• matt studer

Digitalisierung und Familie - Über Andy Crouch's 'The Tech-Wise Family'

Aktualisiert: 15. Dez. 2021


Ungleich unseren Groß- oder Urgroßeltern leben wir heute im digitalen Zeitalter. Unser Leben und Arbeiten, unsere Beziehungen, unsere Freizeit und Familienzeit, alles wird von digitalen Technologien kolonisiert. Hightech-Geräte sind buchstäblich in alle unsere physischen Räumen eingedrungen (wer hat nicht schon seine Emails auf dem Klo gelesen?). Während die alten Telefone durch ihre Telefonschnur nur einen begrenzten Radius zuließen, lässt sich das Smartphone überallhin mitnehmen (eben auch aufs Klo). Technologie ist nichts Neues an sich: schon seit jeher kreierten die Menschen Werkzeuge, um besser arbeiten, kochen und leben zu können. Doch mussten diese Werkzeuge immer aktiv in Beschlag genommen werden. Sie taten die Arbeit nicht von sich aus. Auch war es nicht unbedingt immer leicht, solche Werkzeuge zu gebrauchen. Die Fähigkeit damit umzugehen musste erlernt werden. Durch den technologischen Fortschritt haben wir solche Hürden nahezu überwunden. Wir haben Werkzeuge entwickelt, die für uns arbeiten, ohne dass wir uns darüber Gedanke machen. Und die Handhabung solch moderner Apparate ist unglaublich simpel geworden. Sogar ein kleines Kind lernt intuitiv mit einem Smartphone zu hantieren. Ja, solche Geräte sind effektiv so konstruiert, dass sie intuitiv und leicht zu gebrauchen sind.


Sollten wir diese Entwicklungen als Fortschritt preisen oder eher als Gefahr für unser Menschsein verstehen? Natürlich lassen sich diesbezüglich verschiedene Reaktionen beobachten. Die allermeisten der jüngeren Generation der Digital-Natives schwimmen von Geburt an mit dem Flow des Hightech-Fortschritts. Ältere Generationen sind vielleicht vorsichtiger oder überfordert und definitiv fokussierter auf die Nebenkosten, die unser digitales Leben mit sich bringen kann. Andy Crouch, dessen Buch 'The Tech-Wise Family: Everyday Steps for Putting Technology in its Proper Place' wir hier besprechen wollen, feiert den Fortschritt digitaler Technologie grundsätzlich. Gleichzeitig fordert er uns dazu auf, mutig und weise damit umzugehen: «Technologie ist ein brillanter und lobenswerter Ausfluss menschlicher Kreativität und Kultivierung der Welt … Aber macht [Technologie] mich zu einem Menschen, der etwas von bleibendem Wert beiträgt, für meine Familie, meine Nachbarn, meine Gesellschaft und diese gebrochene Welt?» In diesem Spannungsfeld ‘gut aber herausfordernd’ liest sich sein Buch ‘The Tech-Wise Family’. Dabei richtet Crouch sein Hauptmerk auf den Mikrokosmos der Gesellschaft, in der die neuen Digital-Natives heranwachsen, die Familie. Crouch will einen (besseren) Weg aufzeigen, wie wir als Familien im digitalen Zeitalter ein Ort sein können, an dem non-virtuelles, reales Leben stattfindet und wo Kinder zu mündigen und hingebungsvollen Menschen heranwachsen können, trotz und mit digitaler Technologie.

Dieser bessere Weg involviert, dass wir uns radikal dazu verpflichten, um was es in der Familie überhaupt geht – und um was es im richtigen Leben geht. Unsere Haushalte sind nicht primär als Auflade-Stationen gedacht, Orte an denen wir und unsere Geräte kurz ausruhen und unseren Akku auftanken, nur um uns dann wieder hektisch in Aktivitäten zu begeben. Unser zu Hause sollte der Ort sein an dem das Beste unseres Lebens passiert. Ganz egal was die Werbung uns rät … das beste Leben hat fast gar nichts mit den Geräten zu tun, die wir kaufen.

Crouch ist optimistisch, dass es absolut möglich ist, einen solch besseren Weg zu beschreiten. Es braucht dazu einerseits kleine, äussere Anreize, wie auch (und noch wichtiger) charakterliche Disziplinen, die eine innere Haltung begünstigen. «Alles in diesem Buch handelt davon, solche gesunden Immunsysteme zu kreieren.» Crouch stellt dazu neun wesentliche Commitments vor, die uns als Familien dabei helfen können, ein gutes und weises Leben im digitalen Zeitalter zu gestalten.


1) Den Raum gestalten: wir wollen mehr kreieren als dass wir konsumieren.

Damit Kreativität anstelle von Konsum gefördert werden kann, muss die ‘Möblierung’ entsprechend angepasst werden. Unsere Räume sind mit Dingen zu füllen, die ein aktives Engagement und Fertigkeiten von uns abverlangen. «All die schönsten und eindrucksvollsten Dinge – alles was eine Konversation in Gang bringen oder die Aufmerksamkeit des Kindes fesseln würde – bedingen unser aktives Engagement.» Das Paradebeispiel wäre im Wohnzimmer anstatt eines Riesenbildschirms ein Klavier zu platzieren, oder Brettspiele anstatt I-Pads. Leuchtende Kinderaugen beim Lauschen einer Geschichte sind so viel schöner als die glasigen Äuglein beim Fernsehkonsum. In früheren Zeiten bildetete die Feuerstelle das Zentrum der Wohnstatt (das lateinische Wort für Feuerstelle ist focus). Um die Feuerstelle versammelte man sich. Dieser Ort war gefüllt mit gemeinsamem Leben, Austausch, Essen, Problemerörterungen, Hände wärmen und kuscheln. Auch wenn das gemeinsame Zentrum heute mehr der Esstisch oder die Wohnstube geworden ist, Crouch will eine Bestandsaufnahme von Dingen an diesem Ort machen und fragen, ob diese Dinge das gemeinsame Beisammensein ‘a la Feuerstelle’ mehr fördern oder mehr behindern. Braucht es Handys am Esstisch? Muss der Fernseher am prominentesten Ort der Wohnstube stehen (und ständig angeschaltet sein - dies gilt wohl vor allem für die Amerikaner)?


2) Die Zeit strukturieren: wir sind für einen Rhythmus von Arbeiten und Ausruhen gemacht und darum schalten wir unsere digitalen Geräte von Zeit zu Zeit aus. Crouch mahnt uns an das Sabbat-Prinzip der Bibel. Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, damit er «in Harmonie mit anderen, mit dem Schöpfer und der gesamten Schöpfung ruhen kann.» Sabbat-Ruhe bedeutet positiv, dass wir ausruhen, mit anderen spielen, unseren Schöpfer anbeten und Feste feiern, damit unsere Seelen auftanken können. Doch hier realisieren wir unser Problem: Was ist einfacher zum Ausklinken aus dem Alltag als ein Einklinken in die digitale Welt der Bequemlichkeiten und Berieselungen? Crouch stellt fest, dass «dies ein Ruhen ist, das unsere Seelen nicht wirklich wiederherstellt und unsere Beziehungen mit anderen und mit Gott nicht vertieft.» Natürlich ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, auch mal bewusst einen Film zu schauen oder ein Game zu spielen. Die Grundsatzfrage, die sich uns stellt ist, ob Sabbat für uns primär passiver Konsum und ein Ausklinken aus der Gemeinschaft, oder eine aktive Ruhegestaltung in Gemeinschaft mit Gott und anderen (wie auch allein) bedeutet. Um die zweite Variante zu fördern schlägt Crouch vor, dass wir unsere digitalen Geräte bewusst auch einmal ausschalten und damit anderen Möglichkeiten Raum geben.


3) Aufwachen und Schlafen gehen: wir wachen vor unseren Geräten auf – unsere Geräte ‘schlafen’ bevor wir schlafen. Durch die sozialen Medien sind wir ständig an unser Kommunikationsnetzwerk angebunden (es könnte ja sein, dass mir noch jemand eine Nachricht geschickt hat oder dass jemand meinen Instagram-Post gelikt hat). Wir schalten darum auch nicht ab, wenn wir aufwachen oder einschlafen (wieso in der Welt checke ich meine Emails im Bett vor dem Schlafen gehen?). Dabei verlieren wir etwas, das wir eigentlich dringend bräuchten: «Die Tiefenerholung [des Schlafes], die uns kognitiv, emotional, physisch und geistlich fit für die Herausforderungen des nächsten Tages machen würde.» Könnte es sein, dass wir zu sehr auf unsere digitale Vernetzung vertrauen, dass sie uns Halt und Geborgenheit gibt? «Die Geräte, die wir mit ins Bett nehmen geben uns das Gefühl von Verbundenheit und Sicherheit», aber in Wirklichkeit verhindern sie, dass wir unser Vertrauen in diesen Momenten auf Gott setzen und in ihm Sicherheit und Geborgenheit suchen.


4) Körperlich lernen: unser Ziel ist den Bildschirm für Kinder (bis zehn Jahre) möglichst Tabu zu lassen. Der Mensch ist ein dreidimensionales, körperliches Wesen, kein Flatscreen. Andy Crouch meint, dass wir in unseren ersten Jahren auf diesem Planeten geradezu dafür geschaffen sind, auf einer nicht-digitalen, körperlichen Ebene wahrzunehmen und zu lernen. Kinder entdecken, ertasten und erfühlen diese wunderbare Welt, in dem sie sich körperlich in ihr bewegen. Deshalb sollten wir die Bildschirmzeiten für unsere Kleinen möglichst auf ein Minimum begrenzen. Es gibt so viel da draussen zu entdecken und zu erleben, was nichts mit Pixeln zu tun hat!


5) Digitale Medien bewusst geniessen: wir nutzen Bildschirme für einen bestimmten Zweck und öfters gemeinsam. Gemäß Crouch ist Langeweile ein modernes Phänomen. Frühere Generationen hatten gar keine Zeit dazu, weil schon die Kinder ins Arbeitsleben eingespannt wurden (ob das jetzt gut oder schlecht ist sei dahingestellt). Oder sie hatten ein Leben, das draussen stattfand und das spannend genug war (und wenn nicht, erfand man halt irgendein spannendes Spiel). Könnte es sein, dass digitale Technologie Langeweile sogar produziert? «Weil Bildschirme eine Welt präsentieren, die so farbengesättigt und energetisch daherkommt (mehr als die reale Welt), werden unsere Erwartungen [an das reale Leben] hochgekurbelt; wir werden dabei gehindert das zu geniessen, was eigentlich in Fülle vorhanden, aber ganz normal ist.» Gerade weil wir den Blick für das Normal-Schöne verloren haben, verlangen wir nach digitaler Unterhaltung und Ablenkung. Und genau diese Ablenkungen bieten uns die modernen Technologien so einfach per Klick. Für Andy Crouch besteht das einfache Gegenmittel gegen ‘digitale Langeweile’ darin, nur dann an den Bildschirm zu gehen, wenn wir als Familie zusammen entscheiden, etwas ganz bewusst zu konsumieren. Hier wird Technologie nicht verteufelt. «Ja, wir bleiben an manchen Tagen oder Abenden drinnen und geniessen die beste Kunst und Unterhaltung, die so erstaunliche begabte, kreative Mitmenschen geschaffen haben – aber indem wir nur das Beste, mit Absicht und nicht zu oft und gemeinsam geniessen, werden wir zu Menschen, die schließlich das Beste in allem finden können, sogar wenn wir allein sind.»


6) Gesprächs-Momente haben: miteinander reden ist eine elementare Aktivität. Die Soziologin Sherry Turkle meint, dass richtige oder wichtige Gespräche überhaupt erst nach sieben Minuten beginnen (siehe ihr Buch ‘Reclaiming Conversation’). In den ersten sechs Minuten spricht man übers Wetter, Politik, oder die letzten Neuigkeiten und Erlebnisse. Gewöhnlich kommt erst dann der Moment, in dem jemand ein ‘Risiko’ eingehen wird. «Dieses Risiko ist vielleicht, dass jemand für einen Moment still ist; oder dass er oder sie eine unerwartete Frage stellt; vielleicht drückt er eine tieferliegende Emotion aus. Alle wahren Gespräche beinhalten Risiken und fordern uns zur ‘Improvisation’ heraus: wir hören zu und antworten, ohne gänzlich zu wissen, was als Nächstes kommt, sogar aus unserem eigenen Mund.» Es erübrigt sich fast zu sagen, dass solch tiefergehende, mehr-als-sieben-Minuten-dauernde Konversationen mit dem Smartphone in der Hand nicht wirklich zu Stande kommen. Darum, Familien, schafft euch Raum und Zeit fürs wahre Konversieren!


7) Sich gegenseitig Rechenschaft geben: Ehepartner haben das Passwort des anderen und Eltern haben vollständigen Zugang zu den Geräten der Kinder. Gerade im Umgang mit der digitalen Welt und ihren Gefahren merken wir, dass wir einander brauchen. «Wir berauben die ‘alles-ist-überall-und-immer-möglich-Welt’ ihrer Kraft nicht primär, indem wir Regeln aufstellen, sondern durch gegenseitige Abhängigkeit, die wir kultivieren müssen.» Amen dazu!


8) Singen: wir singen zusammen. Wir Menschen sind dazu geschaffen Gott anzubeten, indem wir zu ihm singen. Und gut zu singen, «nicht im Sinne von perfekt intonieren oder zu singen wie ein Profi, sondern mit Herz, Verstand, Seele und Kraft» heißt, eine der tiefsten Saiten des Menschseins zu berühren. Crouch beobachtet, dass in vielen heutigen christlichen Gemeinden die Technik das Singen der Menschen im Gottesdienst übertönt. Es sind die Leute auf der Bühne, die (verstärkt) für uns singen «während wir viel zu wenig von unseren Herzen, Seelen, Verstand und Kraft reingeben», auch weil wir uns und unsere Nachbarn gar nicht selber hören können. Wir sollten also schon in der Familie lernen zu singen, wann immer sich eine Möglichkeit bietet.


9) Da sein: bei den wichtigsten Anlässen der anderen sind wir anwesend. Eines der größten Geschenke, die uns die digitale Technologie ermöglicht «ist die Simulation von Gegenwart auf Distanz.» Wir können mit Menschen kommunizieren (und sie sogar sehen), selbst wenn sie räumlich tausende von Kilometern von uns getrennt sind. Aber, «selbst die qualitativ höchste Skype-Verbindung ist nicht genug für die wirklich wichtigen Momente im Leben.» Geburtstage, Abschlussfeiern, Hochzeiten, Geburten, und ja, Beerdigungen erlebt niemand von uns gerne ‘auf Distanz’. Durch unsere hochtechnisierte Gesellschaft sterben viele Menschen nicht dort, wo sie den Grossteil ihres Lebens verbracht haben, nämlich im Kreis ihrer Familie. Vielmehr verbringen sie ihre letzten Stunden im Spitalbett, umgeben von Maschinen (und hoffentlich ihren nächsten Menschen). Wir sollten in den wirklich wichtigen Momenten des Lebens beieinander sein. Dafür gibt es keine Simulation und keinen Ersatz.


Andy Crouch hat uns gezeigt, um was es wirklich geht. Familie sein heißt Leben teilen, träumen, wachsen, sich versöhnen, lachen, herausgefordert werden, umfallen und aufstehen und weise werden. Wir wollen Familien bilden, die mehr sind als Aufladestationen und Essabgabestellen. Familien, die sich nach dem wirklichen Leben ausstrecken. Und dieses wirkliche Leben hat mit so viel mehr zu tun als uns jeder High-Tech Fortschritt ermöglichen könnte.


Ein Nachwort an die Kirchen: werdet wieder mehr wie eine Familie!

Die ersten Christen bildeten eine große Familie. Sie lebten sogar häufig in größeren Haushalten, die sowohl Kinder und Eltern, Onkel und Tanten und damals auch Sklaven beinhalteten. Obwohl sie teilweise ganz unterschiedliche Hintergründe hatten (Juden und Heiden, Herren und Sklaven) nannten sie sich Brüder und Schwestern. Die Kirche wurde zu ihrer primären Familie, der Ort, an dem sie zu Nachfolgern Jesu wurden, «wo sie gemeinsam auf Jesus schauten, damit er ihr Verständnis und ihren Charakter formen konnte.» Die heutige biologische Kleinfamilie sollte eigentlich wie ein mini Abbild der ‘großen’ Kirchenfamilie sein, ein Ort, an dem der Glaube gelebt, gelehrt und gefeiert wird. Aber, um wahrer Mensch und Nachfolger Jesu sein zu können brauchen wir mehr als unsere leibliche Familie. Wir brauchen die Gemeinschaft der Christen, die Kirche. Und nochmals ein Aber: damit die Kirche Familie sein kann, muss sie mehr sein als ein wöchentliches Treffen. Crouch formuliert dies schön:

Wenn unsere Familien zu dem werden wollen wozu sie bestimmt sind – zu Schulen der Weisheit und des Mutes – dann müssen sie Kirchen-ähnlicher werden, zu Haushalten in denen wir aktiv in etwas Größeres geformt werden als unsere Kultur uns vorgibt. Und wenn unsere Kirchen das sein wollen, wozu sie bestimmt sind, müssen sie mehr wie eine Familie werden – wie ein Familienhaushalt, in Kontexten des täglichen Lebens in denen wir genährt werden und uns zu dem Menschsein entwickeln können, wie Gott es sich gedacht hat.

Wie würde das aussehen, wenn Christen gemeinsam um einen guten, gesunden und heiligen Umgang mit digitalen Technologien im Leben ringen würden? Könnten wir unser Leben in unserer hoch-technisierten Gesellschaft gemeinsam besser und weiser gestalten, so dass vielleicht sogar Kirchenfremde feststellen müssten, dass ‚Christen wüssten, wie man gut lebt‘?

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