• matt studer

Starb Jesus wegen mir? - Im Dialog mit den Kirchenvätern

Aktualisiert: 8. Dez. 2021


Die ersten Jahrhunderte des Christentums, auch bekannt als die patristische Zeit (also die Zeit der Väter der Kirche), sind vor allem durch die Debatten um die Trinität und die heiss geführten Diskussionen um die Person Jesu in Erinnerung geblieben. Wie kann ein Gott drei Personen sein? Wie kann Jesus gleichzeitig Gott und Mensch sein? Offiziell gab es in der frühen Kirche kein Konzil, das um eine normative Bedeutung des Todes Jesu gerungen hätte, obwohl das Thema implizit immer mitschwang. War das Kreuz und die Implikationen des Todes Jesu für die ersten Christen daher nicht von grosser Bedeutung? Das wäre eine Fehldeutung! Vielmehr war die Bedeutung des Kreuzes in dieser Zeit einfach nicht umstritten. Häufig braucht es nämlich eine externe oder interne Reibung und Auseinandersetzung, damit ein Thema debattiert und dadurch geschärft und geschliffen wird. Die Kirche bestätigte von Anfang an auf die eine oder andere Weise, direkt oder indirekt, dass der Tod Jesu Christi als stellvertretender Opfertod verstanden und geglaubt werden muss. Das heißt nicht, dass sie dazu eine einheitliche Theologie verfasst hätte. Aber dieses Verständnis drückt immer wieder durch. Überhören wir mal, wie sich ein paar der ersten christlichen Theologen-Väter dazu äußerten.


Clemens von Rom (ca. 50-100 n. Chr.) schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, dass das Blut Jesu, «kostbar in den Augen Gottes, für unsere Erlösung vergossen wurde» (1:7). Gläubige sollen «Jesus verehren, dessen Blut für uns gegeben wurde» (1:11). Es war «aufgrund der Liebe, dass er uns getragen hat. Jesus Christus, unser Herr, gab sein Blut für uns nach dem Willen Gottes; sein Fleisch für unser Fleisch, und seine Seele für unsere Seele» (1:18).


Irenäus von Lyon (135-202 n. Chr.) verstand die Menschwerdung Jesu als Identifikation mit der gefallenen Menschheit. Jesus wurde Mensch, damit er die Geschichte Adams und der ganzen Menschheit in Adam rekapitulieren und zu einem guten Ende führen konnte. Irenäus meinte damit, dass Christus Mensch werden musste, um als Mensch für uns und an unserer Stelle im Gehorsam vor Gott zu leben, damit wir durch ihn gerecht würden. Und Christus wurde Mensch, damit er als Mensch (und Gott) unsere Schuld und Sünde am Kreuz auf sich laden und ‘unseren Tod’ sterben würde. Für Irenäus sind Inkarnation und Kreuzestod zusammengenommen heilsrelevant. «Darum war es erforderlich für Ihn, der die Sünde zerstören und der den Menschen von der Macht des Todes erlösen würde, dass Er selbst zu dem gemacht würde, das ist, zu einem Menschen … damit die Sünde durch einen Menschen zerstört würde und dass der Mensch vom Tod befreit würde. So wie durch den Ungehorsam des einen Menschen [Adam] … die vielen zu Sündern wurden und ihr Leben verwirkten; so war es notwendig dass durch den Gehorsam des einen Menschen [Jesus] … die vielen gerechtfertigt würden und Heil empfingen.» (‘Gegen die Häresien’, 3.18.7). Gott erlöste uns, indem Jesus «uns durch Sein eigenes Blut erlöste … Er gab sich selbst als ‘Erlösung’ für diejenigen, die in Gefangenschaft geführt wurden.» (‘Gegen die Häresien’, 5.1) Auch Athanasius, Bischof von Alexandrien (ca. 300-373 n. Chr.) argumentierte in diese Richtung. Christus «gab seinen Körper in den Tod an der Stelle von allen [Menschen], und übergab ihn dem Vater. Das tat er aus reiner Liebe für uns, so dass wir alle in seinem Tod sterben würden und dass das Gesetz des Todes damit abgeschafft würde …» (Über die Menschwerdung des Wortes, 2:8) Weiter schrieb er, dass Jesus «das Opfer für alle dargebracht hat, indem er Seinen eigenen Tempel [Körper] für alle in den Tod gab, um die Angelegenheit des Menschen mit dem Tod zu richten und ihn von seinem ursprünglichem Verstoß zu befreien.» (4.20) «Vorher war die Welt schuldig und unter dem Gericht des Gesetzes; aber jetzt nahm das Wort das Gericht auf sich selbst, und indem Er im Körper für alle gelitten hat, gewährte er für alle Erlösung.» (1:60) Auch wenn Irenäus und Athanasius die Dynamik des Kreuzes nicht im Detail erklärt haben, verstanden sie den Tod Jesu immer auch als Stellvertretungstod (Christus Victor Elemente schwingen dabei mit).


Die Aufgabe, genauer zu formulieren, wie wir Menschen durch das Opfer Christi mit Gott versöhnt werden, blieb späteren Generation vorbehalten. Anselm, den wir im nächsten Beitrag kennenlernen werden, war einer der ersten, der eine systematische Abhandlung versuchte. Trotzdem gab es hier und da auch in der frühen Kirche Vorstöße in diese Richtung, die den Boden für solch spätere Formulierungen legten. Johannes Chrystosomus (349-407 n. Chr.) lehrte, dass Menschen «bestraft werden sollten; Gott bestrafte sie nicht; sie müssten umkommen: Gott gab seinen Sohn an ihrer Stelle.» (Homilien über den ersten Timotheusbrief, Homilie 7, NPNF 13:431). Der wahrscheinlich bekannteste Kirchenvater des ersten Jahrtausends, der Bischof Augustinus von Hippo (354-430 n. Chr.) sprach ganz unverhohlen über den Tod Jesu Christi als Opfer für unsere Sünden. «Christus, obwohl sündlos, nahm unsere Strafe auf sich, damit er unsere Schuld auslöschte und unsere Bestrafung hinfällig machte.» (Gegen Faustus den Manichäer, 14:4). Und in seiner Exposition zu Psalm 51 schrieb Augustin: «Er nahm unsere Strafe auf sich und erlöste uns auf diese Weise von unserer Schuld.»


Eines der klarsten Beispiele für den stellvertretenden Charakter des Todes Jesu finden wir im Brief an Diognetus (Autor unbekannt, datiert in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr.). «Als unsere Verdorbenheit ihre Höhe erreichte und klar offenbart wurde, dass uns ihre Konsequenzen, nämlich Strafe und Tod, drohten, manifestierte Gott seine Güte und Kraft … Er selbst nahm die Last unserer Vergehen auf sich, er gab seinen eigenen Sohn als Lösegeld für uns, der Heilige für die Missetäter, der Schuldlose für die Schuldigen, der Gerechte für die Ungerechten … Wie süss dieser Tausch! Wie unerklärlich Gottes Vorgehen! Wie ungemein groß der Segen Gottes darin! Dass die Schlechtigkeit der Vielen in der Gerechtigkeit des Einen versteckt wird, und dass die Gerechtigkeit des Einen die Vielen rechtfertigen sollte!» (Diognetus, 9.2-5)


Diese Blogserie ist maßgeblich von Stephen Wellum’s Kapitel «The Cross-Work of Christ in Historical Perspective» aus seinem Buch «Christ Alone: The Uniqueness of Jesus as Savior» geprägt. Die Zitate der Kirchenväter sind zum Teil meine (freien) Übersetzungen aus dem Englischen der Online-Bibliothek «Anti-Nicene Fathers» und «Nicene and Post-Nicene Fathers» (https://ccel.org/fathers), dort wo ich sie auf Deutsch nicht gefunden habe (für die Kirchenväter auf Deutsch siehe https://bkv.unifr.ch/works).




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