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  • matt studer

Coming-In: (fast) alle sind willkommen! - Wie polemisches Storytelling funktioniert

Aktualisiert: 18. Sept. 2022



Wir verstehen alles im menschlichen Leben durch Geschichten. (Jean-Paul Sartre)



Kürzlich fand die erste öffentliche Tagung von 'Coming-In', einem Netzwerk, das sich für die Inklusion von LGBTQ*s in christlichen ('auch konservativen') Gemeinden einsetzt, statt. 'Coming-In' beschreibt ihr Anliegen so:

Wir träumen von Gemeinde, in der jede*r willkommen ist – egal ob lesbisch, schwul, bi, trans oder anders queer.

Das ist ein Traum, der mit unserem inneren Empfinden von Gerechtigkeit und Einheit in Einklang steht. Ein Traum, der etwas Tiefes in uns anspricht. Alle sind willkommen! Keine Ausgrenzung, keine Diskriminierung, kein Christsein 'erster oder zweiter Klasse', wie David Gushee, einer der Referenten dies so schön in Worte gekleidet hat. Das Evangelium ist eine Einladung an alle Menschen, egal wie rosa, blau, gelb oder grün sie daherkommen.


Diese Story der Inklusion tönt so gut, so plausibel, so richtig. Warum? Um mich vorneweg zu outen: Ich bin ein absoluter Befürworter von Inklusion, dass alle willkommen sind, egal welcher Couleur. Und doch sehe ich Sexualität weit weniger vielfarbig als meine LGBTQ-Geschwister. Eine Willkommenskultur und eine Gutheissungskultur sind noch lange nicht dasselbe. Es geht mir in diesem Artikel aber nicht darum, meine Ansicht dazu kundzutun (ein erster Versuch in diese Richtung findest du hier).


Dieser Beitrag ist persönlicherer Natur. Ich möchte etwas über meinen inneren Prozess berichten: Was passiert mit mir, wenn ich diese Stories der Inklusion (Gutheissung) höre und lese? Was machen diese Stories, so schön präsentiert, mit einem konservativeren Christen, der in der Frage wie menschliche Sexualität und Identität eigentlich gedacht ist, eine gegenteilige Position einnimmt? Man kann die Frage auch pointierter formulieren: Was wollen diese Stories eigentlich mit mir machen, was fordern sie von mir, das ich 'für die gute Sache' geben oder aufgeben müsste?


Storytelling, David Gushee und der Herr der Schlinge

Dass wir Menschen in Geschichten leben und sie brauchen, ist kein Headliner mehr. Wir sind Homo Narrans, geschichtenerzählende Wesen. Wir erklären uns unsere Existenz in Stories (woher kommen wir - wozu sind wir da - wohin gehen wir?). Stories bewegen uns, sie laden uns ein einzutauchen, mitzufühlen und mitzutun. Wenn Martin Luther King von seinem Podium verkündet hätte, 'Ich habe einen Traum, dass wir den Paragraphen Nr. 33 des Gesetzes um diese und jene Ausdrücke ergänzen und dass wir unsere Theorien der Gerechtigkeit seit Plato über Marx bis zu Habermas neu überdenken', hätte er ziemlich sicher nur wenige Anhänger gefunden. Doch M. Luther King erzählte eine bildgewaltige Story, die nicht vor allem den Kopf, sondern das Herz ansprach. Er malte eine Vision der Zukunft, mit der jede und jeder sich identifizieren konnte. Was hat das nun alles mit dem eigentlichen Thema zu tun? Ganz einfach, die Leute von 'Coming-In', David Gushee und wie sie sonst alle heissen, ermüden uns nicht mit exegetischen Feinheiten zum Begriff 'Homosexualität' im Koinegriechisch. Sie beliefern uns mit einer Story, die uns unmöglich kalt lassen kann.


Das macht es so schwierig für mich. Weil die Story definitiv was hat. Aber ich merke, wie sie mich in ihren Bann ziehen will. Sie will mich überzeugen, nicht mit Argumenten, nein, sondern mit Emotionen, mit Bildern, mit persönlichen Zeugnissen (Stories) betroffener Menschen. Es fühlt sich fast ein wenig so an, wie wenn diese Story eine Schlinge um mich legen und diese dann ganz langsam und so fest zusammenziehen würde, bis sie ganz Herr über mich ist und ich ihr nur noch zustimmen könnte. Zunächst widerwillig, am Ende vielleicht sogar 'ÜBERzeugt'.


David Gushee ist ein sehr guter Storyteller und ich orientiere mich an ihm, wenn ich nun versuche, den typischen Bogen dieser Story wiederzugeben. [1] Also, jede Story beginnt mit einer (mehr oder weniger neutralen) Ausgangssituation: Es gibt auf diesem Planeten Menschen, die in ihrer sexuellen Identität anders ticken, die einfach anders gewoben sind. Das ist einfach so! Zweitens kommt eine Komplikation hinzu, die Spannung und Leiden erzeugt: Diesen Menschen wird ihre Andersartigkeit abgesprochen, sie werden abgelehnt und ausgegrenzt, weil sie anders sind. Und das ist ungerecht, unmenschlich, unmöglich! Zum Schluss folgt eine Auflösung der Spannung oder das erstrebenswerte Ziel: Diese Menschen müssen befreit und wiederhergestellt werden.


Das ganze wird natürlich ausgeschmückt und schön verwoben. Zum Beispiel so:

Martha war eine Lobpreisleiterin in einer Freikirche und blühte in ihrem Dienst für Gott und die Gemeinde auf. Singen und musizieren gab ihr das Gefühl, lebendig zu sein. Anderen Menschen mit ihren Gaben zu bereichern, erfüllte sie mit tiefer Zufriedenheit und Sinn. Nur etwas passte nicht so ganz ins Bild. Seit ihrer Jugend hatte sie das Gefühl, dass sie nicht auf Männer steht. Damals legte sie das Gefühl einfach beiseite. Sie wusste von ihrer christlichen Erziehung her ja, dass die Frau für den Mann und der Mann für die Frau geschaffen war. Und in ihrer Kirche wurde auch schon mal abschätzig über Homosexuelle gesprochen. Doch das 'Gefühl' klang nicht ab. Eher nahm die Sehnsucht und das Verlangen nach einer anderen Frau zu. Doch kann sie ja nicht einfach so offen darüber reden. Ihr kirchliches Umfeld würde sie nicht verstehen, vielleicht sogar ablehnen. Als der innere Druck schliesslich zu stark wird, spricht sie mit ihrem Pastor und den Ältesten über ihr sexuelles Empfinden. Und ihre negativen Erwartungen erfüllen sich leider. Sie wird von ihrem Dienst als Lobpreisleiterin freigestellt und dazu aufgefordert, von der Sünde der Homosexualität umzukehren. Sie solle doch Seelsorge in Anspruch nehmen, dann würde Jesus sie schon heilen und ihre Sexualität in die richtige Richtung führen. Also verabschiedet sich Martha von ihrer Kirche und sucht ihren eigenen Weg. Sie sucht sich Gleichgesinnte, die ihr da schon voraus sind. Sie beginnt, ihr Gottesbild (und Menschenbild) neu zu denken und ihr Leben mit Gott neu durchzubuchstabieren. Doch der Bruch mit ihrer alten Kirchgemeinde bleibt bestehen.

Halten wir hier kurz inne. Merkst du, wie diese Story 'geframt' ist? Es wird von Anfang an implizit vorausgesetzt, dass sexuelle Orientierung eine rein individuell-persönliche Sache ist und keiner festgelegten Norm entspricht. Du bist so wie du fühlst und hast auch das Recht, so zu sein! Wie schlimm, wenn dieses persönliche Empfinden unterdrückt werden muss, weil die äussere Situation es verhindert, dazu zu stehen. Das ist dann der Punkt, an dem man gerne mit einem stilisierten Feindbild Regie führt (Achtung: ich sage damit nicht, dass sich die Story nicht tatsächlich so abspielen könnte. Ich beobachte nur, dass in den Stories, die wir angeboten bekommen, häufig mit diesem Feindbild operiert wird).


Gushee baut dieses Feindbild in seinem Unterkapitel mit dem schon bezeichnenden Titel 'Evangelikale und LGBTQ-Menschen: Was falsch lief!' effizient auf. Ende der 60er Jahre gab es noch Evangelikale, die (nur in Amerika natürlich) für die Todesstrafe für Homosexuelle plädierten. Auch wenn sich die evangelikale Mehrheit mit der Zeit gewandelt und ihre Rhetorik besänftigt hat (heute spricht man lieber davon, den Sünder zu lieben aber die Sünde zu hassen), ist das Problem noch lange nicht vom Tisch. Mit der Bibel in der Hand werden auch heute noch die natürlichen Gefühle von zu vielen Menschen unterdrückt.


In diesem Framing gibt es nur schwarz und weiss, die Bösen wider die Guten, die Täter und die Opfer. Hören wir uns mal an, wie Gushee die Situation der Leidenden beschreibt:

What evangelical leaders never seemed to realize was that their every anti-LGBTQ sermon, book, post, video, and doctrinal statement was also heard by a closeted population of suffering LGBTQ persons in their own families, churches and schools ... Terrorized, the fundamentalist/evangelical LGBTQ population was invisible to those who were making the authoritative declarations. (Seite 128)

Gab es in evangelikalen Kreisen vor allem terrorisierende Anti-LGBTQ-Predigten? Gehört ein Vortrag oder Blog, der in Bezug auf die sexualethischen Themen wertschätzend und fair eine andere Meinung vertritt auch in diese Kategorie? Darf man überhaupt anderer Meinung sein, oder gilt dies gerade als unterdrückend? Gehöre ich also auch zu diesen Terroristen und bin mitverantwortlich für das Leiden der Unterdrückten? Vielleicht nicht direkt. Und doch bekomme ich dieses Gefühl. Entweder ich wähle die Seite von Gushee und gehöre somit zu den Guten. Oder ich beharre auf meiner konservativen Position und werde zum Täter und muss mich folglich all diesen Anschuldigungen stellen. Das ist, was diese Story von mir fordert: Tue Busse und folge mir nach, ansonsten werden wir dich zur Rechenschaft ziehen.


Der Gegensatz zwischen Unterdrücker und Opfer erreicht ihren Höhepunkt, wenn David Gushee die Story in Richtung 'Befreiung' fortspinnt. LGBTQ's sind die Unterdrückten, bis sie endlich sichtbar werden und sich Gehör verschaffen,

... in immensely brave coming-out-only-to-be-kicked-out-family meetings; in bans from church ... in suicide attempts and completions; and finally in every kind of survivor storytelling.

Hier endlich haben wir die Helden, die Tapferen, die Überwinder der Story. Bitte versteht mich nicht falsch. Ich glaube und weiss, dass es genug im-Namen-der-Kirche-leidende-und-unterdrückte Menschen gibt. Ich kann mir vorstellen, dass das Coming-Out für viele LGBTQ*ler ein traumatisches Erlebnis war, als sie auf Unverständnis, Ablehnung und gar Hass stiessen. Ich kann nachvollziehen, dass sich der Weg danach als 'Überlebensweg' anfühlte, mit Gefahren und Hindernissen an jeder Wegecke. Ich glaube und weiss aber auch, dass es genug alternative Endings gäbe. Die Stories, in denen Menschen trotzdem weiter geliebt und angenommen wurden. Stories, in denen sie nicht aus dem Kreis der Geliebten zu den Aussätzigen herausgestellt wurden. Jene Stories, wo man nach einem gemeinsamen Weg suchte. Sogar Stories, in denen die Betroffenen sich nicht von einer überkommenen Tradition befreien mussten, sondern begannen, ihr sexuelles 'Gefühl' im Licht der Bibel besser einordnen zu können. Das sind Stories, die sich anders auflösen, nicht gemäss dem Schema 'ich bin unterdrückt, überwinde den Feind und kämpfe mich frei'. Nur dass wir diese Stories meistens nicht erzählt bekommen. Ich vermute fast, weil sie rhetorisch nicht in dieselbe Kerbe hauen. Weil sie die ihr-gegen-uns-Story eventuell sogar etwas weniger plausiber machen oder zumindest abschwächen würden.


Über Rhetorik, Polemik und die Frage, ob eine konstruktive Diskussionskultur überhaupt noch möglich ist

Sind wir ehrlich. Als Konservative oder Progressive reden wir oftmals gar nicht mehr mit-, sondern nur noch gegeneinander. Dabei stimme ich Johannes Traichel, dem Autor des eben erschienen Buches 'Evangelikale und Homosexualität' gänzlich zu:

Evangelikale sollen gute Zuhörer und freundliche Redner sein. Sie sollen gut und präzise, deutlich und verständlich darlegen, was die eigenen Positionen sind, und diese in einer wertschätzenden Freundlichkeit vortragen. Unvereinbare Positionen bedeuten keine Feindschaft. Gegensätzliche Handhabungen bedeuten nicht, dass es keine Gespräche und keinen Dialog geben kann oder geben sollte ... Kompromisse in der Lehre sollten allerdings in dieser Frage nicht eingegangen werden. Es braucht das klare eigene Profil und den freundlichen Dialog mit den Andersdenkenden. (kopiert aus Facebook)

Eine Utopie? Auf jeden Fall macht unser polemisches Klima dies nicht einfacher. Hier ein paar für meine Seite polemisierende Momente, die das gegenseitige Verständnis nicht begünstigen (ich bin überzeugt, dass es auf der anderen Seite genauso Momente gibt):

  • Es ist allgemeiner Usus geworden, die konservative Position zu sexualethischen Fragen als moralisch untragbar, ja sogar als sündig zu demagogisieren. 'So eine Haltung kann nur noch einnehmen, wer entweder hilflos von vorgestern ist, oder gar noch schlimmer, wer andere Menschen unterdrücken will'. Wenn zum Beispiel von einer 'Bekehrung vom Saulus zum Paulus' gesprochen wird, was Akzeptanz von LGBTQ in kirchlichen Gemeinden betrifft, malt man mit stark kontrastierenden Farben: Konservativ = Saulus, der die Gemeinde verfolgt - progressiv = Paulus, der die Gemeinde liebt. Die sublime Botschaft: 'Wer will denn noch ein Saulus sein?' [2]

  • Meine Seite wird oft der hermeneutischen Sünde bezichtigt, dass wir die Bibel für unser Anliegen missbrauchen, einzelne Sätze aus dem Kontext herausreissen und sowieso das gesamtheitlich biblische Bild des Evangeliums und des Menschseins, wie Gott es sich gedacht hat, auf ein paar wenige Schlagworte reduzieren. Gushee spricht von einer Handvoll 'verurteilenden' Bibelstellen, die wir Konservativen in einem ewigen Zyklus repetierten, wogegen die Bibel in ihrer Gesamtheit so viele Stellen zu bieten hätte, die zu einem besseren und so viel gesünderen Verständnis von Inklusion führen würden. Das ist Polemik pur und stimmt so nicht! Mir ist kein konservativer Autor geläufig, der sich mit diesen Fragen auseinandersetzt und der nicht darum bemüht wäre, die ganze Bibel zu lesen, um zu einem ausgewogenen biblischen Bild zu kommen. Umgekehrt habe ich mich bei Gushee gefragt, wie er er es schafft einzelne Bibelpassagen entweder umzudeuten oder sie so schnell als 'nicht länger relevant' abzutun.

  • Weiter wird die konservative Position als wissenschaftsfeindlich und realitätsfern dargestellt. LGBTQ ist keine Einbildung einzelner komischer Menschen, sondern ein wissenschaftlich bestätigtes Phänomen. Von diesem Statement springt man dann ganz gerne zur Annahme, dass Gott sich die Welt so bunt vorgestellt hat und wir dies gefälligst zu umarmen hätten. Wer sich verweigert, der stelle sich letztlich gegen die Realität (wie der berühmte Vogel Strauss, der seinen Kopf lieber in den Sand steckt). Dabei will doch (fast) keiner leugnen, dass unsere moderne Welt in Bezug auf unsere sexuelle Identität ein komplizierter Fall geworden ist (vielleicht ist schon früher so gewesen, nur wurde das nicht publik diskutiert). Moment: Wir 'Konservativen' leugnen die Realität doch nicht. Nur schlagen wir halt einen ganz anderen Umgang mit dieser Komplexität vor. Nur dass dieser andere Weg nicht länger willkommen (legitim) ist.

  • Was nach wie vor effizient einschlägt ist die 'postmoderne Lüge', wie ich sie nenne: 'Evangelical Christianity ... has been shaped by its collective and social location, power, and self-interest ... But all of this is obscured when the Guy at the Front waves his Bibel around, claiming to announce the simple, unadulterated Word of God.' (Gushee, S. 36) Wir konservativer denkenden Evangelikalen sind also nicht biblisch, sondern hilflos in unserer eigenen Subkultur gefangen. Das Schlimme daran ist, dass wir es nicht einmal merken, da wir uns ja auf die Bibel als Autorität berufen. Uns entgeht dabei, dass wir uns nicht etwa auf die Bibel per se, sondern nur auf unsere hausgemachte Interpretation der Bibel stützen. Wie gut, dass wenigstens Gushee dies bemerkt hat und uns von seinem scheinbar neutralen Standpunkt aus beraten kann (und ja, ich gebe gerne zu, dass ich es an dieser Stelle nicht ganz unterlassen konnte, polemisch zu sein).

Gesunde Polemik hat sicher ihren Platz, an ihrem Platz. Aber nicht wenn es darum geht, sich zu verständigen. Darum frage ich mich, ob Verständigung wohl unser Ziel ist? Aus dem progressiven Lager tönt es für mich gerade mehr nach Kampf als nach irgendetwas anderem.


Inklusion ist absolut biblisch, geht aber anders

Die Story der Inklusion - alle sind bei Gott und in seiner Kirche willkommen wie sie sind - tönt so gut und so wahr, weil sie im Kern wahr ist. Der Vater springt dem verlorenen Sohn entgegen und macht ihm nicht als Erstes Vorwürfe, dass er 'sündig' sei und sein ganzes Vermögen verprasst habe. So inklusiv ist unser Gott: 'Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen', wie es unsere Jahreslosung sagt. (Joh 6,37)


Dabei müssen wir und bewusst sein: Inklusion hat Grenzen, für alle von uns. Für Gushee gedeiht menschliche Sexualität nur in einem zweisamen Bund. Polyamorie scheidet aus (S. 135). Aber unterdrückt er damit nicht polyamorisch empfindende Menschen? Und was wäre mit weiteren sexuellen Orientierungen? Was ist mit pädophiler Sexualität? Ok, ich bringe dieses Beispiel nur, um die ganze Bandbreite aufzuzeigen.


Inklusion kommt für Progressive auch an ihre Grenze, wenn es um uns Konservative geht. Denn uns könnt ihr ja unmöglich inkludieren, es sei denn wir tun Busse und denken um!


Es ist interessant. Bei Gott ist jeder willkommen, der Zöllner, der Aussätzige, die von der Gesellschaft Ausgegrenzte. Erinnern wir uns, was Jesus mit der Ehebrecherin macht, die von allen anderen verurteilt wird. Er nimmt sich ihr an, er heisst sie willkommen. Aber er fordert sie auch heraus. Er heisst nicht pauschal alles gut, was sie mitbringt: 'Geh hin und sündige nicht mehr.' (Joh 8,11) Inklusion bei Gott heisst: Jeder darf so kommen wie er ist - aber keiner soll so bleiben wie er ist!


Ich bin mir ganz bewusst, dass diese Aussage in Bezug auf sexuell queer-empfindende Menschen wie ein Affront klingt. Sexualität ist doch mein Business, mein Empfinden - so hat Gott mich ja geschaffen. Wieso sollte ich meine Sexualität nicht frei ausleben dürfen, wenn ich zu Gott und in die Kirche komme? Zugespitzt formuliert: Queere Sexualität kann doch keine Sünde sein! Genau hier liegt der Stein des Anstosses und es lässt sich nichts beschönigen. Für die einen reden wir von Sünde. Für die anderen ist es eine Sünde, dies als Sünde zu dysphemisieren.


Könnte die konservative Seite hier sogar inklusiver sein als ihr progressives Gegenstück? Zumindest könnte sie einladen und sagen: 'Du bist willkommen, du findest einen Platz bei uns! Nicht alles was du mitbringst, musst du behalten. Gott hat den Plan, dich in das Bild seines Sohnes umzugestalten, aus deinem alten Menschen eine neue Schöpfung zu kreieren, verbunden mit aller Geduld und manchmal Frustration, die dieser Prozess von dir fordert. Dazu pfropft er dich in seinen Leib, seine Gemeinschaft aus Menschen, die alle auf dem Weg sind. Menschen, die alle (und an ganz unterschiedlichen Orten) zu kämpfen, zu entsagen und zu wachsen haben. Es ist eine Gemeinschaft, die sich unter dem Kreuz versammelt. Unter diesem Kreuz ist jeder gleich und keiner besser als der andere. Hier schöpfen wir Perspektive und Hoffnung für unseren gemeinsamen Weg.


Die progressive Seite wird alle bedingungslos inkludieren, die gleicher Meinung sind und ihr Anliegen der sexuellen Vielfalt teilen. Schwieriger wird es mit jenen, egal ob sie queer empfindend oder straight sind, die es anders sehen (ja, es gibt auch LGBTQ-empfindende Christen, die ihre Grundsatzentscheidungen anders fällen). Solche Menschen werden in der buntfarbigen Queer-Gemeinde wohl keinen Platz bekommen. Denn es scheint, dass der gemeinsame Nenner dort nicht vordergründig im Kreuz, sondern doch hauptsächlich in der gemeinsamen sexualethischen Gesinnung gesucht wird.


Zum Schluss eine alternative Story (und ein Happy Ending?)

Gibt es andere Stories und warum hören wir sie nicht? Könnte man die Story von Martha auch noch anders erzählen?

Martha wächst in einem christlichen Umfeld auf, wo man seine Nöte und Sorgen ehrlich mitteilt. Es ist völlig offensichtlich, dass es hier keine Superchristen gibt und dass selbst der Pastor mit schwierigen Dingen in seinem Leben zu kämpfen hat. Als Martha in ihre Jugendjahre kommt, stellt sie fest, dass sie sexuell keine Anziehung zu Männern empfindet. Zunächst denkt sie, dass sich das mit der Zeit schon geben würde und spricht das Thema auch nicht an. Es fühlt sich irgendwie zu intim an, um sich mit ihren Freundinnen darüber zu unterhalten. Doch ändert sich ihr Empfinden nicht. Eher noch verstärkt es sich in die Richtung, dass sie sich für andere Frauen interessiert. Dies führt sie in einen inneren Zerriss. Sie ist persönlich tief überzeugt, dass Gott die menschliche Sexualität für die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau geschaffen hat. In ihrer Gemeinde beobachtet sie viele 'gesunde' Ehepaare und erkennt etwas von der Schönheit des Gedanken Gottes. Sie kann sich auch nicht vorstellen, ihre anders gelagerte Sexualität auszuleben. Nicht, weil sie sich von aussen unter Druck fühlt, sondern weil sich dies für sie als zutiefst falsch anfühlt. Das Ganze löst eine innere Wut auf Gott aus: Warum hast du mich so gemacht? Warum segnest du die anderen mit einer gesunden Ehe und mit Kindern, aber mir willst du all das vorenthalten? Martha ist es nicht darum ihre Tradition abzuschütteln und sich endlich zu ihrem wahren Menschsein zu befreien. Sie ist zu fest von Gottes Plan für ihr Frau Sein überzeugt. Also beginnt sie, sich anderen mitzuteilen. Und so beginnt ein schwieriger, aber auch hoffnungsvoller Weg. Dieser Weg ist nicht ohne Schmerzen und Enttäuschungen. Es ist aber auch ein Weg, auf dem Gott ihr immer wieder ganz nahe kommt und sie tief berührt. Und es ist ein Weg, auf dem sie merken darf, wie gut und tröstlich es ist, mit anderen Christen in einer ehrlichen und auf Jesus ausgerichteten Art unterwegs zu sein. Alleine würde sie es nicht schaffen, das ist klar. Die Gemeinschaft gibt ihr Kraft. Das Schauen auf Gott gibt ihr Hoffnung. So weiss sie zutiefst, dass sie ihren Gott liebt und zu ihm unterwegs ist, bis er eines Tages alle ihre Tränen abwischen wird.


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[1] David P. Gushee, After Evangelicalism: The Path to a New Christianity, aus dem Kapitel 7 'Sex: From Sexual Purity to Covenant Realism'.

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[2] Michael Diener gebrauchte diese geflügelten Worte an der Comin-In-Konferenz, um seinen persönlichen Wandel von konservativ zu progressiv zu beschreiben. Ich will auch gar nicht sagen, dass sich dieser Wandel für ihn nicht so anfühlt (er ist überzeugt, dass er jetzt 'auf der guten Seite' steht). Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, was solche Sprache mit uns macht, was sie suggeriert und wie emotional aufgeladen sie ist.

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