• matt studer

Wie lebe ich meine SOLA Spiritualität praktisch? Dritter Versuch

Aktualisiert: 8. Dez. 2021


Ja, ich praktiziere sie, die sogenannte 'Stille Zeit' mit Gott. Nicht als fromme Übung, nicht als Punkt zum Abhaken auf der geistlichen To-Do-Liste oder unter Zwang und Druck von aussen, sondern aus einer tiefen Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott.

Glücklich zu preisen ist, wer Verlangen hat nach dem Gesetz des HERRN und darüber nachdenkt Tag und Nacht. Er gleicht einem Baum, der zwischen Wasserläufen gepflanzt wurde: zur Erntezeit trägt er Früchte, und seine Blätter verwelken nicht. Was ein solcher Mensch unternimmt, das gelingt. (Psalm 1,2-3)

Stille Zeit heisst für mich Bibel, Gebet, Meditation. Darin habe ich Gemeinschaft mit Gott. Stille Zeit ist nur in dem Sinne still, dass sie im stillen Kämmerlein stattfindet und nicht auf öffentlichen Plätzen: 'Wenn du beten willst, geh in dein Zimmer, schließ die Tür, und dann bete zu deinem Vater, der auch im Verborgenen gegenwärtig ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen.' (Mt 6,6) In dieser stillen Kammer aber wird geredet. Es findet ein Dialog zwischen Gott und mir statt. Ich höre Gott in seinem Wort und ich antworte darauf in meinem Gebet. Ich verzichte auf monologische Formen, auf Einweg-Gebete im Stil von 'einfach noch schnell meine Sorgen und Bitten in Richtung Himmel schicken und weiter zum Alltagsgeschäft fortschreiten'. Ich sehne mich danach zu hören, was Gott mir zu sagen hat. Also lasse ich IHN das Gespräch initiieren. 'Glücklich zu preisen sind die, die Gottes Wort hören und es befolgen.' (Lk 11,28) Es ist ganz einfach so: Ich möchte in Gottes grosse, fantastische Welt eintauchen und nicht umgekehrt IHN irgendwie in meine kleine, limitierte Welt hineinpressen. Seine Gedanken sind grösser als meine Gedanken; seine Kraft übersteigt meine Möglichkeiten. Darum bete ich, 'dass ich seine Liebe verstehe, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ich auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werde, das [nur] bei Gott zu finden ist.' (Eph 3,19) Hier finden dann auch meine Sorgen- und Bittgebete ihren Platz, in diesem grossen Universum der Realität Gottes.


Meine Stille Zeit ist gefüllt mit Worten. Es ist nicht mein Ziel, Gottes und meine Worte hinter mir zu lassen, um in einem höher gelegenen Raum des Unaussprechlichen und Undefinierbaren zu landen. In einem Raum, in dem man sich gegenseitig anschweigt. Dann, fürchte ich, bin ich irgendwo anders gelandet als beim Gott der Bibel. Gewiss, es muss nicht jedes Gefühl, nicht jede Erfahrung minutiös erklärt werden (oder überhaupt erklärt werden). Es bleiben jene Geheimnisse, die ich nur (gefühlsmässig) erahnen kann. Doch ist meine Gotteserfahrung primär die, dass Gott zu mir spricht und ich zu ihm, auf ganz persönliche Art und Weise (ja, für mich ist die Bibel auch Gottes Wort an MICH). Darin erfahre ich Gott. Also nehme ich den biblischen Text und bete damit. Ich bete ihn 'zurück' zu Gott. Ich ringe damit. Ich meditiere über ihn. Ich lasse mich von ihm bewegen, berühren, herausfordern, beglücken. Und ich antworte mit Dank, mit Fürbitte, mit meinen persönlichen Worten. Ziel meiner Stillen Zeit ist nicht das grosse Schweigen der Lämmer, sondern echte und aus dem Herzen kommende Anbetung des Lammes!


Stille Zeit heisst, mir bewusst Zeit zu nehmen für das Gespräch mit Gott. Beziehung mit Gott lässt sich nicht in einen Viertelstunden-Slot-pro-Tag packen, sondern geschieht 'Tag und Nacht'. Trotzdem brauche ich periodisch ein gewolltes Hinsitzen zum Dialog. Eine gesetzte Zeit mit Gott ohne Handy, ohne Ablenkung, ohne Stress. Eine Oasen-Zeit des Auftanken's für den Marsch in der Wüste. Eine Zeit der Ausrichtung für die Diffraktionen des Alltags. Eine Zeit des Innehalten's und Loslassen's in einem sonst gut ausgelasteten Leben. Und dann bin ich bereit, Frucht zu bringen - überall dort, wo Gott meine Äste hin wachsen lässt.


Wie unterscheidet sich meine Stille Zeit von der eines Buddhisten oder mittelalterlichen Mystikers? Es vermute, es sind weniger die Formen und Übungen wie Beten, Meditieren und eine fest gesetzte Zeit dafür. Ich denke, es ist der Fokus auf das Persönliche. Gott ist eine Person (oder drei Personen :-). Ich begegne IHM persönlich im Gespräch, nicht im unpersönlich wortlosen Nirvana (obwohl Sprechpausen und Schweigen auch ihren Platz finden). Und es ist der Fokus auf DAS Buch. Ich begegne der Person Gottes in den Sätzen der Bibel, weil es seine selbstoffenbarende Rede ist. Andernfalls stehe ich in der Gefahr, zu fest bei mir und meinen eigenen Vorstellungen von Gott zu bleiben. Ich nehme mir diese Weisheit von Jakobus zu Herzen, zuerst zu hören, bevor ich mir selber ein Bild mache: 'Denkt daran, meine lieben Geschwister: Jeder sei schnell bereit zu hören, aber jeder lasse sich Zeit, ehe er redet.' (Jak 1,19)









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