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  • matt studer

John Owen und der Kampf gegen die Sünde - Erster Teil



Wenn ihr euer Leben von eurer eigenen Natur bestimmen lasst, müsst ihr sterben. Doch wenn ihr in der Kraft von Gottes Geist die alten Verhaltensweisen tötet, werdet ihr leben.

(Paulus in Römer 8,13)


(Martin Luther)

Do you mortify; do you make it your daily work; be always at it whilst you live; cease not a day from this work; be killing sin or it will be killing you.

(John Owen)



Von Sünde zu reden ist nicht gerade hip. Und dann noch das Bild des Kampfes gegen die Sünde zu evozieren, na dann prost. Ich muss gestehen, dass ich diesen Beitrag ohne apologetische Absicht schreibe. Ich werde also nicht gross erklären, was Sünde ist und warum man gegen sie kämpfen soll. Vielmehr setze ich voraus, das meine Leser bereits etwas davon verstehen, oder sonst einfach neugierig sind. Dass sie schon erlebt haben, wie Sünde im Leben regieren kann und auch den Wunsch kennen, davon frei zu werden. Das einzige was ich hier noch ergänzen möchte ist, dass Sünde biblisch gesehen eine ganzheitliche Sache ist, dass sie uns Menschen bis ins Herz, bis hin zu unseren tiefsten Sehnsüchten und Motivationen erfasst. Ich gehe mit Jesus einig, wenn er sagt:

Was aus dem Mund herauskommt, kommt aus dem Herzen, und diese Dinge sind es, die den Menschen unrein machen. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Aussagen, Verleumdungen. (Matthäus 15,18-19)

Genau darum geht es. Denn wenn wir gegen die Sünde kämpfen, dann richten wir unser Augenmerk gerade auch auf unser Inneres und nicht nur auf irgendwelche offensichtlich schlechten Taten oder Gewohnheiten (obwohl wir diese selbstverständlich adressieren). Der Kampf gegen die Sünde ist ein Kampf um unser Herz: Leben wir so, dass wir Christus lieben und ihm gefallen wollen, oder um unsere sündigen Sehnsüchte und Wünsche zu befriedigen? Natürlich ruft dieses Bild des Kampfes bei uns allen ganz unterschiedliche Vorstellungen wach. Für den einen riecht es hier bereits nach 'Gesetzlichkeit': Aus Gnade sind wir doch erlöst. Da tönt Kämpfen verdächtig nach Eigeninitiative, nach irgendeinem Versuch, sich selber zu erlösen, anstatt die Sache Gott zu überlassen. Für andere hat das Bild des Kämpfens fast einen 'mittelalterlichen' Beigeschmack: Heisst das, wir geisseln uns selber und quälen uns zu einem irgendwie 'geheiligten' Leben, so wie die Mönche in strenger klösterlicher Manier dies getan haben?


Ich kann versprechen, dass wir uns hier in eine ganz andere Richtung bewegen werden. Es könnte sich also vielleicht lohnen weiterzulesen. Für diesen Kampf gegen die Sünde laden wir den berühmten (jedenfalls in gewissen theologischen Kreisen bekannten) puritanischen Theologen und Pastor John Owen ein, der zu seiner Zeit das Büchlein The Mortification of Sin in Believers ('Die Abtötung der Sünde im Leben des Christen') verfasst hat. Vielleicht nicht gerade ein Titel, der heute Publikumswirksam wäre. Trotzdem, wir können es uns nicht leisten, die tiefen Einsichten Owen's zu vernachlässigen. John Owen wurde zurecht der Doktor der menschlichen Seele genannt. Sein Röntgenblick auf das (sündige) Eigenleben des menschlichen Herzens und seine durch und durch biblisch-gesättigte 'Medizin', die er seinen Patienten verabreichte, sollten uns auch heute noch begleiten und befähigen, den guten Kampf des Glaubens gegen die Sünde zu kämpfen. In diesem Teil werden wir überblicksartig beginnen: Um was geht es überhaupt und was spielt dabei eine Rolle? In zwei nachfolgenden Teilen wird es dann um die konkrete und praktische Umsetzung gehen.


Wenn wir in der Kraft von Gottes Geist die alten Verhaltensweisen töten ...

Ungefähr so lesen wir es im Römerbrief, Kapitel 8 Vers 13. Und exakt dieser kurze Vers bildet die Grundlage für Owens Buch The Mortification of Sin in Believers. Paulus skizziert eine christliche Hausaufgabe, die er jedem Christen fest ans Herz legen will (und Paulus adressiert mit dieser Aufgabe nur Christen, wie Owen ausführlich klarmacht). Es geht um eine Aufforderung, einen Imperativ, gekoppelt an ein Versprechen wohlgemerkt: Wenn ihr ... dann bekommt ihr. Gleichzeitig funktioniert es ohne Gnade eben nicht: Wenn ihr in der Kraft des Heiligen Geistes ... Warum? Weil der Geist Gottes sich immer schon gegen die sündige menschliche Natur richtet (Galater 5,17). Und dieser Geist, der in uns lebt und waltet, wirkt permanent darauf hin, dass wir gegen unsere Sünde angehen. Owen warnt uns sogar, dass wir uns nicht auf unsere eigene Kraft und Ingeniosität verlassen sollen:

Mortification from a self-strength, carried on by ways of self-invention, unto the end of a self-righteousness, is the soul and substance of all false religion in the world. (Seite 7)

Die alten Verhaltensweisen - Paulus spricht sonstwo auch von den Werken des Fleisches - die alten sündigen Muster, die wir kultiviert haben, die aber nicht mehr zu einem Leben mit Gott, zu einem Leben im Geist passen. Diese Verhaltensweisen sollen wir nicht nur ablegen, sondern abtöten. Die Sprache ist ganz bewusst krass hier. Töten ist eine aktive und entschlossene Sache, kein Larifari-Betrieb. Wir sollten dabei nicht auf halber Strecke stehen bleiben und uns zufrieden geben, wenn wir an einer Stelle etwas Unkraut gejätet haben, wennn es an anderer Stelle schon wieder spriesst. Wir sollen, um wieder auf das Bild des Baumes mit den guten oder schlechten Früchten zurückzukommen, die Axt an der Wurzel anlegen. Paulus hat uns in Kapitel 7 (und Anfang von 8) seines Römerbriefs unverblümt eröffnet, dass die Sünde eben dem Menschen innewohnt. Dass wir es hier nicht mit einer lästigen Fliege zu tun haben, die uns hier und dort mal um den Kopf schwirrt und stört, sondern um ein Krebsgeschwür, dass sich in den inneren Organen ausbreitet. Darum müssen wir das Unkraut bei der Wurzel packen, um es zu vernichten. Owen formuliert es so:

The deeds of the flesh are to be mortified in their causes, from whence they spring. (Seite 8)

Paulus vergleicht die Sünde in uns mit einem lebendigen Wesen - der alte Mann oder der alte Adam - und dieses Wesen sollen wir killen, salopp gesagt. Nicht mehr und nicht weniger. Aber killen heisst nicht 'in die unterste Schublade verstauen, wo niemand es mehr sieht'. Auch nicht 'der Sünde mal ein Bein stellen, so dass sie hinfällt und wir einen Vorsprung bekommen, nur damit sie uns etwas später wieder einholt'. Killen heisst killen, kalt machen, ausschalten, ausradieren, dass sich das Ding am Ende nicht mehr bewegt, nicht mehr aktiv werden kann.

To kill a man ... is to take away the principle of all his vigor, and power, so that he cannot act or exert, or put forth any proper actions of his own. (Seite 8)

Nochmals, für alle Verfechter der Gnade: Ja, die Sünde oder das Wesen der Sünde ist durch das Kreuz bereits vernichtend geschlagen! Unser sündiges Wesen wurde mit Christus gekreuzigt und unwirksam gemacht (Römer 6,6). Wir werden später noch sehen, welche wichtige Rolle dieser einmalige Sieg am Kreuz im Prozess der Abtötung der Sünde für Owen einnimmt. Doch obwohl dieser Sieg errungen ist, muss er sich in unserem Leben erst noch voll auswirken - durch unsere aktive Mithilfe. Das nennt man in christlich-altmodisch 'Heiligung' - und hat rein gar nichts mit Gesetzlichkeit zu tun. Die reformatorische Strömung, der sich auch Owen zugehörig fühlte (und die übrigens nie etwas für eine sogenannt billige Gnade übrig hatte), sieht Heiligung als einen Prozess an, der das ganze Leben über andauert.

The whole work is by degrees to be carried on towards perfection all our days. (Seite 8)

Und zu diesem Prozess der Heiligung gehört der Kampf gegen die Sünde, das Abtöten dieser alten Natur, nun mal bis an unser Lebensende dazu. Für alle, die gerne die Bibel zum Thema aufschlagen wollen: Sünde umstrickt uns und nimmt uns leicht gefangen (Hebr. 12,1). Sie ist immer noch aktiv in uns (Galater 5,17), darum müssen wir auch aktiv dagegen angehen (Hebr. 12,4). Die Sünde, wenn man sie machen lässt, wirkt sich in alle möglichen destruktiven Richtungen aus (Gal 5,19-21). Ja, sie sucht nach einem Platz weit weg von Gott und seinem guten Leben. Owen beschreibt es so:

Sin aims always at the utmost; every time it rises up to tempt or entice, might it have its own course, it would go out to the utmost sin in that kind. Every unclean thought or glance would be adultery if it could; every covetous desire would be oppression, every thought of unbelief would be atheism, might it grow to its head. (Seite 12)

Grund genug also, täglich aktiv gegen die Sünde anzugehen und sie zu killen. Owen fasst zusammen:

The mortification of indwelling sin remaining in our mortal bodies, that it may not have life and power to bring forth the works or deeds of the flesh is the constant duty of believers. (Seite 8)

Konstant also. Einzelne Siege zählen schon, aber wir ruhen uns nicht auf den Lorbeeren aus. Owen ist hier knallhart. Er beschreibt die Situation, wie wir Sünde angehen, wenn sie uns wieder mal überrascht hat. Wir sind betroffen und entschlossen, endlich etwas zu verändern. Wir stellen Barrikaden auf, legen Schwüre ab und nehmen uns ganz fest vor, nicht mehr in die gleiche Falle zu tappen. Und dann tatsächlich, 'die Sünde ist eine Weile still'. Aber das ist noch nicht das Ende:

... but when the hurry is over and the inquest past, the thief appears again alive, and is as busy as ever at his work (S. 27)


Doch wenn wir in der Kraft von Gottes Geist die alten Verhaltensweisen töten ... werden wir leben!

Wir merken es, dieser Lebensstil ist an ein Versprechen geknüpft: Ihr werdet leben! Für Owen ist hier nicht in erster Linie das ewige Leben gemeint, sondern unser geistliches Leben mit Gott, dieser innere Mensch, der von Tag zu Tag erneuert wird, während die äussere Hülle altert (2 Kor 4,16). Natürlich hat jedes Kind von Gott, auch wenn es Sünde über eine Zeit lang toleriert, prinzipiell Zugang zur göttlichen Schatzkammer, die uns als Kinder Gottes immer offen steht. Die Frage ist eher, ob wir in der Fülle dieser Realitäten leben? John Owen meint also dieses geistliche Leben, ...

... which here we have; not as the essence and being of it, which is already enjoyed by believers, but as to the joy, comfort, and vigor of it. (Seite 9)

Owen vergleicht dies mit einem Garten, in dem das Unkraut täglich gejätet wird, so dass die schönen Pflanzen besser wachsen können. Findet mein geistliches Leben also eher mitten im Dickicht eines Unkrautdschungels statt, oder hat es Platz zum wachsen und atmen? Kann ich von mir sagen, dass ich Gott geniesse, mich über seine Zusagen freue und tief von ihm getröstet bin? Oder fühle ich mich geistlich an der Oberfläche, nicht so ganz energetisch geladen? Dann hat das vielleicht damit zu tun, dass ich der Sünde zu viel Spielraum lasse und nicht aktiv gegen sie angehe.

Negligence in this duty casts the soul into a perfect contrary condition to what the apostle confirms was his [namely joy, vigor and comfort]. (Seite 13)

Die Bibel redet eindeutig hierzu. Sünde verhärtet unser Herz, macht es geistlich hart und nicht empfänglich für das Wirken des Geistes (Hebr. 3,13). Sünde macht uns schwach, sie bricht uns, sie führt uns von Gott weg. Wie es der Psalmist treffend beschreibt: 'Wer sich aber von dem lebendigen Gott abwendet und anderen Göttern nachläuft, der kommt aus dem Kummer nicht mehr heraus.' (Ps 16,4) Sünde verdunkelt unsere geistliche Sicht und

legt uns Steine vor die Eingangstür zu Gott.

Sin ... darkens the soul. It is a cloud, a thick cloud, that spreads itself over the face of the soul, and intercepts all the beams of God's love and favor. It takes away all sense of the privilege of our adoption. (S. 23)

So wachsen wir nicht in der Gnade, die uns geschenkt ist. Unser geistliches Leben blüht nicht richtig auf, wenn wir diese wichtige Aufgabe vernachlässigen! Manchmal tut es Not solch drastische Worte zu hören, wie Owen sie formuliert:

Sin sets its strength against every act of holiness, and against every degree we grow to. Let not that man think he makes any progress in holiness who walks not over the bellies of his lusts. He wo doth not kill sin in his ways takes no steps towards his journey's end. (S. 14)

Das ist aber nur die eine Seite, wenn man Sünde kavaliermässig behandelt. Owen zielt ja aber gerade in die andere Richtung. Er ermutigt und ermahnt dazu, den täglichen Kampf nicht zu scheuen, damit wir das geistliche Leben in der Fülle haben können. Dies ist sein Anliegen und Ziel.











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