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  • matt studer

Derrida, Texte, Dekonstruktion und Gott - mit Christopher Watkin


Die einen kommen nur, um Derrida zu loben, die anderen nur, um ihn zu begraben, und keines von beidem ist angemessen. (Watkins, Derrida, 56)



Ursprünglich eine Wortschöpfung des französischen Philosophen Jaques Derrida, macht der Begriff 'Dekonstruktion' heute wieder einmal die Runde in evangelikal-plus Kreisen. Da kaum jemand Jaques Derrida wirklich kennt oder gelesen hat, wollte ich mich der Herausforderung stellen, Derrida's Philosophie oder Aspekte davon zu beschreiben (so fern ich das kann und so fern das in dieser Kürze möglich ist). Und damit seien diese zwei 'Einschränkungen' vorausgeschickt. Erstens, dieser Beitrag wird der Sache gemäss etwas philosophisch und eignet sich daher wahrscheinlich nicht für Stammtischgespräche, sorry (Nerd-Alert!). Zweitens, Derrida's Philosophie ist ungemein komplex und ich würde mir nie und nimmer anmassen zu behaupten, dass ich den vollständigen Durchblick habe. Es gibt darum eigentlich nichts Besseres, als uns von einem Experten an die Hand nehmen zu lassen. Christopher Watkin ist ein solcher Experte und sein Buch Jacques Derrida aus der Reihe 'Great Thinkers' ist enorm hilfreich, nicht nur um Derrida besser zu verstehen, sondern auch um seine Philosophie aus einer christlichen Warte kritisch zu reflektieren.


Enfant terrible: Nach Derrida die Sintflut, oder die totale Sinnlosigkeit?

Gerade unter konservativ-evangelikalen Christen versteht man Jaques Derrida häufig als nihilistisch-relativistischen Denker. Einer, der uns weismachen will, dass unsere Sätze am Ende gar keine Bedeutung haben können, dass eh alles sinnlos ist. Wieso also überhaupt noch kommunizieren? Und warum, so die Frage an Derrida, noch Bücher schreiben (über 70 an der Zahl waren es für ihn, wie Watkin feststellt), wenn man sich nicht verständigen kann? Aber das ist nicht genau das, was uns Derrida auf den Weg mitgeben wollte (ja, er hatte eine klare Message, die er zu vermitteln suchte!). Worte, Aussagen und Sätze sind nicht bedeutungslos, sie sind vielmehr bedeutungsoffen. Watkins formuliert (ich kam zum Schluss, die Zitate auf Englisch zu lassen, weil ihre Präzision sonst etwas verloren ginge):

Language, for Derrida, is not meaningless; its meanings are open in the sense that we cannot today close down the meaning of any word or sign, such that we have exhaustively explored its context and can be utterly confident it can't possibly mean anything but what we think it means, nor can we be sure it will not accrue new primary meanings in the future. (Seite 4-5)

Spätestens jetzt ist es an der Zeit für ein Beispiel auf Augenhöhe. Nehmen wir doch den farbigen Regenbogen. Man kann den 'Regenbogen' als Naturphänomen verstehen, als atmosphärisch-optisches Phänomen, wie Wikipedia es schreibt. In christlichen Kreisen wird unter 'Regenbogen' noch ganz anderes subsumiert: Gottes Bundesversprechen an Noah. Und heute assoziieren die meisten Menschen nochmals etwas anderes, wenn sie einen gedruckten Regenbogen auf einer Tasche sehen. Will sagen, die Bedeutung des Wortes, Konzepts oder Symbols des Regenbogens hat sich gewandelt (oder erweitert). In anderen Worten, seine Bedeutung ist nicht stabil und für immer gleichbleibend. Sie ist offen für neue mögliche Bedeutungen (vielleicht wird in hundert Jahren mit Regenbogen noch etwas ganz anderes in Verbindung gebracht, wer weiss). Ein weiteres Stichwort ist damit bereits gefallen: Kontext, Kontext, Kontext. Worte, Sätze, Konzepte usw. sind stets Kontext-eingebettet, nicht freischwebend oder 'ausserhalb eines Kontextes' (Derrida ist da ganz auf der Linie der Existenzphilosophen). Und diese kontextuellen Situationen sind im Prinzip unendlich erweiterbar in der Zukunft (welche neuen Kontexte kannst du dir für das Wort oder Symbol 'Regenbogen' vorstellen?).



Es gibt nichts außerhalb des Textes: eine Kritik am 'westlichen Logozentrismus'

Despite the necessity and unmasterability of context, the Western Tradition has almost always tended to act as if context were not open in this way and as if meaning and concepts could be completely and exhaustively present in the words that signify them. (Seite 5)

Einer der bekanntesten Sätze Derrida's ist wohl dieser hier: Il n'y a pas de hors-texte - es gibt nichts ausserhalb des Textes (für das Wortspiel im Französischen erkläre ich mich als nicht zuständig, da nicht kompetent genug). Hier wird's jetzt interessant. Ich will es einmal so versuchen. Kann ein Wort oder Satz (oder überhaupt irgendeine Kommunikationsform) 'ausserhalb' und 'unabhängig' von anderen Worten oder Sätzen (oder Kontexten) ganz 'rein und unberührt' dastehen? Derrida meint nein und gibt damit Plato den Schuh! Denn in Plato's Denke gab es ja bekanntlich diese transzendenten, reinen Formen, die nie durch einen weltlich-materiellen Kontext 'verfälscht', sich ewig und universell irgendwo da oben (aber wo?) präsentierten. Derrida bezeichnete diese (platonische) Vorstellung als 'logozentrisch'. In Watkins Worten:

To think logocentrically is to affirm that there can be pure being in little atomized parcels and pure meaning outside any context whatever. (Seite 5)

Es gibt also keine reine, unverfälschte und unberührte Bedeutung eines Wortes, Symbols oder Konzeptes - ohne Kontext. Aber dann gibt es auch nichts ausserhalb von Sprache - nichts ausserhalb des Textes! Jedes Wort steht in Beziehung mit anderen Worten, jeder Satz steht in einem Kontext von weiteren Sätzen, die ihn umgeben und bestimmen. Diese Relationen erschöpfen sich nie. Wieder Watkins:

Nothing stands outside and over above the meanings that circulate in and around us to give us a hint of what "the real meaning of it all" is.

Und aufgepasst - auch hier wird Derrida häufig missverstanden (gemäss Watkins). Er sagt nicht, dass wir in Sprache gefangen seien, dass es nichts ausserhalb von Sprache gäbe. Um Derrida zu verstehen, müsste man vielleicht besser sagen, 'es gibt nichts ausserhalb von Kontext.' Alles bezieht sich irgendwie aufeinander und hängt voneinander ab. Oder man könnte es auch so sagen: Alles was wir wahrnehmen ist bereits 'eingebettet' in den grösseren Kontext (oder all die zig kleineren Kontexte) dieser Welt. Es erreicht uns nicht frei von irgendwelchen Spuren, direkt vom Himmel herab.

Rather than there being a Platonic "heavenly place" where the buck stops for meaning, every signified becomes in turn a signifier defining meaning of other signifieds. (Seite 11)

Dazu noch diese kleine Verständigungshilfe: Jaques Derrida greift hier auf das Konzept des (Schweizer!) Linguistikers Ferdinand de Saussure und seiner wichtigen Unterscheidung von 'signifier' und 'signified' zurück. 'For Saussure, a signifier is a sound-image, a series of sounds that, to take Saussure's own example, form the word "tree" in a particular language. A signified is the concept that corresponds to that sound-image, i.e., the idea of a tree.' (S. 8)


Und jetzt wird es hochspannend für Theologen, wie ich finde. Denn Derrida knöpft sich die westliche Denkmanier, die er eben als logozentristisch bezeichnet, vor und reisst sie nieder. (Vielleicht eben dank Plato) ist es dem westlichen Denken eigen, dass es von einem 'transzendenten, stabilen und universellen Konzept (Gott?)' - Jaques Derrida nennt es the transcendental signified - ausgeht, das Bedeutung für uns stabilisiert, wenn man dem so sagen könnte. Derrida beschreibt dies auch als 'Präsenz', dass die Bedeutung in einem Satz oder Konzept vollständig da, komplett gegenwärtig ist ('the meaning of a signified is fully present in its signifier, rather than being deferred or scattered among plural signifiers'). Watkin formuliert es so:

A transcendental signified would be a concept that does not defer its meaning to any other signifieds, but stands, as Derrida says in this passage, "outside of language" in pure self-sufficiency and isolation. As opposed to all other signifieds that in turn become signifiers to define other signifieds, the transcendental ... provides the condition of possibility for meaning in general, because without at least one thing the meaning of which is outside language and utterly fixed ... meanings are not anchored to anything stable. (Seite 8)

Derrida sieht hier tatsächlich eine Nähe zu Gott oder zum Göttlichen: 'The sign and divinity have the same place and time of birth' (zitiert in Watkins, S. 9). Gemeint ist, dass die Art und Weise, wie der Westen über weite Strecken über 'Bedeutung' und 'Sinn' nachgedacht hat einen 'Gott' voraussetzt, der Bedeutung fixiert und stabilisiert. Derrida nennt diesen 'Gott' auch den 'absoluten Logos'.


Wenn man versuchen würde, das eben Gesagte auf das 'Niveau der Strasse' zu bringen, könnte man es vielleicht so formulieren: Wenn du meinst, du hättest die Bedeutung eines Satzes erschöpft, wenn du denkst, du wüsstest haargenau was 'X und Y' bedeutet, immer schon bedeutet und für immer und für alle bedeuten wird, dann bist du dir nicht bewusst, dass deine Vorstellung davon, was dieser Satz bedeutet sich wandeln wird. Die Menschen in hundert Jahren oder schon nur deine Nachbarn werden den gleichen Satz anders verstehen. Es sei denn, du seist Gott und gibst dem Satz eine absolut stabile und unveränderbare Bedeutung.



Vive la Différance: Wir dekonstruieren nur das, was sowieso schon vorhanden ist

There is no experience of pure presence, but only chains of differential marks. (Derrida)

Wieso oder wie bedeutet ein Wort, Symbol oder Konzept überhaupt etwas Bestimmtes? Weil es sich von anderen Worten, Symbolen oder Konzepten unterscheidet ('a signifier signifies only because it is different and therefore distinct from other signifiers'). Wir können das Wort 'Hund' unterscheiden, weil es eben nicht 'bunt', 'Stund' oder 'Schlund' heisst. Für Derrida kommt die Bedeutung dieses Wortes (oder jedes Wortes) nicht aus sich selbst heraus (Hund hiess schon immer Hund und wird es auch immer heissen, einfach weil Hund = Hund meint), sondern weil es sich von allen anderen Worten unterscheidet'. Das schöne Wort dazu heisst différance (ein weiteres Sprachspiel, auf das wir hier nicht näher eingehen können). Watkins formuliert es so:

Meaning and truth are never self-contained, but always rely on their difference from what they are not in order to be what they are. (S. 20)

Anstatt dass die Bedeutung eines Konzepts, Wortes oder Symbols 'unmittelbar' gegeben wäre (präsent ist), entsteht Bedeutung nur durch Abgrenzung und Differenzierung. Und für Derrida ist diese Differenzierung oder diese 'Existenz aus Differenz' DER Zustand der Dinge schlechthin (wie diese eben Welt tickt). Gerade darum will Dekonstruktion keine eigentliche Methode sein, die man einem Text überstülpt, sondern sie will genau lesen, was sowieso schon dasteht (und damit zeigen, dass der Text eine linguistische Kreation innerhalb eines Sprachsystems ist, das sich aus all den verschiedenen Differenzierungen bildet). Wie Christopher Watkins es formuliert: 'Things deconstruct, or better, things exist deconstructively.' Er fährt fort:

So a deconstructive reading of a text, understood in its own terms, is doing nothing more than pointing out the deconstruction that the text was quite happily performing on itself before the reading came along, but that no one had noticed yet. (S. 23)

Eine dekonstruktive Lesart will also nicht etwas 'von aussen' oder 'von oben' an den Text herantragen oder hineinlesen, sondern nur zu Tage fördern, was bereits 'im Text selbst' angelegt ist. Damit sind wir gar nicht soweit weg (natürlich nur was die Nähe zum Text betrifft) von einer klassisch-evangelikalen Einstellung zum Text, die den Text so ernst wie möglich zu nehmen und nichts von aussen 'überzustülpen' versucht.


Mir ist klar, dass man mit solchen philosophischen Argumenten nur wenige Followers für sich gewinnen kann. Aber Derrida war es damit ernst. Vielleicht hilft dieses Bild: Stell dir vor da steht eine Figur auf einem Feld. Wir wissen nichts über sie, zu welchem Zweck sie dasteht, ob sie einen Namen hat, usw. Dazu braucht es andere Figuren, die gerade neben ihr stehen und etwas darüber aussagen, was und wie unsere Figur genau ist. Aber auch diese Nachbarfiguren brauchen wieder andere, weitere Figuren, die Informationen über sie besitzen, die wichtig sind, um ihre Natur und ihren Zweck zu verstehen. Und so weiter und so fort. Man kann sich die unendliche Reihe von Figuren förmlich vorstellen.


Jetzt kann man sich leicht vorstellen, dass jegliche Arten von Differenzierungen, die sich durch eine Sprache ergeben, eben 'sprachgebunden' sind. Eine andere Sprache oder ein anderes Sprachsystem als meines würde wieder andere Unterscheidungen vornehmen. Welche Unterscheidungen gelten also, welche erfassen die Realität besser? Yep, keine! Darum kann gesagt werden, dass alle binären Differenzierungen am Ende linguistische Kreationen sind, die wir brauchen, um dieser Welt Bedeutung zu verleihen. Und nicht selten sind solche 'Kreationen' ungerecht, oder werden dem einzelnen Menschen oder der Sache nicht gerecht, weil sie das Einzigartige, das Partikulare in ein binäres System pressen. Derrida verurteilt solches Reden als 'the violence of difference, of classification, and of the systems of appellations.' (Of Grammatology, S. 100) Eine dekonstruktivistische Lesart will diese Ungerechtigkeit enttarnen und damit entwaffnen (sie möchte den Text destabilisieren). Hören wir, wie Kevin Vanhoozer Dekonstruktion zusammenfasst:

Deconstruction is a painstaking taking-apart, a peeling away of the various layers – historical, rhetorical, ideological – of distinctions, concepts, texts, and whole philosophies, whose aim is to expose the arbitrary linguistic nature of their original construction. (Is there a Meaning in this Text?, S. 52)


Wie der biblische Gott Jaques Derrida 'dekonstruiert'

Haben Derrida und die Bibel überhaupt irgendetwas gemein? Watkin meint klar Jein. Und dieses Jein will genau verstanden sein. [1]


Die Bibel setzt eine fundamentale Unterscheidung voraus, die für die weiteren Gedanken hier entscheidend ist - die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. [2]

Creator and creation do not "exist" in the same way, God's existence is "infinite, eternal, and unchangeable," but the creation exists as "derivative, finite, temporal, and changeable." (S. 74-75)

Wenn wir jetzt einfach einmal nur die 'menschliche Seite' nehmen, stehen wir gar nicht so weit weg von Derrida's 'Es gibt nichts ausserhalb des Textes'. Sowohl Derrida als auch Van Till verneinen, dass es den unmittelbaren, direkten, kontextfreien ('objektiven') Zugang ins Land der Bedeutung gibt. Und beide sehen dies nicht als grundsätzliches Problem, das es zu überwinden gilt, sondern als Mahnung zur epistemologischen Bescheidenheit. Wer nach einem objektiven Zugang strebt, verneint seine Geschöpflichkeit. Watkin formuliert:

The situated nature of all human knowledge is a consequence of the Creator-creature distinction: only God is above creation, and every perspective within creation is limited and situated. This is not a defect, but the condition of being a creature. (S. 77)

Unterzeichnen wir mit einem solchen Statement nicht einen Pakt mit dem Relativismus? Nein, meint Watkin (ich stimme ihm von Herzen zu!). Er zieht diesen Text aus Offenbarung 7,9-10 heran ...

Danach sah ich eine riesige Menschenmenge aus allen Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen und Kulturen; es waren so viele, dass niemand sie zählen konnte. In weiße Gewänder gehüllt, standen sie vor dem Thron und vor dem Lamm, hielten Palmzweige in den Händen und riefen mit lauter Stimme: »Das Heil kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm!«

... und unterstreicht folgende Punkte:

  • Die Bibel zeichnet hier ein Bild, das nicht a-kulturell und non-situativ ist. Selbst in der himmlischen Welt verlieren die Menschen ihre kulturelle Prägung nicht. Man gibt seine menschliche Kultur nicht an der Himmelspforte ab, um in eine neutrale und universelle 'Himmelskultur' zu schlüpfen. Dasselbe gilt übrigens auch für die Kommunikation des Evangeliums, das nie 'Kultur-frei' zu uns Menschen kommt, wie schon Lesslie Newbigin meinte: 'The idea that one can or could at any time separate out by some process of distillation a pure gospel unadulterated by any cultural accretions is an illusion.' (aus Foolishness to the Greeks, S. 4)

  • Daraus ergibt sich, dass keine 'auserwählte' menschliche Kultur besser geeignet wäre, die Evangeliumsbotschaft zu empfangen, wobei sich dann alle anderen Kulturen dieser Super-Kultur assimilieren müssten. Gott spricht zu keiner Kultur direkter und unmittelbarer. Aber gleichzeitig ist diese kulturelle Situation keine Kommunikationsbarriere für ihn.

  • Weiter: Das Evangelium hat trotzdem einen transkulturellen Charakter, es spricht jede menschliche Kultur 'von aussen' oder 'von oben' an. Watkin meint: 'Each culture remains situated, and the message of the Bible will affirm some aspects of all cultures and challenge some aspects of all cultures. It can find a home in all cultures as it transforms each of them from within.' (S. 78)

Es besteht hier also keine Spannung zwischen dem gegebenen Kontext, der Situation, in dem ein Mensch sich befindet und einer gelingenden Kommunikation von Gottes Seite her. Gott, der den Menschen geschaffen hat, begegnet ihm in den auferlegten Grenzen und dringt zu ihm durch. Er erwartet nicht von uns, dass wir einen objektiven Standpunkt einnehmen (ein Standpunkt, der nur einem allwissenden Wesen vorbehalten ist).


Aber gerade hier macht sich das derridanische Problem so richtig bemerkbar: Wie kann Gott seine - man könnte sagen - unveränderlichen und ewigen Gedanken an begrenzte und Kontext-gebundene Menschen weitergeben? Verliert sich sein Wort nicht im Meer des Bedeutungsoffenen? Wieso sollte Gottes Wort an alle Menschen immer gleich relevant bleiben, seine stabile Bedeutung bewahren, wenn sich unsere Kontexte doch ständig verändern, wir uns immer schon 'innerhalb unseres Textes' befinden? Watkin stellt die Frage so:

How can human language or human experience do justice to that which is infinitely beyond language and experience, to the "wholly other"? (S. 99)

Zunächst einmal stimmen Bibel und Derrida überein:

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. (Jesaja 55,8-9)

Wir Menschen sind nicht in der Lage, Gottes Gedanken nachzuvollziehen, wenn nicht Gott den ersten Schritt macht!

The biblical claim is of course not ... that human language or experience has managed, after all, to capture something of God, but rather that ... God has taken it upon himself to reveal himself in language "top-down," as we might say. (S. 99)

Wenn Gottes 'reine' Gedanken zu hoch für uns sind, aber die Bedeutung seines Redens trotzdem in unserer Sprache 'gegenwärtig' werden soll, dann ist dies nur möglich, weil Gott sich entschieden hat, sich durch Worte in menschlicher Sprache zu offenbaren (siehe dazu u.a. Jes 55,10-11 oder 1. Kor. 2,9-10). Das ultimative Beispiel haben wir in der Inkarnation des Sohnes Gottes vor uns stehen: Gott wird Mensch und bringt die Worte seines Vaters in menschlicher Sprache zu den Menschen (Joh 14). Mehr noch, Jesus bringt uns keine nicht-interpretierten, nackten Fakten über Gott. Er 'legt uns Gott aus' - seine Interpretation ist die massgebende Interpretation (Joh 1,18). Man müsste Derrida's Satz anpassen: 'There is "nothing outside" the context of God's pre-interpretation.' (S. 108) Gott sei Dank, dass wir nicht vergeblich nach dem objektiven Standpunkt streben müssen, sondern dass wir mehr und mehr lernen dürfen, Gottes Gedanken (Interpretationen), wie er sie in seinem Wort offenbart, 'nach-zu-denken'.


Warum aber ist Sprache ein geeignetes Mittel zur Kommunikation für Gott?

Derrida brings to his reflection on language ... the assumption, widely shared by those who insist upon the impossibility of speaking meaningfully about the transcendent, that language originates wholly on the human side of the equation. (S. 102)

Aber das entspräche einer naturalistischen Vorstellung von Sprache. Doch Sprache ist selbst ein Geschenk Gottes und kommt von ihm. Die menschliche(n) Sprache(n) ist/sind darum so geschaffen, dass sie Gott repräsentieren können (dass Gott durch Worte real präsent werden kann). Unsere menschliche Sprache wird Gott nie hundertprozentig und perfekt abbilden (muss sie auch nicht!), so doch ausreichend klar und wahrhaftig und der Botschaft des Senders getreu. Watkin fasst zusammen:

What Derrida does not foresee ... is that the absolute (God) would accommodate himself for purposes other than expressing absolute knowledge. The only thing about accommodation that prevents it from being laughable and dangerous is that God does it. Derrida is right that any human attempts to capture God in language will be dangerous and violent, but that is not the biblical claim. (S. 103-104)

Es ist so beruhigend zu wissen, dass wir am Ende des Tages Gottes 'feste und sichere' Wahrheit hören dürfen, weil Gott sich zu uns herab neigt - und er dabei sogar Derrida's philosophische System interpretiert und auf eine Art und Weise dekonstruiert. Gott lässt sich nicht in ein philosophisches System packen. Er lässt sich in keinem menschlichen Text 'festschreiben' - er allein steht 'ausserhalb des Textes'.




[1] Es ist klar, dass andere 'Experten' vielleicht eher zu einem Ja oder Nein neigen würden. Von daher ist es wichtig vorauszuschicken, dass Watkin hier auf der Basis von Cornelius Van Till, John Frame u. a. 'operiert', die eine 'presuppositionale' Erkenntnistheorie voraussetzen - nämlich, dass voraussetzungsloses Verstehen nicht möglich ist, sondern auf immer schon bereits getroffenen Grundannahmen geschieht.


[2] Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass Derrida eine solche Unterscheidung nicht kannte, was Konsequenzen auf sein Denken hatte: 'One consequence of the lack of a Creator-creature distinction in Derrida's thought is that God's power is treated as if it were just like a human being monopolizing power for himself; as dangerous and violent.' (S. 76)




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