aber sind die Götter in Nolans Adaption der Odyssee abgeblieben? Bis auf die Göttin Athene bleiben sie weitgehend unsichtbar oder werden höchstens indirekt durch Naturphänomene wie Wellen, Stürme oder Gewitter abgebildet. Die Gesellschaft der Götter, die parallel zur menschlichen Sphäre existiert und buchstäblich in die Handlung eingreift, wird so nicht gezeigt (Christopher Nolan’s “The Odyssey” Leaves the Gods in the Outtakes). Das war eine (selbst)bewusste Entscheidung des Regisseurs. Er habe zunächst darüber nachgedacht, die Rollen von Zeus, Poseidon und anderen Göttern mit Schauspielern zu besetzen, sich dann aber dagegen entschieden. Die Frage, wie die Menschen der damaligen Zeit die Götter wahrgenommen haben könnten, interessierte Nolan stärker. Also filmte er aus der Perspektive der Menschen, nicht vom Blickwinkel der Götter her:

So really, for me, it was more about trying to experience these gods the way people would have back in the Bronze Age. (Kermode & Mayo's Take – Interview mit Nolan)

Das ist ein interessanter und moderner Twist. Während die göttliche Ordnung bei Homer eine, man müsste fast sagen objektive Tatsache ist, bleibt bei Nolan offen, ob die Götter wirklich existieren, oder ob die Menschen diese Naturphänomene, Zufälle und eigene Erfahrungen nur als göttliches Wirken interpretieren. Bei Homer waren es die Götter, die hinter Naturereignissen standen und diese bewirkten. Bei Nolan steht das Naturereignis im Zentrum, wie es dem Menschen das Gefühl gibt, dass dahinter eine göttliche Kraft am Werk sein könnte. Nolan möchte damit nicht kategorisch sagen, dass es die Götter nicht gibt. Vielmehr wollte er die Welt aus der Perspektive jener Menschen zeigen, für die solche Naturphänomene als Evidenz göttlicher Präsenz erfahrbar waren. Damit ist er jedoch ganz nah bei Feuerbach, der einst postulierte, dass 'Gott' nur eine Vorstellung oder Projektion des Menschen sei. Feuerbach meinte, dass der Mensch seine eigenen idealisierten Eigenschaften – wie Liebe, Vernunft, Vollkommenheit, Gerechtigkeit – auf ein göttliches Wesen übertrage und dieses dann als etwas ihm Gegenüberstehendes erlebe. Einzig die Göttin Athene erscheint dem Odysseus. Aber selbst bei ihr bleibt offen, ob sie tatsächlich eine Göttin oder vielmehr eine Verkörperung von Odysseus' Gewissen ist. Das Göttliche aus der sichtbaren Welt wird ins Innere des Menschen verlagert.


Der Film beginnt mit der Aussage 'in a time of apparent magic' - in einer Zeit scheinbarer Magie. Das ist kein Zufall. Nolan möchte die Odyssee aus der Perspektive der Menschen der Bronzezeit zeigen, es aber dem modernen Zuschauer überlassen, ob diese Magie nicht vielmehr psychologischer Art war. Weil man es nicht besser wusste, hat man in der Vormoderne einfach angenommen, hinter der sichtbaren Welt stünden die Götter. Das erinnert sehr stark an Charles Taylors Substraktionsthese (siehe sein Buch A Secular Age sowie mein Blog dazu). Früher glaubte man an Gott, Magie und eine verzauberte Welt. Aber dann kamen Wissenschaft und Rationalisierung und diese irrationalen Elemente wurden subtrahiert. Was übrig bleibt ist der moderne, säkulare Mensch, der innerhalb eines immanenten Rahmens lebt (Taylors immanent frame), in dem das Transzendente aussen vor bleibt, weil dieser Mensch seine Existenz vor allem wissenschaftlich-rational begründet.


Mit dem Wort scheinbar könnte Nolan jedoch auch eine Tür einen Spalt breit öffnen, die uns moderne Menschen immer wieder lockt: Die Tür zur Möglichkeit einer Wirklichkeit, die jenseits des Sichtbar-Messbaren liegt. Hierin liegt z. B. der. Reiz der neopaganischen Bewegung, die in eine prämoderne Wirklichkeit zurückkehren möchte, in der die Natur nicht bloss Materie, sondern Trägerin von Sinn und sogar Sakralität ist, und Mythen nicht einfach überholte Erzählungen, sondern valide Zugänge zu einer tieferen Wirklichkeit sein können. Wenn Nolan wirklich darauf hinauswollte (was für mich alles andere als klar ist), hätte er mutiger sein können und The Odyssee heidnischer darstellen dürfen, wie auch Martin Shaw meint (it's not pagan enough). Shaw beobachtet, dass unsere moderne Welt eine Renaissance des Paganen erlebt, allerdings ohne eine Rückkehr der Götter. Es ist ein individualistisches Neuheidentum innerhalb des immanent frame, ein Paganismus ohne den Einfluss der Olympianer, wie Shaw bemerkt. Wenn der antike Mensch gesagt hätte: 'Dieses Zeichen hat Gott mir geschickt'. sagt der moderne Mensch: 'Dieses Erlebnis hat mich etwas über mich selbst gelehrt.' Vielleicht besteht die Modernität von Nolans Adaption der Odyssee gerade darin, dass er die Sehnsucht nach dem Transzendenten bespielt, ohne den Zuschauer zwingend wieder in eine transzendente Welt eintreten zu lassen.


Ein moderner Odysseus?

Kommen wir zur Figur des Odysseus. Ich bin, wie viele von euch auch, ein Fan von Matt Damon und sympathisiere sofort mit den Rollen, die er spielt. So auch hier. Odysseus ist ein sympathischer, wenn auch tragischer, kriegstraumatisierter Charakter. Wir fühlen mit, wenn er mit Schuldgefühlen und Zweifeln zu kämpfen hat, wenn er von Sehnsucht nach seiner Heimat getrieben immer weiter von zu Hause abtreibt. Im homerischen Original ist Odysseus aber auch ein trickreicher Lügner und Betrüger und ein Meister der mētis – der listenreichen Intelligenz. Es ist ihm relativ egal, dass in Troja viele unschuldige Menschen wegen seiner List ums Leben gekommen sind. Odysseus ist hier kein schuldgeplagter Mann, der nach Erlösung sucht, sondern ein müder Krieger, der einfach nach Hause will. Gemäss dem Filmkritiker Richard Brody versetzt Nolan Odysseus aus der homerischen in eine moralisch-psychologische Welt, die dem heutigen Publikum vertrauter sei. Er stelle die smoothe Kontinuität zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt in Frage. Dabei verschwinde auch jene spezifisch homerisch moralische Sphäre, die aus der Gegenwart der Götter hervorgeht. Die Odyssee werde zu einem 'rein menschlichen Drama'. Ist die Kritik Brodys berechtigt? Nolans Odysseus fasst ja auch den Gedanken, den Göttern für die Seelen der Verstorbenen (vor allem die Seelen seiner verstorbenen Mannschaft) zu opfern ins Auge (und setzt dies am Ende des Films um). Die göttliche Dimension spielt hier zumindest als Möglichkeit mit.


Ich möchte hier einhaken. Auch wenn Nolan die Götter des Olymps (teilweise) entfernt, baut seine Odysee auf moralischen Kategorien auf, die nicht aus der Luft gegriffen sind. Für uns moderne Menschen scheint es manchmal so, als seien solche Kategorien wie Reue, Vergebung, Schuld, Gewissen oder Mitgefühl selbstevident. Und es ist sicher so, dass wir, geschaffen nach dem Bild unseres Schöpfers, alle eine Ahnung in uns tragen. Doch die Art und Weise, wie wir heute über diese Dinge denken und sie empfinden – als innere Prozesse des Individuums, als Schuld, Gewissen, Selbstwerdung und Erlösung –, ist selbst ganz wesentlich durch die christliche Tradition geprägt (man lese nur Harry Siedentops Buch Inventing the Individual, Tom Holland sowieso). Scott Masson bemerkt daher meines Erachtens zu recht, dass Nolans Film eine auffällig christlich anmutende Moral übernimmt - apropos säkular. Odysseus quält sich mit dem Gedanken, dass die Einnahme Trojas eine moralische Katastrophe war. Doch so etwas wie Mitleid mit den Schwachen und insbesondere eine moralische Kritik des Siegers aus der Perspektive des Unterlegenen sind der homerischen Welt in dieser Form weitgehend fremd. Wenn Nolans Odysseus über die Toten, seine Verantwortung und die Folgen des trojanischen Krieges reflektiert, dann wird dieser antike Sieger mit einer moralischen Sensibilität betrachtet, die wir heute zwar als selbstverständlich empfinden, die aber für uns nur selbstverständlich ist, weil wir christlich geprägt sind. Gewiss gab es so etwas wie die goldene Regel, die sich im antiken Griechenland in xenia niederschlug schon. Nolan ist sich dies bewusst:

It is the golden rule, the idea that you treat people the way you want to be treated ... Partly it’s because a humble person may be a god in disguise, but it also allows society to function. People need to travel, to trade, and everyone is at the mercy of strangers.

Nolan sieht hier einen Anknüpfungspunkt für moderne Menschen, womit er Recht hat. Wobei auch hier der Verdacht vorliegt, dass Nolan die Bedeutung der goldenen Regel, wie sie in der homerischen Welt verstanden wurde, christlich 'säkularisiert'. Denn wir modernen Menschen verstehen die goldene Regel reziprok: 'Sei gastfreundlich, weil eine Gesellschaft ohne gegenseitiges Vertrauen nicht funktionieren kann (und u. U., weil jeder Mensch eine Gottgegebene Würde besitzt).' Bei den Griechen funktionierte es eher anders: 'Sei gastfreundlich, weil der Fremde unter dem Schutz der Götter steht - und weil ein Verstoß gegen die xenia göttliche Vergeltung nach sich ziehen kann.' Ich möchte euch hier reinen griechischen Wein einschenken.


Für mich stellt sich am Ende diese Grundsatzfrage: Ist die Odyssee eine Geschichte über die Heimkehr eines Menschen in eine von Göttern geordnete Welt, oder spricht sie von der Erlösung eines modernen Individuums von seiner eigenen Schuld? Wird das Chaos, das bei Homer eine Eigenschaft der Welt ist, bei Nolan nicht zu einem psychologischen trojanischen Pferd des Protagonisten, zu einer inneren Unordnung, die er bewältigen muss. Denn obwohl der trojanische Krieg vorbei und gewonnen ist, ist er es für Odysseus scheinbar noch nicht, weil er zuerst mit dem Menschen fertig werden muss, zu dem ihn der Krieg gemacht hat, er zuerst seine Vergangenheit aufarbeiten und wieder mit sich ins Reine kommen muss. Das ist seine eigentliche Reise - eine typisch nolaneske Reise und dieselbe Bewegegung, die auch Oppenheimer durchläuft und die sich in ähnlicher Form auch in anderen Filmen Nolans wiederfindet (vgl. dazu hier).


Damit wir uns verstehen: Mich fasziniert diese Bedeutungsebene des Odysseus-Epos als innere Reise, weil ich mich darin wiederfinden kann. Und das passt eigentlich auch ganz gut zu Martin Shaws Verständnis von Mythen und Geschichten: Durch sie lernen wir das Menschsein. Mythen sind für ihn wie eine Landkarte für die Seele: Sie beschreiben keine abstrakten Wahrheiten und Lehren, sondern verkörpern menschliche Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten. In ihnen können wir uns selbst erkennen – nicht weil sie uns theoretisch erklären, wer wir sind, sondern weil wir ihre Wege, Irrwege, Prüfungen und Verwandlungen auf unser eigenes Leben beziehen können. Wir verstehen sie, indem wir sie (er)leben und indem wir die Irrfahrten unseres Leben mit ihnen in Beziehung bringen. Genau das möchte ich im nächsten Abschnitt noch versuchen ...



Unsere Odyssee und die Irrfahrt des Christus

Du bist auf einer Reise. Aber nicht allein. Mit dir sind zig Millionen von Menschen auf der gleichen Reise, einer Reise, die bereits mit dem ersten Menschenpaar - Adam und Eva - begonnen hat. Dieses Menschenpaar lebte einst in einem fruchtbaren Garten, und dort in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott - nicht den Göttern des Olymps zwar, sondern dem einen Gott - Vater, Sohn, Heiliger Geist - der die Welt mit allem darin geschaffen hatte. Und wenn sie nicht gefallen wären, würden sie auch heute noch dort leben. Adam und Eva entschieden sich nämlich gegen Gott, sie lehnten sich gegen sein Gebot auf, sie assen die verbotene Frucht. Daraufhin wurden sie aus dem Garten verwiesen und auf die Reise geschickt. Sie verloren ihre Heimat und entfremdeten sich von Gott, voneinander und von sich selbst. Sie lebten in der Fremde, bauten dort ihre Dörfer und Städte. Sie versuchten heimisch zu werden und wurden es auch. Trotzdem blieb die Frage zurück: Wo gehöre ich wirklich hin? Wo ist meine Heimat? Wer bin ich? Wer bist du? Und wann wird endlich alles (wieder) gut sein?


Wir alle sind wie Odysseus. Wir sehnen uns nach unserem wahren zu Hause, wir wollen heimkehren (bitte glaubt denen nicht, die behaupten, sie seien schon dort angekommen - ich glaube es jedenfalls nicht). Wir wollen nach Ithaka, aber wir kommen von uns aus nicht dorthin. Wir alle haben irgendwie die Orientierung verloren und das Schicksal stellt sich gegen uns, die Sirenen lullen uns ein und bringen uns vom Weg ab und die Göttin Calypso vernebelt unsere Sinne mit ihrer Lotusblume. Aber, es gibt da einen Menschen, oder ist es Gott, einer wie Odysseus, der sich auf grosse Fahrt begab und zu uns in die Fremde segelte. Sein Name lautet Christus und er ist der Sohn Gottes. Dieser verliess seine himmlische Wohnung. Der Apostel Johannes schrieb über ihn: 'Er war in der Welt, aber die Welt, die durch ihn geschaffen war, erkannte ihn nicht.' (Johannesevangelium 1,10) Er war niemand und er 'gebot er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.' (Matthäus 16,20) Ganz so wie Odysseus dem Zyklopen zuerst sagte, sein Name sei 'Niemand', nur um ihm am Schluss doch zu offenbaren, dass er der Odysseus sei (was ihm zum Verhängnis wurde, weil Poseidon, der Vater des Zyklopen nun einen konkreten Anhaltspunkt hatte, wen er bestrafen musste). Shaw meint zu Odysseus: Er verlässt die Welt als jemand - und er kann nur als niemand zurückkehren (Test nicht bestanden). Doch als Odysseus nach Ithaka zurückkehrt, als Bettler verkleidet, wird er von niemandem erkannt (Test bestanden). Und als Christus wie ein Bettler am Kreuz hing und starb, um uns durch seinen Tod vom Rachen der Skylla und der Charbydis zu retten und für uns den Weg zu Gott dem Vater zu öffnen, blieb sein göttlicher Glanz verborgen. Sein eigentlicher Sieg sah für die Mächtigen der Welt wie eine Niederlage aus. Doch für alle, die es sehen wollen, offenbart sich Gott genau dort, im schwachen Christus am Kreuz. Dort erkennen wir, wer Gott wirklich ist: 'Gottes Liebe zu uns ist daran sichtbar geworden, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns durch ihn das Leben zu geben.' (1. Joh 4,9) Wenn das nicht wild und episch ist, weiss ich auch nicht weiter. Dann aber ist der Christus auferstanden und zum Vater zurückgekehrt, um dort eine Wohnung für dich und mich vorzubereiten:

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen ... Und wenn ich einen Platz für euch vorbereitet habe, werde ich wieder kommen und euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. (Johannes 14,2-3)

Wir können endlich nach Hause. Es gibt sie, unsere Heimat, unser Ithaka. Dabei gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Odysseus und Christus: Die Odyssee erzählt von einem Menschen, der nach Hause zurückfinden muss. Christus erzählt von Gott, der selbst in die Fremde kommt, um uns zu suchen und nach Hause zurück zu bringen - in die Gemeinschaft mit ihm schon jetzt - und eines Tages auch zurück in den Garten.

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