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Michel Foucault trifft die Queer-Theorie - Teil 2

Aktualisiert: 5. Juni

Wie postmodernes Gedankengut den gesellschaftlichen Diskurs prägt!



Die postmoderne Theorie konnte sich nicht durch rein nihilistische Verzweiflung behaupten. Sie brauchte etwas, das sie umsetzen konnte, etwas Praktikables,

(Helen Pluckrose und James Lindsay, Zynische Theorien)



Wir haben im letzten Beitrag gelernt, dass die postmoderne Theorie zwei grundlegende Prinzipien voraussetzt. Erstens, dass 'Wahrheit' sozial konstruiert wird und zweitens, dass sie dazu missbraucht wird, die Interessen der Privilegierten zu bewahren und zu fördern. Wer sind diese Privilegierten im heutigen Setting? Plakativ gesagt, die weissen, west-europäischen, heterosexuellen Männer. Es ist diese Gruppe, die an den entscheidenen Positionen der Gesellschaft sitzt und 'vom System' profitiert. Die postmoderne Theorie untersucht und 'entlarvt' den dominanten gesellschaftlichen Diskurs, um zu zeigen, dass dieser zutiefst von einer 'Power-Dynamik' durchdrungen ist. Wir müssen sehen, dass hier ein ethischer Impuls mitschwingt. Das soziale System wird durch ein Hierarchiegefälle konstituiert, das es den einen ermöglicht, auf Kosten anderer zu florieren. Der 'Zugang zur Macht' ist von Beginn an ungerecht verteilt. Doch ist dieses Machtgefälle subtiler, als dass ein paar weisse Machos sich einfach diktatorisch an anderen bereichern würden. Nein, die Privilegierten profitieren simpel, weil das gesellschaftlich dominante System sie begünstigt, ob sie es nun wahrnehmen oder nicht. Das Problem sind nicht zuerst die einzelnen Menschen. Das Problem ist das korrumpierte System, in dem eine Gesellschaft meistens unbewusst lebt und webt.


Der postmoderne Philosoph Michel Foucault hat hier gute Grundlagenarbeit geleistet: 'Macht ist überall, nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall her kommt.' [1] Wie ist das zu verstehen? 'Macht' ist überall in der Gesellschaft präsent, genau weil eben jeder und jede, von der Putzfrau bis zum Manager, sich am gesellschaftlich dominanten Diskurs beteiligt. Und es ist dieser Diskurs, der das Machtgefälle legitimiert. Es ist dieser Diskurs, der uns lehrt, was 'Wahrheit' ist, wie wir in einer Gesellschaft zu denken und zu leben haben. Wir alle sind in diesem gesellschaftlichen System sozialisiert worden und darum denken und reden wir so (natürlich war auch Foucault so sozialisiert, nur dass er sich herausnahm, 'aus einer gewissen Distanz' darüber reflektieren zu können). Am meisten hatte Foucault den Bereich der Wissenschaft auf dem Korn. Er meinte, dass der wissenschaftliche Diskurs 'sich als oberste Autorität' über alles andere setze. [2] Was die Wissenschaft als ihre Erkenntnis präsentiert, gilt folglich als allgemein wahr. Foucault versuchte aufzuzeigen, wie selbst die 'neutralen' Wissenschaften mit nicht so neutralen Mitteln arbeiteten, um ihre Positionen zu legitimieren. Diese grundsätzliche Skepsis gegenüber der Wissenschaft hielt Einzug in die neueren postmodernen Theorien über soziale Gerechtigkeit, so dass sie heute zum Inventar gehören.


Von der Theorie zur Praxis, oder warum ein Philosoph nicht für ewig im Lehnstuhl sitzen bleiben kann

Die Väter der postmodernen Theorie waren primär philosophisch orientiert. Sie untersuchten die gesellschaftlichen Diskurse und dekonstruierten diese, ohne dabei gross praktisch zu werden. Wie Pluckrose und Lindsay in ihrem Buch beschreiben, veränderte sich dies aber in den späten 80ern. Die postmoderne Theorie wurde aus ihrer passiv-nihilistischen Nische 'befreit' und für ein aktiv-politisches Programm fruchtbar gemacht. In diesem Zug entwickelte sich ein ganzer Zweig neuer wissenschaftlicher Disziplinen. [3] Zu nennen wären unter anderem der intersektionale und schwarze Feminismus, die postkoloniale Theorie, die Queer-Theorie und die Critical Race Theory, die momentan vor allem in Amerika Furore macht. Allen diesen neueren Theorien ist gemein, dass sie bestrebt sind, 'diese Welt kritisch zu beschreiben, um sie daraufhin zu verändern.' Simples Dekonstruieren reichte jetzt nicht mehr aus. Es musste auch etwas unternommen werden.

Die Gelehrten dieser neuen Disziplinen argumentierten vermehrt, dass das postmoderne Gedankengut zwar dabei helfen könne, den sozial konstruierten Diskurs blosszulegen, dass aber ein radikaler Spektizismus nicht mit Aktivismus kompatibel sei. (Zynische Theorien, Seite 47)

Anders formuliert, diese neuen Theorien behielten die beiden Grundprinzipien der Postmoderne (das postmoderne Erkenntnisprinzip und das postmoderne politische Prinzip) im Gepäck, erweiterten dieses aber durch einen politisch-orientierten Aktivismus. Es erschallte plötzlich der Ruf, soziale Ungerechtigkeit (gemäss dieser Theorien) in unserer Gesellschaft konkret anzugehen und auf eine Verbesserung hinzuwirken.


Wie muss man sich diese aktivistische Wende vorstellen?

Wenn Wahrheit eine Konstruktion ... ist und durch unsere Alltagssprache propagiert wird, dann kann 'Wahrheit' verändert werden, dann können Machtstrukturen umgestossen werden, indem wir beginnen, anders über die Dinge zu reden. (Zynische Theorien, 61)

Wenn das nach political correctness tönt, dann weil es hier um politisch korrekte Sprache geht. Die Methode geht folgendermassen: Der gängige Diskurs einer Gesellschaft wird 'problematisiert'. Man will aufzeigen, dass er in sich (aber meistens nicht offensichtlich, sondern subtil) ungerecht und unterdrückend ist. Beispiel: Wieso sollten wir heute nicht mehr von Politikern reden können? Weil es eben längst auch Politikerinnen gibt und es ungerecht wäre, unsere politisch aktiven Frauen durch unseren Sprachgebrauch zu marginalisieren. Aus demselben Grund ist die gebräuchliche Aussage, dass ich 'zum Arzt' gehe problematisch. Soziale Ungerechtigkeit zeigt sich gemäss dieser Theorie darin, dass wir durch unseren Sprachgebrauch jeweils das männliche Element präferieren und das weibliche Element marginalisieren. Diese Feststellung eröffnet nun einen politischen Handlungsspielraum.

Wenn das, was wir als wahr akzeptieren, nur als wahr gilt, weil der Diskurs der heterosexuellen, weissen, reichen und westlichen Männer privilegiert wurde, dann kann [und soll!] dies verändert werden. Marginalisierte Identitätsgruppen sollen mehr Gehör finden und ihr Diskurs soll Vorrang bekommen. (Meine freie Übersetzung, Seite 62)

Willkommen in der sogenannten Identitätspolitik. Genau diese Dynamik lässt sich zum Beispiel im Konzept der sogenannten 'research justice' beobachten. Dieses Konzept besagt, dass in wissenschaftlichen Studien nun bevorzugt Frauen und nicht-westliche Stimmen zitiert werden sollen, da der wissenschaftliche Diskurs traditionell und ungerechterweise immer schon durch die weissen, westlichen Männer dominiert wurde.


In der ganzen Situation stellt sich die Frage, was soziale Gerechtigkeit überhaupt ist. Denn Bestrebungen für Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben sind keine Erfindung der Postmoderne. Vielmehr ist es offensichtlich, dass es im Verlauf des 20. Jahrhunderts durch die Bürgerrechtsbewegung und anderen liberal progressiven Bewegungen zu einem immensen Schub an sozialer Gerechtigkeit kam. Amerika hatte seinen schwarzen Präsidenten, Homosexualität wurde dekriminalisiert (!) und die Frau wurde von ihrer Mutter-und-Hausfrauenrolle befreit. Natürlich sind die Probleme nicht ganz vom Tisch und vor allem noch in den Köpfen mancher konservativ Eingestellten. Und genau hier möchte die postmoderne Theorie einhaken. 'Wir mögen zwar legale Gerechtigkeit erreicht haben. Doch das ganze gesellschaftliche System tickt auf einer tieferen Ebene nach wie vor hetero-weiss-und-westlich, und das wollen wir adressieren.'


Das Ganze am Beispiel der Queer-Theorie

Die Queer-Theorie hat es sich zum Ziel gesetzt, den Menschen aus den 'Zwängen des Normalen', von den gängigen Kategorien von Geschlecht und Gender zu befreien. Die Theorie versteht das binäre Paar 'Mann und Frau' als reine gesellschaftliche Konstruktion. Mehr noch, diese Kategorie ist nicht nur konstruiert, sie ist auch unterdrückend.

Die Queer-Theorie nimmt an, dass Unterdrückung aus einer Kategorisierung folgt, die jedes mal stattfindet, wenn sprachlich festgelegt wird, was als 'normal' gilt. Und 'normal' wird nun mal durch rigide Kategorien wie Geschlecht (männlich und weiblich), oder Sexualität (hetero, homo, lesbisch, bisexuell, usw.) definiert, wodurch Menschen in diese Kategorien 'gezwängt' werden. (Meine freie Übersetzung, Seite 89)

Die Queer-Theorie ist ein Stiefkind der Postmoderne, vor allem weil sie sich so intensiv auf Sprache fokussiert (Sprache, die Realität definiert und andere unterdrückt) und darauf drängt, dass jegliche festen Grenzen (männlich-weiblich, hetero-homo) verwischt werden sollen. Pluckrose und Lindsay stellen fest, dass 'die Queer-Theorie frustrierend schwer zu verstehen ist, da sie Inkohärentes und Unlogisches hochhält'. Und trotzdem ist sie enorm einflussreich in der heutigen Diskussion der Identitätspolitik.


Das Adjektiv 'queer' bezieht sich konsequenterweise auf alles Mögliche ausserhalb einer normalen (gesellschaftlich definierten) Grenze.

Queer erlaubt es, gleichzeitig männlich, weiblich, oder keines von beiden zu sein, sich als männlich, weiblich oder geschlechtslos, oder gar als Mix aus allen Dreien zu präsentieren, jede mögliche sexuelle Form auszuprobieren, nur um am Ende jegliche Identität wieder abzulegen oder zu sagen, dass die gewählte Identität sowieso nichts bedeutet. (Meine freie Übersetzung, Seite 93-94)

Jeder, der ab und zu in den sozialen Netzwerken verweilt, stellt fest: Die Queer-Theorie hat eine politische Agenda. Sie will alles gesellschaftlich Normative hinterfragen und deplatzieren. Queer gibt es sogar als Verb: 'Etwas zu 'queeren' meint, seine Stabilität zu hinterfragen, fixe Kategorien zu stören und alles Binäre zu problematisieren.' Ihr Ziel ist, allen Gruppen, die aus dem Normalen herausfallen, einen Platz zu geben. Also solchen Menschen, die sich der 'Kategorie' (??) LGBTQ zuordnen würden. Der queere Impuls ist ethischer Natur. Gruppen wie LGBTQ würden durch den normalen Diskurs marginalisiert und damit unterdrückt und dieses Unrecht müsse auf politischem Weg angegangen werden. Das gängige Verständnis vom biologischen Geschlecht und von Sexualität sind nur Konstrukte einer ungerechten Hierarchie, die gestürzt werden muss.


Man mag sich an der Stelle fragen: Gibt es keine gefestigte wissenschaftliche Erkenntnis bezüglich der Biologie des Mannes und der Frau? Kann man aufgrund dieser Erkenntnis keine normativen Aussagen über das Mann oder Frau Sein machen, selbst wenn es dabei immer auch Ausnahmen gibt? Die Queer-Theoretiker*innen misstrauen, geimpft mit einer foucault'schen Dosis, der empirischen Wissenschaft. Sie begreifen Wissenschaft mehr als eine subtile 'Ausübung von Macht, denn als eine Produktionsstätte der Erkenntnis', gerade auch in Bezug auf die biologische Geschlechterfrage. Foucault's vierbändiges Werk The History of Sexuality ist hierfür grundlegend. Die Gesellschaft des 19. Jh. habe 'eine ganze Maschinerie in Bewegung gesetzt, um wahre Diskurse [über Sexualität] zu produzieren.' Man müsste besser sagen, zu konstruieren.


Die Queer-Theorie ist so radikal, dass sie sogar in Konflikt mit dem radikalen Feminismus gerät, weil dieser 'Frau' als feste Kategorie voraussetzt ('Frauen' werden von 'Männern' unterdrückt. Wir reden von zwei binären Kategorien hier). Wenn nun Queer-Aktivist*innen kommen und diese Kategorien auflösen, untergraben sie das feministische Anliegen und führen es ad absurdum. Man darf zurecht fragen, ob dies nicht wieder zu neuen Formen der Unterdrückung führt, wenn ehemals biologisch-geschlechtliche Männer sich nun 'als Frauen oder irgendetwas dazwischen' in eine 'Frauendomäne' begeben, um sich dort zu profilieren. [4]


Der neue Moralismus der (postmodernen) sozialen Gerechtigkeit, oder warum Christen sich wieder in den Lehnstuhl begeben und mehr lesen sollten

Die Queer-Theorie und ihre verwandten Schwester-Theorien propagieren einen neuen, ganz non-postmodernen Objektivismus. Obwohl sie daran festhalten, dass Wahrheit, Erkenntnis und Wissen konstruiert sind, können sie mit Sicherheit sagen, dass die Unterdrückung gewisser Identitätsgruppen real ist. In anderen Worten, sie behaupten Gewissheit zu haben, welche Identitäten es definitiv gibt (LQBTQ, nicht-westlich, usw.), weil ja genau diese Identitätsgruppen in den Fokus gerückt und 'befreit' werden sollen. Setzen sie also doch gewisse stabile Kategorien voraus? Gerade die Queer-Theorie operiert ja in ihrer Grundsatzdiskussion mit (oder gegen) fixe Kategorien, die sie gerne demontiert hätte. Wie würde die Queer-Theorie gehen, wenn sie gar kein Negativ hätte, gegen das sie protestieren kann? [5] Was die neuen Theoretiker ebenfalls ganz genau zu wissen meinen ist, dass ein bestimmter Sprachgebrauch unterdrückend ist. In dieser Feststellung sind sie nicht vage, sondern glasklar. Das muss auch so sein. Richtige Aktion wird nun mal nicht durch nebulöse Spekulationen motiviert.


Mit dieser erkenntnismässigen Gewissheit geht ein moralischer Imperativ einher, eine neue Vision der Gesellschaft, die neugeordnet werden kann und muss, damit soziale Gerechtigkeit wiederhergestellt würde. Pluckrose und Lindsay halten fest:

[Die neuen Theorien] interessieren sich mehr dafür, ein bestimmtes 'so soll es sein' zu befürworten, denn eine distanzierte Beschreibung des 'wie etwas ist' zu geben. [Sie nehmen dabei] eine Haltung ein, die wir normalerweise mehr mit einer Kirche als mit einer Universität assoziieren. (Seite 48)

Dieser moralische Imperativ trifft die Gesellschaft mit gewichtigem Schwung. Es ist gar nicht mehr so leicht, eine andere Meinung zu vertreten, wenn man nicht als Ketzer und Verhinderer der sozialen Gerechtigkeit verschrien werden will. Wenn Christen hier ihre biblisch-konservative Position vorstellen, werden sie nicht nur als wertkonservativ, sondern als moralisch falsch und sogar gefährlich abgetan, denn ihre Haltung hindert die Gesellschaft ja daran, zu einer gerechteren sozialen Ordnung zu gelangen. Es sollte darum unbedingt zum christlichen Repertoire gehören, sich mit dem Phänomen der (postmodernen) Theorie der sozialen Gerechtigkeit auseinanderzusetzen, um aufzeigen zu können, dass diese Theorie ihrerseits eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die eine bestimmte Wahrheit über das Menschsein und unsere heutige Gesellschaft vorschreibt.



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[1] Michel Foucault, The History of Sexuality: Vol. 1, an Introduction, Seite 54

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[2] Ebd., Seite 93.

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[3] Diese Disziplinen befassen sich vor allem mit 'Identität', kulturell, sexuell oder rassisch. Darum der Terminus 'Identitätspolitik'.

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[4] https://www.nzz.ch/sport/tas-intersexuelle-caster-semenya-verliert-vor-gericht-ld.1460979?reduced=true

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[5] Aufschlussreich ist dieser Satz von Kimberlé Crenshaw: "But to say that a category such as race or gender is socially constructed is not to say that that category has no significance in our world." (Zitiert in Zynische Theorien, Seite 57)

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