• matt studer

- - - W Ü S T E N W E L T E N - - -


Die Einsamkeit ist not. Doch sei nur nicht gemein, so kannst du überall in einer Wüste sein! (Angelus Silesius)


Aber die Wüste und Einöde wird lustig sein, und das dürre Land wird fröhlich stehen und wird blühen wie die Lilien. (Jesaja 35,1)



Eine Wüste muss nicht wüst sein. Ich war einmal für eine Woche in der Sahara und war überwältigt von der Schönheit der Dünen und des Lichtspiels der Sterne in der Nacht. Trotzdem, Wüste heisst wenig Wasser und darum wenig Leben (Ps 107,4). Wir verbinden wüsste mit Einsamkeit, mit extremen Temperaturen, mit wenig von Allem. Darum nennen wir sie auch Einöde, unbewohntes Land, unwegsames Gebiet (siehe Hiob 38,26). Die Wüste beherbergt solch missliebige Kreaturen wie Skorpione und Schlangen (5 Mose 8,15) und sogar die Dämonen hausen dort (Mt 12,43). Gott selbst beschreibt die Wüste durch seinen Propheten Jeremia so:

Durch die Wüste hatte ich sie geleitet, durch ein dürres und zerklüftetes Land, das trocken und dunkel ist, das niemand durchwandert und kein Mensch bewohnt. (Jeremia 2,6)

Die Wüste ist weltweit auf dem Vormarsch, dank der Klimaerwärmung. Dafür gibt es das wunderschöne Wort 'Desertifikation' und als Beilage sogar den 'Welttag zur Bekämpfung der Wüstenbildung.' Die Wüste lockte auch immer wieder mal menschliche Besucher zu sich, wie mich. Im dritten Jahrhundert n. Chr. suchten die sogenannten Wüstenväter in ihrer leeren Einsamkeit und heissen Mittagssonne, fern von 'der turbulenten Welt', die Gemeinschaft mit Gott. Und sie prägte den Lebensrhythmus und die Kultur ganzer Volksgruppen, wie den Beduinen, denen ich in der Sahara begegnete. Ganz unbewohnt ist sie also nicht.


Die Wüste fungiert in der Bibel manchmal als Rückzugsort, als Ort der Zuflucht (Offb 12,6). Meistens aber steht sie als Bild für geistliche Trockenheit, als Gegenstück zum üppigen, Oasen-artigen Garten Eden. In Eden durften die Kinder Gottes im kühlen Baumschatten die göttliche Gegenwart geniessen. Die Wüste aber wurde zu einem Ort des Exils von diesem 'Land des Lebens' und der Gegenwart Gottes. So zum Beispiel für Kain, der nachdem er seinen Bruder umgebracht hatte, zur Strafe dort herum wandern durfte (Gen 4,14). Wüste bedeutet geistliche Leere und Gott-Verlassenheit. 'Die einst fruchtbaren Felder waren eine trostlose Wüste, und die Städte lagen in Trümmern. Das hat der HERR getan in seinem glühenden Zorn.' (Jer 4,26) Noch heute reden wir von geistlichen Wüstenzeiten und meinen damit eine Phase, in der wir (geistlich) anstehen und Gottes Gegenwart nicht mehr spüren.



Wir schicken jemanden in die Wüste, wenn wir ihn loshaben wollen. Diese Redeart hat ihren etymologischen Ursprung im Alten Testament, in der Story des Ziegenbocks, der als Sündenbock, 'beladen' mit den Sünden des Volkes Israels, in die Wüste getrieben wurde (Lev 16,21-23). Das Volk Israel verbrachte seine ersten formativen Jahre in der Wüste. Nach dem Auszug aus Ägypten und der Durchquerung des Roten Meeres, als Gott sie endgültig aus der Sklaverei befreit hatte, landeten sie zunächst in der Wüste. Auch wenn Gott ihnen ein Land als Heimat verhiess, in dem Milch und Honig fliessen, starteten sie ihren Weg als Nation Israel in der kargen Einöde (2 Mose 15,22). Das war kein blöder Zufall. Diese Wüstenzeit war dazu gedacht, dass das Volk im Vertrauen auf Gott und seiner Führung reifen würde. Gott konnte dafür gerne mal 40 Jahre 'verschwenden':

Erinnert euch an den langen Weg, den der HERR, euer Gott, euch bis hierher geführt hat, an die vierzig Jahre in der Wüste. Er ließ euch in Schwierigkeiten geraten, um euch auf die Probe zu stellen. So wollte er sehen, wie ihr euch entscheiden würdet: ob ihr nach seinen Geboten leben würdet oder nicht. (5 Mose 8,2)

Diese Wüstenzeit war nicht nur öde, denn Gott war stets dabei und versorgte sein Volk nicht zu knapp mit Manna aus dem Himmel und Wasser aus einem Felsen (2 Mose Kap. 15 und 16). Und sein Volk war ihm anfangs treu ergeben: 'Ich denke daran, Israel, wie du mir treu gewesen bist, als du noch jung warst ... Selbst durch die Wüste bist du mit mir gegangen, dorthin, wo man weder sät noch erntet.' (Jer 2,2) Doch wie der Mensch in schwierigen Lebenssituation halt normalerweise ist, so reagierten auch die Israeliten mit der Zeit mit Murren und Klagen gegen Gott, obwohl er sie versorgte und vor ihren Augen grosse Wunder tat (Nehemia 9,9-26). Weil Gottes Volk ihm nicht vertraute und in dieser 'Zeit der Versuchung' untreu und undankbar wurde, verwehrte er der ersten Generation den Zutritt zum verheissenen edenischen Land Kanaan. Sie durften noch, genau wie Kain, ein paar Runden in der Wüste drehen (4 Mose 14,22; 32,13).

Wir machten kehrt und zogen wieder in die Wüste in Richtung Rotes Meer, wie der HERR es mir befohlen hatte. (5 Mose 2,1-2)


Wie reagierst du in Wüstenzeiten? Desertierst du, oder versuchst du durchzuhalten? Wie beim Volk Israel wird auch dein und mein Glaube gelegentlich auf die Probe gestellt. Eine Tatsache, an der wir uns eigentlich freuen sollten, da unser Glaube gemäss der Bibel 'durch solche Bewährungsproben fest und unerschütterlich wird' (Jak 1,2-3). Gleichzeitig verheisst Gott uns seine Gegenwart und sein Leben in den schwierigsten Umständen. Das Bild des Baumes am Wasser gepflanzt aus Psalm 1 wird umso bedeutsamer, wenn man bedenkt, dass der Psalmist, in einem nahöstlichen Kontext lebend, hier eine Oase in der Wüste meinte. Gerade in der Wüste sind wir als Gläubige am Wasser gepflanzt.


Als Christen befinden wir uns alle mal mehr und mal weniger auf einem Wüstenmarsch. Dabei können uns die Negativerfahrungen Israels als warnendes Beispiel dienen:

Liebe Brüder und Schwestern, erinnert euch daran, was unsere Vorfahren während ihrer Wüstenwanderung erlebten ... Alle diese Ereignisse sind uns als Beispiel gegeben. Sie wurden niedergeschrieben, damit wir gewarnt sind; denn die letzte Zeit dieser Welt ist angebrochen. (1 Kor 10,1.11)

Paulus will uns keine Angst machen, sondern uns dazu ermahnen, den Wüstenmarsch des Glaubens auch tatsächlich in Angriff zu nehmen und nicht unterwegs auszuklinken und irgendeiner Täuschung einer Fata Morgana zu folgen. Ich weiss, wir bekunden Mühe mit solch warnenden Gesten. Wir sind es eher gewohnt, dass man uns bejaht, bestätigt und den Rücken krault. Doch sollten wir diese 'ermahnende' biblische Art der Motivation (als Tritt in den Hintern?) nicht einfach so abschreiben, auch wenn sie uns zunächst herausfordert. Dabei dürfen wir stets das Gebet beten, das Jesus uns lehrte: 'Lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern erlöse uns von dem Bösen.' (Mt 6,13) Wir sind nie allein in der Wüste. Gottes Geist reist mit.


Auch Jesus war zuweilen in der Wüste. Das erste Mal als Baby, als seine Eltern ihr Kind vor dem schnaubenden Herodes in Sicherheit bringen mussten (Mt 2,13). Doch die wohl berühmteste Episode ereignete sich', nachdem Jesus bereits 40 Tage dort verbracht hatte (man beachte die numerische Verwandtschaft zu Israel's 40 Jahren Wüstenzeit).

Erfüllt vom Heiligen Geist verließ Jesus die Gegend am Jordan. Der Geist Gottes führte ihn in die Wüste, wo er sich vierzig Tage lang aufhielt. Dort war er den Versuchungen des Teufels ausgesetzt. (Lk 4,1-2)

Warum war dieser Wüsten-Tripp wichtig? Der Hebräerbrief gibt uns eine Antwort: 'Denn weil er selbst gelitten hat und denselben Versuchungen ausgesetzt war wie wir, kann er uns in allen Versuchungen helfen.' (Heb 2,18) Wie weit würdest du gehen, um einen Menschen zu verstehen? Jesus verliess seinen Platz bei seinem Vater im Himmel und wurde Mensch: 'Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen.' (Phil 2,7b) Klar, Jesus war und blieb in allem Menschsein ohne Sünde (Heb 4,15). Dennoch war er denselben Versuchungen ausgesetzt wie wir! Er ging sogar in die Wüste, um zu fasten, anstatt ins Steakhouse, um zu schlemmen. Er versteht uns. Er kann unsere Kämpfe voll und ganz nachvollziehen und uns darum als Helfer zur Seite stehen!


Manche sehen in dieser Wüstenepisode nicht nur eine zahlenmässige Verwandtschaft zwischen Jesus und Israel. Jesus hatte eine Rolle auszufüllen. Denn er 'ging an den Punkt zurück', wo Israel scheiterte - in die Wüste - und hielt allen Versuchungen stand. Er war gehorsam und Gott treu ergeben, wo Israel untreu und ungehorsam war (und wo du und ich in unseren Wüstenzeiten ungehorsam und untreu sind) und öffnete uns dadurch die Tür zum himmlischen Garten Eden, dem Platz beim Vater im Himmel. Und er wurde als Sündenbock, mit unseren Sünden beladen, für uns in die Wüste geschickt (Heb 13,12), damit wir nun frei von Sünde und Schuld zum Vater kommen können. 'Der Ziegenbock trägt alle Schuld mit sich hinaus in die Wüste.' (3 Mose 16,21) Oder wie Paulus es schreibt.

Denn Gott hat Christus, der ohne jede Sünde war, mit all unserer Schuld beladen und verurteilt, damit wir freigesprochen sind und vor ihm bestehen können. (2Kor 5,21)

Die Wüstenerfahrungen Jesu, sowohl seine Versuchung als auch sein Tod am Kreuz für uns, leuchten als Polarsterne mitten in unserer Wüste und leiten uns sicher durch sie hindurch, bis wir eines Tages bei der Oase des neuen Edens, des himmlischen Kanaans ankommen werden. Selbst wenn es auf unserem 'irdischen Wüstenmarsch' manchmal recht trocken und dürr werden kann und wir der sengenden Hitze ausgesetzt sind, dürfen wir wissen, dass unsere wahre Heimat uns erwartet. Jesus ist uns bereits dorthin vorausgegangen und bereitet alles für unsere Ankunft vor (Joh 14,2). Dann wird purer Überfluss und Jubel und Trubel herrschen, denn selbst die Wüste wird zu einem üppigen und lebensspendenden Ort werden!

Gelähmte springen wie ein Hirsch, und Stumme singen aus voller Kehle. In der Wüste brechen Quellen hervor, Bäche fließen durch die öde Steppe (Jesaja 35,6)


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