• matt studer

Erziehen für den Weg - von Helikopter und Rasenmäher-Eltern

Aktualisiert: 4. Mai


“Prepare your child for the road, not the road for your child.”



Dieses Leben ist keine Konfitüre. Es kein Wellness-Angebot und es kommt nicht nur im Deluxe-Format, leider. Oder vielleicht besser, denn wessen Leben manchmal einem harten Wind ausgesetzt wird, der darf lernen sich zu bewähren und standhaft zu werden. 'Und durch die Standhaftigkeit soll das Gute, das in eurem Leben begonnen hat, zur Vollendung kommen. (Jak 1,3-4) Die Bibel ist ziemlich realistisch, was das Leben unter der Sonne anbelangt. Wir sind eben keine Harry Potter's, die Schwierigkeiten einfach so wegzaubern könnten. Wir werden Schwierigem ausgesetzt und müssen lernen, damit umzugehen.


Wieso stehen wir dann in der allgegenwärtigen Versuchung, unsere Kinder vor ihrer Portion an Schwierigem zu bewahren? Die Autorin Lenore Skenazy stellt folgendes fest:

Wir [Eltern] sind immer präsent. Und weil wir vieles einfach besser können als unsere Kinder, fällt es uns es so schwer, sie machen zu lassen, wenn sie 'dumme Dinge' anstellen. So wie hinter einem Kind durchzulaufen, das gerade am Schaukeln ist ... Natürlich springen wir rettend in die Situation, noch mit einem guten Ratschlag im Gepäck. Puh, Problem behoben, Gefahr abgewendet. Die Ratlosigkeit unserer Kinder zu sehen, überzeugt uns nur noch mehr, dass sie ohne uns ständig in Gefahr, oder tot wären. (Meine freie Übersetzung)

Interessanterweise trägt Skenazy in Amerika den ehrenvollen Titel 'America's worst Mum', den sie sich auch redlich verdient hat. Sie liess ihren neunjährigen Sohn in der New Yorker U-Bahn alleine nach Hause fahren. Als diese 'grobfahrlässige Tat' medial belichtet wurde, waren viele der festen Überzeugung, dass so etwas nicht geht! Zu gefährlich, zu unverantwortlich, zu naiv!


Als Eltern sind wir von Natur aus um unsere Kinder besorgt. Besorgt, dass ihnen nichts Schlimmes passiert und darum bemüht, dass ihnen viel Gutes widerfährt. Wir sehen uns als Beschützer und Wohltäter, als Bodyguards und Förderer. Dazu sind wir ja auch Eltern. Nur könnte es sein, dass wir es etwas übertreiben. Greg Lukianoff und Jonathan Haidt reden sogar von 'paranoid parenting', einer Angst-gesteuerten Erziehung, die nach dem Motto agiert: 'Was dich nicht umbringt, macht dich schwächer.' Sie beobachten, dass diese Art der Erziehung heute zugenommen hat. [1]


Wir alle sind ihnen schon begegnet, den sogenannten Helikopter-Eltern. 'Hallo, du hast dein Znünisäckli vergessen.' 'Pass auf, die Rutschbahn ist gefährlich.' Helikopter-Eltern schweben ständig 'über' ihren Kindern und um sie herum. Wenn die Kinder eben etwas vergessen haben, kein Problem, es wird ihnen frei Haus nachgeliefert. Wenn das Kind die Kletterwand hochsteigt, ist die Hand bereits stützend und schützend da. Was ich letzthin lernen durfte: Man spricht heute auch noch von Rasenmäher-Eltern. Ein tolles Bild! 'Das Gras vor dir ist doch zu hoch. Komm, ich mäh dir eine Spur, auf der du widerstandsfrei vorwärts schreiten kannst.' Rasenmäher-Eltern rollen das Leben gut gemeint wie einen englischen Rasen vor ihren Kindern aus, um ihnen eine gefahrlose und unbeschwerte Existenz zu ermöglichen.


Ich weiss nicht wie es dir geht, doch ich finde mich darin irgendwie wieder. Wie oft griff ich schützend, bewahrend, schlichtend, lastenabnehmend oder ideenliefernd ein, wenn ich vielleicht gar nicht gemusst hätte. [2] Skenazy beruhigt uns: Unsere Kultur macht es uns nicht leicht. Es wird ja regelrecht von uns erwartet, dass wir unsere Kinder zu all ihren Aktivitäten hinschleppen, selbstverständlich bei jedem Fussballspiel zugegen sind, bei den Hausaufgaben mithelfen oder ihnen das Butterbrot streichen. Sie schreibt:

Es ist eine endlose Schlaufe. Sie [die Kinder] sind noch nicht kompetent, aber wir [Eltern] sind es. Also übernehmen wir ... und das hindert sie wiederum daran, selber Kompetenzen zu lernen.

Ich glaube, es geht hier um mehr (aber nicht um weniger) als das fachgerechte Streichen eines Butterbrots. Das Problem liegt tiefer, als dass unsere Kinder gewisse Kompetenzen vielleicht früher erlernen könnten. Es geht letztendlich um Selbständigkeit und Reife. Das Problem könnte so formuliert werden: Eigentlich wünschen wir uns von Herzen, dass unser Kinder zu reifen, selbständigen und intrinsisch-initiativen Menschen heranwachsen, dass sie Verantwortung übernehmen und aufrecht durch ihr Leben gehen. Doch dann hindern wir sie daran, genau dieses Ziel zu erreichen, indem wir uns als übermässige Beschützer und als ständige Unterhalter davorstellen. Nicht ohne Folgen, wie Skenazy feststellt:

Nachdem ich über vierzehn Jahre darüber nachgedacht habe, warum unsere Kinder so ängstlich und passiv sind, musste ich zu diesem erstaunlich simplen Schluss kommen: Der Grund ist, dass sie einfach nicht von uns weg kommen, dass wir ständig präsent sind. (Meine sehr freie Übersetzung)

Das mag vielleicht etwas hart und übertrieben tönen, doch ich glaube, dass ein Kernlein Wahrheit in dieser Aussage liegt. Der Nebeneffekt von Helikoptern und Rasenmähern ist, um den Apostel Paulus mal ganz kontextfrei zu zitieren, dass wir unsere Kinder nicht aus ihrer Unmündigkeit herausbegleiten, sondern sie mit Ketten der Abhängigkeit festhalten. 'Denn, solange der Erbe noch unmündig ist, unterscheidet ihn nichts von einem Sklaven, obwohl er doch der künftige Herr des ganzen Besitzes ist. Er ist vielmehr Vormündern unterstellt, und sein Vermögen wird von Treuhändern verwaltet.' (Gal 4,1-2)


Ich glaube, es gibt (mindestens) zwei Probleme, die das Helikopter-und-Rasenmäher-Phänomen begünstigen. Das Erste ist, was Haidt und Lukianoff als 'safetyism' bezeichnen. Unser heutiges kulturelles Klima leide, so die beiden Autoren, unter einem 'Kult der Sicherheit', der sich auch in unserem Erziehungsstil bemerkbar mache. Was auch immer man von dieser These halten will (und man sollte das Buch unbedingt lesen und auf sich wirken lassen!), es stimmt in der Tendenz schon, dass Kinder heute viel wohlbehüteter aufwachsen, als sagen wir noch vor hundert Jahren. Meine Grosseltern genossen viel weniger direkte elterliche Betreuung und mussten schon in zartem Alter auf dem Hof mit anpacken. Vielleicht ist das eine zu nostalgische Vorstellung. Und ganz sicher war auch nicht alles gut daran. Kinder brauchen die elterliche Fürsorge und Präsenz und sie hatten damals zu wenig davon! Ich behaupte schlicht, dass wir heute in einer Zeit leben, die es uns nicht ganz so leicht macht, unsere Kinder freudig und mutig flügge zu präsentieren.


Das zweite Problem geht tiefer, denn es spielt sich in unseren Herzen ab (zumindest in meinem). Das Problem hat damit zu tun, dass wir als Eltern Verantwortung für unsere Kinder haben, die Kinder aber nicht uns 'gehören'. Sie sind nicht unser Eigentum (so wie Sklaven es wären), in dem Sinn, dass wir über sie verfügen könnten. Die Spannung liegt auf der Hand: es sind unsere Kinder, sie stammen von uns, sie tragen unsere DNA. Doch sie sind auch eigenständige Wesen mit eigenem Willen und ihrem persönlichen Weg. Als Eltern begleiten wir sie auf diesem Weg mit dem Ziel, sie eines Tages ganz alleine weiterziehen zu lassen. Das ist auf eine Art schmerzhaft und kostet uns etwas. Ich stelle fest, dass sich in mir der Wunsch regt, dass ich meine Kinder nahe bei mir haben will, dass ich ihre Liebe und Anerkennung möchte. Ich wünsche mir insgeheim, dass sie mich als Daddy und Vorbild anhimmeln und mich die ganze Zeit supertoll und superspannend finden. Dieser Wunsch ist sicher normal. Jeder Vater fühlt ihn. Und das ist bis zu einem gewissen Grad auch gut so. Gleichwohl gilt:

Wer das Urteil der Menschen fürchtet, gerät in ihre Abhängigkeit; doch wer dem HERRN vertraut, ist gelassen und sicher. (Sprüche 29,25)

Könnte es sein, dass ich mich als Vater in die Abhängigkeit meiner Kinder begebe? Dass ich mich durch ihr Urteil über mich definiere, wenn auch nur ein Stück weit? Ich meine, diese Tendenz in meinem Herzen zu spüren. Dass neben all der Liebe, die ich für meine Kinder habe und die mich zu heroischen Akten der Selbstaufopferung motiviert, eine Portion egoistische Selbstliebe mit im Spiel ist. Dass ich, gerade weil ich mich doch so für die Kinder aufopfere, ihre Anerkennung manchmal fast einfordere (als hätte ich sie mir verdient) und beleidigt oder wütend reagiere, wenn sie ausbleibt. Ich hänge an meinen Kindern, vielleicht einen Ticken zu fest, weil sie mir helfen, meine Identität zu sichern. Ja, Vater sein bringt viel Sinnhaftigkeit und Richtung ins Leben. Man weiss, für was man am Morgen aufsteht. Aber die Kinder sind nicht dazu da, meine tiefsten Unsicherheiten zu überdecken und meine existenziellen Mängel zu füllen. Das kann nur Gott - und wer ihm vertraut, der kann gelassen und sicher sein! Ich kann hier nur von mir reden, das ist klar. Aber in meinem Fall gilt, dass meine 'Abhängigkeit von meinen Kindern' eine ungesunde Abhängigkeit von ihnen zu mir zur Folge hat. Damit trage ich zum Problem bei: Indem ich sie zu nah 'bei mir' und zu fest 'für mich' haben will, behindere ich ihren Reifeprozess. Indem ich ihnen ständig helfe (um damit eigentlich mir zu helfen), helfe ich ihnen nicht nachhaltig weiter.


Wie gehe ich nun weiter? Wie schaffe ich es, den Rasenmäher einmal im Gartenhaus zu lassen? Mir hilft es, über das 'Endziel' zu meditieren: die Mündigkeit meiner Kinder. Auf dieses Ziel hinzuarbeiten ist einer der wichtigsten Dienste, den ich ihnen als Vater erweisen kann. Dabei lebe ich in der beständigen Spannung zwischen beschützen und loslassen, zwischen präsent sein und bewusst einmal nicht da sein, zwischen Lösungen geben und Lösungen vorenthalten, damit meine Kinder selber darauf kommen können. Ich tue dies alles im Gebet. Ich gebe meine Kinder in die Hände Gottes, wo sie am Besten aufgehoben sind. Und dann stelle ich plötzlich fest, dass das Helikoptern eigentlich recht anstrengend war. [3]



________________________________________________________________________________

[1] Siehe ihr Buch 'The Coddling of the American Mind: How Good Intentions and Bad Ideas Are Setting Up a Generation for Failure'.

Zurück zum Text


[2] Wissenschaftliche Untersuchungen könnten uns lehren, dass es für unsere Kinder längerfristig besser ist, wenn sie (auch) alleine spielen, wenn sie manchmal selber und ohne Schiedsrichter streiten und Konfliktlösungen finden, wenn sie selbständig entdecken und Grenzen austesten könne und wenn sie Langeweile erleben und etwas daraus machen müssen - alles im richtigen Mass natürlich.

Zurück zum Text


[3] Man wird's vielleicht gemerkt haben, dass ich aus dem Kontext einer Familie mit kleineren Kindern schreibe. So ist dieser Blogbeitrag auch zu lesen. Ich glaube zwar, dass die Herausforderung mit älteren Kindern die Gleiche bleibt, nur dass sie sich dann etwas anders ausgestaltet.






54 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen