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  • matt studer

Missbrauchen wir Evangelikalen die Bibel für ideologische Zwecke? Ein Zwischenruf

Aktualisiert: 1. Sept. 2023



Es war einmal - Gott. Er wollte gerne mit seinen Menschen reden, aber so direkt ging es ja nicht mehr (erinnern wir uns daran, dass die ersten Menschen aus der unmittelbaren Gegenwart Gottes vertrieben wurden). Was sollte er also tun? Schreiben war nicht so sein Ding. Er war mehr für orale Kommunikation. Also teilte er sich bestimmten, auserwählten Menschen mit. Manchmal schrieben diese Menschen ihre Erfahrung mit Gott auf Stein oder Pergament. Gott war nicht so happy damit, weil diese menschlichen Schriften seine Ideen und Gedanken immer wieder missrepräsentierten. Ach wie viel kultureller Ballast und Gottesbildverzerrungen ihren Weg so in die 'Heilige Schrift' fanden. Aber was sollte Gott tun? Den Menschen gefiel es nun mal, etwas Konkretes in der Hand zu haben. Denn Gotteserfahrungen verflüchtigen sich, aber wenn es schwarz auf weiss steht, kann auch später wieder Bezug darauf genommen werden. Also passte Gott sich der Situation an, einmal mehr. 'Wenn die Menschen schon ein Heiliges Buch wollen, dann könnte ich ja versuchen, durch dieses Buch zu den Menschen durchzudringen. Ja, ich könnte den geschriebenen (toten) Buchstaben nehmen und durch meinen Geist lebendig werden lassen, so dass die Menschen, die dieses Buch lesen, von mir inspiriert werden. Schliesslich bin ich ja Gott. Ich kann das menschlich widersprüchliche Material nehmen und trotzdem damit wirken. Und die biblischen Bücher berichten ja schliesslich von mir, auch wenn die Wahrheit über mich so oft zwischen den Zeilen liegt.' Und so richtete sich Gott mit dieser Situation ein. Die Bibel wurde zum Heiligen Buch der Kirche - und Gott 'brauchte' die Bibel, um weiterhin, wenn auch indirekt und unperfekt, mit den Menschen kommunizieren zu können. Leider ereignete sich in der Geschichte der Kirche immer wieder das tragische Moment, dass die Kirche (oder die Chefetage der institutionellen Kirche) die Bibel dazu benutzte, ihre theologische Meinung zu zementieren. Das heisst, sie argumentierten mit der Bibel für ihre Meinung: 'Die Bibel sagt dies und das - und das ist die Wahrheit, die alle glauben müssen!' Dabei verwechselten sie (vielleicht unbewusst) ihrer eigene Meinung und ihre Auslegung der Bibel mit der Wahrheit Gottes. Sie wurden stolz und selbstsicher, dass sie die Wahrheit mit Löffeln gefressen hätten. Durch dieses toxische Bibelverständnis wurde viel Leid angerichtet. Menschen wurden unter die 'Wahrheit' der Kirche geknechtet. Anstatt dass jeder Mensch selber seinen Weg mit Gott und der Wahrheit (und der Bibel) suchte, wurde die Bibel immer wieder mal zu einem 'Instrument der Absicherung' von Lehrmeinungen und Dogmen, die zu wichtig waren, um sie dem einzelnen Individuum anzuvertrauen (denn dieses Individuum könnte ja auf andere Gedanken und eine andere Wahrheit kommen, als die, die man verteidigen wollte). Immer wenn solches passierte, verstanden die Leute nicht, was die Bibel eigentlich ist: ein menschliches Wort mit allen möglichen menschlichen Fehlern, die wir kritisch betrachten sollten. Nein, sie verstanden die Bibel als das Wort Gottes, ein Wort, das direkt zugänglich ist. Dabei verwechselten sie ihre persönliche Auslegung mit der Wahrheit, ihre Theologie mit Gott.


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Warum erzähle ich diese Geschichte, die selbstverständlich etwas dick aufgetragen ist?


Heute streiten sich Christen um das rechte Bibelverständnis. Was ist die Bibel? Ist sie nun Gottes Wort oder Menschenwort, oder irgendwie beides? Was ist die göttliche Wahrheit? Finden wir sie in der Bibel, oder in der Person Jesus, von der die Bibel 'indirekt' berichtet? Können wir sie überhaupt finden? Oder wenn dann nur subjektiv, für uns? Und, wird die richtige Auslegung der Bibel nicht zu oft mit ideologischen Machtansprüchen verknüpft?


Solche Fragen begegnen mir immer wieder. Es sind wichtige Fragen! Noch wichtiger sind die Antworten, die wir darauf geben, dünkt mich.


Ich bin kürzlich über einen Beitrag von Martin Pepper zu seinem neuen Song Masterplan der Liebe gestossen. Mir geht es hier aber nicht um diesen Song, sondern um das, was auf der Facebook-Wall dazu stand. Denn dort las ich:

Gott ist sicher das großer Thema der Schrift, aber ihr Autor ist er nicht. Angehaucht und inspiriert von Gott sind sie, die Gedanken, Ideen, Beobachtungen, Schlussfolgerung und Nachempfindungen der Menschen, die Gott für sich in ihrer Zeit gedacht, erlebt und erlitten (Hiob) und das Ganze im Horizont ihrer Weltbilder, Kultur und Sprache reflektiert haben. Ehrfurcht vor der Schrift und Dankbarkeit für sie ja, aber blinde Delegation unseres Gottvertrauens in sie auf keinen Fall. Die Bibel ist außerdem selbst ihr größter Kritiker und Korrekturleser. Eine stringente Lesart wohnt ihr nicht inne, sie widerspricht, korrigiert und entwickelt sich an vielen Enden.

Wir erleben momentan ein Auseinanderdriften innerhalb der evangelikalen Szene, das sich vor allem an unterschiedlichen Bibelverständnissen scheidet. Markus Till hat diese unterschiedlichen Bibelverständnisse in einem Vortrag und Artikel gut dokumentiert. Für die einen ist die Bibel Gottes Wort, obwohl Menschen sie geschrieben haben. Für andere ist sie vor allem ein menschliches Zeugnis über Gott. Theologisch gesprochen geht es um die Inspiration der Bibel. Ist die Bibel inspiriert, oder ist sie einfach inspirierend?


Natürlich kann jeder glauben was er will. Ich will Martin Pepper und vielen anderen, für die er spricht, nicht auf die Füsse stehen. Für sie bleibt die Bibel relevant, inspirierend und für ihr Glaubensleben zentral. Und das ist doch ganz grundsätzlich hoch zu schätzen. Auch wenn ich finde, dass unser Bibelverständnis konkrete Auswirkungen auf unseren Glauben und unsere Spiritualität hat (wer sich dafür interessiert, lese hier weiter).


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Das sogenannte Inspirationsverständnis der Schrift ist noch nicht der Hauptgrund, warum ich diesen Artikel schreibe (und manch einer fragt sich, warum ich soweit aushole! Weil unser Verständnis über die Inspiration der Schrift eben stark in den Aspekt hineinspielt, den ich nun highlighten möchte). Der 'wahre Grund' findet sich in diesem Abschnitt bei Pepper (Hervorhebung von mir):

Wer hier ein[e] durchgängige "Gottesschrift" draus machen will, vergewaltigt Gott und missbraucht ihn zu ideologischen Zwecken und einem perfiden psychologischen Machtgefüge, mit dem man sich "schwache Seelen" allzu leicht gefügig machen kann ... Seine eigenen Theorien mit der höchsten Autorität Gott verknüpfen zu können, ist aber die große Versuchung dieser These geworden: alles kann und muss mit der Bibel als Wort Gottes verstanden, legitimiert und plausibilisiert werden. Damit ist die Bibel leider zu einer der größten Quellen von Verschwörungstheorien und Hassideologien (Antisemitismus u.v.a.) geworden und bedient das hungrig wartende Klientel dieser Meute bis heute mit immer neuen Variationen haarsträubender "Gott-Verknüpfungen" durch Bibelstellen-Missbrauch. Ich habe im Laufe meines (überwiegend frommen Lebens) große Aversionen gegen solche allzu vollmundigen Sätze zur Bibel entwickelt.

Mit 'durchgängiger Gottesschrift' meint Pepper eben die 'Inspirationstheorie', die besagt, dass das Bibelwort gleichzeitig Menschenwort und aber auch Gotteswort ist. Dass die Schrift von Gott eingegeben ist (und darum keine Fehler enthält - wieder ein Thema!). Ein solches Verständnis 'vergewaltige Gott' und 'missbrauche ihn zu ideologischen Zwecken'. Die Beispiele, die er nennt, sind in der Tat abschreckend. Hier und anderswo wurde die Bibel krass missbraucht. Stattgegeben! Ich würde ergänzen: Man kann mit der Bibel im Prinzip alles begründen, was man will. Die Frage ist, wie gut die Begründung hinhält? Wenn ich zum Beispiel behaupten will, dass Gott mir in der Bibel sagt, dass ich mehrere Frauen heiraten darf, kann ich die polygamen Texte aus ihrem Kontext reissen und mein Argument irgendwie darum herum aufbauen. Dazu könnte ich auch das Telefonbuch nehmen. Doch die Bibel legitimiert Polygamie (wenn man sich denn die Mühe macht, sie 'gut' und ganz zu lesen) an keiner einzigen Stelle. Und bitte jetzt nicht schon wieder eine Kontroverse aus dieser meiner 'Behauptung' machen, sondern selber lesen!


Mich stört hier nicht die Aussage, dass die Bibel für irgendwelche Zwecke missbraucht werden kann. Das stimmt leider Gottes. Ich stosse mich am Vorwurf, dass ein bestimmtes Inspirationsverständnis (Stichwort 'durchgängige Gottesschrift') ideologisch sein soll. Warum eigentlich? Weil Christen mit diesem Verständnis selbstsicher mit Billy Graham sagen können, dass die 'Bibel sagt!'? Oder weil sie darauf beharren, dass wir bestimmte 'Wahrheiten der Bibel' nicht aufgeben dürfen, nur weil der zeitgeistige Mainstream dies verlangt?


Wenn es um das Inspirationsverständnis geht, würde ich als (konservativ) Evangelikaler vor allem diese Frage beantwortet wissen wollen: Welches Verständnis der Inspiration der Bibel ist der Bibel angemessen? Ja, ich würde mich sogar dem Zirkelschluss beugen und fragen: Welches Verständnis hat die Bibel von sich selbst? Auf diese Weise würde ich zum alten, traditionellen Schluss kommen, dass die Bibel sich selbst als 'Gotteswort' bezeichnet. Als zuverlässig, wahr, wahrhaftig. Als festes Standbein für meinen Glauben. Als nützlich in allem, was darin steht. Als Wahrheit und als Massstab für mein Leben, weil es Gott ist, der hier redet. (Die Bibelstellen bitte selber suchen).


Ich verstehe nicht, was daran ideologisch sein soll. Wenn ich Platon verstehen will, dann lese ich Platon so, wie er selbst gerne gelesen werden will. Wenn ich Zeitung lese, lese ich sie in der Kategorie 'Nachrichten darüber, was in der Welt passiert', weil eine Zeitung eben so gelesen werden will. Warum sollte ich mit der Bibel anders verfahren? Für mich tönt es viel mehr nach einer 'Vergewaltigung', wenn ich dem Bibeltext meinen modernen Kriterienkatalog überstülpe. Auf jeden Fall ist für mich das Bibelverständnis, dass die Bibel in sich widersprüchlich, selbstkorrigierend, nur menschlich beschreibend und nicht göttlich vorschreibend sei, nicht weniger ideologisch. Denn dieses Verständnis entspricht der modernen Ideologie einer methodischen Bibelkritik (was überhaupt nicht heissen soll, das ich den historisch-kritischen Methoden nicht auch was abgewinnen kann). Und auf gar keinen Fall ist dieses Verständnis demütiger als das traditionelle Gegenstück. Tritt es doch mit einer Selbstsicherheit auf, dass die andere Position ganz sicher FALSCH liegt!


Martin Pepper wirft uns 'Traditionellen' vor, wir würden unsere eigenen Theorien über die Inspiration der Bibel mit 'der höchsten Autorität [nämlich] Gott' verwechseln. Tun wir das?


Für uns ist es Gott, der uns in und durch die Bibel sagt, wie er die Bibel konzipiert hat (was die Bibel ist und wie sie für uns funktioniert). Für uns ist das, was die Bibel über sich selbst sagt der 'göttliche Standpunkt'. Punkt. Man kann diese Ansicht kritisieren, wie hier:

Auch wenn da steht: Und Gott sprach ... oder So spricht der Herr ... heißt das nicht, dass wir eine Art stenographischen Mitschnitt der Live Aufzeichnung Gottes haben. Wir bewegen uns immer im Raum menschlicher Erfahrung, die durch Menschen gedeutet wurde. D. h. nicht, dass dabei aus[ser] "Menschlichem" nichts gewesen ist. Aber wir dürfen unsere Perspektive und auch ihre niemals absolut setzen und einen unfehlbaren Gottesstandpunkt einnehmen. So darf und will Gott nicht in dieser Welt verstanden und verteidigt werden.

Soweit die Kritik. Nur, von welchem 'Standpunkt' aus kann Pepper dies so klar und scharf beurteilen? Wieso kommt seine Perspektive als so absolut und allgemeingültig herüber? Ist es nicht darum, weil er seinen Standpunkt als den einzig wahren und vielleicht sogar Göttlichen ansieht? Aber worauf stützt er seine Meinung? Auf der Bibel selbst, oder auf etwas anderem?


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Kommen wir zum Schluss nocheinmal zurück zu der 'Geschichte', die ich oben erzählte. Wenn wir schon von Gottesstandpunkten reden: Die ganze Frage nach der Inspiration der Bibel hat viel mit unserem Gottesbild zu tun. Und da haben wir traditionell Evangelikalen eben eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von einem Gott, der sprach und es geschah! Von einem Gott, dessen Wort wirkungsfähig und effektiv war (ist). Diesem Gott, der den Menschen nach seinem Bilde schuf, fähig zur Kommunikation und fähig, das Wort Gottes zu hören und zu verstehen. Einem Gott, der mit seinem Finger auf Steintafeln schrieb, damit sein Volk seine heiligen Worte 'in Stein gemeisselt' bewahren konnte. Dieser Gott wollte es, dass die Menschen - und vor allem seine Kinder, - ihn verstehen würden. Nicht dass sie im Dunkeln tappen und herumrätseln sollten (ja, auch wenn er ihnen das eine oder andere Rätsel und die eine oder andere Kniffelei mit auf den Weg gab). Dieser Gott sorgte also dafür, dass seine Gedanken und Pläne, sein Charakter und seine Story verschriftlicht wurde, so dass die Kirche für alle Zeiten ein Licht habe, das ihr den Weg leuchte. Ein prophetisches Wort, das bis ins innere des Herzens dringe. Und eine sichere und verlässliche Wahrheit, ein buchstabenes und doch lebendiges und geisterfülltes Fundament, auf dem sie ihr ganzes Glaubensleben aufbauen könne. Wenn das Ideologie ist, dann soll es so sein!

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